in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.1997

Konservative Experimente

Eine Tagung über Rudolf Borchardt und den Jugendstil

Das Wörtchen "und" beschreibt eines der beliebtesten Dispositive bei Tagungen und Aufsatzsammlungen. Durch die Konjunktion entsteht der Rahmen eines Diptychons, wird die Nähe zweier scheinbar ferner Gegenstände behauptet, die zu erweisen dann Aufgabe des Betrachters wird. Der Erfolg solcher Übungen in vergleichendem Sehen zeigt sich am Grad der wechselseitigen Erhellung der beiden Teilbilder, an der Originalität der Verknüpfungen und am Reichtum der Ähnlichkeiten und Differenzen. "Rudolf Borchardt und den Jugendstil in Kunst und Literatur" zusammenzusehen, hatte sich eine Tagung am 17. und 18. Oktober in Jena vorgenommen.

Es ist nicht ohne Ironie, daß Gert Mattenklott (Berlin) mit seinem Vortrag über das wiederentdeckte Hochzeitsbuch des Illustrators Fidus (Hugo Höppener) gleich zu Beginn eine Metapher für die Tagung selbst geschaffen hat. Ein Hochzeitsbuch enthält meist Texte und Bilder von Freunden und Bekannten und ist eine mäßig durchkomponierte Zusammenstellung von Widmungsgaben zu Person und Anlaß. Der Status der in ihm enthaltenen Stücke ist irgendwo zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zu verorten, seine Gaben sind "Vorabdrucke mit Rechtsanspruch". Ähnlich stand es um die Tagung: Es ging um den umstrittenen Begriff des Jugendstils, es ging um den Lyriker, Essayisten und Übersetzer Rudolf Borchardt, der wenigen sehr vertraut und vielen zu unrecht kaum bekannt ist, aber das ,und" einzulösen blieb oft Sache des Zuhörers.

Mattenklott zeigte, wie Fidus' Ruhm um 1900 kurz aufleuchtete und wie sich so verschiedene Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke, Hans Thoma, Detlev von Liliencron, Peter Altenberg, Paul Scheerbarth oder Thomas Mann sich 1900 zu seiner Hochzeit zusammenfanden. Am Beispiel Rilke, der sich damals noch in Berlin orientierte und fünf handgeschriebene Seiten lyrischer Prosa beisteuerte, wird allerdings deutlich, daß viele Gaben nur anläßliche Überarbeitungen waren. Schon 1901 distanzierte er sich von Fidus, der später dem Nationalsozialismus diente und sich als Epigone seiner selbst bis zum Tod 1948 treu blieb. Die Verbindung mit diesem Exponenten des Jugendstils erschien vielen Künstlern rückblickend als punktuelle Peinlichkeit und als rufschädigend. Jugendstil ist aus dieser Sicht nur als als Durchgangsstadium für verschiedenste künstlerische Biographien zu verstehen. Das bevorzugte Medium dieser temporären Kreuzung ist, wie Kai Kauffmann (Berlin) zeigte, die Anthologie. Er verwies auf den selten beachteten kompositorischen Aspekt der Anthologie und legte mit philologischem Skalpell bloß, wie der Anthologist Borchardt sein großangelegtes Programm kultureller Erneuerung durch Auswahl, Übersetzung und Kombination traditionsfähiger Werte in Zeitschriften und Jahrbüchern zu verwirklichen suchte.

Auch Jost Hermand (Madison/Wisconsin) wiederholte seine These, daß die ,Großstile" als Durchdringung aller künstlerischen Äußerungen spätestens mit dem Biedermeier zu Ende seien und auch der Jugendstil kein umfassender Stil, sondern nur eine Bewegung im Rahmen der vielfältigen ,Stilkunst um 1900" sei. Am Beispiel Stefan Georges beschrieb Hermand einen Weg von autistischem Ästhetizismus zur Pose des Religionsstifters, von exotischer Erlesenheit eines Prachtstils zu Simplizität und harter Diktion eines völkischen Führungsanspruches. Eine Einstufung als Jugendstil-Dichter sei eine unzulässige Verkürzung, vielmehr habe George unter verschiedenen Masken immer in die Führerrolle gedrängt. Es kann also im Bereich der Stilkunst nicht um eine Einordnung unter einen Stilbegriff gehen, sondern um die Abfolge und Brechung verschiedener Stilbewegungen in einer Person.

Den Begriff des Jugendstils gänzlich vermeidend, versuchte Horst Thomé (Stuttgart), Borchardts Position im diskursiven Feld einer Antimoderne zu bestimmen, die durch ein konstantes kulturkritisches Argumentationsparadigma definiert sei. Dazu gehört die Kritik des Materialismus und des Pluralismus der Werte und Meinungen, die Diagnose einer Krise des Subjekts, der Glaube an den baldigen Zusammenbruch des bestehenden und die Prophezeiung eines neuen Weltzustandes, der von einer universalen Idee getragen sein soll. Diese Idee formuliert sich über eine vergangene Kultur und wird poetisch vorbereitet durch die Restitution des seit dem 18. Jahrhundert verfallenen Gattungssystems. Borchardt bediene sich in seinem Programm der ,schöpferischen Restitution" zwar dieser Topoi, weiche dabei aber oft ab und werde unscharf. Diese Schleierhaftigkeit sei so Thomé das Interessante, denn sie verdecke logische Fehler und immunisiere gegen Kritik.

Heide Eilert (Leipzig) argumentierte dagegen, daß es Borchardt nicht um Verschleierung ginge, sondern darum, sein experimentelles Denken mit seinem Konservativismus in Einklang zu bringen. Vorzüglich der Kunst-Essay biete eine Form undogmatischer Denkbewegung zwischen Prosagedicht und kulturhistorischer Abhandlung. Für Hofmannsthal, Rilke und Borchardt zeichneten sich im Essay ,Umrisse eines neuen Journalismus" ab, einer Wissenschaft ohne Schwere, eines ,Unterwegsseins" geistiger Masse. Die bildende Kunst markiere dabei die Grenzen der Sprache, ihr Aussetzen vor der Gestalt des Bildes und das Einholen dieser Totalität durch die Epiphanie der Metapher.

Alle drei Autoren beziehen sich dabei auf Walter Pater und den Ursprung des Essay aus dem platonischen Dialog. Dieter Burdorf (Jena) verwies auf die Blüte dieser Gattung um 1900 und die Verlagerung des Gesprächs in ein Jugendstil-Interieur, in dem das Zittern des Großstadtbodens nur vage vernehmbar ist. Den Blick nach England gerichtet und im Zeichen urbaner Gesprächskultur, spiegelt sich im Dialog das Ringen kultureller Gesamtdeutungen und vollzieht sich die Umwertung der Werte. Das Spielerische des Dialogs bleibt allerdings ein Intermezzo und weicht der monologischen Rede.

In seinen zahlreichen brillianten Vorträgen und seiner Hochschätzung der Präsenz des gesprochenen Wortes verstand sich Borchardt, so Carola Goppe (Bochum), als Hüter der Bildung und den Dichter als Mittelpunkt künftiger nationaler Identiät. Er sei der Exponent einer jungen, großbürgerlichen Generation, die zu früh gereift und mit Bildung überhäuft seien und deren gemeinsamer Stil die soziale Distinktion, die Selbstinszenierung in dieser Rolle sei. Dieser ,Jugend-Stil" faßte Bildung als lebendigen Besitz jenseits der utilitaristischen Inflation und des universitären Positivismus des 19. Jahrhunderts auf und suchte eine Rückkehr zum Bildungsprogramm um 1800. Gerhard Schuster (Weimar) zeigte zuletzt an Goethe, was solche Bildung bedeutet. Für Borchardt war Goethe ,lebendiger als die Lebenden", er begleitete ihn von Weimar bis zu Mussolini, er mußte gegen die Germanistik verteidigt werden, er ist im gesamten Werk präsent, ohne daß Borchardt je einen Text über ihn veröffentlicht hätte.

Claus Pias