in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.9.1996

Medium ohne Eigenschaften

Hypertext-Links statt Fußnoten: Elektronisches Publizieren in den Geisteswissenschaften

Offentlich über "elektronisches Publizieren" nachzudenken, ist in den Geisteswissenschaften nichts Ungewöhnliches mehr. Angesichts der unaufhörlich anwachsenden Forschungsliteratur, die mittlerweile selbst das Aufnahmevermögen der leidensfähigsten Fachleute übersteigt, erscheint der Computer als Rettungsmittel, zumindest aus finanziellen Nöten. Nachdem die maßlosen Spekulationen und Hoffnungen, die sich auf das Internet richten, allmählich nüchterner Einschätzung Platz machen, beginnt man sich auf die eigentlichen Leistungen des Computers zu besinnen: die Fähigkeit, ganze Bibliotheken und Archive verschwinden zu lassen und auf Knopfdruck wieder hervorzuzaubern.

Den Verantwortlichen solcher Institutionen bleiben nun zwei mögliche Reaktionen: Entweder sie erstarren vor dem Verhängnis, das sie mit Unrentabilität bedroht, weil die Software-Industrie sich der Verwertungsrechte bemächtigt, oder sie machen einen Schritt nach vorn und überlegen, was denn mit einem solchen Gerät auf dem eigenen Gebiet anzufangen wäre. Zu letzterem hat sich in erfreulicher Deutlichkeit jüngst Lutz Heusinger bekannt, der Leiter des Bildarchivs Foto Marburg. Ihm zufolge ist "die wissenschaftliche Produktion der Zukunft digital" ("Thesen zur Entwicklung der Kunst- und Museumsbibliotheken", in: AKMB-news 2 / 1996, Arbeitsgemeinschaft der Kunst- und Museumsbibliotheken (AKMB), über Sprengel Museum, Hannover).

Zu den Forderungen, die er daran anschließt, gehören nicht nur ein umfassendes Weiterbildungsprogramm für Bibliothekare und ein kostenloser, breitbandiger Netzzugang für Bibliotheken und Archive. Der Handlungsbedarf besteht vielmehr auf logistischer und institutioneller Ebene. Nicht nur, daß Universitäten und Bibliotheken elektronische Publikationen in ihre Prüfungsordnungen, Ankaufsetats und Distributionsformen integrieren müssen. Für das elektronische Publikationswesen selbst müssen sinnvolle standards vereinbart werden, damit die immensen Datenmengen durch einheitliche Suchsysteme überhaupt benutzt werden können. Darüber herrscht aber große Verwirrung.

So, wie sich das Kino von der anfänglichen Anlehnung an theatralische Formen nach und nach gelöst und sich auf seine eigenen Mittel besonnen hat, scheint man allgemein anzunehmen, es gebe eine dem Computer gerechte Form. Mag auch die Richtigkeit dieser Annahme dahingestellt sein - vielleicht ist das Revolutionäre des Computers gerade, daß er ein "Medium ohne Eigenschaften" ist: Erwartet wird offenbar, daß sich diese originäre, "eigentlich" digitale Form sofort und formal unverstellt zeigen müsse. In der gedachten neuen Welt geben Doktoranden nur noch Disketten ab, liegen Aufsätze auf "Servern" bereit, werden Fußnoten durch "Hypertext-Links" ersetzt, Vorlesungen im Internet publiziert, Tutorien in "chat"Foren gehalten und so fort - nach welchen standards auch immer.

Aber wie wäre es, wenn elektronische Publikationen und Archive zunächst einmal bloß das Hergebrachte imitieren würden? Man stelle sich ein elektronisches Buch vor, das auf dem Bildschirm nicht anders abgebildet wird als ein übliches wissenschaftliches Buch: Typographie, Umbruch, Seitenzählung, Abbildungen, Fußnoten, alles wäre am gleichen Platz wie bei einer gedruckten Veröffentlichung. Zusätzlich könnte man freilich indizierte und trunkierte Suchoperationen durchführen oder Lesezeichen und Notizen anbringen; und selbstverständlich könnte man das Ganze ausdrucken und binden lassen und hätte dann wieder ein Buch. Die wissenschaftlichen Kleinstauflagen mit ihren unproportional hohen Vorauskosten wären nicht mehr nötig.

Solch ein unprätentiöser und billiger Datensatz würde sich, anders als alle anderen bisherigen Experimente, wunderbar in die geläufige Praxis einfügen. Es könnte in gewohnter Weise nach Seitenzahlen zitiert werden, und der Text könnte wahlweise digital (für fortschrittliche Bibliotheken) oder gedruckt (für Prüfungsämter zögerlicher Universitäten) vorliegen, mit den Arbeitsvorteilen beider Formen. Die Beharrungskraft der Institutionen und der Diskursregeln würde respektiert. Und natürlich müßte auch als Ergebnis einer sukzessiven Erfassung vorhandener Buchbestände ein solcher Datensatz vorliegen.

Dieses Gedankenspiel läßt sich auch auf Bildarchive ausdehnen. Man scanne nur die Bestände in mindestens drei Qualitäten: einer niedrigen, die dem heutigen Mikrofiche entspricht und nur der Recherche dient; einer mittleren, guten Schwarzweißqualität, die noch dem wissenschaftlichen Zitatrecht gerecht wird und demjenigen, der sie publizieren möchte, keine Tantiemen abverlangt, schließlich in einer farbigen, hochauflösenden (dem heutigen Ektachronie entsprechenden) Qualität für aufwendige Druckerzeugnisse, etwa Ausstellungskataloge.

All dies ist heute möglich, und für alles gibt es internationale standards. Das hindert den Börsenverein des deutschen Buchhandels aber nicht daran, in seinen "Leipziger Empfehlungen zum Elektronischen Publizieren" Forderungen zu formulieren, die schon längst von der Softwareindustrie erfüllt werden. Fast jedes heute in Deutschland erscheinende wissenschaftliche Buch liegt zum Zeitpunkt seiner Drucklegung in einer praxiserprobten und weltweit normierten digitalen Seitenbeschreibungssprache vor und könnte ohne technischen Aufwand in ein elektronisches Buch der beschriebenen Art überführt werden. Aber nichts dergleichen geschieht.

Statt dessen sprießen vereinzelt wissenschaftliche Publikationen auf CD-ROM hervor, die wegen der meist eigens am Gegenstand entwickelten Software nicht nur unverantwortlich teuer sind, wo sie doch billiger als die gedruckte Fassung sein sollten, sondern die aus ebendiesem Grund auch in wenigen Jahren unbenutzbar sein dürften. Oder es wird über das Publizieren im Internet spekuliert, obwohl allen klar ist, daß ein dort im HTML-Format abgelegter Text in der heutigen geisteswissenschaftlichen Praxis nicht einmal zitierfähig ist. Gar nicht daran zu denken, daß eine Universität sich mit der Versicherung zufriedengeben würde, eine Promotion oder Habilitation läge auf irgendeinem Server jederzeit abrufbereit.

Überall werden neuerdings digitale Bildarchive in Angriff genommen. Aber kaum jemand macht sich Gedanken darüber, daß dieses Bildmaterial letztlich auch veröffentlicht werden soll, also über die technischen und juristischen Wege der Distribution und die Kompatibilität mit den Verlagen. Bildrecherchen lassen sich mittlerweile über filigrane ikonographische Apparate per Bildschirm durchführen. Letztlich hat dies aber das Ergebnis, daß der Benutzer am Ende einen Papierabzug bestellen muß, den ein Verlag unter hochsubventionierten Bedingungen digitalisiert, in der üblichen Kleinauflage von höchstens zweihundert Exemplaren druckt und anschließend die Daten löscht. Versuchsweise sollen diese Datenbestände demnächst mit denjenigen des Marburger Index verknüpft werden, so daß eine Bildrecherche gleichzeitig zu einer Volltextrecherche in einem Konvolut kunsthistorischer Literatur führen kann.

Die beteiligten Institutionen, also Universitäten, Verlage, Bibliotheken und Archive, werden sich bald auf gemeinsame standards des Informationsaustauschs einigen müssen. Es ist keine Halbherzigkeit, wenn diese nicht futuristisch aussehen, sondern auf spezirische Gegebenheiten und Traditionen ihres Arbeitsgebietes Rücksicht nehmen. Nur auf dem Boden von Vereinbarungen wird man schließlich zu sinnvollen elektronischen Publikationsformen gelangen können.

Auf keinen Fall sollte man jedoch dem Irrglauben verfallen, ohne Rücksicht auf den Markt standards setzen zu können. Die Reaktionen auf den Erwerb unzähliger Bildrechte durch Bill Gates entspringen vielleicht weniger der Sorge um den Ausverkauf alteuropäischen Kulturgutes, sondern sind vielmehr Symptom des Unbehagens, daß das Milliarden-Unternehinen Microsoft schon auf dem richtigen Weg ist.