in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.2.1997

Das totale Gedächtnis

Wissen ist Genuß: Eine Tagung über elektronische Information in der Kunstgeschichte

Die Kunde von der Allpräsenz des Computers ist inzwischen auch in die verbor-gensten Winkel der Kunstgeschichte gedrungen, die sich ihm -- von einigen Ausnahmen abgesehen -- bisher besonders hartnäckig verschließen konnte. Wohl nicht zuletzt aufgrund des Konkurrenzdrucks der überall erblühenden Medienfakultäten, aus denen der klassischen Bildwissenschaft zunehmend Konkurrenz erwächst, häufen sich inzwischen Aufsätze zu diesem Thema aus den unter-schiedlichsten Lagern und in den unterschiedlichsten Organen. Grund genug für das Bildarchiv Foto Marburg, dem unter der langjährigen Leitung von Lutz Heusinger die Ehre einer Vorreiterrolle gebührt, zu einer Tagung zu laden. Unter dem Titel "Aufbau verteilter elektronischer Informationsstrukturen in der Kunstgeschichte" versammelten sich vom 17.-19. Januar 1997 etwa 50 Kunsthi-storiker und Kunsthistorikerinnen aus 6 Ländern. Ihre Gemeinsamkeit besteht in dem Bemühen -- größtenteils im Rahmen von Programmen der Volkswagen-Stiftung -- kunstgeschichtliche Informationsverfahren zu verbessern.

Den Schwerpunkt bildeten demgemäß Arbeitsberichte aus Museen, Denkmal-ämtern, Universitäts- und Forschungsinstituten, Bibliotheken, und Archiven. Möchte man ein Fazit aus den so verschiedenartigen Unternehmungen ziehen, deren kleinster gemeinsamer Nenner höchstens die Kompatibilität der Software ist, dann dieses: Alle sind der Überzeugung, daß die Datenerfassung zügig vor-angetrieben werden soll und daß diese sinnvolle neue Möglichkeiten und gravie-rende Erleichterungen auf traditionellen Arbeitsgebieten verschafft. Keine Eini-gung war jedoch darüber zu erzielen, wer zu welchem Preis mit diesen Daten arbeiten soll oder darf, wie sich die medialen Bedingungen auf die Arbeit aus-wirken werden dürfen oder sollen, und wie das Arbeitsergebnis letztlich kom-muniziert wird. Trägt man diese offenen Fragen entlang einer Zeitachse auf, die sowohl die materielle Lebensdauer der Datenträger als auch die wissenschaftli-che Haltbarkeit der Information beschreibt, so ist das gesamte Problemspektrum der Marburger Tagung entfaltet.

Aus der Sicht der Museen plädierte Tobias Nagel (Köln) für universellere Aufbereitungsmöglichkeiten einmal erfaßter Daten. Der hohe Komplexitätsgrad des weitverbreiteten MIDAS-standards und die spartanische Benutzeroberfläche der dazugehörigen, bisherigen HIDA-Browser führe zu der absurden Situation, daß die erfaßten Daten momentan fast ausschließlich von den Datenerfassenden selbst benutzt würden. Die aufwendige wissenschaftliche Bestandsaufnahme, die historisch immer schon um Anerkennung zu ringen hatte, gerate unweigerlich vor Legitimationsprobleme, wenn ihre Ergebnisse nicht einem größeren Interes-sentenkreis zugänglich gemacht werden könnten. Dazu zähle nicht nur die Komplexitätsreduktion, sondern auch das Recycling der Daten für museale Auf-gaben vom Beschriftungsschildchen über die Katalogerstellung bis hin zu Info-theken für Museumsbesucher und der Öffnung ins Internet. Kritik an unflexiblen und komplizierten Retrieval- und Exportmöglichkeiten war auch von Seiten der Denkmalpflege zu hören. Sybille Gramlich (Berlin) berichtete zudem von Pro-blemen, die durch politisch-ökonomische Vereinheitlichungsstrategien entstün-den. Amtlich erlassene Vorschriften bezüglich der Betriebssysteme und Anwen-dungsprogramme seien angesichts der gegenwärtigen Software-Entwicklung und spezifischen Anforderungen unhaltbar. Im Bereich des Retrievals wird eine neue HIDA-Version Abhilfe schaffen, die während der Tagung vorab zu testen war. Bei der Verknüpfung der Daten und der Software im Allgemeinen herrschte -- und dies ist eines der bemerkenswertesten Ergebnisse -- Einstimmig-keit, auf die Entwicklung kompletter Softwarepakete nach eigenen standards zu verzichten. Damit scheint die Zeit der eigens für einen Gegenstand entwickelten, teuren und besonders vom Aussterben bedrohten Programme zu Ende. Die neue Losung lautet vielmehr, sich auf Definitionen zu einigen, was zu speichern ist, also in Form von Normdateien verbindliche Strukturen für Informationsmengen zu erstellen, die dann entweder auf der Basis von marktgängiger standardsoft-ware implementiert werden oder in diese überführt werden können: "Software so trivial wie möglich", wie Lutz Heusinger es zusammenfaßte. Durch diese Beschränkung auf Erstellung von Interfaces zu gängigen Applikationen werden nicht nur erhebliche Kostensenkungen, sondern auch eine breitere Anwenderba-sis erwartet.

Wie dies an einigen Stellen schon Wirklichkeit geworden ist, zeigte der Bei-trag von Michael Steppes (Leipzig), dem geschäftsführenden Redakteur des Allgemeinen Künstlerlexxikons (AKL). Die ca. 50.000 Künstlerbiographien der bisher erschienenen Bände stellen zwar nur einen Teil der rund 300.000 Einträge Rohmaterial dar, jedoch sind alle Datensätze strukturiert und um Fließtext er-gänzt in einer Normdatei erfaßt. Dies erlaubt die Anbindung des AKL an die innnerhalb von DISKUS (Digitales Informations-System für Kunst- und Sozial-geschichte) aufbereiteten ikono- und bibliographischen Text und Bildmengen. Aus diesem Verbund, an dem zahlreiche Museen, Universitäts und Forschungs-institute mitwirken, sind in den letzten zwei Jahren u.a. zehn illustrierte Muse-umskataloge auf CD hervorgegangen. Auf der Eingabeseite ist eine standardi-sierte Maske in Vorbereitung, die an die mitwirkenden Autoren verteilt werden soll, um die Redaktionskosten zu senken. Auf der Ausgabeseite kann ein Inter-face zur etablierten Seitenbeschreibungssprache TEX die strukturierten Daten in ein druckfertiges Layout überführen. Fraglich bleibt, warum für die entspre-chende CD-Edition kein ebenso automatisiertes Verfahren möglich sein soll. Die geringe Nachfrage nach CDs scheint hier weniger Folge der umgehenden "Digitalphobie", sondern der utopischen Preisgestaltung.

Angesichts solcher Großprojekte wie dem AKL stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Halbwertzeit besonders dringlich. Gerhard Fries (Paris) refe-rierte anhand einer einzigen Künstlerbiographie im Spiegel der Lexika, welche Probleme die Kunstgeschichte historisch hatte, ihr schon erarbeitetes Material zu verwalten und zu merken. Der Computer löse zwar dieses Problem der totalen Erinnerung, berge aber gerade dabei die Gefahr des Vergessens. Eine laufende "Berichtigung" von Information, wie etwa beim AKL in Form von Updates und Benutzerkommentaren vorgeschlagen, überschreibe restlos vorangegangene Gewißheiten, die -- ganz positivistisch -- als veraltete erschienen. Im Gegensatz zum aufgehobenen Buch drohe die Wissenschaftsgeschichte im stets aktuellen Datensatz zu verschwinden. Wolle man diesen Geschichtsverlust nicht hinneh-men, so sei es unabdingbar, alte Daten aufzubewahren, in die jeweils laufende Softwareversion zu konvertiern, um sie lesbar zu halten, und die Datenbanken um eine "history"-Funktion zu ergänzen.

Da dies die ohnehin explodierende Datenmenge nochmals vervielfacht, sind Vereinheitlichungen und "information sharing" nötig. Rüdgier Hoyer (München) gab die Einigung auf eine einheitliche EDV für die Bestands- und Sacherschließung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, der Bi-lioteca Hertziana in Rom und des Deutschen Kunsthistorischen Instituts in Flo-renz bekannt. Bei diesem Verbund, dem sich weitere Kunstbibliotheken an-schließen sollen, werden die gängigen Normdateien für Schlagworte, Personen und Körperschaften nicht nur benutzt, sondern vor allem zum standard für Kunstbibliotheken differenziert und erweitert.

Gerda Vellekop (Utrecht) stellte eine neue Software-Version des zumindest für weite Bereiche der Kunstgeschichte praktikablen ICONCLASS-Systems vor, die nicht nur mehrplatzfähig ist, sondern vor allem multilingual aufgebaut ist. In näherer Zukunft ist damit nicht nur die Benutzung in, sondern auch Sprünge zwischen fast allen europäischen Sprachen möglich. Besondere Aufmerksamkeit erregte in diesem Zusammenhang eine Demonstration von Hans Brandhorst (Utrecht) zur Digitalisierung von Emblembüchern. Dabei werden nicht nur Ab-bildungen gescannt und Text transskribiert, sondern beide gleichermaßen nach ICONCLASS-Konventionen indiziert. ICONCLASS erfaßt damit gewisserma-ßen seine historischen Ursprünge ohne eine Trennung von Bild und Text zu vollziehen, an denen nun eine gleichzeitige ikonographische Suche in einem einfachen, marktüblichen SGML-Browser möglich ist.

Während über die Erfassung von Daten und deren Strukturierung allgemeine Einigkeit bestand, erregte die Nutzung und Distribution der mehr oder minder mühsam aufbereiteten Information die Gemüter. Schließlich geht es hier nicht um technische Verfahrensweisen, deren Optimierung sich scheinbar ideologie-frei und gewinnbringend diskutieren läßt, sondern um das Selbstverständnis der Disziplin als solcher und deren möglichen Revisionsbedarf. Hubertus Kohle (Bochum) schilderte als Präzedenzfall den Versuch, einen Server für Rezensio-nen einzurichten, der eine deplorable Lücke im kunsthistorischen Schrifttum schließen würde. Wie ähnliche Organe (beispielsweise in der Germanistik) sollte dieser eine Sammelstelle für Neuerscheinungen und kurze, aber zügig erschei-nende Rezensionen sein, die nicht mit dem Anspruch aufträten, genauso lange gültig zu sein wie das rezensierte Werk selbst oder als Aufsätze in der Publikati-onsliste des Rezensenten zu erscheinen. Daß das Projekt scheiterte und selbst das Viertel der angeschriebenen Kunsthistoriker, das überhaupt antwortete, we-gen der geringen Veröffentlichungsdauer ihrer Kritik und ähnlichen Argumenten eine Mitarbeit ablehnte, zeigt, wie sehr sich das Fach vom wissenschaftlichen Austausch um der Sache willen distanziert hat. Dies war auch einer der Unter-punkte in den von Lutz Heusinger (Marburg) vorgestellten "Marburger Emp-fehlungen zur Weiterentwicklung kunstgeschichtlicher Informationsverfahren". Das akademische Gespräch leide unter einer überholten Art der Honorierung von Forschungsergebnissen, und die klassische Veröffentlichungswege garan-tierten nicht mehr deren rechtzeitige und uneingeschränkte Verfügbarkeit. Daß diese Verhärtung durch die elektronischen Medien aufgebrochen werden könne, verhinderten Subventions-, Verlags- und "institutionelle Erpresservertäge" (G. Unverfehrt, Göttingen) der Prüfungsordnungen bislang erfolgreich. "Wer zur Zeit in digitaler Form veröffentlicht", so Heusinger, "macht sich unter Zurück-stellung eigener Interessen um die Wissenschaft besonders verdient." Deshalb sei es eine Verpflichtung, "solchen Arbeitsergebnissen [] zu besonderer Ho-norierung zu verhelfen und diese Honorierung in der wissenschaftlichen Praxis zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen." Mit preiswerter standardsoftware sei es heute möglich, eine Veröffentlichung in einem Arbeitsgang sowohl für den Druck, als auch für eine CD-ROM, als auch für das Internet aufzubereiten -- und zwar ohne Qualitätsverlust und zu einem Bruchteil der gängigen Druckko-stenzuschüsse, versicherte Verlegerin Bettina Preiss (Weimar). Heusinger for-derte daher eine Empfehlung an die DFG, die Rektorenkonferenz und die Kul-tusministerkonferenz, Dissertationen in elektronischer Form zwecks Beschleu-nigung und Kostenreduktion zu bevorzugen und kündigte einen beispielhaften Ausbau der Marburger Datenbank an. Darüber hinaus sei eine Entschließung über die gebührenfreie Verwendung von Reproduktionen in derartigen Veröf-fentlichungen zu formulieren. Zuletzt solle die finanzielle Unterstützung wissen-schaftlicher Zeitschriften davon abhängig gemacht werden, daß diese auch auf Servern oder preiswerten Datenträgern angeboten würden, um die fortschreiten-de Ausgrenzung kleinerer Museen und Institute zu beenden.

Daß solche Entschlossenheit selbst bei den in Marburg versammelten Fort-schrittsträgern der digitalen Kunstgeschichte Unbehagen hervorrief, war abzuse-hen. Die einen befürchteten, dies sei nur das Alte in neuen Kanälen (C. Danel-zik, Dortmund), man müsse erst einmal ausgiebig über das Medium nachdenken (R. Rosenberg, Freiburg) und sich fragen, ob es überhaupt dafür geeignet sei (R. Schleier, Bochum). Zuletzt wurde zwar der gute Wille gelobt, gegen kontrapro-duktives Eigendenken einzuschreiten (T. Nagel, Köln), aber zugleich als schöne Utopie erkannt (E. König, Berlin). Da ein manifestöses Auftreten bei dem Rest der Kunsthistorikerwelt "Verärgerung" auslösen (H. Kohle, Bochum) könnte, empfahl man vorerst nichts, versicherte aber, im Gespräch zu bleiben. Daß dies bald und intensiv geschieht, steht zu hoffen.

Claus Pias