in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, ...

Last Man Standing

Walter Grasskamp ekelt sich vor der Werbung und fordert Bürgertugenden zurück

Böse sind sie, die Medien, und gut ist sie, die Kunst. So knapp könnte das Resumé des Buches von Walter Grasskamp ausfallen, wenn man all die engagiert zupackenden Formulierungen und intimen Fallbeispiele abzieht und versucht, seine verschwiegenen Grundannahmen aufzufinden. Der Münchner Kunsthistoriker widmet sich dem inzwischen etwas abgeklungenen Reizthema Kultursponsoring, den, wie der Titel sagt, „Szenen einer Mischehe" zwischen „Kunst und Geld". Szenisch ist das Buch selbst allemal, denn es ist ein –vor allem in der zweiten Hälfte nur locker geschnürtes– Bündel aus Vorträgen und Texten der letzten sieben Jahre.

Was diese Texte zusammenhält, ist weniger Grasskamps Selbsteinschätzung, „auf der Höhe einer so schwierigen Argumentation" wie der Sponsoringdebatte zu sein (was sicherlich der Fall sein mag), sondern die durchweg eindeutige Grenze von Licht und Finsternis. Da verschlägt es wenig, daß oft genug Argumente und Gegenargumente so paritätisch wortgewandt vorgetragen werden, daß man schon zweimal lesen muß, um die Meinung des Autors dann einem Nebensatz zu entnehmen. Dies ist für eine Schrift, die offensichtlich Streit sucht, schon erstaunlich. Entscheidend ist vielmehr, welche ursprünglichen Differenzen aufgemacht werden, die dann erst eine bestimmte Form von Argumenten zulassen. Und hier ist kaum mildes Grau in Sicht. Auf der einen Seite steht „die Werbung", auf der anderen Seite „die Kultur". Damit diese kritischen Grundbegriffe nicht implodieren, darf Werbung nicht in die Nähe der Kultur kommen und schon gar nicht Bestandteil einer Kultur sein. Im Gegenzug wird „Kultur" synonym für Kunst, speziell für bildende Kunst, verwendet.

Damit kann das Spiel beginnen, denn jetzt kennt Werbung (anders als Kultur alias Kunst) ein Interesse: unser Begehren. Leider würde man damit wieder auf einem jahrzehntealten Diskussionsstand landen, der die Werbung in den Schatten der Integrität ihrer Ziele stellte. Das mögen die künstlichen Bedürfnisse sein (K. Galbraith), die Zerstörung der menschlichen Würde (I. Barmash), die Versündigung an christlichen Geboten (A. Toynbee) oder die einst so geheime Verführung (V. Packard) sein. All dies zitiert Grasskamp wohlweislich nicht mehr, denn er weiß, wie obsolet die Rhetorik des „Durchschauens" ist und wie solcherlei Kritik selbst zum vermarktbaren style wurde. Wenn also inzwischen unklar ist, ob Werbung für etwas wirbt oder ob sie nicht einfach eine Art Klima ist, dann ist es „angebracht", nicht mehr das Produkt, sondern den Produzenten auf seine Integrität zu befragen. Waffen, Billiglohnländer oder Umweltsünden lassen das Geld „an der Grenze der Kultur stinken", so Grasskamps –einmütig mit Hans Haacke formulierte– These.

Der reine Wohlgeruch der Kultur (sprich Kunst) bleibt andererseits nur erhalten, wenn man all das, was seit Jahrzehnten den high-brow-Kulturbegriff entgrenzt hat, sorgfältig wieder aus dem hortus conclusus der Kulturwürdigkeit entfernt, also den Film, die Pop-Musik, die Werbung, das Fernsehen, den Alltag usw. Mit volkspädagogischer Sorge räsonniert Grasskamp, daß „kommende Generationen" vielleicht nicht mehr den Unterschied von Kultur und Werbung kennen könnten. Doch genau dies dürfte bei einer Argumentation, die Kultur wieder über Kunstwerke, Objekte oder Ereignisse definiert und darüber fast alle theoretischen Ansätze der letzten zwei Jahrzehnte vergißt, kein Problem sein. Daß Kultur auch eine Wissenstechnik sein könnte, die es erlaubt, Dinge zu erkennen und zu verorten, die beispielsweise Objekte erst zu Kunst macht, Sinnbesetzungen und Aussagen erst ermöglicht, diese basale Einsicht der Kulturwissenschaften taucht gar nicht auf.

Ebensowenig wird der Begriff des Geldes nur im geringsten reflektiert. Nie taucht die Frage auf, was Geld seit Adam Smith eigentlich sein könnte, wie seit der Romantischen Ökonomie repräsentative und funktionale Seite auseinandergefallen sind, und daß Geld nicht mehr Zeichen, sondern Medium ist. Dann wäre nämlich auffällig geworden, daß die „Poëtisierung der Finanzwissenschaften" (Novalis) in der bürgerlichen Gesellschaft alle „natürlichen" Maßstäbe destabilisiert und Geld seit 1800 keine Ruhemasse und damit auch keine Geschichte mehr hat. Würde der Autor sich auf solcherlei „Modephilosophie" einlassen, würden schon zwei Pfeiler seiner Argumentation, die „Manipulation" öffentlicher Meinung und die moralische Reinheit des Geldes knicken.

Und wie steht es mit dem dritten, der Funktionalisierung der Kunst? Wo der „heutige Medienzirkus" kritisches Bewußtsein sediere, da brauchen wir –so Grasskamp– wieder die „Kritik des Künstlers … als unverzichtbares Korrektiv der bürgerlichen Gesellschaft". Schade nur, daß diese „bürgerliche Gesellschaft" in den 60ern auf der Strecke geblieben ist und den Autor dazu zwingt, als „Nostalgiker … in einer Popkultur" zu leben. Damals gab es noch keine „Diskursdarsteller", „Begeisterungsexperten" und „Aurajongleure", kein „Artotainment", sondern Diskussionen mit einem „kleinen vitalen Betroffenheitspublikum" von „solidem Ernst und nachdenklicher Aufgeschlossenheit". Obwohl der Name nie auftaucht, ist natürlich Jürgen Habermas‘ epochen- und zugleich idealtypische „bürgerliche Öffentlichkeit" übermächtig zu erkennen. Zu dieser Gesellschaft, die ihre Normalität an der Kunst entlang neu aushandelt, gehört natürlich der Mäzen und Privatsammler, der nicht ausschließlich über seine Geschäfte definiert werden möchte und für den Kunst keine Verlängerung der Ökonomie, sondern Urlaub von Gewinn- und Verlustrechnungen ist. Diese Motivation, dem Identitätszwang der Geschäfte zu entkommen, entbinde den Mäzen auch von jenem Tribunal, das über das moralische Reinheitsgebot des Geldes zu wachen habe. Sponsoring dagegen zerstöre die „guten Vorsätze und Einrichtungen des Bürgertums", weil es das irdische Paradies der Kunst mit dem Identitätsdruck der Geschäfte infiziere.

Dies alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie viele treffende Beobachtungen und legitime Anliegen der Text vorbringt. Die Sprache, mit der Kunst als Wirtschaftsfaktor interessant gemacht werden soll und dabei verlorengeht, die Beschreibung der deplorablen Lage universitärer Kunstgeschichte, die erschreckende Diagnose der Förderungspolitik durch die öffentliche Hand – das alles ist scharf gesehen und gibt in der Tat Grund zur Sorge. Das Fragwürdige des Buches ist nicht die Integrität seiner Absichten, sondern die Disproportion seiner Mittel.

Die herrschende Rede über Medienkultur spaltet sich bekanntlich in Euphorie und Kapitulation, und der intellektuelle Masochismus freiwilliger Abdankung vor der „Kulturzerstörung" ist momentan keine Seltenheit. Bezeichnend ist aber, wie ähnlich sich Pessimismus und Begeisterung in ihren Grundannahmen sind. Schon Adorno und Heidegger, die philosophischen Gegenspieler der Epoche, waren sich im Verdikt gegen Kino und Jazz einig. Und eine ähnliche Einigkeit besteht zwischen Walter Grasskamp und dem von ihm so vehement angegriffenen Hans Platschek. Diese Homologie findet sich weniger in der großen Koalition von kritischer Theorie und Konservativismus, weniger auch in der Dämonisierung des Marktes, als vielmehr in der Sprache selbst. Der Vorwurf gegen Platschek, sein „Blendwerk der Sprachakrobatik" produziere Unterhaltungswerte und publizistische Standortvorteile im Edutainment-Sektor, läßt sich problemlos auf Grasskamp selbst abbilden, nur daß letzterer bekennt, daß „eine Kunstkritik, die ihre Marktabhängigkeit ausblendet, sich nicht zu wundern braucht, wenn sie … notorisch unterbezahlt wird." Solch ein Spezialbetrieb für unterhaltsamen Kulturpessimismus hat sicher gute Marktchancen, doch um wirklich zu überzeugen, daß eine Gesellschaft den Anachronismus von Kunst und Humanwissenschaften zum Überleben braucht, wären weniger schablonierte Denkfiguren nötig. Vielleicht wäre ja die Sensibilität, Offenheit und Differenziertheit des späten 18. Jahrhunderts ein Vorbild.

Claus Pias

 

Walter Grasskamp: Kunst und Geld. Szenen einer Mischehe, Beck Verlag, ISBN 3-406-42058-3, DM 17,80