in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.1.1998

Gute Fahrt

Herders »Reisejournal« als Lehrplan der Datenbank

Folgt man Hayden White, so beruht der Fortschritt in den Geisteswissenschaften auf dem Erzählen neuer, auf elegante Weise sinnvoll erscheinender Erzählungen. Ist die Erforschung eines Gegenstandsbereiches in ihre "ironische" Phase eingetreten, in der nur noch die Diskursregeln selbst Gegenstand sind, verliert sich allmählich das Interesse und kann nur durch einen "metaphorischen" Neubeginn wieder erwachen. Neue Metaphern verändern den Blick und verschieben die Auswahl dessen, was für einen Plot als relevantes Faktum erscheint. Viel vom Erfolg der Medienwissenschaften scheint sich diesem poetischen Akt der Vorstrukturierung zu verdanken.

In diesem Sinne haben sich Nikolaus Wegmann und Matthias Bickenbach Herders "Journal meiner Reise im Jahre 1769" angenommen und es als "Datenbankreport" gelesen ("Herders Reisejournal -- Ein Datenbankreport", in DVjS, 71. Jg., Heft 3/1997, S. 397-420). Das "Journal", von Herder selbst schon als "sonderbares Ding" bezeichnet, ist weniger ein Tagebuch als eine Sammlung fach- und themengebundener Register, Projektaufrisse und Materialsammlungen. Nicht als Zeugnis einer Denkbewegung wollen Wegmann und Bickenbach es begreifen, sondern als "bibliothekstechnisches Experiment", als Index eines Problembewußtseins der Wissensorganisation in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Herder, dessen Lesewut sprichwörtlich ist, brach mit 24 Jahren von Riga auf, wo er eine Hilfskraftstelle in der Stadtbibliothek hatte. Was er nicht mitnahm waren Bücher, denn es sollte -- metaphorisch überhöht -- ein Aufbruch ins Leben sein, vom toten Buchstaben zum lebendigen Geist, eine Flucht aus der Enge der Studierstube in die Weite des Denkens. Die Fahrt erscheint dabei als vieldeutiges Bild für die Techniken der Bibliothek: Wie das Lesen bedeutet sie Bewegung, neue Eindrücke und Staunen. Aufbruch, Reise und Ankunft entsprechen dem Schreiben eines Textes. Vor allem aber erfordert die Gefahr, Schiffbruch zu erleiden, ein angemessenes Fahrzeug und navigatorische Kompetenz, um nicht im "Meer der Gelehrsamkeit" unterzugehen.

Durch das rhetorische Verfahren der percursio, bei der Material aufgezählt, angehäuft und durcheilt werden darf, macht Herder gute Fahrt. Es gelingen ihm riskante Wendemanöver wie das von "Wallfischen" und "Heeringen" zu den "Vandalen und Langobarden" und der "Natur der Menschen". Solche Beschleunigung produziert zwar eine dysfunktionale Steigerung der Fundstellen, doch wird dies gerade als Chance begriffen, über anerkannte Wissensordnungen hinauszukommen: Die rasche Bewegung produziert Vergessen, sie überspringt konventionalisierte Haltepunkte. Tempo und Fortlassen bringen das Datenmaterial in eine abweichende Ordnung. Das Fehlende erscheint nicht mehr als Lücke, sondern als Bedingung neuer Querbezüge; die Schreibtechnik setzt Wissen aus Nicht-Wissen frei und macht dies zur Voraussetzung von Innovation.

Diese erhöhte Zugriffsrate ist eine Reaktion auf die rapide Expansion der Wissensspeicher, deren Lesbarkeit problematisch geworden ist. Die vorangegangene Ordnung der "Répresentation", wie Foucault es nannte, verstand sich als universale Stoffkenntnis und produzierte eine Flut von alles umfassendem Objektwissen. Dieser unendlich oder "erhaben" erscheinende Schriftbestand war durch die gelehrte Topik akademischer Klassifikation und den Bibliothekar als archimedischen Punkt des Archivs nicht mehr adäquat verwaltbar. Da man nur wissen kann, was man auch finden kann, wird der Apparat des Archivs zum vordringlichen Problem. Die alphabetische Ordnung der französischen Enzyklopädie vermochte Herder nicht zu überzeugen. Seine eigenen Versuche wie z.B. im "Braunen Buch", den "Beiträgen für's Gedächtnis", gehen über Notizen und Entwürfe allerdings nicht hinaus.

Hier liegt auch die Grenzerfahrung des "Reisejournals": Heders Versuch, einen universalen Lehrplan zur Erziehung der Menschheit aufzustellen, verlangt eine Limitierbarkeit des Archivbestands. Zwar paradieren bei Herder die Gegenstände, Autoren-, Themen- und Sachgebietslisten, doch ist nie ein Ende absehbar. Das Universalarchiv ist nicht lesbar, das Projekt einer "Summe dessen, was der menschliche Geist zu allen Zeiten gedacht", nicht durchführbar. Wer Wissen zu organisieren sucht, darf keine Bücher lesen, denn gerade diese spezifische Blindheit garantiert das Funktionieren der Wissensorganisation. Während das Lesen in ein hermeneutisches Labyrinth unendlicher Bezüge zieht, sagt das Archiv nicht mehr von Büchern als ihre Signaturen und und ihre Schlagworte. Seine Ordnung ist eine arbiträre und ahistorische der Signaturen und Aufstellungen, und die Schlagwortnormdatei -- im Sinne einer Foucaultschen Diskursarchäologie -- alles, was über Bücher sagbar ist.

Nicht nur das Metaphernfeld der nautike techne ist heute wieder aktuell: Daten werden als "Ströme" begriffen, sie fließen, zirkulieren und bilden Strudel, und die (schon in den 70er Jahren so benannte) "Informationsflut" droht manchmal die verwaltungstechnischen Dämme zu brechen. Studiengänge wie "Informationsmanagement" und "Wissensdesign" werden gefordert. Und Computerprogramme wie Netscapes "Navigator" schicken sich an, das Steuerrad einer Bildung zu sein, die sich nicht mehr als kanonischen Wissensbestand, sondern als operative Kompetenz für unendliche Daten- und Informationsarchive versteht. Wer versucht, ältere Literatur als Hypertext zu beschreiben, wird jedoch immer zu einer Mangelbeschreibung kommen, da ihre Techniken Hypertext nicht medial implementieren können. Man suggeriert -- ob man will oder nicht --, daß diese Versuche erst im Computer zu sich gekommen sind.

Claus Pias