in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.1997

Prometheus und ein Teller mit Leber

Scherz und tiefere Bedeutung: Norbert W. Hinterbergers »Bildungsprogramm« in Weimar

Das Museum ist eine der zentralen Institutionen des Bildungsbegriffs wie ihn das 19. Jahrhundert kultiviert hat. War die "Bildung" im galanten Zeitalter noch gleichermaßen auf Geist wie Körper bezogen, auf feinsinnige Mentalität und elegante Motorik gleichermaßen verpflichtet, so hat das bürgerliche Zeitalter sie vom Körper entkoppelt, zum anverwandelten Wissen des kulturell Wertvollen und zum sozialen Erkennungszeichen gemacht. Bis zu Nietzsches Verdammung des Bildungsphilisters und dem Pathos der Voraussetzungslosigkeit der Avantgarden war das Museum eines der wesentlichen Archive dessen, was als Bildungsgegenstand kanonisiert war und zugleich aus dem Kanon heraus verstanden werden konnte.

Übriggeblieben von der Bildungstradition sind allenfalls Versatzstücke im Quizshow-Format: Prometheus und seine Leber, Goethe und "das Land der Griechen...", einige Götterliebschaften. In einem Museum, den Kunstsammlungen zu Weimar, spielt der österreichische Künstler Norbert W. Hinterberger mit dem Bildungsbegriff und der Bildung seines Publikums. Er materialisiert Bildungsfragmente zu Objekten, mal wörtlich naiv, mal wortspielerisch verschlüsselt. Beziehungsreich verteilt er seine Arbeiten über die verschiedenen Abteilungen des Weimarer Schlosses und tritt in seinem "Bildungsprogramm" mit dem der Sammlung ins Gespräch.

So konfrontiert er im Herder gewidmeten Dichterzimmer die humanistische Pädagogik der Weimarer Klassik mit der schulischen Wirklichkeit. Auf einem Titelblatt der Zeitschrift "Die Volksschule. Wochenblatt für den vaterländischen Lehrerstand" erblüht in Aquarell das "Neurosenbeet". "Die Geburt des Zweifels" heißt eine Schultasche, gefüllt mit Heften, den qualvollen Erzeugnissen curricularer Praxis, die mit Schulmilch zum unbenutzbaren Rüstzeug einbetoniert sind.

"Für Prometheus" steht im Speisezimmer des Schlosses ein Teller mit täglich frischer Leber bereit. In der Galerie der niederländischen Stilleben mit ihrer Vanitas-Symbolik findet sich eine kleine Flotte von Schiffen, darunter die "Arche Noah" (Kartoffel mit Insekten) und ein "Flugzeugträger" (Sellerie mit Bienen). Im ehemaligen Badezimmer der Zarentochter Maria Pawlowna sind Armaturen ,aus dem Badezimmer des Philosophen" installiert. Bei Schopenhauer öffnet sich der Wasserhahn, dem "Welt" entströmt, und wo man heiß und kalt vermutet, läßt sich die individuelle Mischung von "Wille" und "Vorstellung" regulieren. Nietzsche steht eine Kombination aus Badewanne und Dusche zu, mit der sich nicht nur "gut" und "böse" temperieren lassen, sondern der Fluß auch zum Duschkopf umgeleitet werden kann, eben nach jenseits von gut und böse.

Im Spiegelsalon findet frei nach Schnitzler ein "Reigen" der Götterliebschaften statt. In Augenhöhe fahren Spielzeuglokomotiven wie Amor, Zeus oder Orpheus kreisförmig in Bahnhöfe wie Psyche, Danae oder Euridyke ein und aus. Im Goethezimmer findet sich eine zum Stempel bearbeitete Badesandale mit dem Bild Goethes in der Campagna. Sie war "an Goethes Statt in Griechenland" und hinterließ seinen Abdruck an all den Orten, die er selbst nie sah. Auf dem Blatt "Die Grenzen der Welt" ist im Zimmer des Kant-Lesers Schiller weiß auf weiß zu lesen: "Ein Blinder versucht sein Bild von der Welt einem Tauben zu Gehör zu bringen".

Hinterberger arbeitet mit den Mitteln der Ironie, die nicht zynisch, und des Scherzes, der nicht platt wird. Meist benutzt er kleine, einfache Objekte aus dem Alltag und von charmanter Unscheinbarkeit. Es ist diese Kombination aus Bescheidenheit, Witz und Charme, die den Betrachter verführt. Denn anders die dadaistischen Objekte, die ihren Kontext zur Provokation nutzen und die surrealistischen Objekte, deren Sinnhorizont offen ist, machen die Hinterbergerschen Arbeiten Sinn im lustvollen Spiel zwischen Objekt, Titel und Betrachter. Dieser Sinn verflüchtigt sich jedoch nicht im einmaligen verstehenden Lachen, sondern hat sinnliche Dauer, eine Tiefe, die an der Oberfläche selbst zu suchen ist.

Vorzüglich die Arbeiten zur Kunstgeschichte, die in der Cranachgalerie versammelt sind, vereinen Leichtigkeit mit Tiefe. Sie jonglieren mit den Sinnkonstruktionen der Kunstgeschichte und nehmen jene Metaphern und Topoi wörtlich, die die Kunstliteratur seit der Romantik, also nach dem vermeintlichen Ende der Rhetorik, zum Verständnis und zur Legitimation von Kunst und Künster tradiert oder neu erfunden hat. Dazu zählt beispielsweise die Vorstellung der plötzlichen Inspiration, die den Künstler zur unverzüglichen, authentischen Zeichnung zwingt: Hinterberger schmuggelt Leonardos erste Fassung der Mona Lisa, "auf Lasagne geworfen", und Botticellis Entwurf zur "Geburt der Venus", bei einem Essen flüchtig auf Austernschalen skizziert, in die Sammlung. "Palladios Entwurf zur Villa Rotonda, inspiriert durch Abdrücke von Weingläsern" erzählt vom Topos, daß Produkte des Zufalls durch den Künstler in Notwendigkeit verwandelt werden. Ein kleiner Flieger, aus Bleiblech gefaltet, präsentiert sich als ,Anselm Kiefers Jugendstück" und ironisiert den Mythos frühkindlicher Begabung und lebenslanger Identität. Mit dem Bild des Künstlers, der vom Schaffenszwang zu Leiden und Entbehrungen genötigt wird, spielt "Merets Opferbereitschaft": Der Pelzmantel, den die Künstlerin einst trotz des kalten Winters 1936 für ihre Pelztasse zerschnitt.

Hinterberger nimmt den Künstlermythen ihr Pathos ohne dabei selbst in das Pathos der Überwindung zu verfallen. Er entfaltet den Zauber des Alltags und statt Programmen bringt die Dinge zum sprechen. "Marinettis Erbe" heißt eine Arbeit: Der Sportwagen von Marinettis Urenkel, in dem als Versöhnungsgeste eine Kopie der Nike von Samothrake installiert ist.

Claus Pias

 

Norbert W. Hinterberger, Das Bildungsprogramm; Kunstsammlungen zu Weimar 9.10.9.11.1997; Katalog im VDG Verlag, ISBN 3-932124-75-8; während der Ausstellung DM 38,- danach 49,-