in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, September 2000

Genießen unterstellen

Eine Theorie der "Interpassivität"

"Wir nennen es tanzen, / sprach er mit Lachen, / Aber wir lassen es andere machen", heißt es in einem Gedicht Fontanes. Für all jene, die Freude daran haben, andere tanzen zu sehen statt sich selbst dem rhythmischen Ritual hinzugeben; für all jene, die das Lachen über Sitcoms lieber dem Tonband überlassen als sich selbst eines abzuringen; für all jene, die aller Medienkunst zum Trotz doch lieber kontemplativ vor einem Kunstwerk stehen möchten, anstatt auch dort noch Körpererfahrungen machen zu müssen – für all diese sympathischen Spielverderber der Erlebnis-, Spaß- oder Mediengesellschaft hat der österreichische Philosoph Robert Pfaller endlich den dringend benötigten Begriff gefunden. ("Das Kunstwerk, das sich selbst betrachtet, der Genuß und die Abwesenheit", in: ders. (Hrsg.), Interpassivität, Wien / New York, Springer Verlag, S. 49-84.) Die Antwort auf die Zumutungen allgegenwätiger Interaktivität heißt "Interpassivität" und bedarf erheblich geschickterer Konstruktionen als sich einfach zu verweigern und bloß nicht mitzumachen. Wer sich wirklich entspannen mag, dem muß es gelingen, passiv durch jemand anderen zu werden. Wer dem Imperativ des mitmachenden Genießens und der "Idolatrie der Aktivität" (Rudolf Helmstetter) nicht folgen mag, muß lernen, sie zu delegieren.

Interpassivität erscheint als Denkbild, auf das verschiedenste Phänomene einer "Unlust an der Lust" nur gewartet haben. So beispielsweise der Sammler, der nicht aus den gesammelten Objekten selbst Genuß schöpft, sondern aus dem bloßen Akt des Sammelns. Oder der Besitzer eines Videorecorders, der die Leidenschaft des erfolgreichen Programmierens und Aufnehmens jedem Fernsehabend vorzieht und folglich das Gerät an seiner Stelle sehen läßt. Dabei geht es nicht um die Freude am Genießen des Anderen, wie sie etwa Eltern am Glück ihrer Kindern empfinden. Interpassivität funktioniert ohne Altruismus, denn es ist gleichgültig, ob der Stellvertreter ein genußfähiger Mensch oder eine empfindungslose Maschine ist. Der Interpassive ist in diesem Sinne pervers, denn er degradiert den anderen zum reinen Instrument seines (Nicht-)Genießens. Die Delegation geschieht nicht aus Liebe zum Stellvertreter, sondern zur eigenen Entlastung, zum Genuß einer paradoxen Situation aus An- und Abwesenheit, die die Unterscheidung von aktiv und passiv dekonstruiert. Der Erfolg solcher Auslagerungen oder "Extensionen" (McLuhan) besteht gerade nicht in der Erweiterung der Genüsse, sondern darin, daß einige nicht mehr erlebt werden müssen.

Das Interesse der Kunst an interpassiven Konstellationen manifestiert sich schon seit einiger Zeit in Werken wie beispielsweise Jiri Dokupupils Maschine, die einfach nur Energie konsumiert, in der Dienstleistungskunst von Ruth Kaaserers, Astrid Benzers oder Ronald Eckelts, die auf Wunsch Freunde anrufen, Rendezvous' wahrnehmen oder Autos fahren, oder auch bei Martin Kerschbaumsteiner, der Hilfskräfte einstellt, die dem Künstler bei der Arbeit zusehen. Interpassivität führt jedoch auch zurück zum griechischen Chor, der an Stelle des Zuschauers lacht und weint oder zu den Gebetsmühlen und Klageweibern, an die Hoffnung und Andenken überschrieben werden kann. Letztere beten und klagen ebenso "objektiv" wie der Videorecorder fernsieht oder Douglas Adams' "elektrische Mönche" es übernehmen, an bestimmte Dinge zu glauben. Denn im Ritus kommt es nur auf Anwesenheit und nicht auf Bewußtsein, nur auf Erscheinung und nicht auf Selbsterfahrung an. Die Interpassivität lehrt also (in der Folge Lacans), daß auch scheinbar intimste Gefühle radikal externalisiert werden können. Die Abwehr der "jouissance" sucht sich gewissermaßen ein "Subjekt, dem Genießen unterstellt werden kann", ähnlich dem Analysanden, dem im Psychoanalytiker ein Subjekt erscheint, das Gewißheit verkörpert. Und diese Übertragung bedeutet – der Abgabe von Verantwortung verwandt – eine enorme Entlastung. Die Lust, die so oft als erstes, ursprüngliches und nur notdürftig von Kultur überformtes Element konzipiert wurde, zeigt sich in diesem Licht als zweites, abgeleitetes, überformendes Element.

Im Moment befinden sich Geschichte und Theorie der Interpassivität jedoch noch im Zustand einer epistemologischen Baustelle. Ihre theoretische Statik aus Anthropologie und Psychoanalyse, aus Kunstgeschichte und Philosophie folgt eher experimentellen Anordnungen denn berechnenden Vorhersagen, und die Ergebnisse scheinen manchmal etwas windschief und wacklig. Auch das Baumaterial, die ausgebreitete Fülle von Anekdoten und Situationen aus Alltag und Kunst, Literatur, Technik und Ethnologie ist so charmant heterogen, daß man ihm nicht zutraut, jemals in einer gradwinklingen Konstruktion aufzugehen. Daher besitzt die "Interpassivität" das große Sympathiepotential einer "kleinen Theorie", die klug ist ohne schwer zu werden und die ironisch ist ohne in den Scherz abzusinken.

Claus Pias