in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, ...

Liebe deinen Umzugskarton wie dich selbst

Zur Selbstinventur und ihrem medialen Apriori

Ein Inventar ist ein Verzeichnis von Gegenständen, die Inventur seine periodische Fortschreibung unter Autopsie. Im Lateinschen ist die Inventur nicht nur das Treffen auf etwas (das, was das Inventar dann verzeichnen wird), sondern meint auch, beim Lesen auf etwas zu stoßen, etwas durch Nachforschung zu entdecken und zuletzt, etwas zu bewerkstelligen oder zu schaffen. Jeder Umzug zwingt zur Inventur der eigenen Dinge und macht dabei die Phänotypen des Aufbewahrers und des Wegwerfers beobachtbar. Oft genug sind sie verheiratet, so daß sich ein endloser Diskurs über wegzuwerfende oder aufzubewahrende Dinge entspinnen kann. Dinge, die klein und nichtig erscheinen, Dinge, die vor allem stumm sind, die aber im Moment des drohenden Verlusts ihre Ruheenergie in eine redeschaffende Kraft umwandeln können. Jeder Umzug bringt also zunächst den Gegensatz von Archiv und Erzählung hervor.

Wer umziehen will, steht fassungslos vor einer vom Raumkörper und von den Zugriffsgesten seines eigenen Körpers historisch organisierten Wohnwelt, einer Art mnemotechnischem Raum, und ist gezwungen, diese topologische Ordnung in eine ahistorische der adressierten Kisten zu übersetzen. Was gerade noch parallel existierte, muß zur seriellen Übertragung vorbereitet, was synchron war, muß diachron werden. Die Dinge werden aus ihrer gewordenen Positionen, der „Lebenswelt" ihrer Nutzungen enthoben, herausgenommen und kommen in Kartons. Der Karton als der Apparat des Umzugs hat seine medialen Bedingungen in Form genormter Größen, Tragfähigkeiten und Beschriftungsflächen. Er ist gewissermaßen Netzwerkprotokoll und unsichtbare Diskursbedingung des Umzugs. Alle Kartons sehen gleich aus, sind stapelbar und geraten im Transporter nur deshalb mit solcher Zuverlässigkeit durcheinander, weil es gewissermaßen ihr Wesen ist, ahistorische räumliche Konfigurationen zu bilden. Im Umzugskarton scheint das Transitorische zu sich und das Ende der Geschichte gekommen.

Der Karton braucht auch eine Beschriftung, eine Adressierung, damit er ankommt und man das wiederfinden wird, was wieder gefunden werden soll. Der Karton spricht also im Futur II: Etwas wird gefunden worden sein. Zwischen Absender und Empfänger gibt es jedoch eine weitere, interne Adressenstruktur, denn man muß dieses Etwas –„Information" oder materialisierte Biographie– in Einheiten zergliedern, wie sie jeweils ein Karton aufnehmen kann. Der Karton kann die Dinge nur gemäß seinen materiell/medialen Bedingungen zusammenfassen. Wenn jede Inventur auch eine Schöpfung ist, dann schafft der Umzugskarton erst jenes „système des objets", das neutral aufzunehmen er vorgibt. Nachrichtentechnisch gesprochen bezeichnet er den Abstand von Signal und Rauschen, denn erfahrungsgemäß mehren sich gegen Ende eines Umzugs die Dinge, die in keinen Karton wollen. Der Zeitungsartikel, den man einmal ausgeschnitten hat, weil er wichtig schien, einige Notizzettel, die hinter Bücher gefallen sind, ein zerknitterter Liebesbrief, ein Geschenkband, das man einmal aufbewahrt hat, weil man glaubte, einen glücklichen Moment festhalten zu können. Bilder, Texte, Zettel, Kuriosa, alle diese „letzten Dinge" (benannt nach dem letzten Karton, in den sie kommen) beschriftet man vielleicht als „diverses" oder meistens gar nicht, was wohl Zeichen der Scheu ist, daß auch die Träger des Persönlichsten in Kartons unterzubringen, also speicherbar, adressierbar, übertragbar sind.

Nachdem die Wohnung in Pakete aufgelöst ist, bleibt normalerweise der Keller oder Speicher übrig. Keller und Speicher erscheinen dabei als überdimensionale Umzugskartons in Zeitlupe, oder besser: als Kartons, die auf dem Transportweg liegengeblieben sind, die ihren Adressaten nicht erreicht haben, es aber jetzt in der Form der Plötzlichkeit tun, in dem Moment nämlich, in dem der Adressat die Adresse ändert. Was man auf den Speicher tut, wird auf unbestimmte Zeit gespeichert und der Geschichte des Gebrauchs entzogen. Aber auch wenn das Gespeicherte im sogenannten Leben keine Rolle mehr spielt, so ist es doch da und kann immer wieder zurückkommen, und wahrscheinlich sind Keller und Speicher genau deshalb im psychoanalytischen Sinne „unheimlich".

Nun kommen beim Aufräumen von Speichern gewöhnlich jene Bilder, Briefe und Geschenkbänder nur deshalb zu Bewußtsein –und damit endlich beim Adressaten an–, um im gleichen Moment zu sterben. Die Dinge verhalten sich wie vom Zerfall bedrohte Bücher, die nur durch ihr Stehen im Regal in Stand gehalten werden, die aber zu Staub werden, sobald man sie herausnimmt und aufschlägt und wieder zu lesen versucht. Was wichtig sein sollte, wird genau und nur in dem Moment unwichtig, in dem es wiedergefunden wird. Die Zeitlosigkeit des Speichers als verschollenem Umzugskarton verwandelt sich in dem Moment in Geschichte, ist also in genau dem Augenblick verloren, in dem die Zeit wieder einsetzt und seine Zeitlosigkeit bewußt macht. Das Gespeicherte blieb unentdeckt und erfüllt nun endlich seinen Zweck, muß also genau dem Moment nicht mehr gespeichert werden, in dem die Inventur es findet und entziffert.

Daß wir plötzlich etwas für unwichtig halten, was wir uns selbst aus der Vergangenheit in die Gegenwart geschickt haben, was aber den langsamen Postweg des Kellers genommen hat, liegt daran, daß Adressat und Absender nur noch den Namen gemeinsam hat. Proust hat es in der Récherche beschrieben: „In welchem Augenblick wir sie auch betrachten, immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zur Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie diejenigen der Einbildungskraft." Identität ist eine Funktion unserer Speicherorganisation. Nicht in dem Sinne, daß über Speicher Identität hergestellt würde, sondern so, daß Identität dadurch zustandekommt, daß man abspeichern und damit vergessen kann. Vergessen durch Speichern, hieße demnach die Bedingung des Individuums, und jeder offene Umzugskarton fragt, wer wir heute sein möchten. „Wie es eine Geometrie im Raume gibt", sagt Swann, „gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, in der die Berechnungen einer Oberflächenpsychologie nicht mehr stimmen würden, weil man darin die Zeit und eine ihrer Formen, die sie annimmt, nämlich das Vergessen, nicht genügend berücksichtigt hätte – das Vergessen, dessen Macht ich zu spüren begann und das ein so gewaltiges Werkzeug der Anpassung an die Wirklichkeit ist, weil es allmählich in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht." Deshalb sollten wir unsere Medien lieben wie uns selbst.

Claus Pias