in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.8.1997

Zum Kitsch intensiviertes Erleben

Von Weimar bis Fantasia: Die Farblichtmusik Alexander Lászlós als Kunst der Zukunft

"Im Zustande des Delirierens, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe, finde ich eine Übereinkunft der Farben, Töne und Düfte", heißt es bei E.T.A. Hoffmann. "Es kommt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle Weise durch den Lichtstrahl erzeugt würden und dann sich zu einem wundervollen Konzerte vereinigen müßten." Die Romantik hatte nicht zuletzt unter dem Eindruck der Laterna Magica in der Literatur jene synästhetische Phantasmagorie vorweggenommen, die mit der nächsten Jahrhundertwende durch opto-elektrische Geräte technisch eingeholt werden sollte. So lassen sich im 19. Jahrhundert zwei Linien verfolgen: Zum einen die Positivierung der Synästhesie von Farben und Klängen zu einer "audition colorée" (J. Baratoux) als psychopathologischem Befund. Zum anderen, unter den Eindrücken des Gesamtkunstwerks und der zunehmenden Abstraktion, die Entwicklung eines Metaphernfeldes klingender Farben und farbiger Klänge im ästhetischen Diskurs. Trotz früher Realisierungsversuche wie der "Lichtorgel" Wallace Rimingtons (1895) entstand erst in den 20er Jahren eine breite Diskussion um synästhetische Gestaltungen und deren Kunstanspruch. Versuche der Entgrenzung der klassischen Kunstgattungen führen in dieser kurzen Phase viele Künstler zur Licht- und Tontechnik, auf die sich manche nach der Etablierung des Ton- und Farbfilms ganz verlegten. Einer der bekanntesten war Alexander László (1895-1970), dessen Ruhm nur zwei kurze Jahre leuchtete und dessen Leben und Werk bislang kaum erforscht sind. Jörg Jewanski, der die deutsche Hälfte des László-Nachlasses verwaltet, hat ihm nun einen ausführlichen Aufsatz gewidmet ("Die Farblichtmusik Alexander Lászlós", in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 1/1997, S. 12-43).

Nach einer Klavier- und Kompositionsausbildung in Budapest und dem vielversprechenden Beginn einer Pianistenkarriere begann László Anfang der 20er Jahre zunächst die Saalbeleuchtung in seine Aufführungen einzubeziehen. Zeitgleich den Studien des Psychologen Georg Anschütz, des Mentors des Synästhesie-Forschung dieser Zeit, entwickelte er anschließend einen Apparat zur Kombination von farbigem Licht, Dias und beweglichen amorphen und geometrischen Formen. Nach einer Privatvorführung dieses ersten ,Sonchomatoskops" (1924) publizierte László zahlreiche Artikel über die damit zu begründende "Kunst der Zukunft", die "Farblichtmusik". Zwar war der Sonchronismus von der Musik her entwickelt, jedoch sollte er weder der Intensivierung des Musikerlebens dienen (wie dies Skrjabin 1915 versucht hatte), noch sollten einzelne Tonarten durch eindeutig relationierte Farben illustriert werden. Es ging vielmehr um eine neue Kunstgattung, in der abstraktes Bild und Ton sich nicht supplementär verhalten, sondern eine originäre und unverbrüchliche Einheit eingehen. László ließ ein professionelles Sonchromatoskop bauen und entkoppelte es durch ein Steuerpult vom Pianisten. Anhand der populären Farbenlehre von Wilhelm Ostwald entwarf er ein Notationssystem für Farblicht, über das Harmonie, Rhythmik, Dynamik, Form, Registrierung und Vortragsbezeichnung festgehalten werden konnten. Eigene Kompositionen für Klavier und Farblicht folgten. Der expressionistische Maler Matthias Holl lieferte Bildmaterial, der Experimentalfilmer Oskar Fischinger anfangs auch abstrakte Filme.

Nach einer besipielhaften Werbekampagne begann im Winter 1925 die Tournee. Unter Einsatz zahlreicher Scheinwerfer, Dia- und Kinoprojektoren inszenierte László jeweils Bekanntes (Bach, Chopin, Debussy, Rachmaninoff) und eigene Kompositionen. Hunderte von Artikeln erschienen in Musik-, Kunst-, Chemie, Psychologie- und Unterhaltungszeitschriften von den USA bis nach Indien. Eine ,Gesellschaft für Farblichtmusik" gründete sich, die dem Sonchronismus eine Popularität vom großen Orchesterwerk bis zum "intimen Hausapparat" prophezeite. László investierte sein gesamtes Vermögen und das seiner Frau. Anschütz sprach von dem neuen Wissenschaftszweig der ,Farbe-Ton-Forschung" und deutete die Synästhesie als Zeichen einer neuen Kultur. Mehrere Kongresse und Feldforschungen folgten.

Doch die Kunstkritik, die damals ihre Mühe mit Viertel- und Zwölftonmusik hatte, sah die Dinge zumeist anders: Lászlós Kompositionen seien unbedeutend und für die Bilder hätte es eines Klee oder Kandinsky bedurft. Die Assoziationen seien subjektiv und nicht nachvollziehbar. Bild und Ton gingen keine neue Verbindung ein, sondern liefen nebeneinander her oder verdoppelten sich. Die Bilder seien nicht abstrakt genug und in der Summe der Reize verlören die Einzelteile ihre Bedeutung. Karikaturen und Parodien erschienen. Kunsthandwerk statt Gesamtkunstwerk lautete der Tenor der Kritik, allenfalls geeignet für Vergnügungsparks und Textilindustrie. Ebenda fand man László 1926, im Zenit seiner Popularität: auf der monumentalen GeSoLei-Ausstellung in Düsseldorf, zwischen Feuerwehrturm und "Woglinde-Wellenbad". Im Pavillion "Lichttechnik", dessen Spektrum von Physiologie bis Küchenbeleuchtung reichte, gab László insgesamt 1.200 Vorstellungen, die von fast 42.000 Besuchern gesehen wurden. Konzertreisen durch Skandinavien, die Schweiz, Italien und Frankreich folgten.

Doch schon 1927 zeichnete sich ein Ende ab: Nach den anhaltend schlechten Kritiken erhielt László einerseits kaum noch Unterstützung, andererseits wandte sich die Neue Sachlichkeit vom Expressionismus ab, der jene Farblichtmusik geprägt hatte, die nun als kitschig empfunden wurde. Zudem setzte sich auch in Deutschland allmählich der Tonfilm durch, der nicht mehr von der Musik zum Bild, sondern vom Bewegtbild zur Musik verfährt. László komponierte Filmmusik (u.a. für "Westfront 1918" von G.W. Pabst), emigrierte 1933 nach Ungarn und 1938 in die USA. Erst dort, in New York, nahm er 1940/41 als Leiter der ,American Colorlight-Music Society" mit neuer Technik und neuen Kompositionen noch einmal seine Versuche auf.

Daß man zur gleichen Zeit und am gleichen Ort schon viel weiter war, übersieht Jewanski leider, wenn er László für die Ahnenreihe heutiger Videoclips reklamiert. Am 13. November 1940 feierte Walt Disneys "Fantasia" am Broadway Premiere und schuf, von abstrakt bis naturalistisch-narrativ, von Technicolor und Breitwand bis hin zur ersten Surround-Sound-Anlage der Mediengeschichte, das ästhetische und technische Paradigma des Musikvideos. Daß auch Disney damit einen Kunstanspruch formulierte und die Argumente der Kritik denen von 1926/27 aufs Haar gleichen, ist von besonderer Ironie.

1943 zog Alexander László nach Kalifornien, leitete das Symphonieorchester Hollywoods und war von da an fast ausschließlich für die Filmindustrie tätig. Bis zu seinem Tod 1970 komponierte er die Musik für ca. 60 Spiel- und über 2.000 Fernsehfilme.

Claus Pias