in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, ?.?.?

Triumph der Gleichform

Gut ist, was zusammenpaßt: Ernst Neufert fand das Maß aller Dinge

Wer in den letzten Wochen die Weimarer Architekturhochschule betrat, geriet unweigerlich ins Flutlicht von Fernsehteams, die bis aus Korea angereist waren. Schließlich hatte das Bauhaus seinen 75. Geburtstag. Die Mitglieder der dort neugegründeten Fakultät Gestaltung bewegten jedoch ganz alltägliche Probleme. Um der überall gegenwärtigen Raum- und Wohnungsnot zu begegnen, plant man ein selbstkonzipiertes und -finanziertes Atelierhaus in Plattenbauweise. Ein Architekturhistoriker aus dem Westen klärt über die Vorzüge der Platte auf: keine andere Bauweise sei so einfach und kostengünstig, so flexibel und offen für jede Art von Gestaltung, könne doch jedes Bauteil ohne Mehraufwand nach individuellen Wünschen gegossen werden.

Bei der Suche nach den Anfängen der Normierung stößt man früher oder später auf den Namen von Ernst Neufert (1900 bis 1986), einen der ersten Studenten des Weimarer Bauhauses. Neufert ist die wohl folgenreichste Gestalt in der Geschichte der Baunormung. In seinen Werken herrschte ein Geist universaler Kontrolle, der mit den Anforderungen des politischen Totalitarismus harmonierte. Die BauhausHistorie hat ihn deshalb wenig beachtet (Wolfgang Voigt, "Triumph der Gleichform und des Zusammenpassens". Ernst Neufert und die Normung in der Architektur, in: Bauhaus-Moderne und Nationalsozialismus, hrsg. von Winfried Nerdinger. München 1993).

Nachdem Neufert bei Gropius studiert und sich intensiv am Neubau in Dessau beteiligt hat, wird er schon mit 26 Jahren Professor in Weimar. Nur vier Jahre später wird er unter der thüringischen NS-Regierung, der ersten in Deutschland, wieder entlassen und beschäftigt sich einige Jahre mit vorgefertigten Schnell- und Sparbauweisen in Holz. Dies und die Materialsammlungen seiner Weimarer Unterrichtstätigkeit bilden den Grundstock für sein 1936 erschienenes standardwerk, die "Bauentwurfslehre", die heute in zwölf Sprachen übersetzt ist und deren Weltauflage auf über 600000 Exemplare geschätzt werden darf. Mit mehr als 2700 schematischen Darstellungen erhebt dieses Werk den Anspruch, Auskunft über die Maße aller von Menschen benutzten Räume zu geben. Unter Berufung auf die Tradition anthropomorpher Proportionslehren bei Alberti und Dürer bestimmt Neufert, wieviel Platz "der Mensch" — der bei ihm 1,75m groß ist — braucht: sei es in der Wohnung, im Bett, am Arbeitsplatz, in Verkehrsmitteln, im Luftschutzkeller und zuletzt im Grab.

Nicht nur dieser auf einem ideologischen Körperkonstrukt beruhende Totalitätsanspruch hat das Buch für die Nationalsozialisten interessant gemacht. Im Rahmen der Kriegswirtschaft wurde es auch als Kompendium der Rationalisierung des Bauwesens unerläßlich. Dies hat Tradition, entsprang doch der Normenausschuß der Deutschen Industrie 1917 den wirtschaftlichen Forderungen des Ersten Weltkriegs. Schon im gleichen Jahr formierte sich ein Filialausschuß für Normung im Bauwesen, der bis zum Beginn der dreißiger Jahre etwa hundert Baunormen verabschiedete.

Solches Gedankengut war dem Dessauer Bauhaus mit seinem Glauben an eine umfassende Systematisierung nicht fremd: Gropius etwa hielt 1926 einen Vortrag über das "Wohnhaus vom Lager" vor jenem Normenausschuß, der zehn Jahre später ein Geleitwort zu Neuferts "Bauentwurfslehre" beisteuerte. So machte Neufert, der sich trotz seiner Dienste für das "Dritte Reich" immer zur BauhausModerne bekannte, auch keine Konzessionen an die "offizielle" Architektur, sondern hielt sich an Mies und Gropius, May und Mendelsohn, Klein oder Bruno Taut.

Weniger ästhetische Inhalte, sondern der umfassende Kontrollanspruch war die Schnittstelle zur NS-Ideologie. 1938 ernannte Albert Speer Neufert zum Beauftragten für die Rationalisierung des Berliner Wohnungsbaus. Neufert befaßt sich mit der Normung im Bereich militärischer Bauten und entwickelt das Industriebaumaß (IBA) von 2,50m, das 1942 zur DIN-Norm für Industrie- und sämtliche Unterkunftsbauten wurde. Im Jahr darauf — Neufert war inzwischen Leiter des Baunormungsausschusses geworden — erschien die "Bauordnungslehre", die durch ein Vorwort von Albert Speer sanktioniert wird. Neufert erhebt dort das Oktameter (1,25 m) zum Grundmaß allen Bauens.

Sein antisemitischer Ausfall, daß der Nenner sieben unbrauchbar sei, weil diese Zahl "bei vielen kultischen Handlungen, vor allem bei Juden", in Gebrauch sei, wurde in Nachkriegsausgaben vorsorglich getilgt. Den Horizont bildete die Herrschaft der Normierung nach dem "Endsieg". Neufert entwarf zuletzt eine gigantische "Hausbaumaschine", die auf Schienen vorwärtsrollen und hinter sich betongegossenen, fünfgeschossigen Zeilenbau hinterlassen sollte: im Sommer wie im Winter zehn Wohnungen pro Woche für die zerstörten Städte und "die gewaltigen Bauaufgaben im Osten". Waffen und Bauindustrie benutzen, wie Paul Virilio herausgestellt hat, die gleichen "Transportvektoren".

Gropius, der sich schon in den zwanziger Jahren selbst mit Ideen industrialisierten und normierten Bauens beschäftigte, wollte nach dem Krieg nicht mehr mit den Arbeiten seines Schülers in Zusammenhang gebracht werden. Es handle sich dabei nur um eine "aus der Nazi-Mentalität abgeleitete mechanistisch-technokratische Einstellung". Neufert jedoch war weiterhin auf dem Plan. Im Juni 1945 wurde er zum Leiter der Weimarer Architekturhochschule berufen. Er nahm an, zog sich dann aber zugunsten eines Rufs nach Darmstadt zurück.

An seine Stelle kam — aus völlig anderem politischen Lager — Hermann Henselmann. Was jedoch blieb, waren die Aufgaben ("Sparsamkeit" und "Einordnung in den Wiederaufbau", wie dieser formulierte) und Neuferts Verfahren der Normung.