in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. März 2000

»Verdammt zum Kritzeln-müssen«

Kaum ein Philosoph hat der metaphysischen wie materiellen Doppelgestalt des Schreibaktes, diesem Ensemble aus Hermeneutik und Medientechnologie, so viel Beachtung geschenkt wie der Philologe Friedrich Nietzsche. Dies belegen nicht nur die zahllosen Nachrichten aus seinem »Schreibtierleben«, das geradezu als Labor verschiedener Federn, Tinten und Papiere erscheint. Während sich die verschiedensten und widerstebensten künstlerischen, politischen und lebensreformerischen Bewegungen der ersten Jahrhunderthälfte durch den Autor Nietzsche selbst zu autorisieren suchten, nimmt er selbst diese Funktion zurück und nennt Peter Gast den »eigentlichen Schriftsteller«. Schreiben sei vielmehr ein »Fest der Muskeln« und vielleicht jenen Diagrammen verwandt, die Myographen liefern. Als medienbewußter »Lehrer des langsamen Lesens« läßt er seine Texte in ungewohnter Antiqua statt in leicht lesbarer Fraktur setzen. Und als Autor der (nach eigenem Bekunden) »wie ein Schwein« schreibt, läßt er seine »Gedanken drucken, damit sie für mich lesbar werden«. Nachdem die französische Philosophie Nietzsche in den 70er Jahren für sich entdeckt hatte, erkannte die deutsche Medientheorie der 80er in ihm den »ersten mechanisierten Philosophen«, in dessen Schreiben an die Stelle des Menschen, seiner Gedanken und seiner Autorschaft »zwei Geschlechter, der Text und ein blindes Schreibzeug« (Friedrich Kittler) treten.

Unter dem Motto »Ich habe meinen Regenschirm vergessen«, mit dem Derrida einst die poststrukturalistische Nietzsche-Rezeption eingeleitet hatte, organisierten das Kolleg Friedrich Nietzsche und die Bauhaus-Universität am vergangenen Wochenende eine Tagung in Weimar. Ihr Zentrum bildete die öffentliche Präsentation der »Abteilung IX« der von Giorgio Colli und Mazzino Montinari begonnenen »Kritischen Gesamtausgabe« der Werke Nietzsches (KGW). Hinter diesem schlichten Titel verbirgt sich der ebenso mutige wie fruchtbare Schritt, die bisherigen Editionsprinzipien zu verlassen, um die medial-poetologischen Reflexionen auch editionsphilologisch adäquat darstellen zu können. Gegenstand sind die nachgelassenen Schriften von 1885-89, die nach dem Willen der Herausgeber Marie-Luise Haase (Berlin) und Michael Kohlenbach (Bern) nicht mit einem lemmatischen Apparat versehen, sondern in diplomatischer Umschrift erscheinen sollen. Die KGW hatte bekanntlich die Notizhefte Nietzsches in einem werkteleologischen Sinne aufgelöst. Das, was von ihm verwendet wurde, gelangte in die Werk-Bände, das was übrigblieb hingegen in die Fragment-Bände, so daß der Schreibkontext nur über einen nahezu inkommensurablen Apparat hätte rekonstruiert werden können. Die neue Abteilung will nun (Doubletten bewußt in Kauf nehmend) in den kommenden fünf Jahren die Schreibhefte in ihrer ganzen Heterogenität von Briefentwürfen, Aphorismen, Buchstabenspielen, Zeichnungen und Einkaufslisten zugänglich machen und damit ein ebenso fließendes wie diskontinuierliches Denken »mit dem Schreibzeug« sichtbar machen. Selbstredend gibt es dabei bezeichnende Fehllektüren zu entdecken, wenn etwa aus dem Physiker »Boskovich« wieder ein alltägliches »Bisquit« wird oder einmal nicht über die »Frauen«, sondern über die »Frommen« gespottet wird. Und auch Nietzsches Klage über seine unleserliche Handschrift entpuppt sich anscheinend als Buhlen um Hilfsbereitschaft.

Doch die eigentlich interessante Diskussion, die sich auch zwischen Nietzsche-Lesern und Nietzsche-Herausgebern produktiv entspann, galt nicht schönen Trouvaillen oder editorischen standards, sondern dem »Nutzen und Nachteil« der integralen, diplomatischen Edition selbst. Auf welche Lektürenwünsche reagiert ein solches Vorgehen, welche Lesarten impliziert es und wo sind seine Grenzen? In den rahmenden Vorträgen wurde »Nietzsches Schreiben« (so der Untertitel der Tagung) als eine Ökonomie zwischen physikalischem Energieaufwand und informatischer Vielfalt gelesen (Joseph Vogl). Es wurde als Prozeß der »körperlichen Überwältigung der Schreibwerkzeuge« (Martin Stingelin) rekonstruiert. Es wurden jene Schreibstellen zwischen »Schirm- und Seinsvergessenheit« aufgesucht (Bettine Menke), die nichts sagen wollen und doch immer Sinn produzieren, und es wurden die Notizbücher als »Hypomnemata« gelesen, in denen sich das Selbst durch Schreiben erst konstituiert (Wilhelm Schmid). Alle diese Zugangsweisen bedürfen letztlich des Originals oder der Abbildungstreue des Faksimile.

Die Ausgabe gerät dadurch in ein Authentizitäts-Dilemma: Wo sie dokumentarische Materialität lückenlos zugänglich machen will, tilgt sie dieselbe immer schon durch die Übersetzung von Hand- in Druckschrift. Wie filigran die farbige Transkription von verschiedenen Tintenarten, Streichungen, interlinearem oder kopfstehendem Text auch sein mag — das Graphologische oder Physische des Schreibens muß sie notwendig löschen. Ebenso unverzichtbar wie die Transkription selbst wäre also eine Faksimilierung der jeweiligen Handschrift (sei es im Druck oder durch Digitalisierung), und den Herausgebern ist nur zu wünschen, daß der Verlag diesem dringenden Desiderat nachkommt.

Ein Verdienst Nietzsches war es, das Vergessen ins Zentrum der Kulturtheorie zu rücken und die Frage zu stellen, wieviel Historie wir »zum Leben und zur That« brauchen, wieviel wir zum Glücklichsein vergessen müssen und welcher »Kraft« dieses Vergessen bedarf, um weder »Mikrologen« an Monumenten zu werden noch antiquarische Nester zu bauen. Je mehr sich eine »historisch-kritisch« Ausgabe um den »authentischen« Schreiber Nietzsche bemüht, umso mehr scheint sie sich von einer nietzscheanischen Philologie zu entfernen. Die Stärken dieser Ausgabe werden sich an der Stärke ihrer Leser ermessen lassen, dem »Erkenntniß-Überfluß« zu widerstehen und die Nietzsche-Forschung vergessend und umwertend zu beleben.