in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2000

Bretterwerk Nietzsche

Immer noch postmodern: Gianni Vattimo nimmt der Philosophie in Weimar noch eine Fessel ab

Wenn sich die Kinder etwas Gesundes, etwas Süßes und etwas zum Basteln wünschen, dann kauft die gewitzte Mutter bekanntlich nicht etwa eine Tüte Milch, eine Tafel Schokolade und einen Modellbaukasten. Als Hausfrau, die rechnen kann, weiß sie, wie man die verschiedenen Wünsche auf einen eiförmigen Nenner bringen kann. Ähnlich kompakten Stereoanlagen, Küchenmaschinen oder Sammelbänden beantwortet das Überraschungsei durch funktionale Binnendifferenzierung mehrere Begehren zugleich. Alles ist da, nur eben in »light«.

Als am vergangenen Donnerstag das junge Kolleg Friedrich Nietzsche die Reihe seiner »Nietzsche-Vorlesungen« eröffnete, die von nun an semesterweise stattfinden sollen, wurden ebenfalls drei Wünsche laut. »Kulturgeschichtliche Forschung« solle am Ort »zwischen Tradition und Moderne« betrieben werden, zugleich müsse es aber auch um ein »Denken der Gegenwart« gehen, das in diese eingreift, und zuletzt sei es noch nötig, sich einmal Gedanken darüber machen, wie die »Gegenstände des Wissens«, mit denen wir so sorglos arbeiten, eigentlich fabriziert werden.

An ihren Ansprüchen lassen sich die Initiatoren und Betreiber der Nietzsche-Gastprofessur leicht ausmachen: Die Stiftung Weimarer Klassik, die sich etwas mehr Bewegung in ihrem Forschungsspektrum wünscht, das immer noch recht still auf klassisch-philologischem Boden steht. Das Kolleg Friedrich Nietzsche mit seinem unermüdlichen Leiter Rüdiger Schmidt, der sich vorgenommen hat, die universitäre Philosophie zur Selbstentfesselung anzuleiten. Und zuletzt die »Fakultät Medien« der Bauhaus Universität Weimar, die in Nietzsche schon deshalb ihren Ahnherrn ausmachen kann, weil dieser das Außen der Philosophie — ihre technisch-materielle Basis ebenso wie die Historizität ihrer Diskursbedingungen — in die Philosophie hereingeholt und damit eine medienhistorisch belastbare Denkfigur vorgeführt hat. Bei der Verwandlung dieser dreifachen Leerstelle in eine einfache Lehrstelle fiel die Wahl auf den Turiner Philosophen Gianni Vattimo, dessen umfangreiches Oeuvre nicht nur von Schleiermacher über Nietzsche zu Heidegger, von der Ästhetik über politische Philosophie bis zur Postmoderne reicht, sondern der auch als Europa-Abgeordneter gewissermaßen professionell auf die Anliegen der Gegenwart blickt und sich seit einigen Jahren zudem noch mit den Fragen von Technologie und Medien beschäftigt.

Vielleicht etwas verunsichert darüber, wer denn nun der Adressat seiner Überlegungen sei, versicherte Vattimo mit polyglottem Charme und weltläufiger Bescheidenheit, daß es in den folgenden Vorlesungen »nur noch besser werden« könne und beschränkte sich vorerst darauf, seine Devise »Immer noch Nietzsche!« zu erläutern. Es gelte — so Vattimo — Nietzsche gebrochen durch Heidegger wahrzunehmen, der ihn nicht als Kulturkritiker oder Lebensphilosoph gelesen, sondern ihn als Metaphysiker begriffen und seine seinsgeschichtliche Stellung erkannt habe. Die nihilistische Selbstauflösung von Wahrheit und Ursprung bei Nietzsche bedeute bei Heidegger das »Sein als Grund des Seienden fahren lassen«. Und wenn es bei Nietzsche keine Irrtümer gebe, die durch eine Wahrheit zu entlarven wären, sondern nur das »Bretterwerk«, das laufend auf-, ab- und umgebaut wird, dann heiße dies bei Heidegger, daß das Sein nur andenkend gedacht werden kann. Aber gerade dieses Andenken ist laut Nietzsche in der Lage, »Farben und Schönheiten und Rätsel und Reichtümer von Bedeutung aufzuzeigen«. Das Wieder-holen der bunten Irrtümer der Metaphysik, die Rekonstruktion der historischen Entbergungen und Verbergungen, des Erscheinens und Verschwindens, ist für Vattimo ein Gedanke, der gleichermaßen Strukturalismus, Diskursanalyse, Wissenschaftsgeschichte oder analytische Philosophie durchzieht. Die Gleichung des »Links-Heideggerianers« (Vattimo über Vattimo) lautet folglich: Man streiche den Willen zur Macht und den Übermenschen, behalte den Nihilismus und die Ewige Widerkehr und erhalte ein gegenwartstaugliches Denkmodell.

Diese Gegenwart nannte man in den 80er Jahren »Postmoderne« und so nennt Vattimo sie heute noch — was verwundert, da diese Debatte seit 1989 verstummt zu sein schien. »Immer noch Postmoderne?« Ironische Zuhörer, die sich noch an das Buch La fine della modernità von 1985 erinnerten, mochten hoffen, daß es nun die Postmoderne selbst (mit Heidegger) zu »verwinden« gelte. Doch Vattimo scheint mehr an dem Problem gelegen, daß die Aporien der »schwachen Wahrheit« in einer Welt der vielen Interpretationen noch immer nicht gelöst sind. Und so blieben die entscheidenden Fragen offen für die nächsten Vorlesungen: Beispielsweise an den Politiker Vattimo nach den Möglichkeiten des Politischen unter nihilistischen Bedingungen. Oder an den Philosophen Vattimo, welche Optionen vielleicht in den umstrittensten und zugleich historischsten Begriffen Wille zur Macht und Übermensch stecken. Und an den Zeitdiagnostiker, wie die Widersprüche einer »Ontologie der Gegenwart« im Anschluß an Nietzsche und Foucault zu lösen wären. Etwas Gesundes, etwas Süßes und etwas zum Basteln eben.

Schließlich besteht der Sinn dieser und der folgenden Veranstaltungen nicht darin, über den historischen Nietzsche zu sprechen, sondern über Philosophie und Gegenwart. Sie sollen Begriffe und Denkfiguren für aktuelle Phänomene prüfen, Positionen präsentieren und mögliche Wirklichkeitsaufschlüsse zur Verhandlung stellen. Für diesen Zweck bieten Weimar und das Kolleg Friedrich Nietzsche zweifellos eine hervorragende Plattform. Daß man dem »pensiere debole«, dem »schwachen Denken«, bei diesem allerersten Versuch in einer warmen Frühlingsnacht noch mit »easy listening« folgen konnte, sollte kein Grund zur Irritation sein

CLAUS PIAS