in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.4.1997

Percy muß sich wehren

Norman Rockwell illustriert den amerikanischen Mythos

In der amerikanischen Jugendzeitschrift "St. Nicholas" erschien 1917 die Erzählung "Making Good in Boys Camp", deren Struktur sich in un-zähligen Filmen wiederholen sollte. In einem Ferienlager, der sozialen Normierungsstätte des american way of life, werden die Kinder der Mittelschicht mit ihren Adoleszenzproblemen versammelt, um nach einigen Wochen Natur- und Gruppenerfahrung als gefestigte und gemeinschaftskompatible Charaktere in ihre Elternhäuser entlassen zu werden. Wiederholte Zielscheibe des Spottes, deren es in den pädagogisch wertvollen Heften nur wenige gab, ist der verweichlichte, herausgeputzte, ungeschickte und von seinen reichen Eltern verzogene Junge, gegen den sich die "normalen" Leser alliieren dürfen. "Making Good in Boys Camp" demonstriert an solch einem Fall den Besserungserfolg: Ein Junge, den man vorher nur Percy nennen konnte, lernt, seine Socken zu waschen, sein Lager zu bauen und wird zuletzt von allen respektvoll mit Bill angeredet. Wer Percy hieß mußte, dem Klassiker "The American Language" von H.L. Mencken (1936) zufolge, lernen, seinen Namen mit den Fäusten zu verteidigen. Percy sei (so Mencken) ein Name für gezierte aristokratische Engländer und für effeminierte, verweichlichte und unamerikanische Existenzen reserviert.

Der Illustrator dieser Geschichte war kein geringerer als der junge Norman Rockwell, der zum Maler der spezifisch amerikanischen conditio humana werden sollte. Rockwell hatte seit seiner Kindheit unter der Anglophilie seiner Mutter gelitten, vor allem unter seinem zweiten Vornamen Percevel ("mit e; a und i sind gewöhnlich", wie er in seinen Erinnerungen berichtet). Als er mit 17 Jahren seine ersten Bilder veröffentlichte, ließ auch er sich nicht mehr Percy nennen und signierte fortan nur noch "Norman Rockwell". Er war nicht nur selbst zu einem richtigen amerikanischen Mann geworden, sondern formulierte denselben fortan 47 Jahre lang in Öl auf Leinwand auf den Titelseiten der "Saturday Evening Post". Diese Verbindung artikulierte so nachhaltig die Lebensvorstellungen der weißen, heterosexuellen amerikanischen Mittelschicht, daß bis heute eine kritische kunsthistorische Studie über Rockwell ausgeblieben ist. Besonders amerikanische Interpreten haben in seinen Werken bisher entweder nur Kitsch gesehen (Clement Greenberg), oder sie in coffee-table books als essentielle menschliche Wahrheiten gefeiert. Daß Rockwells persönliche Disposition besonders folgenreich mit einer historischen Situation zusammentraf, zeigt nun Eric Segal ("Norman Rockwell and the Fashioning of American Masculinity", in: The Art Bulletin, Dec. 1996, pp. 633-646).

In den ersten zwei Jahrzehnten löste sich - zeitgleich der europäischen Lebensreform - ein bestimmtes Ideal des kultivierten Ichs auf und es entstand eine definitorische Marktlücke, die Rockwell visuell füllen sollte. Entscheidend waren nicht nur der Erste Weltkrieg, sondern auch die Situation der Familie und das psychologische Interesse an pubertärer Charakterformung. G. Stanley Hall formulierte eine der ersten Adoleszenztheorien, die rasch in ungezählten populären Diskursen aufging. Halls neo-darwinistische Theorie definiert die Pubertät als begrenzte und entscheidende Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein, wobei die weiße Mittelschicht die vielversprechendste soziale Gruppe für den Fortschritt der westlichen Zivilisation zum "Übermenschen" darstelle. Unter- und Oberschicht treffen sich dabei in ihrer Schwäche, ihrem Mangel an Vitalität, ihrer Kriminalität oder Decadence und behindern nur den Prozess der natürlichen Selektion. Der Glaube an einen Zusammenhang von Ontogenese und Phylogenese erhob diese Selbstnaturalisierung der Mittelschicht in den Rang einer nationalen Debatte. Von hier aus wird beispielsweise der berühmte Aphorismus Theodore Roosevelts (eines Anhängers von Hall) verständlich: "Wenn es im Einzelnen ist, ist es in der Nation".

Auch Halls These eines femininen Stadiums in der Adoleszenz, aus dem es rasch herauszuwachsen gelte, fand in zahlreichen zeitgenössischen Pamphleten Anklang, die gegen die Feminisierung der Erziehung polemisierten. Nicht nur die moderne Abwesenheit der angestellten Väter sei ein Hindernis für die gesunde Entwicklung des männlichen Nachwuchses, auch die Erziehungsinstitutionen seien hoffnungslos feminisiert. Diese Präsenz weiblicher Autorität zerstöre den männlichen Einfluß auf Jungen, während die hauptsächlich im Sitzen ausgeführten Aktivitäten ihre Körper (zusätzlich zur allgemeinen Neurasthenie-Gefahr der Großstadt) schwächten. Die Mitgliederzahlen der YMCA (Young Men's Christian Association, gegr. 1851) und vor allem der Pfadfinder (Boy Scouts of America, gegr. 1910), die die außerschulische Charakter- und Gesundheitsformung oranisierten, explodierten in diesen Jahren. Besonders letztere vertanden sich als Schöpfer des Mannes der Zukunft aus dem Geist des american frontier und gegen die Großstadt, die Feminisierung und das moderne Leben.

Die Aufgabe, vor die Norman Rockwell sich gestellt sah, lag also in der visuellen Definition einer Männlichkeit zwischen dem effeminierten sissy, dem übertrieben modischen fop europäischen Einschlags mit schwachen Nerven und zweifelhafter Vitalität und dem nackten, muskelbepackten Körper des Arbeiters. Letzterer fand sich vor allem in der Werbung der Industrie: Entblößte Oberkörper, die in Symbiose mit den Maschinen, mit denen sie meist auftraten, bloß reine Kraft symbolisierten. Als erotisierte, klassizierte oder exotisierte Körper umrankten sie die Maschine als Fetisch der Modernität, blieben selbst aber gesichtslose und gewissermaßen antimoderne Gestalten. Seit seinem ersten Cover für die "Saturday Evening Post" im Mai 1916 arbeitete Rockwell immer wieder an einer zeichenhaften Konstruktion von Männlichkeit zwischen diesen Extremen. Ebenso wie Homosexualität damals noch keine Frage der sexuellen Praxis, sondern eine der verdächtig effeminierten Kleidung und Motorik war, war auch "natürliche" Männlichkeit eine Frage des Codes. Rockwell führt diese angemessene Sprache der Männlichkeit jedoch nicht isoliert vor, sondern zeigt dem Betrachter meist mehrere Möglichkeiten. Obwohl oft von einem stark erzählerischen Moment überspielt, erscheint eine davon immer völlig selbstverständlich und konventionslos, und diese gerade ist es, die die Konvention schafft. Irgendwann endet dieses Werben um den Betrachter folgerichtig in der Werbung für ein Produkt, und die Zeichen der korrekter Männlichkeit werden zu Warenzeichen der Bekleidungsfirmen. 1933 erscheint mit dem "Esquire" das erste Herrenbekleidugs-Magazin.

Claus Pias