in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.5.1997

Animalische Kurven

Entdeckt: Der Meister des Tiermusterbuches von Weimar

Die magische Jahreszahl 1999 scheint sich immer schneller auf Weimar zuzubewegen und läßt das Städtchen inzwischen im Zustand totaler Mobilmachung erscheinen. Weimar sucht sich darüber klarzuwerden, was es zu bieten hat: Nicht nur die reale Bautätigkeit hat sich bis zur Unbewohnbarkeit gesteigert, auch in den Museen und Archiven sind fieberhafte Grabungsarbeiten im Gange. Daß man dabei noch Schätze bergen kann, zeigt ein Fund, der schon jetzt bekannt geworden ist.

Die Weimarer Kunstsammlungen besitzen bekanntlich einen reichen Bestand an italienischen Zeichnungen, deren Ausstellung ein Glanzlicht der Kulturhauptstadt 1999 werden soll. Bei der Revision dieses Bestandes stießen Hermann Mildenberger, der Leiter der Graphischen Sammlung, und Verena Fischer-Pace, die Bearbeiterin des Ausstellungskataloges, auf sechs Blätter mit Tiermotiven im Format 16 ¥ 20 cm, die beim Ankauf 1890 Pisanello zugeschrieben wurden. Zweifel an dieser Zuschreibung führten zu Annegrit Schmitt, einer der größten Kennerinnen italienischer Zeichnung, die das Rätsel mit geradezu kriminsalistischem Gespür löste und in einer luxuriös ausgestatteten Festgabe zum 90. Geburtstag ihres Mannes, Bernhard Degenhart (FAZ vom 5. Mai), veröffentlichte.

Lange Zeit wurden fast alle frühen Tierzeichnungen Pisanello zugeschrieben. Das humanistische Künstlerlob überlieferte ihn als feinsinnigsten und bekanntesten Tierdarsteller an der Wende von der Spätgotik zur Frührenaissance, und die Zuschreibung der vielen Tierdarstellungen des Codex Vallardi im 19. Jahrhundert, die meist Vorläufer oder Werkstatt sind, festigte diesen Ruf. Als ,Vittore Pisano" erschienen auch die sechs Weimarer Zeichnungen im Auktionskatalog der Sammlung William Mitchell von 1890, dessen Vorwort Carl Ruland verfaßt hatte. Ruland, ehemals Verwalter der königlichen Kunstsammlungen in Windsor Castle und seit Jahrzehnten mit Mitchell bekannt, bekleidete seit 1870 Goethes Stelle als Leiter großherzoglichen Sammlungen in Weimar und war seit 1885 auch Leiter des neugegründeten Goethe-Nationalmuseums. Da einer seiner Sammlungsschwerpunkte auf Zeichnungen und Druckgraphik alter Meister lag, ließ er sich die sechs Blätter mit insgesamt 20 Tierdarstellungen nicht entgehen.

Annegret Schmitt hat die Weimarer Blätter mit den weltweit bekannten, etwa zeitgleichen Zeichnungen verglichen und ein dichtes Netz an Beziehungen rekonstruiert. Da sich ein Motiv Pisanellos aus dem Codex Vallardi unweifelhaft auf ein Weimarer Blatt zurückführen läßt, erscheinen diese in zeitlicher und rämlicher Nähe. Vergleichbare Zeichnungen liegen in London (vier Blätter), New York (vier Blätter) und Haarlem (ein Blatt). Hinzu kommt das heute in Bergamo befindliche Taccuino des Giovannino de'Grassi und seiner Werkstatt, der, vier Jahrzehnte älter als Pisanello, nicht nur führender Tiermaler der Lombardei und Dombaumeister in Mailand, sondern auch ein gefragter Buchkünstler war. Musterbücher dieser Art waren ein unentbehrliches Hilfsmittel in jeder Künstlerwerkstatt, bei dem man weniger Wert auf eigene Seherfahrung als auf emblematische Kennzeichnung und Identifizierbarkeit legte. Sie waren vorbildliche Kompendien meist zeilenförmig aufgereihter, isolierter Tiere in typischen Haltungen und bei artspezifischen Tätigkeiten. Ihr Status als Arbeitswerkzeug ermöglicht es heute nicht nur, Kopien chronologisch zu verknüpfen, sondern auch Konvolute loser Seiten wieder zu ordnen, denn Musterbücher und -mappen wurden schon früh zu begehrten Sammler objekten, wurden aufgelöst und sind heute oft über viele Museen verteilt. Wenn sich also ein Motiv des Haarlemer Blattes auch auf einem der Londoner Blätter findet, dann können sie nicht ein und demselben Musterbuch angehört haben. Nimmt man dagegen die Weimarer, Londoner und New Yorker Blätter zusammen, wiederholt sich kein Motiv. Außerdem sind diese Blätter gleich groß, lassen Nadelstiche an den gleichen Stellen erkennen und weisen Numerierungen von jüngerer Hand auf. Annegrit Schmitt gelingt damit der Nachweis, daß diese Blätter ursprünglich zu einem zusammenhängenden Musterbuch mit 36 Tierexempla gehört haben müssen, das wahrscheinlich bis kurz vor 1890 noch gebunden war und dann zur Versteigerung aufgelöst wurde. Nachweislich stammen auch die New Yorker Blätter aus der Sammlung Mitchell.

Während die Londoner und New Yorker Blätter schon seit einiger Zeit erforscht sind, wurden die Weimarer vergessen. Da sie nun das Hauptkonvolut bilden, der Künstler aber namentlich nicht faßbar bleibt, wird er in der Kunstgeschichte fortan als ,Meister des Tiermusterbuchs von Weimar" gehandelt. Es muß sich um das Werk eines Giovanninno de'Grassi nahestehenden, lombardischen Meisters handeln, denn die Tiere des Taccuino erscheinen ikonographisch und stilistisch als unmittelbare Vorstufen zu denen des Weimarer Meisters. Dies betrifft nicht nur die strenge Anordnung der Zeichnungen (immer zwei übereinander) und den Verzicht auf ein erzählerisches Moment. Der Leopard als Wappentier der Visconti, der Haupt auftraggeber von Giovannino de Grassi, erscheint zehnmal im Taccuino und viermal im Tiermusterbuch von Weimar. Die deckende Pinseltechnik, die breiten Umrißlinien und die akzentuierende Binnenzeichnung lassen zudem auf einen Buchmaler schließen.

Das Weimarer Musterbuch knüpft eine Motivkette von Giovannino de'Grassi zu seinem Nachfolger am Hof der Visconti, Michelino da Besozzo, und zu Pisanello bis weit ins 15. Jahrhundert hinein. Es zeigt den großen Einfluß der Musterbuchtradition und die Verzahnung einer Formung an Vorbildern mit einer voranschreitenden Naturbeobachtung. Pisanello erscheint an dieser breiten Schwelle, an der Musterbücher noch wesentliche Träger der Formvermittlung waren, obwohl das Naturstudium zusehends selbstverständlich wurde. Öffentlich zu sehen sein werden die Zeichnungen erstmals 1999.

Claus Pias