in: Texte zur Kunst, 6/1992, S. 174-176

Baudrillard revisited

"Wir stehen vor einem gewaltigen Prozeß des Revisionismus. [...] Ich schlage vor, daß die neunziger Jahre im voraus gestrichen werden und wir direkt aus dem Jahr 1990 ins Jahr 2000 springen. Da das Ende dieses Jahrhunderts bereits da ist [...], wollen wir uns da wirklich noch einmal 10 Jahre in dieser Mühle langweilen?" Jean Baudrillard, von dem dieser Vorschlag stammte, wurde inzwischen von seiner eigenen Prophezeiung erfaßt. Wenn die Simulationstheorie, von der er sich vor gut zehn Jahren verabschiedete, recht damit hatte, daß die Dinge im Moment ihrer Omnipräsenz auch den Zustand ihrer völligen Entmachtung erreichen, dann dürfte es ihr, durch ihr Vordringen "in die Sprache der Hinterwäldler" (so Baudrillard), endgültig selbst so ergangen sein. Und die in letzter Zeit erschienenen Simulationsauflagen seiner Werke (Das System der Dinge, Campus 1991; Die fatalen Strategien, Matthes & Seitz 1991) wären insofern nur Markierungen auf dem Weg zur durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Klassikers.

In der Gründerzeit der Postmoderne, der Dämmerung von High und Low, hieß es, den Blick von der Sinnfindung auf die ideologische Konstruiertheit allen Sinns im System der Dinge zu wenden. Unter dem hegelianischen Motto, daß das Bekannte nur deshalb bekannt sei, weil es nicht erkannt sei, ging es 1968, gerüstet mit Psychoanalyse, Marxismus und Linguistik, an die Domäne des unhinterfragten Bekannten: den Alltag. So kam Baudrillard zu dem Schluß, daß der Weg der Moderne entropisch gewesen sei: "Die ursprüngliche Energie verläuft sich langsam in ausgeklügelten Verfestigungen der strukturalen, pikturalen, ideologischen, linguistischen und psychoanalytischen Umwälzung — postmoderne Endbilder, die den künstlichsten und eklektischsten Tiefstand markieren, den zerkrümelten Fetischismus aller Idole und der uns vorangegangenen reinen Zeichen" (cool memories). Oder, um es im Reich der "alltäglichen Gegenstände" zu belassen: Die Waschmaschine ist erfunden, der Rest ist Ausdifferenzierung. Und die Utopie der absoluten Waschmaschine, in der sich Stoff, Form und Funktion zur harmonischen Totalität eines "Modells" fügen, kann man getrost fahren lassen. Das "System" ist nicht an Sinn und der dialektischen Auflösung von Antagonismen interessiert, sondern zielt gerade auf Inkohärenz, auf das Inessentielle, also auf die "Vollzugsvarianten" der Dinge. So rutscht die Ordnung aus der Vertikalen des Sinns in die Horizontale: die Differenzen der Gegenstände untereinander sind das Entscheidende, nicht ihr (symbolischer / transzendentaler) Bezug auf ein Modell. Dabei findet keine Verflüchtigung des essentiellen / auratischen Originals in die Menge der Reproduktionen statt, sondern das Modell selbst existiert nur noch als vage Illusion, die aus der Summe der spezifischen Differenzen erwächst. Insofern wird es unmöglich, ins Licht eines 'Wahren' oder 'Authentischen' aufzusteigen, denn dieses generiert sich nur noch im jeweiligen, Modulationen konsumierenden Subjekt und im Vollzug ebendieses Konsums. Damit wird jedweder "Verbrauch" zu einer Art unendlicher Sammlertätigkeit "verpersönlicht" und das Objekt selbst zum Zeichen entleert, dessen Wert nur noch in seiner spezifischen Differenz und der Kohärenz der Serie begründet liegt. Der Weg vom Gebrauchswert zur politischen Ökonomie des Zeichens also, oder der des Verlustes der Mitte, oder auch der von der symbolischen Präsenz des bürgerlichen Wohnzimmers zum syntagmatischen Kalkül atmosphärischer Raumgestaltung. Das Realitätsprinzip versickert in den Differenzen der Objektzeichen, und das Subjekt ist zu ihrer Konsumation abgestellt. Ein Prozeß hyperaktiver Kombinatorik stabilisiert sich, obwohl 'wesentlich' nichts mehr passiert. Wenn übrigens Richard Serra zur gleichen Zeit mit einer 'langue' von Platten und Rollen experimentiert, zu der Baudrillard die Wohnungseinrichtung als 'parole' aus einem kontingenten Corpus genonnter Elemente beschreibt, ist dies mehr als eine zufällige Deckung von High und Low. Denn Kunst bezieht sich auf Welt via struktureller Homologie: "In fact, the discourse of modern art is [...] to signify in the same mode as objects do in their everydayness, that is, in their latent systematic" (For a critique of the political economy of the sign).

Dabei glaubte allerdings die so gewonnene Einsicht, daß die Entleerung des Fortschritts zum Mythos auf dem Tod des Essentiellen und Authentischen beruht, sich selbst noch als essentiell retten zu können: das kritische Bewußtsein soll jenseits der Vereinnahmungsmechanismen der Ausdifferenzierung stehen, und um das 'Wesen' der Dinge wissen. Oft genug jedoch erscheint diese Wahrheit als teleologische Tristesse. So etwa, wenn das einheitliche Grau aller 2-PS-Renaults diese Gefährte gegen den Mythos (oder die Simulation) von Funktionalität imprägnieren soll: wären nur alle grau, dann blieben sie auch 'real'-funktionale Werkzeuge und hätten Gebrauchswert, "Harmonie, Einheit, Homogenität und eine Kohärenz des Raumes, der Form, der Substanz [und] der Funktion".

Daß Theorie selbst dabei keinen gesonderten Status reklamieren kann, wurde aber schon gegen Ende der Analyse klar: "Alle Ideen, selbst die widersprüchlichsten, können als Zeichen in der idealistischen Logik der Konsumation nebeneinander bestehen." Eine Einsicht, die in der späteren Universalisierung zur paranoiden Simulationstheorie erneut auftauchte: "Alle Theorien, welchem Horizont sie auch immer entstammen, wie gewaltsam sie auch vorgehen und vorgeben, in eine Immanenz zurückzufinden oder zu einer Beweglichkeit ohne Bezugspunkte flottieren und haben nur den Sinn, sich gegenseitig zuzuwinken" (Der symbolische Tausch und der Tod). Diese versuchte dann, dem Problem der Vereinnahmung jeden Versuches eines kritischen Außen durch eine Logik der "katastrophischen Strategie" zu entgehen. Der Kritiker, dem dabei die Rolle zufiel, "aus der Eigenlogik des Systems die absolute Waffe zu machen", sollte diejenigen Phänomene aufspüren, die für Systeme, die auf Totalität zustreben, inkommensurabel sind. Gerade jedoch diese kombattante Absicht und die Anmaßung, 'das System' und seine blinden Flecken zugleich überblicken zu können, konservierten im Grunde das klassische Gegenüber von Kritiker und Gegenstand: in der Stellung 'gegen' die Verhältnisse und im Standort 'über' ihnen.

Die fatalen Strategien, ursprünglich 1983 erschienen, markieren den Umschlag zur Taktik der Affirmation: "Nicht mehr Dialektik, sondern Ekstase ist angesagt." Wenn Theorie schon keinen Wahrheitsanspruch reklamieren kann, hat sie "die Hypothesen so auf die Spitze zu treiben, daß sie nichts mehr aussagen und sich auflösen". "Sprache und Theorie ändern hier ihre Ausrichtung. Anstatt im Produktionsmodus aufzutreten, treten sie im Modus des Verschwindens auf [...] Wenn die Welt fatal ist, sollten wir noch fataler als sie sein. Ist sie gleichgültig, sollten wir gleichgültiger als sie sein. [...] Die Theorie kann lediglich der Welt die Steigerung abtrotzen: das Objektivere, das Ironischere, das noch Verführerischere, das Realere oder das Irrealere, was weiß ich?" (Das Andere Selbst) Übersteigerte Affirmation soll jede Vereinnahmung antizipieren. Theorie (und Baudrillard beharrt auf dieser Bezeichnung) ist dabei ein "Ritual" wie die Verführung, in der eine akzeptierte und unhinterfragbare Grundregel einen völlig intelligiblen Spielablauf auslöst. Wenn sie in keinem archimedischen Punkt von 'Wahrheit' mehr ankern kann, muß sie sich radikal zur Willkürlichkeit ihrer Axiome bekennen und sich jeder Verifizierung entziehen (was vom Leser nicht Glauben, sondern Mitspielen verlangt). Sie wird zu einem ausgeworfenen Netz, in das Ereignisse gehen können - oder eben auch nicht. Statt zu versuchen, die Welt zu verändern, soll es darauf ankommen, sie zu verführen. Demjenigen, der dies akzeptiert (und sich verführen läßt) öffnet sich der Text, während dejenige, der Distanz sucht, mit seinem Versuch ad absurdum laufen wird (was wohl zu den Hauptproblemen der Baudrillard-Kritik zählt). Ebenso wie dem Schreibenden keine Chance zu kritischer Positionierung bleibt, bleibt auch dem Rezipienten keine. Wer versucht, über das Fundament des Textes — den verführerischen Gleichklang von production und séduction — 'sinnvoll' zu diskutieren, oder die amerikanische Fettleibigkeit als Ausdruck aufgeschwemmten Weltgeistes 'ernsthaft' anzuzweifeln versucht, macht sich nicht nur lächerlich, sondern bringt sich auch um ein Lesevergnügen ersten Ranges. So bleibt auch dem Rezensenten, statt 'über' den Text zu schreiben, letztlich nur die Möglichkeit, auf ihn zu zeigen: Lest Baudrillard!