in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.9.1997

Wenn Magritte und Schiller bauen

Eine Stadt dekonstruiert sich und schleift die klassische Moderne: Das plötzliche Verschwinden der Weimarhalle

WEIMAR, im August. Vor dem Betrachter erstreckt sich ein dunkel schillernder Teich, an dessen beiden Seiten üppig gründendes Baumwerk den Blick auf ein idyllisches, sonnenbeschienenes Städtchen freigiebt. Im Zentrum ein gelbes, klassizistisches Haus, dahinter, dicht aneinandergeschmiegt, rot leuchtende Ziegeldächer und ein Kirchrtürmlein, das friedlich in den blauen Himmel ragt. "Abriß macht's möglich", freute sich die TLZ vom 5.8. in der Bildunterschrift.

Verschwunden war am Vortag die Weimarhalle, der größte und spektakulärste Bau aus der Zeit der Weimarer Republik und damit die wahrscheinlich letzten Reste des Neuen Bauens in Weimar. Die dadurch wieder freigegebene Blickachse auf die Bertuchhäuser und den Turm der Jakobskirche ermöglicht es nun dem fotografisch ambitionierten Touristen, die zeitgenössische Wirklichkeit wieder ohne Einmischung des 20. Jahrhunderts mit den Produkten der Weimarer Malerschule in Einklang zu bringen.

Obwohl der Wunsch nach einer Stadthalle schon die Zeit vor dem 1. Weltkrieg datiert, brachten -- ähnlich wie heute -- erst unaufhaltsam nahende Feierlichkeiten (Goethes 100. Todestag) genügend öffentliches Interesse und (trotz Weltwirtschaftskrise) auch Geld. Ein 1925/26 ausgeschriebener Wettbewerb ergab vornehmlich konventionelle Lösungen: axialsymmetrische Gebäude mit Steildächern und neoklassizistischen Fassaden. Erstaunlicherweise trug der vom zweiten Preisträger, Günther Vogeler, ausgeführte Bau kaum noch Spuren des Entwurfs, sondern erschien in den geometrischen, schmucklosen aber sorgfältig komponierten Formen des Neuen Bauens. Der Hauptkörper dieser nord-süd-gerichteten Anlage umbaute die zentralen Säle und großzügig umlaufenden Wandelhallen mit symmetrisch gestuften Kuben. Reihen überstreckter vertikaler und horizontaler Fenster gliederten die glatten Wandflächen. Im Westen, also zum Park hin, umschlossen zwei niedrige, halbrund auslaufende Seitenflügel das abschüssige Gelände, deren Gestaltung an Schiffsaufbauten erinnerte. Dazwischen befand sich, über die gesamte Breite, eine dreistufige Terassenanlage mit Restaurant und einst urbanem Flair. Die südliche Eingangsseite zeigte durch ein mit dünnen Pfeilern stilisiertes Portikusmotiv schüchternes Pathos. Kein Flachdach, sondern ein flaches Walmdach verwies auf nüchternen Pragmatismus. Sparsam und klar war auch die Innenausstattung: Zwei zusammenschließbare Säle mit 2000 bzw. 500 Plätzen endeten zur einen Seite in einem apsidialen Bühnenraum mit halkreisförmigen Stufen und Rundhorizont, zur anderen Seite schloß sich ein Kammerspielsaal an. Die Säle waren in schlichtem, von dunkel- zu hellrot aufsteigendem Sperrholz verkleidet, nur sparsam wurde Travertin verwendet. Trotz ausgebliebener überregionaler Wirkung gebührte der Weimarhalle damit ein prominenter Platz in er der Thüringer Architekturlandschaft und der Gattungsgeschichte der Hallenbauten dieser Zeit (Bielefeld, Mühlheim/Ruhr, Bremen).

Zum Wesen einer solchen Halle gehört ihre Indifferenz gegenüber jeder Art von Tradition und ihr Überschuß an Geschichten. So erscheint auch die Weimarhalle wie ein Gästebuch der Zeitgeschichte, und schon flüchtiges Blättern darin evoziert ein Panorama der letzten 65 Jahre. Einweihung durch Reichskanzler Brüning; Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Thomas Mann und Ortega y Gasset innerhalb einer Woche. In den folgenden Jahren Furtwängler, Richard Strauss, Gret Palucca und immer wieder Hitler. Heinz Rühmann und das obdachlos gewordene Deutsche National-Theater. 22 Jahre lang die Offiziere der 8. Gardearmee der Sovjetunion; Arbeiterfestspiele, FDJ und "Messe der Meister von morgen". Um 1980 der Denkmalschutz mit einigen Handwerkern, gefolgt von Heino und Hannelore, Roy Black, Costa Cordalis und Erika Pluhar. Plötzlich Wahlveranstaltungen, Erich von Däniken, Verkaufsveranstaltungen für Stoffe, Schuhe und Teppiche. Zuletzt zwei Stadthistoriker, die ahnungsvoll noch das Buch zum Bau schreiben und jetzt die Abrißbirne.

Auch aufgrund dieser Geschichte hatte die Weimarhalle nie Eingang ins Herz des heimatverbundenen Weimarers gefunden. Trotzdem geschah alles erschreckend schnell: Binnen weniger Tage stürzten wesentliche Teile ein, wurde ein Beschluß gefaßt und am nächsten Morgen mit dem Abriß begonnen. Die sonst so rührige Denkmalpflege schwieg, kein Baustop trat ein, stattdessen gegenseitige Unschuldsbeteuerungen. Wer Attraktivität und Arbeitslosenquote der Stadt nach 1999 an das Vorhandensein einer Mehrzweckhalle delegiert, darf sich eben keine Bedenkpause gönnen. Öffentliche Spekulationen darüber, daß der Abriß festgestanden habe und die Sanierung nur politisches Ablenkungsmanöver gewesen sei, durften unkommentiert bleiben. Stattdessen schrieb die TLZ in einer Übersprungshandlung auf Seite 1, daß man nun die Geländerhöhen nach heutigen Baunormen gestalten könne. Ein gewiß unübersehbarer Vorteil angesichts des Wachstums des Duchschnittsdeutschen seit 1930 und der dadurch erhöhten Gefahr von Balustradenstürzen.

Doch auf dem Trümmerfeld der Weimarhale finden allenfalls noch Scharmützel der Nachhut statt. Die Frontlinie zwischen Politik einerseits, Denkmalpflege und prominenten Kulturschaffenden andererseits liegt inzwischen weiter nördlich, in Richtung Gauforum. Im Namen letzterer forderte Rolf Bothe, Leiter der Kunstsammlungen, die Beendigung der Bauarbeiten, den freien Blick auf das (laut Schiller) "ohnstreitig schönste Haus in Weimar" und die Neuausschreibung eines Kongreßzentrums in und am Gauforum. Der Heimatarchitekt Paul Schultze-Naumburg hatte 1930 -- mit weit mehr Berechtigung -- das Gleiche gefordert. Hätte man auf ihn gehört, hätte Weimar heute seine Halle auf einem unzerstörten Gelände vor dem Landesmuseum, aber wahrscheinlich sein Gauforum an der Stelle des Bertuchhauses. Die "Bürokratie" hingegen, der Bothe "einen Denkzettel verpassen" will, sieht bei diesem Verfahren ihre bereits zugesagten 67 Mio. Mark Fördergelder dahinschwimmen. Dieser tragische Konflikt um Mittelbindung und gegen die Zeit sei nur lösbar durch einen sofortigen Weiterbau nach leicht modifizierten Plänen am gleichen Ort. Der dafür erkorene Begriff der "gleitenden Planung" ist allerdings nicht nur ein temporales Paradoxon (wenn's fertig ist wissen wir, wie's aussehen sollte), sondern läßt auch ästhetisch das Schlimmste befürchten.

Doch die Bothesche Lösung ist -- läßt man das Gauforum einmal beiseite -- nicht minder fragwürdig, denn auf welchen historischen Zeitpunkt will man zurück? Auf den "Herzoglichen Baumgarten" vor 1777, den Garten zur Zeit Friedrich Justin Bertuchs, den "Froriepschen Garten" nach 1822 oder auf den "Weimarhallenpark" von 1932 nur ohne Halle? Sollen die Teichbefestigungen wieder herausgerissen, das Gelände zurückmodelliert und die einst glänzenden, später verelendeten Bauten des Bertuchschen "Landes Industrie-Comptoirs" wieder aufgebaut werden?

Ästhetisch ist diese Lösung zweidimensional, denn sie reduziert historische Räume auf schöne Ansichten, auf Bilder, die nur der post 1832 verfertigten und prä 1999 wieder gültigen "corporate identity" eines klassisch-klassizistischen Weimar Genüge tun. Logisch bewegt sie sich auf der gleichen Wahrheitsebene wie ein architektonisches trompe l'oeuil der Weimarhalle. Warum also nicht die Fördermittel nehmen und diese wieder aufbauen? Aber bitte nicht in "freier Nachempfindung" sondern Stein für Stein als perfekte Simulation, so daß die Reiseführer und Stadtpläne nicht neu gedruckt werden müssen. Unbedingt ist dieser Bau aber mit einer Tafel à la Magritte zu versehen: "Dies ist nicht die Weimarhalle".

Claus Pias