Grenzüberschreitungen

Vor etwa zwei Jahrzehnten habe ich für einen literarischen Text, der wie viele andere Fragment geblieben ist, das Motto Pour la vie intégrale et démocratie radicale! formuliert. Das ist französisch (und reimt sich); auf Deutsch würde es (reimlos) heißen: „Für das ganze Leben und radikale Demokratie!“ Weniger reißerisch formuliert ist es die Forderung, alle sich nach ihren Gaben und ihrer Persönlichkeit entfalten zu lassen und niemanden durch Fremdbestimmung, Vorurteile und Schubladendenken zu behindern. Die verheißene Fülle des Lebens weist immer über die bestehenden Verhältnisse und die geltenden Regeln hinaus. Sie zu blockieren bedeutet Enge und Stillstand.
Trotz der Ablehnung von „Schubladen“ habe ich meine Website aber durchaus in verschiedene Abteilungen wie „Literatur“, „Politik“ oder „Theologie“ unterteilt. Das sorgt einerseits für eine gewisse Struktur und spiegelt andererseits die Erfahrung wider, dass in den unterschiedlichen Bereichen oft eigene Regeln gelten und ein anderes Umfeld vorherrscht, dem man in gewisser Weise Rechnung tragen muss. Mein Berufsalltag, mein politisches Engagement oder mein Einsatz in der Gemeinde spielen sich durchaus in verschiedenen Sphären ab und ich bringe mich mit jeweils anderen Seiten meiner Persönlichkeit ein. Andererseits besteht der Mensch ja gerade aus dem Ensemble dieser verschiedenen Seiten und so ist es kein Wunder, dass ich mich als besonders präsent und authentisch erlebe, wenn sich die zu oft getrennten Teile des Ganzen zusammenfügen.
Solche Momente waren beispielsweise die beiden Fortbildungsveranstaltungen zur Wikipedia, die ich im Herbst 2005 für die Kolleg(inn)en in Duisburg und Essen durchführte oder meine Lesung bei der Nacht der offenen Kirchen im September 2006 in Oberhausen. Auf der Kanzel stehen, aber nicht biblische oder liturgische Texte sondern meine Gedichte vortragen, das war gewiss eine ganz eigene Erfahrung. Obwohl - wie ich inzwischen weiß - auf der Kanzel stehen und predigen natürlich auch ein ganz besonderes Ding ist...
Aus der Mitwirkung bei der Organisation einer Kinderbibel-Ausstellung resultierte mein bisher einziger Beitrag zu einer bibliothekarischen Fachzeitschrift (Kindern theologische Themen nahe bringen: Bibeln für die Kleinsten. In: BuB 52 / 2000, S. 52-61) sowie der Artikel Kinderbibel in der Wikipedia, der in der Folge mehrfach durch „Selbstdarsteller“ und „Missionare“ aufgemischt und sogar vorübergehend gesperrt wurde - nachzulesen auf der zugehörigen Diskussionsseite.
Berufliche Qualifikation und ehrenamtliches Engagement ergänzen sich umgekehrt in einem Projekt, für das ich mich in besonderer Weise verantwortlich fühle: die kleine Bücherei im Bezirk Schwarze Heide. Der Bestand von ca. 1.200 Bänden resultierte hauptsächlich aus den Spenden von Gemeindegliedern, die ihre alten Bücher lieber einem guten Zweck als dem Altpapier zuführen wollten. Allerdings sieht es seitdem leider so aus, als ob es mehr Spender/innen als Leser/innen gibt...
Am Ende bleibt hier jedoch eine Frage an mich selbst: den Begriff „crossover“ glaubte ich durchaus im heute gebräuchlichen Sinne des Wortes zu verwenden, als ich diese Seite aufsetzte. Da aber nun bei fast jedem hier geschilderten Beispiele der kirchlich-theologische Bereich beteiligt ist: hatte ich eventuell die Vorstellung, es müsse deshalb ein Kreuz drüber stehen?