Heinrich Heine - Stationen einer Auseinandersetzung

Heinrich Heine ist neben den linksliberalen Kleinparteien, bei denen ich immer wieder zwischen den Rollen von Akteur, Zeitzeuge und Historiker hin und her pendele, offenbar das zweite große Lebensthema mit einer recht langen und wechselvollen Geschichte.

Oberstufe und Abitur

Der Beginn meiner Auseinandersetzung mit diesem Autor reicht zurück bis in die Oberstufe des Gymnasiums. Unser damaliger Deutschlehrer legte uns in der Jahrgangsstufe 11 nahe, uns für das Abitur jeweils mit einem Schriftsteller in besonderer Weise vertraut zu machen. Diese Aufforderung brachte mich zunächst in eine gewisse Verlegenheit, weil ich abgesehen von einigen in der präpubertären Zeit verschlungenen Karl-May-Romanen über wenig Leseerfahrungen verfügte. Schließlich fiel meine Wahl auf Heinrich Heine, weil mir seine in einigen im Unterricht behandelten Zeitgedichten vertretenen Positionen sympathisch erschienen. Ein wenig zusätzliche Nahrung erhielt dieses neu erwachte Interesse durch die Klassenfahrt, die uns im Mai 1973 nach Paris führte. Ich besorgte mir die vierbändige Insel-Ausgabe seiner Werke und las in der Folgezeit die meisten Texte. In jener Phase fühlte ich mich ein wenig wie ein später Nachfolger des Mannes, der über Französische Zustände berichtete und politisch engagierte Gedichte schrieb. Kein Wunder, dass meine ersten lyrischen Versuche sich nicht zuletzt an Heines Vorbild orientierten. Der eigentliche Anlass für meine erste nähere Beschäftigung mit Heine kam allerdings nie zum Tragen: gegen Ende unserer Schulzeit bekamen wir noch einmal einen anderen Deutschlehrer und ich machte meine mündliche Abiturprüfung letztlich über expressionistische Lyrik.

Studium und Examen

Die nächste Phase meiner Beschäftigung mit Heinrich Heine war mein Germanistik-Studium an der Ruhr-Universität Bochum. Im Wintersemester 1976/77 besuchte ich ein Hauptseminar über seine beiden Versepen und schrieb eine Hausarbeit über Heines Preußenkritik im Wintermärchen. Während des fachdidaktischen Praktikums im Frühjahr 1978 führte ich gemeinsam mit einer Kommilitonin im 10. Schuljahr einer Gesamtschule eine Unterrichtsreihe zu Heinrich Heine durch. Prof. Müller-Michaels war von meinem Praktikumsbericht recht angetan, was mich dazu ermutigte, ihn als meinen Hauptprüfer für das Examen auszuwählen.
Als Thema der Examensarbeit wurde Heinrich Heine und seine Beziehungen zum Jungen Deutschland vereinbart. Im Sommer 1978 begann eine rund ein Jahr dauernde Arbeitsphase. Ich tauschte meinen 'Insel-Heine' gegen die inzwischen auch in Taschenbuchform erhältliche Studienausgabe von Briegleb ein und entlieh fleißig Sekundärliteratur aus der Universitätsbibliothek. In dieser Zeit machte ich mich mit einem Großteil von Heines Briefwechsel vertraut, der soeben neu und zuverlässig in der so genannten Heine-Säkularausgabe veröffentlicht wurde. Als mir das Thema für die Arbeit offiziell vom Prüfungsamt zugestellt wurde, lautete es Heinrich Heine und seine Beziehungen zu Zeitgenossen und Zeitgeschichte, was einen gewissen zusätzlichen Forschungsaufwand bedeutete, obwohl der inzwischen bereits vorliegende Teil über Heine und das Junge Deutschland das Kernstück der Arbeit darstellte.
Ein denkwürdiger Tag war gewiss der 19. Oktober 1979: Prof. Müller-Michaels gab nach einer Sitzung seines Examens-Kolloquiums die Noten der Hausarbeiten und Klausuren bekannt; der Bescheid für mich war ebenso lapidar wie erfreulich: "Die beste Arbeit: eins" - das war einer von den Momenten, von denen es im Leben meist zu wenige gibt...

Zivildienst und Magisterarbeit

Die Bestnote führte dazu, dass es noch zu einer Zugabe kam: Müller-Michaels bot mir an, die Examensarbeit mit einigen Erweiterungen auch als Magisterarbeit zu akzeptieren. Im Jahr 1980 widmete ich mich daher während meiner Zivildienstzeit noch einmal Heinrich Heine und seinen Zeitgenossen. In angenehmer Erinnerung sind mir die Sommerferien jenes Jahres, wo ich als Küstervertreter im Gemeindehaus eine ruhige Kugel schob und mich noch einmal meinen Studien widmen konnte. Aus den 102 Seiten Text der Examensarbeit wurden am Ende 127 für die neue Fassung. Am 3. Februar 1981 legte ich eine nicht gerade berauschende mündliche Prüfung ab, die mir einen akademischen Titel bescherte, der für meine weitere Biografie im Grunde folgenlos blieb, weshalb ich den M.A. nur bei seltenen Anlässen zu meinem Namen ergänze.

Referendariat und erstes Promotionsvorhaben

Während meiner anschließenden Referendarzeit spielte das Thema Heine im Grunde keine Rolle. Da mir das Referendariat, das ich im Juni 1983 mit einem mittelmäßigen Examen abschloss, allerdings keine Perspektiven außer der Lehrerarbeitslosigkeit eröffnete, kam es noch einmal zu einer Rückbesinnung auf meine akademische Auseinandersetzung mit Heinrich Heine. Warum sollte ich nicht auch noch eine Doktorarbeit über ihn schreiben? Ich wollte zwei Konflikte näher untersuchen, die ich in meinen bisherigen Arbeiten nur en passant berücksichtigt hatte: Heines Platen-Affäre und die Auseinandersetzung um sein Börne-Buch. Wieso begab sich Heine, der doch ein geradezu seismographisches Gespür für gesellschaftliche Veränderungen hatte und durchaus erfolgreiche Strategien der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache entwickelte, in zwei heftige Auseinandersetzungen mit anderen Schriftstellern, die seinem Ruf beim Publikum erheblich schadeten, weil seine Angriffe als "unter der Gürtellinie" und Tabubruch wahrgenommen wurden? Stieß er bei seinen Widersachern eventuell auf Anteile der eigenen Persönlichkeit, zu denen er sich nicht bekennen konnte und die er durch scharfe Attacken auf äußere Gegner auch für sich selbst bannen wollte?
Prof. Müller-Michaels, mit dem ich bereits vor Ablauf meiner Referendarzeit wieder Kontakt aufgenommen hatte, erklärte sich zwar grundsätzlich bereit, die Rolle des Doktorvaters zu übernehmen, stellte sich allerdings ein anderes Thema vor, das er Formen des operativen Schreibens bei Heinrich Heine nannte. Ich ließ mich zunächst auf dieses Thema ein in der Erwartung, in diesem Zusammenhang auch den mich interessierenden Fragen nachgehen zu können. Da ich aber angesichts meines fortgeschrittenen Alters meinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen mochte, wollte ich das Promotionsprojekt nur angehen, wenn es durch ein Stipendium finanziert werden konnte. Ich bewarb mich auf Grund meiner diversen Mitgliedschaften in liberalen Organisationen bei der FDP-nahen Friedrich-​Naumann-​Stiftung und wurde im Frühjahr 1984 zu einem Auswahlgespräch in die Theodor-​Heuss-​Akademie nach Gummersbach eingeladen. Die Vergabekommission fand allerdings das Thema der geplanten Dissertation (wie ich selbst im Grunde auch) wenig originell und lehnte meinen Antrag ab. Damit war das Promotionsvorhaben gestorben, zumal ich wenig später die Möglichkeit bekam, eine Ausbildung für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken zu beginnen.

Praktikum im Heine-Institut

Während dieser Ausbildung kam es allerdings zu einer erneuten Berührung mit der Heine-Forschung. Ich absolvierte das obligatorische dreimonatige Praktikum an einer so genannten Spezialbibliothek zu Beginn des Jahres 1986 im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut. Dort begegnete ich führenden Männern der deutschen Heine-Forschung wie Joseph A. Kruse, Bernd Kortländer oder Jan-Christoph Hauschild. Allerdings nicht auf Augenhöhe: für diese Herren war die Bibliothekarin nur eine Art Hilfskraft und ihr Praktikant nicht mehr als eine Randerscheinung.
Frau von Berkholz, mit der ich auch nach dem Praktikum einige Zeit in Kontakt blieb, hat unter dieser Geringschätzung gelitten, was mir jegliche Ambition nahm, eventuell einmal ihr Stellennachfolger zu werden. Auch etwaigen Plänen, selbst noch einmal einen Beitrag zur Heine-Forschung leisten zu wollen, wurde durch dieses Praktikum jeglicher Wind aus den Segeln genommen; angesichts der beträchtlichen Menge an bereits vorliegender Sekundärliteratur schien mir der Gedanke vermessen, noch etwas weiterführendes zu Heine liefern zu können. Außerdem wurde ich im gleichen Jahr erstmals Vater und trat im folgenden Jahr meine Stelle in der Essener Uni-Bibliothek an - Träume von ewiger Studentenzeit wichen endgültig den Verpflichtungen des Berufs- und Familienalltags. Allerdings war ich inzwischen mit meinem anderen Lebensthema »Linksliberale Splitterparteien« zu mehreren Veröffentlichungen in Form von Aufsätzen gekommen. Dem Erstling über die Radikaldemokratische Partei in der FDP-nahen Zeitschrift liberal 1986 folgte im Jahr 1988 mit meinem Beitrag über die Reaktionen des deutschen Linksliberalismus auf die Krise der 30er Jahre im Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte der vorläufige Höhepunkt, der wohl nur noch durch eine Buchveröffentlichung übertroffen werden konnte. Als Textgrundlage für ein solches Vorhaben lag die Verwendung meiner Magisterarbeit nahe. Jedoch wollte ich sie nicht mit einem etwa 10 Jahre alten Forschungsstand veröffentlichen und machte mich 1991 an eine Überarbeitung, die sich allerdings überwiegend in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis niederschlug. Mir war klar, dass sich auch für eine solcherart aktualisierte Arbeit kein bedeutender Verlag interessieren würde und nahm die weitgehende Vorfinanzierung der Arbeit in Kauf. Es kam schließlich zu einem Vertragsabschluss mit dem R.G. Fischer - Verlag. Als Druckvorlage kamen angesichts des technischen Fortschritts Seiten mit Schreibmaschinenschrift nicht mehr in Frage. Da ich allerdings noch über keinen PC verfügte, gab ich die Textverarbeitung bei einem Schreibbüro in Auftrag. Auf diese Weise kostete mich mein erstes eigenes Buch über 1.500,- DM, wovon jedoch mehr als die Hälfte später refinanziert wurde, allerdings weniger durch den Verkaufserlös des Buches als durch die Tantiemen der VG Wort. In der Fachwelt wurde die Publikation kaum registriert, zu Augen gekommen ist mir nur eine kurze Besprechung von Hartmut Kircher im Referateorgan Germanistik, die von einem »knappen Überblick« spricht, »der lediglich Ausgangspunkt für weitere Forschung sein« könne. Im Nachheinein halte ich diese Kritik durchaus für berechtigt: der Fließtext meines Buches macht kaum mehr als einen umfangreichen Aufsatz aus. Den Wert der Arbeit sehe ich eher im vergleichsweise ausgedehnten Fußnotenteil, der in der Tat zahlreiche Fingerzeige enthält, welche Publikation sich mit bestimmten Aspekten bereits eingehender beschäftigt hat und an welchen Stellen in der Forschung kontroverse Deutungen vorliegen. Die Zahl der Anmerkungen wurde auch in der kurzen Besprechung in der Zeitschrift Aschkenas gewürdigt, auf die ich erst viele Jahre später gestoßen bin.

Zweites Promotionsvorhaben und zweite Buchveröffentlichung

Es muss eine Art von Midlife-Crisis gewesen sein, die mich nur wenige Jahre später dazu bewogen hat, das Promotionsvorhaben noch einmal aufzugreifen. Weiß der Henker, was ich mir oder wem auch immer damit beweisen wollte... Bereits 1994 nahm ich diesbezüglich erneut Kontakt mit Prof. Müller-Michaels auf. Das neue Thema war möglicherweise ein Resultat meiner bibliothekarischen Berufspraxis: Die beiden großen Heine-Ausgaben. Mir war aufgefallen, dass seit gut zwei Jahrzehnten zwei groß angelegte historisch-kritische Heine-Ausgaben parallel zueinander erschienen: die Düsseldorfer Heine-Ausgabe (DHA) und die in Weimar bearbeitete Heine-Säkularausgabe (HSA). Dass sich dieser 'langsame Wettlauf' nach dem Fall der Mauer fortsetzte, ließ mir die Frage lohnend erscheinen, ob dieses Nebeneinander primär weltanschaulich motiviert und somit einer deutsch-deutschen Systemkonkurrenz geschuldet war oder ob am Ende nicht eher unterschiedliche editorische Konzepte den Ausschlag gaben. Müller-Michaels hielt sich für die Betreuung eines solches Themas nicht für kompetent genug, außerdem fand er es nicht spannend, er hätte immer noch eine Dissertation zum Thema »operatives Schreiben« bevorzugt. Daher verwies er mich für die Suche nach einem Betreuer an Prof. Windfuhr, den Herausgeber der DHA. Windfuhr winkte allerdings ab und verwies auf seine Emeritierung und den Umstand, dass er bei einer solchen Fragestellung als parteilich gelten müsse. Zudem sei das Thema noch nicht bearbeitungsreif, da beide Ausgaben zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen waren. Er plädierte für eine stärker werkbezogene Untersuchung, die wiederum für mich nicht zuletzt aufgrund meiner Eindrücke während des Praktikums im Heine-Institut ausgeschlossen schien. Ich fühlte mich jedoch eher zu einer Auswertung der Sekundärliteratur berufen und entwickelte wenig später einen neuen Themenvorschlag: Die deutsch-deutsche Heine-Forschung 1949 bis 1990, also während der Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit. Auch für dieses Thema konnte sich Müller-Michaels nicht erwärmen, wollte mich aber nicht hängen lassen und besorgte über seine Kontakte schließlich den passenden Doktorvater. Sein einstiger Bochumer Assistent Gerhard Rupp hatte in Düsseldorf einen Lehrstuhl für Literatur-Didaktik übernommen, auf dem er Wilhelm Gössmann nachfolgte. Gössmann gehörte neben dem Herausgeber Manfred Windfuhr und dem Bibliothekar Eberhard Galley zu den Heine-Forschern der älteren Generation, die in den 60er und 70er Jahren in Düsseldorf bereits vor der Ära Kruse wichtige Impulse zur Erforschung und Popularisierung des Heineschen Werkes gegeben hatten.
Unser Erstkontakt verlief durchaus konstruktiv, so dass ich mich als Doktorand an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität einschrieb. Das führte zu der etwas merkwürdigen Situation, dass ich als rund 40jähriger noch bei verschiedenen Gelegenheiten den günstigen Studententarif in Anspruch nehmen konnte. Insgesamt kam ich durch diese Episode auf mehr als 25 Semester an deutschen Hochschulen, denn rein formal war meine bibliothekarische Ausbildung ein sechssemestriges Fachhochschulstudium, das mit einer Diplom-Prüfung abschloss. Allerdings verbrachte ich diesmal kaum Zeit an der Uni und besuchte dort keine Lehrveranstaltungen, was mir als Vollzeitbeschäftigtem auch nicht leicht gefallen wäre. Ich reiste im Grunde nur zur Erledigung der Formalitäten an und versuchte dies meist mit einem Treffen mit meiner Düsseldorfer Kollegin Nicole Vierschilling zu verbinden, die mir von unserer gemeinsamen Ausbildungszeit her in angenehmer Erinnerung geblieben war. Allerdings unternahm ich (in meiner Freizeit) eine Forschungsreise nach Weimar, um mich dort mit Fritz Mende zu treffen, einem wichtigen Heine-Philologen aus der ehemaligen DDR. Das Gegenstück dazu bildete mein Interview mit Prof. Windfuhr in seinem Düsseldorfer Büro, es verlief unspektakulär, zeitigte aber möglicherweise unvermutete Spätfolgen...
Die wichtigsten Gespräche fanden allerdings abends in der Wohnung von Prof. Gössmann statt, seien es Arbeitssitzungen unter vier Augen oder sein in unregelmäßigen Abständen stattfindendes Doktoranden-Kolloquium. Eines Abends stand ich selbst im Mittelpunkt eines solchen Treffens und stellte mein Projekt anhand einer vierseitigen Skizze vor. Nachher meinte eine andere Doktorandin, mit diesem Papier hätte ich die wichtigste Arbeit schon geleistet, nun müsste ich das Ganze nur noch hinschreiben... Da ich inzwischen über einen PC und Grundkenntnisse in Word verfügte, erweiterte ich mein Exposé in der Tat Schritt für Schritt in Richtung Volltext. Allerdings gab es im August 1996 einen kritischen Moment, als mein Betreuer mir darlegte, dass ich nun an einer Wegscheide angelangt sei: um eine vertretbare Dissertation anzufertigen, müsse ich mich neben der philologischen Fleißarbeit nun stärker literaturtheoretischen Fragestellungen widmen, bei Fortschreibung der bisherigen Arbeit würde mein Text nur für eine Buchpublikation genügen, die im Heine-Jahr 1997 sicher zum rechten Zeitpunkt erscheinen würde. Nach kurzer Bedenkzeit entschied ich mich für den leichteren Weg und verzichtete damit auf den Doktortitel. Mein Ehrgeiz wurde auf diese Weise zwar nicht befriedigt, aber der Preis dafür wäre zu hoch gewesen. Auch so schon war diese Arbeit im Sinne eines in der Nische zwischen Beruf und Familie gepflegten Hobbies an ihre Grenzen gestoßen. Gössmann hatte zwar versprochen, sich um einen Verlag für die Buchveröffentlichung zu bemühen, blieb dabei aber erfolglos, so dass auch mein zweites Buch im R.G. Fischer-Verlag erschien und für mich wieder ein Zuschuss-Geschäft blieb. Meine Arbeit wurde als eine Art Forschungsbericht in der Fachwelt durchaus registriert, Gössmann schrieb eine recht wohlwollende Besprechung für das Heine-Jahrbuch 1998, der von mir geschätzte Jeffrey L. Sammons erwähnte es ein Jahr später in einer Sammelbesprechung und der Titel taucht auch heute noch in den Literaturverzeichnissen wichtiger Basiswerke zu Heinrich Heine auf. Allerdings ging er in der großen Menge der Veröffentlichungen des Jubiläumsjahrs 1997 eher unter, weil zu viele Autoren bzw. Verlage nun den Zeitpunkt für günstig hielten, um ein Heine-Buch zu präsentieren. Allein die etwa 60 Vorträge, die während des großen Düsseldorfer Heine-Kongresses gehalten wurden, füllen einen nahezu 1000-seitigen Tagungsband. Ich habe diesen Kongress selbst als Teilnehmer besucht und konnte mir von vielen mir bis dato nur als Namen geläufigen Heine-Koryphäen ein leibhaftiges Bild machen, empfand ihn aber auch als eine Art Abschiedsvorstellung.

Auszeit

In der Tat kam es nun zu der bisher längsten Pause in meiner Beschäftigung mit Heinrich Heine. Im Jahr 2005 erklärte ich sogar nach 25-jähriger Mitgliedschaft meinen Austritt aus der Heine-Gesellschaft. Deren Hauptzweck war bis dato der kostengünstige Bezug des Jahrbuchs, dessen Beiträge mir aber zunehmend uninteressant vorkamen. Alles wichtige über diesen Autor schien gesagt bzw. geschrieben...

Wikipedia

Kurz nach diesem Austritt schlich sich Heine jedoch durch eine Seitentür wieder ein! Im selben Jahr erschien in Form eines kleinen Büchleins Manfred Windfuhrs Erfahrungsbericht über die 1997 abgeschlossene Düsseldorfer Heine-Ausgabe. Irgendwie erinnerte mich das an unser offenbar doch anregendes Gespräch und ich veranlasste nicht nur meine Bibliothek, das Buch zu erwerben, sondern kaufte es im Frühjahr 2006 auch selbst aus dem Restbetrag eines Büchergutscheins. Bald danach schrieb ich eine Besprechung für amazon.de und im Dezember 2006 schließlich für die Wikipedia einen Artikel über die Düsseldorfer Heine-Ausgabe, dem ich dann gerechter Weise auch noch einen über die Säkularausgabe folgen ließ.
Obwohl diese eher abseitigen Artikel bestimmt kein großes Interesse fanden - unter anderem erkennbar an der minimalen Zahl der seither erfolgten Bearbeitungen - müssen sie doch irgendwie meinen Ruf als Heine-Experten in der Wikipedia-​Community begründet haben. Jedenfalls wurde ich vor diesem Hintergrund im Juni 2007 eingeladen, den Artikel zu Heinrich Heine zu begutachten, weil er gerade ein Kandidat für das Prädikat »exzellent« war. Nach meinem ersten und zweiten Eindruck war der Artikel allerdings durchaus nicht exzellent und mein erstes Urteil fiel abwartend bis ablehnend aus. Ich benannte eine Reihe Monita, ging dann aber daran, einige angeregte Verbesserungen auch selbst vorzunehmen. So habe ich alle Zitate aus Heines Werken und Briefen anhand der DHA bzw. HSA überprüft und belegt, das Literaturverzeichnis umgestellt und die Essenz meines Buches über die Heine-Forschung in das Kapitel über Bedeutung und Nachleben integriert. Es gab eine Reihe von Diskussionen, die meist zu einvernehmlichen Ergebnissen führten und in eine weitere Verbesserung des Artikels mündeten, der schließlich das Prädikat »exzellent« zugesprochen bekam, weil sich keine grundsätzliche Kritik mehr äußerte. Aber auch in der Zeit danach habe ich noch an einigen Stellen weitere Überarbeitungen vorgenommen - und um dies nicht ins Blaue hinein zu machen, dafür wieder vestärkt auf die Sekundärliteratur zurückgegriffen und auf diese Weise einige Neuerscheinungen der letzten Jahre zur Kenntnis genommen. Nach einem knappen Jahrzehnt Auszeit stecke ich also wieder drin und scheine wohl nie ganz von Heine loszukommen.

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