Neue Literatur zu Heine

Nach dem Erscheinen meines Buches über die deutsch-deutsche Heine-Forschung im Jahr 1997 hatte ich aufgehört, die einschlägige neue Fachliteratur aufmerksam zu beobachten. Im Jubiläumsjahr 1997 war eine derart große Menge von Titeln (über 500 - Aufsätze dabei natürlich eingeschlossen) zu Heine veröffentlicht worden, dass nun alles wesentliche über ihn gesagt zu sein schien und für längere Zeit nichts wichtiges mehr zu erwarten stand.
Wenn man allerdings nach rund zehn Jahren wieder etwas genauer hinschaut, erblickt man doch das eine oder andere Buch oder Thema, das erwähnenswert scheint. Daher möchte ich hier einen Überblick über aus meiner Sicht nennenswerte Literatur zu Heine geben, die seit dem Jahr 2000 erschienen ist. Dass damit keine Vollständigkeit angestrebt wird, versteht sich wahrscheinlich von selbst. Dieser Aufgabe stellt sich nach wie vor das Heine-Jahrbuch, das jeweils die komplette Primär- und Sekundärliteratur des Vorjahres (einschließlich Rezensionen) auflistet und zu ausgewählten Neuerscheinungen auch selbst Besprechungen veröffentlicht. 

Biografien und Gesamtdarstellungen

Eins der grundlegenden Standard-Werke, Gerhard Höhns Heine-Handbuch, wurde im Jahr 2004 in erweiterter dritter Auflage vorgelegt. Erwähnenswert ist vor allem der deutlich gewachsene Anhang mit einem beeindruckenden Literaturverzeichnis. Dieses wiederum enthält eine Bibliographie 1996 - 2003 mit Nachträgen, die mit einer vergleichsweise feinen systematischen Gliederung quasi alle relevanten Neuerscheinungen rund um das Jubiläumsjahr nachweist. Auch ansonsten ist das Handbuch allerdings eher ein Nachschlagewerk als eine Lektüre, es vermittelt eine Fülle von Informationen zu jedem Werk Heines und dürfte in dieser Hinsicht kaum durch eine einzelne andere Publikation zu übertreffen sein. Die beiden weiteren im Untertitel angedeuteten Aspekte (Zeit und Person) allerdings kommen für mein Empfinden weiterhin zu kurz. Ähnlich konzipiert wie Höhns Handbuch, aber deutlich kleiner in Hinblick auf Format, Umfang und Preis ist der schlicht mit Heinrich Heine betitelte Reclam-Band von Bernd Kortländer, der 2003 auf den Markt kam und durchaus in private Budgets und Bücherschränke passen dürfte.
Bemerkenswert erscheint mir, dass auch mehrere andere Mitarbeiter des Heinrich-Heine-Instituts etwa im gleichen Zeitraum in namhaften Taschenbuch-Verlagen wohlfeile Gesamtdarstellungen zu Heines Leben und Werk veröffentlicht haben, vor allem Jan-Christoph Hauschild (mit Michael Werner) 2002 als dtv-portrait und Joseph A. Kruse 2005 als Suhrkamp BasisBiographie. Die beiden Bücher ähneln sich in Aufmachung und Umfang, bieten weniger Text aber deutlich mehr Illustrationen als Kortländer (auch farbige) und wirken damit auf ein breiteres Lesepublikum einladend. Vielleicht ist dies der Versuch, Heine zu popularisieren ohne dafür Abstriche bei der Zuverlässigkeit zu machen. Welchem dieser beiden Bücher dies besser gelungen ist, mag ich nicht entscheiden und möchte nur auf einen Unterschied in der inhaltlichen Gliederung hinweisen: während Hauschild und Werner nach biographischen Stationen gliedern und auf die Werke nur en passant chronologisch eingehen, arbeitet Kruse mit den drei separaten Blöcken: Leben, Werk und Wirkung. Die einzelnen Werke wiederum werden nicht in der Reihenfolge ihrer Entstehung, sondern analog zur Gliederung der großen Düsseldorfer Werkausgabe nach Gattungen unterteilt. Der bei rowohlts monographien erstmals 1997 veröffentlichte Heine-Band von Christian Liedtke erschien im Jahr 2006 in neuer Aufmachung, aber mit unverändertem Konzept und ist daher im strengen Sinne keine Neuerscheinung. Darüber hinaus liegen von Bearbeitern aus dem gleichen Umfeld seit 2005 zwei umfangreiche Lebensbeschreibungen Heines anhand seiner Briefe vor. „Leben Sie wohl und hole Sie der Teufel“ ist der Titel des Buches von Jan-Christoph Hauschild, während Bernd Füllner und Christian Liedtke sich für einen etwas freundlicheren Titel entschieden haben: „... und grüßen Sie mir die Welt“. Die Briefkapitel werden jeweils kurz durch biografische Abrisse eingeleitet, das ganze am Ende durch verschiedene Register und Kommentare erschlossen. Erkennbar ist auf jeden Fall, dass Hauschild, teilweise gemeinsam mit Michael Werner, aus dem Fundus schöpft, den die beiden etwa 10 Jahre vorher bei der Erarbeitung ihrer großen Heine-Biografie zusammengetragen haben. Das 1997 zuerst veröffentlichte „Der Zweck des Lebens ist das Lebens selbst“ dürfte noch für einige Zeit die maßgebliche Heine-Biografie bleiben. Eine überarbeitete Neuausgabe ist übrigens im Jahr 2005 bei '2001' erschienen.
Allerdings gibt es durchaus auch Heine-Biografien von Autoren, die nicht mit dem Heine-Institut liiert sind. Von diesen verdienen nach meiner Meinung Erwähnung der Band von Otto Böhmer im Diogenes-Verlag und Jörg Aufenangers Heine in Paris, erschienen als großformatiges Taschenbuch in der Reihe dtv premium. Einen speziellen Akzent setzt das Buch Heinrich Heine. Wer war er wirklich? von Yigal Lossin aus Israel. Lossin, der Heine als den „größten jüdischen Dichter seit der Bibel“ apostrophiert, untersucht recht eingehend seine Auseinandersetzung mit jüdischen Themen, seine heikle Position zwischen Orthodoxen und Reformjuden, Konvertiten und Antisemiten. Die in Fachkreisen mit deutlicher Skepsis aufgenommene Biografie Heinrich Heine - Narr des Glücks von Kerstin Decker wurde im August 2007 im List-Verlag als Taschenbuch veröffentlicht. Zu einigen der hier erwähnten und noch ein paar anderen biografischen Veröffentlichungen der jüngeren Zeit gibt es eine recht informative Sammel-Rezension von Sikander Singh im Heine-Jahrbuch, dort Jg. 45 (2006), S. 282 - 287.

Sammelwerke

Hier ist vielleicht als erstes zu vermerken, dass in jüngster Zeit drei größere Quellen- sammlungen zur Heine-Rezeption fertiggestellt wurden. Die breit angelegte Dokumentation über Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen (1821 - 1856), begründet von Eberhard Galley und Alfred Estermann, war 1992 nach sechs Bänden ins Stocken gekommen. 10 Jahre später wurde das Projekt wieder aufgegriffen und mit sechs weiteren Bänden und einem abschließenden Kommentar- und Registerband durch Christoph auf der Horst und Sikander Singh vollendet. Auch das weniger ambitionierte Gegenstück, die von Hans Hörling dokumentierte französische Heine-Kritik (1830 - 1856) wurde 2002 mit dem dritten Band fertiggestellt; ob ein zeitweise angekündigter Kommentarband noch folgt, ist ungewiss. Von 2006 bis 2011 erschien schließlich das dreibändige Fortsetzungswerk Heine und die Nachwelt, das seine Wirkung in den deutschprachigen Ländern von 1856 bis 2006 dokumentiert. Die beiden Herausgeber Dietmar Goldschnigg und Hartmut Steinecke stellten allerdings bereits im Vorwort klar, dass sie die Rezeption Heines bis zur Gegenwart nicht mit der gleichen Intensität wiedergeben konnten wie ihre Vorgänger. Die drei Bände bieten auf insgesamt gut 2.300 Seiten rund 400 Primärtexte, die jeweils von umfangreichen Einleitungs- und Kommentarteilen flankiert werden.
Im Jahr 2000 veröffentlichte Christian Liedtke, dessen Name mir bei der Suche nach neuer Heine-Literatur auffallend oft begegnet ist, bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft einen Sammelband, dessen Untertitel Neue Wege der Forschung darauf anspielt, dass in der Reihe Wege der Forschung schon einmal ein Band zu Heine veröffentlicht wurde, nämlich 1975 von Hartmut Koopmann. Die neue Sammlung beinhaltet 14 Aufsätze von teilweise namhaften Heine-Forschern, die in dem seither vergangenen Vierteljahrhundert entstanden sind. Bei strenger Betrachtungsweise ist eine Zusammenstellung bereits veröffentlichter Aufsätze keine wirkliche Neuerscheinung, wohl aber ein Angebot, neue Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Positionen und Deutungen herzustellen.
Ähnliches gilt für den im Jahr 2007 erschienenen Sammelband Heinrich Heine. Kritisch. Solidarisch. Umstritten von Jost Hermand, der spätestens seit seinem 1975 veröffentlichten Forschungsbericht Streitobjekt Heine kein Unbekannter mehr ist. Dieser Band vereint 12 eigene Texte, die alle in gewisser Weise den Beziehungen zwischen Heine und anderen Schriftstellern oder politischen Akteuren gewidmet sind. Kein „kalter Kaffee“, der noch einmal aufgewärmt wurde: viele der Beiträge stammen aus diesem Jahrtausend, die älteren wurden alle für dieses Buch noch einmal überarbeitet.
Ein weiterer erwähnenswerter Sammelband aus dem Jahr 2006 fasst unter dem Titel Heinrich Heine - alternative perspectives 1985 - 2005  15 Aufsätze von Jeffrey L. Sammons zusammen, dem vielleicht derzeit besten außerdeutschen Kenner der Heine-Forschung.
Das 150. Todesjahr Heines (2006) führte überdies zu einer Reihe von Veranstaltungen und Veröffentlichungen, unter denen hier zum einen das in Graz veranstaltete Humboldt-Kolleg erwähnt werden soll, der nach eigenem Bekunden "weltweit größte" Kongress zu diesem Anlass. Der zugehörige Tagungsband wurde 2008 unter dem Titel Harry ... Heinrich ... Henri ... Heine veröffentlicht und enthält 45 Beiträge. Noch umfangreicher präsentiert sich der Band Übergänge - zwischen Künsten und Kulturen, der den in Düsseldorf abgehaltenen Internationalen Kongress zum 150 Todesjahr von Heinrich Heine und Robert Schumann dokumentiert.
Schließlich sei noch hingewiesen auf eine Publikation, die kostenlos erhältlich und auch online zugänglich ist: die von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte widmete ihre Ausgabe 3/06 Heinrich Heine; das Heft enthält unterem anderem Beiträge von Joseph A. Kruse, Edda Ziegler und Klaus Briegleb.

Einzeluntersuchungen

Auch nach 1997 ist die Heine-Forschung nicht zum Erliegen gekommen und es werden weiterhin Detailstudien zu Autor und Werk veröffentlicht, bei denen es sich oft um die Druckfassungen von Dissertationen handelt. Diese mitunter recht speziellen und für private Budgets meist unerschwinglichen Publikationen möchte ich hier nicht in ihrer gesamten Vielfalt vorstellen. Erwähnung finden vorwiegend drei Themenbereiche, die vergleichsweise neue Ergebnisse zeitigten.
Als eins der wenigen noch verbliebenen Desiderate hatte ich am Ende meines eigenen Forschungsberichts die Frage nach Heinrich Heines Frauenbild formuliert, sowohl in Hinblick auf sein Werk als noch dringlicher auf sein reales Leben. Diesem Wunsch wurde recht bald entsprochen. Im opulenten Begleitband zu der Ausstellung Ich Narr des Glücks gibt es eine Sektion Heines Frauenbilder und Bilderfrauen mit sechs Beiträgen. Einer davon stammt von Alice Schwarzer, die im Jahr 2006 die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft erhielt; ihre Dankesrede ist im entsprechenden Heine-Jahrbuch auf den Seiten 276ff. nachzulesen. Inzwischen ist es aber auch zu Buchveröffentlchungen gekommen. Von Edda Ziegler erschien im Jahr 2005 der Band Heinrich Heine : der Dichter und die Frauen; sie versteht ihre Arbeit laut Vorbemerkung als „Feldforschung in einem immer noch brisanten Krisengebiet“. Ergänzt wird dieses Buch durch eine im Jahr 2006 bei Herder erschienene Betrachtung von Christoph Bartscherer über Heinrich Heine und die Frauen unter dem Motto „... und immer irrte ich nach Liebe“.
Ein stärkeres Interesse an Heines religiösen Standpunkten ist seit einiger Zeit auch bei Theologen zu verzeichnen. Im Jahr 2002 legte der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel unter dem Titel Gottes grausamer Spaß? Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe eine eingehende Studie der Auseinandersetzung des späten Heine mit Gott vor, in deren Verlauf immer wieder der Dichter selbst und seine Besucher zu Wort kommen - aber auch verwandte Texte aus dem Alten Testament anklingen. Christoph Bartscherer hat diese Fragestellung dann auf Heines gesamte Schaffensperiode ausgedehnt und 2005 unter dem Titel Heinrich Heines religiöse Revolte eine geradezu monumentale Buchfassung seiner Habilitations-Schrift vorgelegt. Nicht ganz so schwergewichtig ist der 2005 im Neukirchener Verlagshaus veröffentlichte Titel Der freche und der fromme Poet - Heinrich Heine und sein Glaube von Hans Hübner. Diese Publikation geht zurück auf eine Vorlesung, die er im Sommersemester 2004 in Göttingen für Hörer aller Fakultäten gehalten hat.
Ein anderes Untersuchungsfeld, zu dem die Literaturwissenschaftler wenig beitragen können, sind die Bemühungen, Heines Krankheit zu diagnostizieren, die ihn anscheinend sein halbes Leben lang geplagt und während der letzten acht Jahre ans Lager gefesselt hat. Hier ist es zu interessanten Ergebnissen und Diskussionen gekommen, ohne dass ein neues Buch erschienen ist. Nachdem Henner Montanus seine Dissertation, die alle noch verfügbaren Dokumente zu Heines Krankengeschichte ausgewertet hat, 1995 unter dem Titel Der kranke Heine veröffentlicht hatte, schien alles zu dem Thema gesagt. Gegenüber früheren Diagnosen wie Syphilis oder Lateralsklerose vertrat er die Auffassung, dass Heine an einer Art komplexer tuberkulöser Erkrankung gelitten habe (als medizinischer Laie bitte ich hier und im folgenden um Nachsicht bei eventuell fehlerhafter Terminologie...) Im Jahr 1997 wurden die Mediziner H. Kijewski, W. Huckenbeck und U. Reus mit der Untersuchung von sieben Haaren aus dem Nachlass Heines und einem Haar von der Totenmaske beauftragt und stellten einen signifikant hohen Bleigehalt fest, aufgrund dessen sie von einer chronischen Bleivergiftung ausgingen. Dieser Befund wurde öffentlichkeitswirksam bereits im Jubiläumsjahr publik gemacht, die genaueren Ergebnisse präsentierten die drei jedoch erst später in der Fachzeitschrift Rechtsmedizin: Jg. 10 (2000), S. 207 - 211 und Jg. 13 (2003), S. 131 - 136. Beide Diagnosen wurden indes von Christoph auf der Horst und Alfons Labisch deutlich in Frage gestellt, vgl. dazu ihre Beiträge in den Heine-Jahrbüchern 35 (1996), S. 245 - 251 und 38 (1999), S. 105 - 131. Die vorläufig letzte Wortmeldung stammt von dem Neurologen Roland Schiffter, der von einer „Neurosyphilis in Form der chronischen Meningitis“ spricht. Auch er veröffentlichte seinen Beitrag in einer Fachzeitschrift: Das Leiden des Heinrich Heine. In: Fortschritte der Neurologie. Psychiatrie Bd. 73 (2005), S. 30 - 43. Damit hätte sich in diesem Fall der Kreis geschlossen, denn von einer syphilitischen Erkrankung ging ja offenkundig auch Heine selbst aus.
Einen eigenen Akzent setzte 2010 Bodo Morawe mit seiner umfangreichen, in zwei Bänden veröffentlichten Studie Citoyen Heine. Das Pariser Werk, die das in der Metropole Paris entstandene Ouevre Heines facettenreich in die zeitgenössischen französischen Kontexte einbindet.

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