Heine und Varnhagen von Ense

Ernst Pawel beklagt in seinem Buch über Heinrich Heines letzte Jahre den Mangel an engen, zuverlässigen Freunden, weil dem kranken Dichter in dieser schweren Zeit dadurch jede Spur menschlicher Wärme, echter Kameradschaft und gegenseitigen Vertrauens abging und ihm ein Mensch fehlte, auf den er hätte zählen können, wenn er uneigennützigen Rat und bedingungslose Unterstützung brauchte. [1]
Abgesehen von seiner Frau Mathilde, die ihm irgendeine Art von Nähe vermittelt haben muss, aber keinen Anteil an seinem Schriftsteller-Dasein hatte, war der kranke Heine in der Tat hauptsächlich von Menschen umgeben, deren Hilfestellung er bezahlen musste: Krankenpflegerinnen, Ärzte und Sekretäre. Allerdings ist festzuhalten, dass es dem zu einem Pflegefall gewordenen Autor in seinen letzten Lebensjahren nicht nur gelang, weitere wichtige Werke wie den Romanzero und die Lutetia zu veröffentlichen und das Erscheinen der französischen Gesamtausgabe seiner Schriften in die Wege zu leiten; er erreichte auch sein finanzielles Hauptziel dieser Zeit: für die Versorgung seiner Witwe Rücklagen zu bilden und zusätzliche laufende Einnahmen sicher zu stellen. Die Legende vom armen, kranken und vereinsamten Dichter ist somit nur bedingt wahr.
Gleichwohl gilt der Befund, dass es Heine in der Zeit vor seinem Krankenlager nicht gelungen ist, eine Freundschaft aufzubauen bzw. zu erhalten, die ihm in der beschriebenen Weise eine Stütze hätte bieten können. Dieses Defizit deckt sich mit dem Persönlichkeitsbild Heines, das sein amerikanischer Biograf Jeffrey L. Sammons in einem für mich heute noch sehr spannenden Aufsatz gezeichnet hat. [2] Sammons sieht in ihm a person who stayed on the periphery [...] and not much of a participant or a man who ventured very much in the give-and-take of personal relations. [3] Die geringe Bereitschaft Heines, konstruktive Beziehungsarbeit zu leisten wurde bei ihm ergänzt durch destruktive Neigungen: er konnte auf vermeintliche oder reale Kränkungen und Bloßstellungen recht heftig reagieren, davon zeugen mindestens zwei Duelle und mehrere literarische Exekutionen und Rufmordkampagnen. Allerdings wäre es ungerecht und griffe zu kurz, das Scheitern persönlicher Beziehungen nur seiner psychischen Konstitution anzulasten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse und die politische Entwicklung spielen dabei auch eine wichtige Rolle.
Als Jude und oppositioneller Schriftsteller in der Restaurationszeit sah sich Heine zahlreichen Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Ihm blieben bestimmte gesellschaftliche Sphären verschlossen, was er spätestens in seiner Studentenzeit erkennen musste. Die häufigen Wohnsitzwechsel in Deutschland, die er nicht immer freiwillig unternahm, waren allen Beziehungen abträglich, die durch regelmäßige persönliche Kontakte hätten wachsen können. Seine Emigration nach Frankreich entfremdete ihn tendenziell von allen Bekannten aus seiner deutschen Zeit.
Ob ihm andererseits eine Aufnahme in die seinem Anspruch entsprechenden Kreise der französischen, speziell der Pariser, Gesellschaft wirklich gelungen ist, bleibt zumindest zweifelhaft. Den langen, immer wieder variierenden Namenslisten von Geistes- und Gesellschaftsgrößen, mit denen Heine in Paris in Kontakt kam, möchte ich einen skeptischen Kommentar von Sammons entgegenhalten: He knew a great many people, including not a few of the European artistic and intellectual luminaries of the first half of the nineteenth century. But his relationship with hardly any of them was intimate or enduring; they seem to pass through his a life a through a sieve.[4] Durch die von vielen als Mèsalliance empfundene Verbindung und schließliche Heirat mit Mathilde hat sich Heine zudem - gewollt oder ungewollt - aus manchen Pariser Kontakten ausgeklinkt. Die engsten Beziehungen hatte er am Ende möglicherweise zu seinen beiden Übersetzern Gérard de Nerval und René Taillandier, wobei der nahezu kongeniale Nerval durch eigene Hand schon vor Heines Tod aus dem Leben schied. (Übrigens hat Heine auch einige andere Freunde durch frühen Tod verloren, zu erwähnen sind u.a. Karl Leberecht Immermann oder Moses Moser.)
Seine Kontakte zu den deutschen Emigranten in Paris blieben hinter dem von manchen erwarteten Ausmaß zurück. Verantwortlich ist hierfür in gewissem Maße seine Abneigung gegen zu viel Verbindlichkeit oder Vereinnahmung durch bestimmte politische Fraktionen. Hinzu kommt gerade in Heines aktiver Pariser Zeit, die mit dem Vormärz, der Phase zwischen den bürgerlichen Revolutionen von 1830 und 1848, koinzidiert, die fortschreitende Differenzierung der oppositionellen Kräfte in gemäßigte Liberale, radikale Demokraten und frühe Sozialisten bzw. Kommunisten. Diesem Klärungsprozess sind manche Beziehungen zum Opfer gefallen, die Beispiele reichen in Heines Fall vom recht bald nach seiner Ankunft in Paris einsetzenden Zerwürfnis mit Ludwig Börne bis zur deutlichen Abkühlung seines freundschaftlichen Verhältnisses zum ehemaligen Jungdeutschen Heinrich Laube, nachdem dieser ein Buch über seine Mitwirkung im Paulskirchen-Parlament veröffentlicht hatte, das Heine wegen der dort geäußerten Sympathien für das gemäßigte Lager um Heinrich von Gagern heftig kritisierte.
Bei einer Reihe von Beziehungen zu deutschen Literaten und Intellektuellen, die erst während der 40er Jahre zustande kamen, fällt einerseits auf, dass diese meist nicht mehr durch ein Zerwürfnis endeten, andererseits aber, dass Heines Partner in diesen Fällen mehr als zehn, teilweise sogar (wie Alfred Meißner oder Ferdinand Lassalle) über 20 Jahre jünger als er waren. Seine Begeisterung gerade bei Lassalle deutet für mich ein wenig darauf hin, dass er in diesen jüngeren eher Propheten oder Vorboten einer besseren Zukunft sah als Partner auf Augenhöhe, mit denen er den trüben Rest seines Lebens teilen konnte.
Angesichts dieser insgesamt eher bescheidenen Bilanz verdienen die Jahrzehnte überdauernden und relativ konfliktfrei gebliebenen Beziehungen Heines besondere Aufmerksamkeit. Sieht man von seinen engeren Angehörigen und seinem Verleger Campe ab, bleibt nur eine überschaubare Zahl über lange Zeit aufrecht erhaltener Bekanntschaften übrig. Eine der bemerkenswertesten und meines Erachtens bislang zu wenig gewürdigten Verbindungen Heines ist die zu Karl August Varnhagen von Ense.
Als Heine Varnhagen 1821 in Berlin kennenlernte, war dieser bereits so etwas wie ein freischaffender Publizist. Er wirkte als Herausgeber, Verfasser historischer und biographischer Artikel und Rezensent bei verschiedenen Zeitschriften und Verlagen. In den Jahren ab 1827 waren das wichtigste Organ, in dem er sich als Kritiker äußerte, die von ihm mit Hegel und Eduard Gans ins Leben gerufenen Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik. Varnhagen war allerdings nicht von den Einkünften aus seinen Veröffentlichungen abhängig, da er - von seiner Ausbildung her eigentlich Mediziner - durch eine vergleichsweise kurze Karriere im preußischen Staatsdienst für den Rest seines Lebens finanziell abgesichert war. Er hatte bereits 1814/15 am Wiener Kongress teilgenommen und fungierte von 1816 bis 1819 als preußischer Geschäftsträger in Baden. Weil er dort offenbar zu liberale Positionen vertrat, wurde er abberufen und zunächst in den Wartestand, 1824 dann endgültig in den Ruhestand versetzt. Gleichwohl wurde er noch einige Zeit mit diplomatischen Aufträgen und der Ausfertigung von Denkschriften betraut und 1825 zum Geheimen Legationsrat ernannt. 1826 wurde der von ihm zunächst fälschlich geführte Adelstitel von Ense offiziell anerkannt. Er galt lange Zeit aufgrund seiner Kontakte zu Adels- und Regierungskreisen als eine Art graue Eminenz, deren Einfluss schwer einzuschätzen war.
Im Jahr 1814 hatte Varnhagen die vielseitig intellektuell interessierte und vor der Hochzeit zum Protestantismus konvertierte Jüdin Rahel Levin geheiratet. In ihrem Berliner Salon verkehrten in den 20er Jahren zahlreiche Schriftsteller und Geistesgrößen der preußischen Hauptstadt, darunter Männer wie Chamisso, Fichte, Fouqué, Hegel oder Humboldt. Obwohl die Varnhagens lange in dem Ruf standen, einen regelrechten Goethe-Kult zu betreiben, waren sie doch aufgeschlossen für neuere Strömungen in der deutschen Literatur. [5]
Die Mitte 1821 erfolgte Aufnahme in diesen Kreis war für Heine, der zu dieser Zeit gerade am Beginn seiner schriftstellerischen Karriere stand, ebenso hilfreich wie die Fürsprache, die ihm die Eheleute Varnhagen in den darauf folgenden Jahren angedeihen ließen. Den stärkeren Einfluss auf ihn dürfte zunächst Rahel gehabt haben, der gegenüber er eine große Zuneigung bekundete, aber nachhaltiger für ihn gewirkt hat im Laufe der Jahre zweifellos ihr Ehemann. Er hat im ersten Jahrzehnt ihrer Bekanntschaft alle Buchveröffentlichungen Heines mit positiven Kritiken bedacht. Den Anfang machten die bei Maurer in Berlin veröffentlichten Gedichte, die er in der Zeitschrift Der Gesellschafter vom 19.1.1822 rezensierte. Er bescheinigte dem jungen Autor ausgezeichnete Anlagen und wies darauf hin, dass sich bei ihm ein höchst sinnreicher und anziehender Humor finde. [6] In den Jahren danach folgten Besprechungen der Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo, zum Buch der Lieder und den verschiedenen Teilen der Reisebilder.
Als Mitte der 30er Jahre die Schriftsteller des so genannten Jungen Deutschland, denen auch Heine zugerechnet wurde, von verschiedenen Regierungen verfolgt und vom Deutschen Bund mit einem Verbot belegt wurden, setzte sich Varnhagen mit einer an Metternich gerichteten Denkschrift für sie ein. [7]
Varnhagen hat aber nicht nur den aufstrebenden Schriftsteller Heine im Rahmen seiner Möglichkeiten protegiert, sondern ihm auch in anderen Lebenslagen Rat und Beistand zu- kommen lassen. So beispielsweise zu Beginn des Jahres 1831, als Heine mit der Bewerbung um die Stelle eines Ratssyndikus in Hamburg den letzten Versuch unternahm, in Deutschland zu einer Stelle zu kommen oder im Jahr 1846, als Varnhagen ihm im so genannten Erbschaftsstreit die gewünschte publizistische Unterstützung gewährte.
Es sind insgesamt 45 Briefe von Heine an Varnhagen überliefert, die von Ende 1822 bis zum Oktober 1855 datieren. Bei Betrachtung der zeitlichen Verteilung dieser Briefe fällt auf, dass die aktivste Zeit Heines als Briefpartner Varnhagens die Jahre 1826 bis 1833 sind, die Zeit der Reisebilder und seine ersten Jahre in Paris. Gerade in den Briefen aus dieser Zeit finden sich einige Positionsbestimmungen Heines, die in der Sekundärliteratur gern zitiert werden, beispielsweise sein Wort vom Ende der Kunstperiode in Zusammenhang mit seinem scharfen Angriff auf den Grafen von Platen: Der Schiller-Göthesche Xenienkampf war doch nur ein Kartoffelkrieg, es war die Kunstperiode, es galt den Schein des Lebens, die Kunst, nicht das Leben selbst – jetzt gilt es die höchsten Interessen des Lebens selbst, die Revoluzion tritt ein in die Literatur, und der Krieg wird ernster. [8] Während Heine in der veröffentlichen Meinung überwiegend für seine diffamierenden Attacken auf Platen kritisiert wurde, gehörte Varnhagen zu den wenigen, die nicht in diesen Chor einstimmten und Heines Bäder von Lucca unvoreingenommen besprachen.
Nach dem Tod Rahels im Jahre 1833, zu dem Heine Varnhagen kondolierte, kam es offenbar zu einer mehrjährigen Unterbrechung des Kontaktes; es fällt auch auf, dass Varnhagen seitdem keine eingehenden Rezensionen Heinescher Werke mehr veröffentlichte. Erst 1838 wandte sich Heine wieder an Varnhagen, um von ihm Schützenhilfe für sein deutsches Zeitungsprojekt zu erbitten, das sich jedoch schon bald wieder zerschlug.
In einem Brief vom Beginn des Jahres 1840 erinnerte Heine Varnhagen an das hohe Maß von Vertrautheit, das zwischen ihnen herrschte: Wir, wir verstanden einander durch bloße Blicke, wir sahen uns an und wußten, was in uns vorging. [9]
Er widmete Varnhagen sein Versepos Atta Troll, das zuerst 1843 in der Zeitung für die elegante Welt und in überarbeiteter Fassung 1847 als Buch erschien. Im Widmungscaput XXVII redet der Dichter seinen alten Freund direkt an und bringt noch einmal die Jugendträume / die ich träumte mit Chamisso / und Brentano und Fouqué in Erinnerung. [10]
Anlässlich seiner Deutschlandreise im Herbst 1843 spielte Heine zumindest mit dem Gedanken, einen Abstecher nach Berlin zu machen, um Varnhagen noch einmal persönlich zu treffen [11], ein solcher Besuch hat dann aber weder 1843 noch 1844 bei seiner zweiten Reise in die alte Heimat stattgefunden.
Zum letzten intensiveren brieflichen Kontakt zwischen den beiden kam es im Laufe des Jahres 1846, als Heine sich mehrfach der Hilfe Varnhagens bediente, um in der deutschen Presse diverse Notizen zu lancieren, die die öffentliche Meinung im Erbschaftsstreit mit seinem Vetter Carl Heine zu seinen Gunsten beeinflussen sollten. Bei dieser Gelegenheit äußerte er noch einmal rückblickend: Sie sind immer mein wahlverwandtester Waffenbruder gewesen, in Spiel, und Ernst; Sie haben gleich mir die alte Zeit begraben helfen und bey der neuen Hebammendienst geleistet. [12]
Aus der so genannten Matratzengruft hat der kranke Heine offenbar keine Briefe mehr an Varnhagen geschrieben, es sind außer einem Empfehlungsschreiben nur noch mündlich durch Dritte ausgerichtete Grüße nachgewiesen. Varnhagen nahm jedoch auch am Fortgang von Heines Krankengeschichte regen Anteil und bekommt hier das Schlusswort:
Theuerster alter Freund! Obschon weiter Raum uns trennt und oft längere Zeit vergeht ohne daß wir unmittelbar Lebenszeichen austauschen, so besteht doch unausgesetzt ein nahes und inniges, ich darf sagen tägliches Zusammenleben, durch frühes Jugendvertrauen begründet, durch wahren Herzensantheil und ungeirrtes Geistesverständniß unaufhörlich genährt, durch jeden Fortschritt des Alters gereift und erhöht! [13]
[1] Ernst Pawel: Der Dichter stirbt. Heinrich Heines letzte Jahre in Paris. Berlin 1997, S. 163.
[2] Jeffrey L. Sammons: Dilemmas of literary biography: the case of Heine. In: Raymond Immerwahr / Hanna Spencer (Hrsg.): Heinrich Heine - Dimensionen seines Wirkens. Bonn 1979, S. 9 - 22.
[3] Sammons, a.a.O., S. 16.
[4] Sammons, a.a.O., S. 13.
[5] Manfred Windfuhr stellt sogar fest, dass die Förderung Heines und anderer junger Autoren (...) bei ihnen den Goethekult ablöste. (Heinrich Heine zwischen den progressiven Gruppen seiner Zeit. Von den Altliberalen zu den Kommunisten. In: Zeitschrift für deutsche Philologie, Bd. 91.1972, Sonderheft Heine und seine Zeit, S. 9)
[6] Zitiert nach Eberhard Galley / Alfred Estermann (Hrsg.): Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen. Bd. 1, Hamburg 1981, S. 25.
[7] Abgedruckt u.a. in Karl August Varnhagen von Ense: Literaturkritiken. Mit einem Anhang: Aufsätze zum Saint-Simonismus. Hrsg. von Klaus F. Gille. Tübingen 1977, S. 77 - 84.
[8] Brief vom 4.2.1830, zitiert nach HSA XX, S. 384.
[9] Brief vom 5.2.1840, zitiert nach HSA XXI, S. 345.
[10] DHA IV, S. 81.
[11] Vgl. seinen Brief vom 9.11.1843 (HSA XXII, S. 76).
[12] Brief vom 3.1.1846, zitiert nach HSA XXII, S. 180.
[13] Brief vom 11.6.1854, zitiert nach HSA XXVII, S. 191.

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