Web 2.0 – eine friedliche Revolution mit Risiken und Nebenwirkungen

Ob Web 2.0 nun ein „Schlagwort oder Megatrend“ ist, mag hier und da noch diskutiert werden – unabhängig vom Ergebnis weist dieser Terminus aber ohne Zweifel sehr pointiert auf einen Veränderungsprozess des World Wide Web hin, der in den letzten Jahren unübersehbar geworden ist. Ins Auge fällt vor allem eine gleichmäßigere Verteilung der Ressourcen, die zum Abbau einst ausgeprägt hierarchischer Strukturen geführt hat: nicht mehr nur wenige aktive Anbieter und Autoren prägen Inhalte und Struktur des Netzes und üben einseitig Einfluss auf eine mehr oder weniger passive Schar von Nutzern oder Konsumenten aus. Stattdessen ist die Kommunikation im Netz dialogischer geworden und längst keine Einbahnstraße mehr – inzwischen kann fast jede/r auch Informationen aktiv anbieten. Diese Veränderung wird vor allem auf verschiedene Fortschritte im Hard- und Software-Bereich zurückgeführt. Breitbandzugänge, Flatrates erweitern die Teilhabe-Möglichkeiten der User, niederschwellige Software-Angebote (oft aus der Open-Source-Bewegung) setzen immer mehr Teilnehmer in die Lage, sich selbst aktiv mit eigenen Inhalten einzubringen.
Allerdings sollten wir nicht die Augen vor negativen Begleitaspekten dieser Entwicklung zu verschließen. Wer nur konstatiert, dass das Web 2.0 von der Tendenz her dialogischer, partizipatorischer und selbstbestimmter als seine Vorstufen ist und im Ansatz mehr Basisdemokratie und Gegenöffentlichkeit zu verwirklichen verspricht, würde einige Tendenzen außer Acht lassen, die die zweifellos zu registrierenden positiven Aspekte beeinträchtigen. Die überall zu beobachtende Absenkung der Zugangsschwellen hat dazu geführt, dass sich deutlich mehr Akteure und Autoren in das WWW einbringen. Die daraus resultierende Zunahme der Inhalte führt bei steigender Quantität zu einer insgesamt eher sinkenden Qualität und zunächst einmal einer Zunahme der Unordnung, auch wenn bestimmte Komponenten des Web 2.0 wie TagClouds und Social Bookmarks wiederum bemüht sind, kooperative Ordnungskonzepte zu etablieren, für die mit Folksonomie auch schon ein neuer Begriff geprägt wurde. Eine Zunahme von Geschwätzigkeit, Belanglosigkeit und schlechtem Stil bis hin zu fehlenden Umgangsformen (gab es nicht einmal eine Netiquette?) machen es zu einer zunehmend anspruchsvolleren Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Beispiel mit regionalem Bezug ist für mich das vom WAZ-Verlagshaus mit hohem Werbeaufwand gelaunchte Portal Der Westen, das unter peinlichen Themen und schlechtem Diskussionsstil leidet, was das Community Management vor kurzem zum Einschreiten veranlasste:
„Aufgrund jüngster Ausfälle gegenüber unseren Mitarbeitern, die zum Teil massiv unter die Gürtellinie gingen, sehen wir uns gezwungen, eine deutliche Grenze zu ziehen…“
Aber nicht nur die „schwarzen Schafe“ unter den Usern, auch „ungebetene Gäste“ konterkarieren die Idee einer non-profit-orientierten Graswurzelbewegung, die davon träumt, aus dem Netz am Ende eine Gegenmacht zu den Global Players zu machen. Längst haben Unternehmen und staatliche Stellen die verschiedenen Features von Web 2.0 für sich entdeckt und sind dabei, diese Strukturen zu unterwandern oder zu adaptieren, sofern sie nicht ohnehin die Anbieter der Plattformen sind, auf denen sich die neuen Communities tummeln. Mehrere der Bücher, die ich zur Vorbereitung dieses Artikels herangezogen habe, beleuchten das Thema aus ökonomischer Perspektive, wenden sich primär an Unternehmen, Pressestellen und Agenturen.
Je mehr (reale) Daten die Nutzer in ihren Profilen bei den verschiedenen Gemeinschaften hinterlegen (um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen), um so interessanter werden die dort aggregierten Daten als potentielle Kundendaten für gezielte, möglichst personalisierte Werbemaßnahmen. Eigene Erfahrung: je mehr Medien ich für Amazon bespreche, desto zielgenauer werde ich über Neuerscheinungen informiert, die in mein Neigungsprofil passen. Der Versand dieser Werbung erfolgt in der Regel an die Mail-Adresse, die hinterlegt werden muss, um in der jeweiligen Community einen Account anmelden zu können. Aber nicht nur Händler und Agenturen sondern zunehmend auch staatliche Stellen zeigen sich an den personenbezogenen Daten der User interessiert. Zwar lassen zahlreiche Plattformen den Mitgliedern die Wahl, welche Daten für alle, nur für einen ausgewählten Personenkreis oder nur für sie selbst sichtbar sein sollen – gleichwohl sind ja alle in einer Datenbank hinterlegt und im Zweifel nicht vor einem unerwünschten Zugriff geschützt. Als Beispiel für den missbräuchlichen Umgang mit solchen Daten sei hingewiesen auf die Kritik am Portal studiVZ in der Wikipedia.
Gerade unter Datenschutz-Aspekten sind die Entwicklungen im Web 2.0 äußerst zweischneidig. Während die einen Projekten wie dem Bundes-Trojaner oder der Vorrats-Datenspeicherung entschiedenen Widerstand entgegensetzen und dazu auch die Möglichkeiten des Netzes nutzen, wie u.a. die Piratenpartei, die sich im Grunde wie eine Online-Community und weniger wie eine herkömmliche Partei organisiert – gibt es zunehmend andere, die anscheinend unbekümmert alle möglichen persönlichen Daten dem Netz anvertrauen. Während die einen gewissermaßen sehr zugeknöpft sind und nach Möglichkeit immer noch ein zusätzliches Sicherheitsschloss aufstecken, reißen die anderen Türen und Fenster sperrangelweit auf und stellen mitunter in geradezu exhibitionistischer Manier ihre Macken und Schwächen zur Schau (broadcast yourself ), um wenigstens auf diese Weise ein wenig Aufmerksamkeit zu erzielen. Nimmt man dann noch den Trend zu geocodierten Beiträgen und die zunehmende Nutzung der GPS-Technologie hinzu, wird es den interessierten Stellen nicht nur möglich sein, statische Benutzerprofile zu sammeln sondern quasi den Usern auf Schritt und Tritt zu folgen. Man muss ihnen keinen Chip mehr implantieren, weil sie diesen in Form eines multifunktionalen Handys (wahrscheinlich einer wie auch immer gearteten Weiterentwicklung des iPhone) selbst freiwillig mit sich tragen werden. Denn trotz aller begründeten Bedenken dürfte sich der Trend zur Weiterentwicklung der Web-Anwendungen als unumkehrbar erweisen, so dass vermutlich schon bald eine Vision wie die von Alexander Dort keine Zukunftsmusik mehr sein wird. Hier und da ist ja schon von Web 3.0 die Rede...

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