Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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„Man kann aus der Geschichte nicht aussteigen.... Meine Erinnerungen verblassen mit zunehmendem Alter nicht, sondern sie werden immer schärfer. Aber der Kreis derer, die wirklich verstehen, wird immer kleiner. Erst kürzlich sagte mir ein Freund: Ernst, es ist keiner mehr da, mit dem ich über die Schoah reden kann."

Rabbiner Ernst M. Stein während des 6. Anne Frank-Tages

 

"Was geschehen kann, wenn man dem Bösen seinen Lauf läßt" - Sechster Anne-Frank-Tag an der Universität Essen

(von Ulf Gutowski)

Freitag den 29. Januar 1999 von 09.15 Uhr - 14.00 Uhr in der "Brücke". Veranstaltet gemeinsam von Studierenden und Dozenten (LB Dr. Herbert Schultze, FB 1- Evangelische Theologie; Prof. Dr. Rudolf Englert, FB 1- Katholische Theologie und Studentenpfarrer Harald Bredt, ESG Essen).

"Dem Unrecht antworten" so lautet das Motto des sechsten Anne Frank Tages, der an der Universität-GH-Essen stattfand. Auch dieses Mal waren wieder internationale Referenten geladen und viele Zuschauer gekommen. Die Organisatoren erhofften sich Antworten zu finden, wie man mit Zeugnissen und Dokumenten des Holocausts umgeht.

Schwester Veronika Grüters stellte die Kinderoper "Brundibar" vor, die damals von Kindern im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt wurde. Alle Rollen mußten dabei doppelt besetzt werden, da man nicht wußte, ob die Kinder den nächsten Tag noch erleben werden.

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Schwester Maria Veronika Grüters OSB während ihres Vortrags über die Kinderoper "Brundibar", die 55mal in Theresienstadt/Terezin aufgeführt und von ihr zu neuem Leben erweckt wurde.

Die Oper handelt von der Gemeinschaft, die stark macht. Erzählt wird die Geschichte zweier Kinder (Seppl und Anna). Sie versuchen durch Singen, Geld für ihre kranke Mutter zu verdienen. Allerdings werden sie von dem Drehorgelspieler "Brundibar" vertrieben.

Die Kinder verbünden sich am darauffolgenden Tag mit Tieren und anderen Kindern. Zusammen gelingt es ihnen den bösen Drehorgelspieler zu vertreiben und somit Geld für ihre Mutter zu erhalten,

Schwester Veronika studierte diese Kinderoper mit Schülern neu ein und führte diese weltweit auf. Sie berichtete von ihren besonders positiven Erfahrungen in Israel. Dort traf sie auch mit fünf ehemaligen Darstellern der Kinderoper zusammen, die sehr berührt von der Aufführung waren.

Dr. Reilly aus England warnte in ihrem Referat vor einer unpersönlichen Darstellung der Judenvernichtung. Man müsse den Holocaust menschlich darstellen und die individuellen Erfahrungen der Betroffenen hervorheben.

Rabbi Ernst Stein aus London sprach über seine persönlichen Erfahrungen in der Zeit des Dritten Reichs. Für ihn ist eine ernsthafte Erinnerung an die Schreckensherrschaft und Greueltaten der Nationalsozialisten wichtig. Vor allem die jungen Menschen müssen wissen, "was geschehen kann und wird, wenn man dem Bösen seinen Lauf läßt. Denn was einmal geschah, kann wieder geschehen." Andererseits warnte er vor einer zwar gutgemeinten, aber taktlosen "Mittrauer" mit den Opfern: "Die Schoah trennt Täter und Opfer ein für allemal!" Die vielen christlich-jüdischen Veranstaltungen gerade in Deutschland stünden in der Gefahr, dies vergessen zu lassen. Er wolle nicht die Rolle der edlen Rothaut in einem deutschen Western spielen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn das Judentum über Deutschland einen Bann ausgesprochen hätte. So wie 1492 über Spanien, als man die Devise ausgab: Für 500 Jahre keine Juden in Spanien!

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Zwei Referenten: Rabbiner Ernst M. Stein, Hove und Berlin (links), Drs Wim E. Westermann, Santpoort und Amersfoort.

Hier knüpfte auch der niederländische Pädagoge Wim Westermann an. Er erzählte von persönlichen Erlebnissen in den Nachkriegsjahren in Deutschland und den Niederlanden. Der Massenmord an den Juden wurde während seiner Schulzeit nicht thematisiert.

Von diesem Phänomen konnten auch viele Zuhörer in dem anschließenden Rundgespräch berichten. Eine erste Auseinandersetzung fand eigentlich erstmals in den 60er Jahren statt. Einige befürchteten auch, daß gerade heute eine Auseinandersetzung nicht mehr stattfindet und die Greueltaten des Kriegs in Vergessenheit geraten.

Eine Arbeitshilfe für den Religionsunterricht über Clara Grunwald kann bei Herrn Schultze bezogen werden.


Fragen und Anregungen zum Anne Frank-Tag bitte an Ulf Gutowski.