Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-04-05

Vom verlorenen Schaf (Mt 18,12-14 // Lk 15,4-10 // Thomas-Ev. 107)

barbeitet von  Miriam Müller


1. Gegliederte Synopse

Gliederung Mt 18, 12-14 Lk 15, 4-10 Thomas-Evang. Logion 107 /1/ Gemeinsame Vorlage
Kontext / Situation 10 Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel. 1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Jesus sagte:  
1. Frage an die Hörer
a) Vorstellung des Hirten, dem ein Schaf verloren geht.
12Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, Das Königreich gleicht einem Hirten, der hundert Schafe hatte. Eines unter ihnen verirrte sich -- es war das größte. Das Königreich gleicht einem Hirten, der hundert Schafe hatte. Eines unter ihnen verirrte sich
b) und sich auf die Suche macht  läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte?  nicht die neunundneunzig in der Wüste läßt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?  (25) Er ließ (die) 99 zurück; er suchte nach diesem einen,  da ließ er die neunundneunzig zurück und geht hin und sucht nach diesem einen.
c) Fortführung der Frage im Falle des Erfolgs 13 Und wenn es geschieht, daß er's findet, 5 Und wenn er's gefunden hat, bis er es fand. Und wenn es geschieht, daß er's findet,
d) Reaktion: Freude   so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.    
  wahrlich, ich sage euch: 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen:    
    er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.  Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Nachdem er sich abgemüht hatte, sagte er zu dem Schaf: ,Ich liebe dich mehr als die 99.  freut er sich darüber mehr als über die neunundneunzig.
2. Übertragung  14 So ist's auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.  7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.    

/1/ Aus: Bibel der Häretiker: die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi / eingeleitet, übers. und kommentiert von Gerd Lüdemann und Martina Janßen. --- Stuttgart: Radius, 1997. ISBN 3-87173-128-5.
Thomasevangelium (NHC II,2), URL http://www.gwdg.de/~rzellwe/nhs/node86.html#SECTION000180000000000000000

2. Kommentar

Beide Evangelientexte variieren denselben Stoff: Von 100 Schafen geht eines verloren. Der Schäfer macht sich auf die Suche und freut sich, als er das eine Schaf wieder findet. Auffällig ist bei den Synoptikern, dass nicht die Rede von dem „Hirten“ ist, der das Schaf sucht, sondern von einem nicht näher charakterisierten „Menschen“. Mt und Lk beginnen mit der Frage, was ein Mensch machen würde, wenn er hundert Schafe hätte und eins davon verloren ginge.

Die Fassung bei Matthäus ist insgesamt kürzer, prägnanter und nüchterner als die lukanische, die den Text stärker ausschmückt, lebendiger schreibt ( siehe wörtliche Rede in V. 6) und auch den Leser persönlich mit hineinnimmt ( v.Vers 4: Welcher Mensch unter euch...).

Bei Matthäus lässt der Mensch die 99 Schafe in den Bergen zurück, bei Lukas hingegen in der Wüste. Im Thomas-Ev. fehlt eine entsprechende Angabe.

Im Abschnitt, der die Freude des Hirten schildert (1d), wird bei Matthäus nur gesagt, wie sehr er sich darüber freut, wenn er das Schaf findet, es wird jedoch nicht weiter darauf eingegangen, was weiter mit dem Schaf passiert. Bei Lukas aber wird es voller Freude auf die Schultern gelegt und heimgetragen. Anschließend ruft er sogar noch seine Freunde und Nachbarn zu sich, um mit ihnen die freudige Nachricht zu teilen. Im Thomas-Ev. taucht das Stichwort "Freude" nicht auf, statt dessen kommt es zu einer Liebeserklärung an das Schaf.

Die Übertragung und Deutung der Geschichte (Abschnitt 2; fehlt im Thomas-Ev.) fällt je nach kontextueller Einbindung ins Evangelium unterschiedlich aus: Bei Matthäus stehen die Jünger im Vordergrund. Jesus erklärt ihnen, als sie ihn fragen, wer der Größte im Himmelsreich sei, dass jeder Mensch so werden müsse wie die Kinder, um in das Himmelreich zu gelangen. Dabei geht es darum, dass der erwachsene Mensch sich erniedrigen und werden muss wie die Kinder, um der Größte im Himmelsreich zu sein. Matthäus spricht davon, dass es nicht der Wille des Vaters ist, dass auch nur eins von den „Kleinen“- gemeint sind hier die Kinder- verloren werde. Aussage des Gleichnisses ist hier: Werdet so wie die Kinder und ihr werdet die Größten im Himmelsreich werden und nicht verloren gehen.

Dies ist bei Lukas ganz anders. Die Zuhörer der Rede Jesu sind hier die Zöllner und Sünder, sowie die Pharisäer und Schriftgelehrten. Das Gleichnis reagiert auf den Vorwurf, Jesus halte Gemeinschaft mit den Sündern. Seinen Gegnern erklärt Jesus, dass er sich mehr freut über einen, der zu ihm umkehrt und Buße tut, als über die 99 anderen Gerechten, die die Buße gar nicht brauchen, weil sie schon zu Jesus gehören.

Vom verlorenen Groschen
Lukas führt anschließend noch ein weiteres Beispiel an, welches seine Absichten verdeutlichen soll. Dieses zweite Beispiel nennt er wahrscheinlich deshalb, damit sich die Zuhörer die Aussage dann besser einprägen und behalten können. Auch hier verliert ein Mensch ( in diesem Fall eine Frau) etwas, was sie anschließend verzweifelt sucht bis sie es findet. Wir finden hier wieder ganz deutlich den gleichen Aufbau, wie beim verlorenen Schaf. Der Text lässt sich ebenfalls in drei Abschnitte einteilen. Hier heißt es in Lukas 15, 8-10 folgendermaßen:

Dieses Gleichnis muss man wieder im gleichen Kontext sehen, wie das vorangestellte. Wieder stellen die Pharisäer die Adressaten dar, denen deutlich gemacht werden soll, dass ihre Denkweise über die Zöllner und Sünder nicht richtig ist. Denn auch hier spricht er von der Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut.