Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Ritter, Adolf Martin. Alte Kirche. Vol. 1 of Kirchen- Und Theologiegeschichte in Quellen. Ed. Heiko A. Oberman. 4 vols. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1977, 58-60.

28. Das älteste Kanonsverzeichnis (»Canon Muratori«)

In einer Palimpsesthandschrift aus dem 8. Jahrhundert wurde im Jahre 1740 durch L. A. Muratori in der Bibliotheca Ambrosiana zu Mailand ein Verzeichnis der neutestamentlichen Schriften entdeckt und herausgegeben, das aus dem Griechischen in ein geradezu barbarisches Latein übersetzt und dazu noch durch Schreibfehler entstellt ist, so daß es teilweise nicht sicher wiedergegeben werden kann. Wohl nicht lange vor oder nach 200 in Rom- allerdings schwerlich als offizielles Dokument! - entstanden, will es eine vollständige Aufzählung sämtlicher in der »katholischen Kirche« als gültig anerkannten neutestamentlichen Schriften bieten. Obwohl Anfang und Schluß für uns verloren sind, kann deshalb erschlossen werden, daß es sich zunächst mit dem Matthäus- und dem Markusevangelium befaßte, zumal es das Lukasevangelium ausdrücklich als das dritte einführt.

... wobei er [Markus] doch zugegen war und es so darstellte. Das dritte Evangelienbuch ist dasjenige nach Lukas. jener Lukas, ein Arzt, den Paulus nach der Auffahrt Christi gleichsam als Rechtskundigen[?] zu sich gezogen hatte, verfaßte es in eigenem Namen, doch nach [dessen] Meinung. Auch er hat indes den Herrn nicht im Fleische gesehen und beginnt daher so, wie es ihm erreichbar war, von der Geburt des Johannes an zu erzählen. Das vierte der Evangelien ist von Johannes, einem der Jünger. Als ihn seine Mitjünger und Bischöfe aufforderten, sagte er: »Fastet mit mir von heute an drei Tage lang, und was einem jeden offenbart werden wird, wollen wir einander berichten.« In derselben Nacht wurde dem Andreas, einem [anderen] der Jünger, offenbart, Johannes solle alles in eigenem Namen niederschreiben, und alle sollten es überprüfen. Mögen daher in den einzelnen Evangelien auch verschiedene Anfänge (principia) /1/ gelehrt werden, so macht das für den Glauben der Christen gleichwohl keinen Unterschied, da durch den einen leitenden Geist in allen alles bekannt gemacht worden ist: die Geburt, das Leiden, die Auferstehung, der Verkehr mit seinen Jüngern und seine zwiefache Ankunft, erst verachtet in Niedrigkeit, was schon geschehen, dann im Glanz königlicher Gewalt, was noch aussteht. Was Wunder also, wenn Johannes die Einzelheiten auch in seinen Briefen so übereinstimmend vorträgt, da er von sich selbst sagt: »Was wir mit unseren Augen sahen und mit unseren Ohren hörten und mit unseren Händen betasteten, das schrieben wir euch« [Joh. 1,1 ff.]. Denn damit bekennt er sich der Reihe nach nicht nur als Augen- und Ohrenzeugen, sondern auch als Berichterstatter über alle wunderbaren Taten des Herrn. Die Taten aller Apostel aber sind in einem Buche beschrieben. Lukas faßt für den »besten Theophilos« [vgl. Lk. 1,1; Apg. 1,31 zusammen, was in seiner Gegenwart im einzelnen geschehen, wie er es ja auch deutlich dartut, indem er nicht nur das Martyrium des Petrus, sondern auch die Reise des Paulus von Rom nach Spanien wegläßt. Die Briefe des Paulus aber erklären dem Wißbegierigen selbst, welche es sind [sc. von Paulus stammen] und von wo aus und aus welchem Anlaß sie verfaßt wurden. Zuallererst schrieb er an die Korinther, denen er die Häresie des Schismas, dann den Galatern, denen er die Beschneidung untersagte; den Römern prägte er ausführlicher ein, daß Christus die Regel der Schrift und ihr Prinzip sei. Über diese müssen wir im einzelnen sprechen, da der selige Apostel Paulus selbst -darin der Regel seines Vorgängers Johannes [vgl. die sieben Sendschreiben, Offb. 2 f.] folgend - mit Namensnennung nur an sieben Gemeinden schreibt, und zwar in folgender Reihenfolge: an die Korinther der erste, an die Epheser der zweite, an die Philipper der dritte, an die Kolosser der vierte, an die Galater der fünfte, an die Thessalonicher der sechste, an die Römer der siebente Brief. Aber wenn auch an die Korinther und die Thessalonicher zu ihrer Zurechtweisung noch ein zweites Mal geschrieben wird, dann ist gleichwohl klar erkennbar, daß es [nur] eine über den ganzen Erdkreis verstreute Kirche gibt. Denn auch Johannes schreibt in der Offenbarung [zwar] an sieben Gemeinden, redet aber zu allen. Hingegen sind der eine Brief an Philemon, der eine an Titus und die beiden an Timotheus [zunächst nur] aus [persönlicher] Zuneigung und Liebe geschrieben, dann aber doch zu Ehren der katholischen Kirche und zur Ordnung kirchlicher Disziplin geheiligt worden. Es geht auch ein [Brief] an die Laodizener, ein anderer an die Alexandriner um, auf den Namen des Paulus gefälscht für die Sekte des Markion, und anderes mehr, was nicht in die [der?] katholische[n] Kirche aufgenommen werden kann, da es nicht angeht, Galle mit Honig zu mischen. Ferner werden ein Brief des Judas und von dem oben erwähnten[?] (superscriptio [= superscripti?]) Johannes zwei in der katholischen [Kirche] /2/ festgehalten; auch die Weisheit, die von Freunden Salomos zu dessen [oder: ihrer, der Kirche] Ehre [oder: von Philon zu Ehren Salomos] (et sapientia ab amicis Salomonis in honorem ipsius scripta) /3/ verfaßt wurde. An Offenbarungen anerkennen wir nur die des Johannes und des Petrus: die letztere wollen einige von uns freilich nicht in der Kirche lesen lassen. Den »Hirten« dagegen hat erst vor kurzem, zu unserer Zeit, in der Stadt Rom Hermas verfaßt, als auf dem Thron der Kirche der Stadt Rom der Bischof Pius, sein Bruder, saß. Deshalb soll er zwar [privat] gelesen werden, aber öffentlich in der Kirche dem Volk verlesen werden kann er weder unter den Propheten, deren Zahl abgeschlossen ist, noch unter den Aposteln am Ende der Zeiten. Von Arsinous, Valentin oder Miltiades[?] (mitiadis) schließlich nehmen wir überhaupt nichts an; diese haben auch für Markion ein neues Psalmbuch verfaßt, zusammen mit Basilides aus Kleinasien[!], dem Stifter der Kataphryger - [=Montanisten-]Sekte[!] . . .

1. Bei den »Anfängen« springt ja die Verschiedenheit der Evangelien am ehesten in die Augen.

2. duas [= duae?] in catholica; vielleicht ist auch dua[e] sin catholica = griech. dyo syn katholike bzw. pros katholiken zu lesen, catholica also auf den »katholischen«, den 1. Johannesbrief zu deuten.

3. Dies Mißverständnis einer ab amicis (hypo philon) Salomos statt, wie auch sonst bezeugt, von PhiIon (hypo Philonos) zu Ehren Salomos oder der Kirche verfaßten »Weisheit« ist wohl der unwidersprechlichste Beweis einer ursprünglich griech. Abfassung des Muratorianum.