Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-04-05

Leitfragen der didaktische Analyse (nach Klafki, Wolfgang)

Die Zukunftsbedeutung des Gegenstandes

 1. Ist die an diesem Gegenstand zu gewinnende Erfahrung (Erkenntnis usw.) eine notwendige Voraussetzung für den weiteren Bildungsweg und für die künftige Berufsausbildung meiner Schüler? Oder ist sie ein unberechtigter Vorgriff auf spezielle Erfordernisse etwa des Gymnasialunterrichts oder einer bestimmten Berufslehre?

 2. Ist die an diesem Gegenstand zu gewinnende Erfahrung (Erkenntnis usw.) eine notwendige Voraussetzung für die Bewältigung jener Aufgaben, denen meine Schüler künftig in der Gesellschaft und in der modernen Arbeitswelt ausgesetzt sein werden?

 3. Ist die an diesen Gegenstand zu gewinnende Erfahrung (Erkenntnis usw.) zwar in pragmatischer Hinsicht überflüssig, jedoch als Grundlage und Inhalt eines menschenwürdigen Daseins in sich selbst wertvoll? Würde ohne sie das künftige Leben meiner Schüler verarmen? Oder geht es nur um die pietätvolle Bewahrung überlebter Traditionselemente? (Beispiele: manche herkömmlichen Memorierstoffe der christlichen Unterweisung)

 Gegenwartsbedeutung und Repräsentabilität des Gegenstandes

 1. Wird dieser Gegenstand (und sein bildender Gehalt) von den Erwachsenen wirklich ernst genommen? Oder wird er vielfach nur noch ideologisch wertgeschätzt, im praktischen Leben aber ignoriert? (Beispiele: die christlichen Glaubenswahrheiten, die kirchliche Sitte, die bürgerliche Moral; das Bekenntnis zur demokratischen Verfassung, zur Wiedervereinigung Deutschlands, zur Verständigung mit dem Judentun.)

2. Ist dieser Gegenstand (und sein bildender Gehalt) den Erwachsenen überhaupt einsichtig? Oder wird er nur als bedeutsam deklariert, im persönlichen Leben aber ohne Verständnis behandelt? (Beispiele: die Bewältigung unserer jüngsten Vergangenheit; die Auseinandersetzung mit der modernen Literatur und Kunst.)

 3. Ist dieser Gegenstand für mich selbst fraglos bedeutsam und seinem Wesen nach einsichtig? Kann ich seinen bildenden Wert notfalls auch gegen allgemeine gesellschaftliche Trends und lokale Konventionen vertreten, ja gegen Haltung und Meinung der Eltern zur Geltung bringen? Kann ich seinen Gehalt selbst glaubwürdig repräsentieren und ihn im Unterricht wirksam werden lassen?

 Struktur und erschließende Wirkung des Gegenstandes

 1. In welchem größeren Sinn- oder Sachzusamnenhang steht dieser Gegenstand? Welche Erfahrungen (Einsichten, Kenntnisse, Fertigkeiten) müssen zu seinem Verständnis notwendig vorher erworben worden sein? (Beispiele: Beherrschung des Dreisatzes vor Behandlung der Prozent- und Zinsrechnung; Verständnis des Magnetismus vor Behandlung des Elektromotors.)

 2. Für welchen allgemeinen Sachverhalt soll dieser Gegenstand exemplarisch (repräsentativ, typisch) sein? Welches Urphänomen, welches Grundprinzip soll in oder an ihm erfaßt werden? (Beispiele: der Glaubenssatz "Gott ist dem Sünder gnädig" am Gleichnis vom verlorenen Sohn; „die Problematik des mittelalterlichen Kaiser-Papst-Verhältnisses in der Begegnung von Canossa; der Gattungscharakter der naturmagischen Ballade in Goethes "Erlkönig"; der Wirkungszusammenhang von Angebot und Nachfrage am Beispiel "Wochenmarkt".)

 3. Nach welchem Strukturschema ist dieser Gegenstand selbst aufgebaut? Als logischer oder Kausalzusammenhang, der eine bestimmte Folge von Aneignungsschritten zwingend fordert? (Beispiele: die meisten Thesen des mathematischen und Naturlehreunterrichts.) Oder als faktischer Wirkungszusammenhang zwischen relativ selbständigen Momenten, deren Betrachtung nicht eindeutig an eine bestimmte Reihenfolge gebunden ist? (Beispiele: biologische Lebensgemeinschaften; geographische Typenlandschaften; geschichtliche Epochen.)

 Zugänglichkeit und Ergiebigkeit des Gegenstandes

 1. Ist der Gegenstand in der "Eigenwelt" meiner Schüler anschaulich vorhanden oder geistig lebendig? (Beispiele: biologische und geologische Charakteristika, wirtschaftliche und Verkehrsverhältnisse der näheren Umgebung; typische Tradtitionsbestände im familiären, kommunalen und kirchlichen Leben.) Läßt er sich in der Schule anschaulich machen oder vergegenwärtigen? (Beispiele: Demonstration am aufgesuchten und mitgebrachten Objekt und am Modell; Veranschaulichung durch Bild, Zeichnung oder Sandkasten; Vergegenwärtigung durch Lektüre, Erzählung oder darstellerische Gestaltung)

 2. Welche besonderen Situationen können den Gegenstand für meine Schüler interessant machen und in ihnen die Frage nach seinem Sinngehalt  wecken? (Beispiele: Beobachtungen, Vergleiche, Versuche, Fragen, Behauptungen, Kontroversen.) Welche Eigentümlichkeiten des Gegenstandes oder der pädagogischen Situation werden den Zugang vermutlich besonders erschweren? (Beispiele: Unanschaulichkeit, Kompliziertheit oder historische Ferne des Gegenstandes; unzulängliche Voreinstellungen, Sachkenntnisse oder Ausdrucksmöglichkeiten bei den Schülern; Vorurteile oder mangelndes Interesse bei den Eltern.)

 3. Welches ist der anzustrebende Ertrag an gesichertem Wissen und Können? Welche Möglichkeiten der Wiederholung und Übung bieten sich an? In welchem Zusammenhang können die an diesem Gegenstand gewonnenen Erfahrungen, Einsichten usw. später verifiziert und sinnvoll "angeeignet" werden? (Beispiele: heimatkundliche Grundbegriffe und -einsichten im Sachunterricht der Oberstufe; die bei der sprachlichen und künstlerischen Gestaltung gewonnenen Grunderfahrungen in der Sprach- und Kunstbetrachtung.)