Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Berve, Maurus: Die Armenbibel. Herkunft, Gestalt, Typologie. Dargestellt anhand von Miniaturen aus der handschrift Cpg 148 der Universitätsbibliothek Heidelberg. 2 ed. Beuron: Beuroner Kunstverlag, 1989. ISBN 3-87071-008-X. UB: 11 APG 1228 (2)
 

1.   <7:> EINLEITUNG

Zum Verständnis des Bilderzyklus, der hier vorgestellt werden soll, bedarf es einer grundlegenden Einfährungl, wie sie nur wenige Erscheinungsformen der Kunst- und Literaturgeschichte erfordern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nicht nur, daß die typologische Bilderbibel bereits 250 Jahre nach ihrem Aufkommen trotz weiter Verbreitung schnell an Aktualität verlor und dann völlig in Vergessenheit geriet. Auch die Ursache für das plötzliche Verschwinden dieses einst so bedeutsamen Glaubensdenkmals wirkt bis zur Stunde nach. Der Sinn für die Typologie, d. h. für die Beziehung von Vorbild und Erfüllung im geoffenbarten Heilsgeschehen, die den mittelalterlichen Frommen geradezu faszinierte, ist seit Beginn der Neuzeit dem abendländischen Menschen abhanden gekommen. Das liegt nicht nur an der Glaubensentfremdung und dem weitgehenden Schwund des persönlichen Verhältnisses zur biblischen Botschaft. Für den Menschen des 20. Jahrhunderts ist der intellektuelle Prozeß, der (lern typologischen Denken zugrunde liegt, nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar. Denn die Voraussetzungen dafür, das Symbolverständnis und die Fähigkeit, Bilder zu »lesen«, sind unter der Vorherrschaft des Rationalismus mit seinem dominierenden Kausalitätsprinzip und ausschließlichen Geltungsanspruch empirischer Beweisführung nahezu vollständig verkümmert.

1.1.        »Biblia pauperum«

Schon die herkömmliche Bezeichnung »Armenbibel« verursacht bei jedem, der sich über diese Literaturgattung noch nicht informieren konnte, notwendigerweise Befremden und hat denn auch zu den verschiedensten unbegründeten I ? rklärungen geführt. Sie ist tatsächlich irreführend. Gleichwohl meint »Biblia pauperum« in der modernen Wissenschaft einen ganz bestimmten Buchtyp des 13.-15. Jahrhunderts, der fast ausschließlich in Handschriften und Druckwerken begegnet, die zunächst überhaupt ohne Titel überliefert wurden. <8:>

Zwar trifft man im Mittelalter auf verschiedene Werke, denen der Titel »Biblia pauperum« vorangestellt ist, doch haben wir es bei ihnen gerade nicht mit bebilderten Codices zu tun, sondern mit Schriften geringen Umfangs, die dem Leser in knapper Übersicht und auf leicht faßliche Art die Botschaft der biblischen Bücher, vor allem den erzählenden Stoff des Alten Testamentes, in Erinnerung bringen sollten. Diese dünnen Faszikel enthielten nicht viel mehr als summarische Inhaltsangaben der Heiligen Schrift, mit denen aber Analphabeten absolut nichts anfangen konnten. Damit erledigt sich von selbst die weitverbreitete Annahme, mit den »Armen« seien die einfältig-frommen, des Lesens unkundigen Laien gemeint. Die ursprünglich und in gewisser Hinsicht zu Recht mit »Biblia pauperum« überschriebenen Bücher setzten eindeutig die Fähigkeit zum Lesen des lateinischen Textes und ein gewisses Minimum an theologischer Bildung voraus. Sie waren somit wahrscheinlich für Scholaren oder Kleriker gedacht, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibel nicht leisten konnten oder als »Arme im Geiste« keine anspruchsvollere Bildung aufzuweisen hatten, so daß sie sich mit diesen Auszügen begnügten.

Sachlich zu unterscheiden von diesen biblischen Kurzfassungen ist aber die typologische Bilderbandschrift ohne ursprüngliche Titelsetzung, mit der wir uns hier befassen. Auf welchem Wege der Begriff »Armenbibel« mit diesem Werk in Verbindung gebracht worden ist, versucht Gotthold Ephraim Lessing, der 1770-78 Bibliothekar in Wolfenbüttel war, anhand eines Manuskriptes der dortigen Herzoglich-Braunschweigischen Bibliothek zu erklären. Der bebilderte Codex (Cod. 5. 2. Aug. 4 : to.) mit dem typologischen System, das wir nun als Armenbibel bezeichnen, trägt auf der ersten Seite den Eintrag: Hic incipitur bibelia pauperum. Der stark verblaßte Vermerk wurde aber ganz offensichtlich von späterer Hand nachgetragen. Seine Echtheit hat nun Lessing als erster in Zweifel gezogen. In einer eigenen Abhandlung2 über die Herkunft der bibeltypologischen Bildwerke, deren er mehrere zu verwalten hatte, äußert er sogar die Vermutung, daß der allgemeine Gebrauch des Begriffes »Biblia pauperum« für unsern Buchtyp von der in Wolfenbüttel nachträglich vorgenommenen Titelgebung herrühre. Das Buch brauchte halt einen Namen, um katalogisiert werden zu können, und wegen seiner vielen Bilder erklärte man es kurzerhand als Bibel der mittelalterlichen Analphabeten.3

Lessings Vorbehalten schenkte man lange Zeit keine Beachtung, katalogisierte vielmehr allgemein die titellosen Blockbücher (Holztafeldrucke) gleichen Inhalts unter demselben Stichwort und schuf damit eine literarische Gattungsbezeichnung, die sich endgültig durchsetzte. Heute gilt freilich die Erkenntnis <9:> als nahezu gesichert, daß der unzutreffende Name »Armenbibel« wenn nicht auf ein Mißverständnis, so doch auf eine unrichtige Titelübertragung von den »echten«, für arme Kleriker bestimmten Armenbibeln des Mittelalters auf die typologischen Bildwerke zurückzuführen ist.

Zu ergründen, was die Armen mit diesen Werken zu tun haben sollten, ist also müßig./4/ Denn waren die mittelalterlichen Bibelauszüge als reine Textbücher dem Ungebildeten unzugänglich und für unbemittelte Geistliche bestimmt, so kamen die bebilderten typologischen Werke schon in ihrer einfachsten Ausführung gewiß so teuer, daß sie auch von der verarmten Klerisei kaum erworben werden konnten. Mag die Prachtentfaltung der Heidelberger Handschrift, jedenfalls was den Materialaufwand der vielen Goldgrundbilder betrifft, nur noch von einem Londoner Exemplar (Brit. Mus., Kings Mss. 5) erreicht werden, so weisen doch auch andere Ausgaben, und gerade die frühesten, in Zeichnung und Farbgebung eine so hohe künstlerische Qualität auf, daß bei ihnen ebenfalls nicht von volkstümlichem Anschauungsmaterial gesprochen werden darf.

Inwieweit die Armenbibeln dem Volke dennoch bekannt waren, weil etwa an Festtagen die entsprechenden Bildseiten aufgeschlagen und ausgestellt wurden, so daß allmählich jedermann nicht nur mit der begrifflichen Typologie, sondern auch mit der betreffenden ikonographischen Darstellung vertraut werden konnte, das entzieht sich unserer Kenntnis. Zumindest in den Klosterschulen fand dieses höchst instruktive katechetische Hilfsmittel gewiß auf solche »anschauliche« Art Verwendung. Im übrigen aber diente die Biblia pauperum als biblisches Erbauungsbuch, das dem Betrachter die Einheit der Heilsgeschichte vor Augen führte, ihn von der Übereinstimmung der beiden Testamente überzeugen und tiefer in das Mysterium Christi eindringen lassen sollte.

1.2.        Der typologische Gedanke

Typos, ein griechisches Wort, bedeutet das Geschlagene, Geprägte, in weiterem Sinne das Abbild, aber auch das Vorbild, Muster. Wir nennen etwas »typisch«, wenn es die Idee und Grundbefindlichkeit eines Sachverhaltes unverfälscht zum Ausdruck bringt und somit für eine Person oder Sache charakteristisch ist. Auch die biblische Offenbarung trägt »typische« Züge. Sie ist geprägt von der Heilsverheißung, Heilsansage und Heilserfüllung, die seit dem Beginn der Menschheit bis zum Ende der Zeiten in alles irdische Geschehen hineinwirkt. <10:>

Denn die Erlösung durch Christus bildet den Angelpunkt der Geschichte Gottes mit den Menschen. Deshalb ist die Botschaft der Heiligen Schrift in allen wesentlichen Aussagen durch das Gefälle zur Heilstat des Gottmenschen und zur Vollendung seines Heilswerkes bei der Parusie gekennzeichnet. Was vor der »Fülle der Zeiten« (Gal 4,4) sich mit dem Gottesvolk des Alten Bundes ereignete, erweist sich jedoch nicht nur unter dem großen heilsgeschichtlichen Aspekt auf die messianische Wirklichkeit bezogen, sondern trägt in vielen Ereignissen und Gestalten auch äußerlich wahrnehmbare, die Erfüllung vorbildende typische Züge.

Da die gottgewirkte Vorausdarstellung einer eschatologischen Heilswirklichkeit erst durch den Glauben an Christus, der die Fülle des Heiles gebracht hat, erkannt werden kann, so läßt sich das Vorhandensein eines alttestamentlichen Typus überhaupt erst durch die Offenbarung des neutestamentlichen Antitypus feststellen. Im Unterschied zur außergeschichtlichen Allegorese, die einen tieferen Sinn in der alttestamentlichen Erzählung selbst zu finden sucht, und im Gegensatz zum Weissagungsbeweis, der die verbale Andeutung einer nur zukünftigen Wirklichkeit ist, beruht also die Typologie auf dem Prinzip der Wiederholung. Wenn die vorbildende Gestalt oder das geschichtliche Faktum - im Lateinischen gelegentlich als »figura« (1 Kor I o,6) oder »umbra«, Schatten, (Kol 2,17; Hebr 8,5) bezeichnet-in neuer, gewöhnlich größerer und vollkommenerer Weise wiederum in Erscheinung tritt, wird plötzlich die Typik offenbar.

In ihrer Personifizierung oder Repräsentation der zukünftigen Wirklichkeit weisen die »figurae« aber nicht nur voraus, sondern zugleich auf ein Überzeitliches, Ewiges hin. Es verhält sich demnach so, »daß im Laufe der Zeiten zuerst das unvollkommene Abbild erscheint, dann im Neuen Bund das ewige Urbild selbst in der Welt sich manifestiert«.5 Dem Historiker enthüllt sich hier das Erbe Platons und der neuplatonischen Philosophie, die alle irdischen Dinge durch himmlische Dinge vorgebildet sieht. Kein Wunder also, daß in der Zeit des verstärkten Eindringens neuplatonischer Ideen vermittels arabischer Einflüsse im 11./12. Jahrhundert der Sinn für die Typologie neu belebt wurde.

Ihre Anwendung im biblischen Bereich erfreute sich im ganzen Mittelalter einer besonderen Beliebtheit. Das hat seinen Grund in der Tatsache, daß der Nachweis typologischer Zusammenhänge bereits im Neuen Testament als vorherrschende Methode der Schriftdeutung anzutreffen ist und von nahezu allen Kirchenvätern, vorab von Origenes und Augustinus, zur Erschließung der Heilsoffenbarung empfohlen wurde. Jesus selbst erklärt seine »Erhöhung« am Kreuz in der Aufrichtung der ehernen Schlange durch Moses vorgebildet (Joh 3,14). <11:>

Durch die Einsetzung der heiligen Eucharistie will er bewußt die Mannaspende übertreffen (Joh 6,48 ff), während der Urkirche hierbei noch mehr die Parallele

zum Osterlamm bedeutete (Joh 19,36; 1 Kor 5,7). Schließlich wird das Jonaswunder von ihm als Typus seiner dreitägigen Grabesruhe und Auferstehung 1lcrangezogen (Mt 12,40). Hinzu kommen mehrere Hinweise in den Reden des 1 lerrn (Lk 18,31; 24,27.44; Joh 5,39) und weitere Zeugnisse des urchristlichen Schriftverständnisses (2 Tim 3,15-17; Hebr 11,17-19; 1 Petr 1,10-12), die allgemein die Hinordnung der alttestamentlichen Geschichte und Prophetie auf die Person des Christus und seines Heilswerkes unterstreichen.

Man kann sagen, fast überall, wo im Neuen Testament Begebenheiten des Alten Bundes zur Sprache kommen, werden die geschichtlichen Personen, Ereignisse und kultischen Einrichtungen als vorbildliche Darstellungen der vollkommeneren und größeren Erfüllung verstanden. Paulus nennt die Zeremonialgesetze der Alten »Schatten des Zukünftigen. Die wahre Gestalt aber ist Christi« (Kol 2,17). Ähnlich weiß es der Verfasser des Hebräerbriefes (1o,I; vgl. 5,6; 6,20; 7,11). Sogar das griechische Wort typos ebenso wie das Adjektiv typikös begegnet in den paulinischen Briefen (Röm 5,14; 1 Kor 10,11), und zwar in demselben Sinne als heilsgeschichtliche Vorausdarstellung des Kommenden. Hier wäre auch auf die umfangreiche Typologie der Apokalypse hinzuweisen. Aber nicht erst die christliche Exegese kennt das typologische Verständnis der biblischen Geschichte. Es läßt sich vielmehr über das Neue Testament hinaus noch viel weiter zurückverfolgen. Nicht wenige Texte des Alten Testamentes zeugen von einer typologischen Zusammenschau der Heilstaten Gottes an seinem Volk. Die Anschauung von der ewigen Urbildlichkeit klingt an, wenn Jahwe dem Moses befiehlt, die Stiftshütte bauen zu lassen entsprechend einem himmlischen Modell, das ihm gezeigt wird (Ex 25,9). Als Typus unüberbietbarer eschatologischer Taten Jahwes galt vor allem das wunderbare Geschehen vom Auszug Israels aus Ägypten über die Wüstenwanderung bis hin zur Besitzergreifung des Landes Kanaan. Im Prophetenbuch des Deutero-Isaias erscheint durch Rückbezüge und Weissagungen der Exodus unverkennbar als Vorausdarstellung der Heimkehr aus dem babylonischen Exil (Is. 43,14-19; 51, 9-I I ; 52,12). Aus diesen Stellen spricht die Überzeugung von der Einheit der Heilsgeschichte, von der Entsprechung dessen, was Gott schon getan hat und was er in Zukunft tun wird. Das gleiche gilt bezüglich der Weissagungen des Jeremias vom »Neuen Bund« (31, 31), für dessen Vollendung eindeutig der Sinaibund als Vor-bild herangezogen wird, wie schon die Wahl der Worte beweist. Und schließlich wird von demselben Propheten in Übereinstimmung mit <12:> Os 3,5 und Ez 34,23 eine Gestalt typisch gedeutet, die auch in der Armenbibel wiederholt als Sinnbild Christi erscheint und uns ohne weiteres in ihrer messianischen Bedeutung bekannt ist: David. »Alsdann wird es geschehen ... dem Herrn, ihrem Gott, werden sie dienen, ihrem König David, den ich ihnen erwecke« (Jer 3o,8f). David und sein Königtum galten also schon den alttestamentlichen Hagiographen als prophetische Figur für den Messiaskönig und das Gottesreich in der eschatologischen Vollendung.

»Die Bibel selbst, nicht eine wesensfremde Allegoristik, denkt und spricht typologisch, gerade deshalb, weil sie Bibel, das heißt Heilstheologie ist.«/6/ So war man der festen Überzeugung, nur durch diese Auslegungsart dem eigentlichen, von Gott gesetzten Vollsinn (sensus plenior) der Geschichtsoffenbarung auf die Spur zu kommen. Wer nun systematisch nach messianischen Typen suchte, dem mochte sich im Alten Testament eine Fülle von mehr oder weniger echten Vorausfigurierungen oder Realprophetien Christi, seiner Inkarnation und Passion sowie der christlichen Kirche enthüllen.

So ist es verständlich, daß man die Typologie auch später in den Werken der apostolischen Väter, bei den Apologeten und in der Bildkunst der Katakomben fast bis in alle Einzelheiten voll ausgebildet antrifft. In der Folgezeit gibt es wohl überhaupt keinen Kirchenvater, der sich ihrer nicht bedient hätte. Und mit welcher Selbstverständlichkeit das geschah, geht deutlich aus folgender Bemerkung des Eusebius von Cäsarea (j- um 34o) hervor: »Alle Propheten, die Gesamtheit der alten Schriftsteller, alle Revolutionen des politischen Staates, alle Gesetze, alle Zeremonien des Alten Bundes deuten nur auf Christus hin, verkünden nur ihn, bilden nur ihn vor ... Er war in Adam der Vater der Nachkommenschaft, der Heiligen; unschuldig, jungfräulich wie ein Martyrer in Abel, ein Erneuerer der Welt in Noe, gesegnet in Abraham, höchster Priester in Melchisedech, freiwilliges Opfer in Isaak, Haupt der Erwählten in Jakob, verkauft durch seine Brüder in Josef, mächtig in Werken und Gesetzgeber in Moses, leidend und verlassen in Job, gehaßt und verfolgt in den meisten Propheten . . .

Die Überzeugung vom prophetischen Charakter der alttestamentlichen Offenbarung und von der wechselseitigen Beziehung und Erhellung beider Testamente findet in dem einprägsamen und oft zitierten Wort des heiligen Augustinus treffenden Ausdruck: Novum Testamentum in Vetere latet, Vetus in Novo patets (Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, während das Alte sich erst im Neuen erschließt). Diese Erkenntnis und die Lehre vom vierfachen Schriftsinn, dem historischen, dem allegorischen, dem moralischen und dem <13:> anagogischen (= »hinaufführenden«, d. h. die zukünftigen und himmlischen hinge bezeichnenden), bestimmt die Schriftauslegung des ganzen ersten Jahrtausends./9/

G. Schmidt /10/ unterscheidet vier Vergleichsmomente, die zur Gegenüberstellung von Typus und Antitypus führen konnten:

  1. Der Situationsreim, bei dem Geschehnisse oder Personen aufgrund äußerer Ähnlichkeit zu einer neutestamentlichen Situation als prophetische Gleichbilder in Beziehung gesetzt werden. Oft geschieht das ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Text- und Kausalzusammenhang, so daß die nachgewiesenen Parallelen mitunter willkürlich, oberflächlich und gesucht erscheinen. Freilich kann der Situationsreim auch eine echte Vorausdarstellung beinhalten. Mit seiner optisch wirksamen Analogie bietet er sich für ein Bildwerk in besonderer Weise an und liegt tatsächlich den meisten Typen der Biblia pauperum zugrunde.
  2. Der Bedeutungsreim, der die Übereinstimmung der beiden Bildinhalte weniger augenfällig hervortreten läßt. Hier ist eine theologische Deutung der aufeinander bezogenen Vorgänge erforderlich. Er bestimmt z. B. die ganze Typik in den Bildgruppen »Öffnung der Seite Jesu« und »Auferstehung«.
  3. Der Symbolreim. Er begegnet nur dreimal im Bildprogramm der Armenbibel: das Vlies Gedeons, der brennende Dornbusch und der grünende Stab Aarons. Außer dem heilsgeschichtlichen Sinn, der diesen Begebenheiten schon an sich zukommt und bereits übernatürlichen Charakter trägt, ist hier ein besonderer Symbolgehalt gemeint, der auf einen bestimmten theologischen Aspekt des Antitypus bezogen werden muß.
  4. Der Erfüllungsparallelismus, der in unserer Bildauswahl nur beim ersten Typus der Bildgruppe »Verkündigung« vorkommt: Heilsverheißung im Protoevangelium (Gn 3,15) - Heilsansage in der Verkündigung.

Für alle vier Vergleichsarten ist jedoch wesentlich, daß die geschichtliche Wirklichkeit des Vorbildes nicht aufgehoben wird. »Beide Pole einer typologischen Figur bewahren ihre historische reale Konkretheit; der typologische Sinn zerstört nicht den wörtlich historischen Sinn des prophetischen Ereignisses, und auch die auf diese Weise figurierte Erfüllung ist stets ein in der Heilszeit wirklich eingetretenes Ereignis, nicht eine Abstraktion.«/11/ Diese Feststellung ist wichtig, um die Typologie gegen jede Art von Mythologie abzugrenzen. Schließlich sei ausdrücklich bemerkt, daß wir in den Darlegungen dieses Buches auf das typologische Verständnis der spätmittelalterlichen Theologie einzugehen suchen. Das bedeutet aber einen sehr großzügigen Gebrauch des Typus- <14:> Begriffes, der an sich, im klassischen Sinn, einen realen Kontakt oder eine irgendwie kausale Bindung zwischen Urbild und Abbild voraussetzt. Bei den meisten Typen, wie sie uns in der Armenbibel vorgestellt werden, fehlt nicht nur der Bezug auf die ewigen, himmlischen Dinge, den schon Irenäus von Lyon /12/ (+ 202) für wesentlich hält, sondern auch eine neutestamentliche Aussage über das Vorbild als einer von Gott vorausgewirkten Repräsentation oder Personifizierung. Oft liegt den beigebrachten Analogien über die äußere Ähnlichkeit hinaus überhaupt kein positives oder antithetisches Entsprechungsverhältnis zugrunde, so daß wir nicht viel mehr als optische Gleichbilder vor uns haben. Also dort, wo der Laie die überzeugendste Übereinstimmung feststellen zu können glaubt, dürfte von echter Typologie meistens gar nicht die Rede sein. Sie begegnet uns vielmehr gerade in den Symbol- und Bedeutungsreimen, weshalb den Bildgruppen, die uns solche präsentieren, in den Erklärungen auch besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll.

1.3.        Herkunft und Gestalt der Armenbibeln

Seit der Jahrtausendwende lassen sich in verschiedenen Kunst- und Literaturbereichen Vorstufen der Biblia pauperum ausfindig machen, z. B. in den Prophetenspielen des Mittelalters, die nach dem Schema Verheißung und Erfüllung den göttlichen Heilsplan und seine Verwirklichung veranschaulichen sollen. Schon hier spielt der typologische Gedanke eine gewisse Rolle. Aus diesen geistlichen Schauspielen wurden später die Prophetensprüche als ein wesentliches Element in das Bildprogramm der Armenbibel übernommen. Auch die didaktisch wirkungsvollen Gegenüberstellungen von Figuren und Szenen des Alten und Neuen Testamentes in der Plastik und Malerei der Monumentalkunst stammen ursprünglich aus den geistlichen Dramen. So ist z. B. die Deckenmalerei der Benediktiner-Klosterkirche St. Michael in Hildesheim die Illustration eines mittelalterlichen Mysterienspieles, des sogenannten »Jessespieles«. Überhaupt sind es zunächst nicht literarische Werke, sondern Denkmäler der darstellenden Kunst, in denen sich der Drang nach Veranschaulichung und umfassender Synthese des typologischen Überlieferungsgutes niederschlägt. Als der romanische Baustil durch den gotischen zurückgedrängt wurde und die großen Wandflächen als Träger reicher Freskenmalereien aus den Kirchen verschwanden, da wanderten die Bilder von den Wänden in die Fenster und Portalgewände, wo nun die typologischen Kompositionen all- <15:> mählich zu größeren Bilderzyklen anwuchsen. Sie bedeuteten eigentlich nicht etwas absolut Neues; man denke nur an die Mosaiken im Altarraum von San Vitale zu Ravenna aus viel früherer Zeit. Aber die auffällige, plötzlich anhebende Intensivierung der in den voraufgegangenen Jahrhunderten weniger gepflegten Typologie ist bemerkenswert.

Es wurde bereits auf die Bedeutung der platonisierenden Strömungen des 12. Jahrhunderts für das neue Aufleben der hintergründigen Bildtheologie hingewiesen. Zur gleichen Zeit kommt ein zweites Element von großem Einfluß hinzu, das man in diesem Zusammenhang das scholastische nennen kann. Es ist kein Zufall, daß die systematische Zusammenfügung der biblischen Typen zu ganzen Bildreihen gleichzeitig mit der Systematisierung der philosophischen und theologischen Wissenschaften, von der die großen »Summen« Zeugnis geben, vorgenommen wird. Hinter beiden Erscheinungsformen steht der alles erfassende und gliedernde Ordnungssinn der Scholastik, dem wiederum in der Kunst die Gotik mit ihrer subtilen Durchformung der Materie entspricht.

Nicht nur zeitlich treffen diese geistesgeschichtlichen Phänomene in ein und derselben Epoche zusammen. Auch ihr Entstehungsgebiet ist das gleiche, jener nordfranzösische Raum, der damals das geistige Kerngebiet des Abendlandes war. Tatsächlich ist von einer eigentlichen Systematik in der Typologie erstmals in Kunstwerken dieser Gegenden etwas zu merken. Abt Suger von Saint Denis gab hier in den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts entscheidende Anregungen. Seltsamerweise findet sich das einzige größere Bildwerk dieser »westlichen« Typologie, das uns erhalten ist, in der Nähe von Wien. Es ist der sogenannte Verduner Altar im Augustinerchorherrenstift Klosterneuburg. Die 45 wundervollen Emailtafeln und der ornamentale Rahmen wurden vom Meister Nikolaus aus Verdun 1181 vollendet. Hier sind in drei übereinanderliegenden Zonen, die den drei heilsgeschichtlichen Zeitaltern entsprechen, die wichtigsten Ereignisse »ante legem« (vor der Gesetzgebung auf dem Sinai), »sub lege« (zur Zeit des Gesetzes) und »sub gratia« (zur Zeit der Gnade, d. h. im Neuen Bund) nach einem genau durchdachten Plan einander zugeordnet. Auf diese Weise ergibt sich ein grandioser Überblick über den ganzen göttlichen Heilsplan von der Erschaffung der Welt bis zum jüngsten Tag. »Es gibt kein zweites typologisches Bildprogramm, das sich mit dem des Verduner Altars hinsichtlich der Klarheit und der Strenge seines Aufbaues messen könnte.«/13/ Inwieweit der etwa 60 bis 70 Jahre später im süddeutschen Raum schaffende theologische Verfasser der ersten Biblia pauperum dieses Werk gekannt hat, <16:> läßt sich nicht mehr sagen. In der Wahl der alttestamentlichen Vorbilder hat er sich jedenfalls weithin Selbständigkeit bewahrt. Denn neben Frankreich hat auch Bayern recht Bedeutungsvolles zur Entwicklung der Typologie beigetragen. Erhalten oder aus Aufzeichnungen bekannt sind uns die Bilderzyklen von Prüfeniing (1125 - 55) und St. Emmeran in Regensburg (nach 1166), also aus zwei Stätten benediktinischen Geisteslebens, mit dem auch die Abfassung der Armenbibel in Zusammenhang gebracht wird.

Der Sinn für die Typologie lag zu Beginn des 13. Jahrhunderts gewissermaßen in der Luft, und zwar nicht nur in Süddeutschland und Frankreich. Nachdem schon bald nach 1150 der Mönch Ratmann aus der Hildesheimer Abtei St. Michael ein Meßbuch, das sogenannte Stammheim-Missale, mit 14 Bildern, die von alttestamentlichen Vorbildern und Propheten umgeben sind, entworfen und damit in etwa das Schema der Armenbibel vorweggenommen hatte, stellte um 1200 in England ein Zisterzienser ein umfangreiches Werk zusammen, das in Versen 138 neutestamentliche Ereignisse mit insgesamt 508 Typen aufführt. Diese erst jüngst wiederentdeckte Konkordanz wurde von ihrem gelehrten Autor Pictor in carmine genannt, d. h. Maler in Versen. Die umfangreichste Sammlung typologischer Motive begegnet uns aber wiederum in Frankreich. Es ist die Bible moralisée, die nicht weniger als 5000 Bildmedaillons mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament aufweist, aber bei dieser Fülle freilich nicht mehr in allen Vorausdarstellungen überzeugende Typik bieten kann. Die »allegorisch ausgelegte Bibel«, wie wir den Titel übersetzen müssen, wurde etwa gleichzeitig mit dem Urexemplar der Biblia pauperum, allenfalls kurz vor dessen Herstellung abgefaßt. Da Kopien erst später in Umlauf kamen, hat der Schöpfer der Armenbibel von ihr jedenfalls keine Kenntnis gehabt. Das war auch kein Schaden, denn durch dieses komplizierte Gebilde hätte er in seiner eigenen klaren Konzeption und strengen Systematik nur verwirrt werden können.

Bevor wir uns der Beschreibung der Biblia pauperum zuwenden, die nach der chronologischen Ordnung hier einzufügen wäre, seien kurz noch die wichtigsten Werke genannt, die in späterer Zeit, zum Teil unter dem Einfluß der Armenbibel, den typologischen Gedanken weiter entfaltet und dadurch wieder eine Rückwirkung auf die noch folgenden Ausgaben der Biblia pauperum ausgeübt haben. In Österreich taucht Ende des 13. Jahrhunderts eine typologische Schrift auf, die sich Rota in medio rotae nennt und vor allem im Kampf gegen die Waldenser zur Rechtfertigung des Alten Testamentes dient. Von ungleich größerem Einfluß sollte aber das 1324 in Westdeutschland (Straßburg ?) er- <17:> scheinende Speculum humanae salvationis werden, in den deutschen Fassungen auch »Heilsspiegel« genannt. Er ist das Werk eines Dominikaners, der für sein System zwar die Biblia pauperum ausgewertet hat, aber, über deren Programm hinausgehend, bewußt eine nova compilatio, eine neue Zusammenstellung der heilsgeschichtlichen Entsprechungen darbieten will. Jedem Hauptbild stellt er drei Vorbilder gegenüber, wobei das dritte meistens der heidnischen Mythologie entnommen ist, um zu beweisen, daß die betreffende Wahrheit auch außerhalb des Offenbarungsbereiches bezeugt ist. Das Speculum ist in mehreren hundert Handschriften erhalten, und zwar in solchen mit Bildern wie auch in anderen ohne Illustrationen. Jedenfalls ist hier der Text, der stets aus gereimten Versen besteht, die Hauptsache geworden. Sind ihm Bilder beigegeben, so stehen diese in einer waagerechten Reihe, wobei die Prophetenbildnisse aber stets fehlen.

Etwa 30 Jahre nach dem Heilsspiegel gibt der Zisterzienserabt Ulrich von Lilienfeld (Niederösterreich) seine Concordantiae caritatis heraus, die mit einem Zyklus von insgesamt 238 Gruppen nach Art einer Postille die Perikopen der Sonn- und Festtage des Kirchenjahres im Bilde darstellen und erläutern. Die Miniaturen nehmen jeweils eine ganze Seite ein und werden von einem ausführlichen Text auf der gegenüberliegenden Seite erläutert. Außer zwei alttestamentlichen Vorbildern und vier Propheten weiß Ulrich aus den verschiedensten Quellen jeweils zwei recht amüsante naturgeschichtliche Parallelen beizubringen. Alles, was mittelalterliche Symbolik und Typologie irgendwie zu bieten hat, findet also in diesem Werk Verwendung.

Diese Übersicht beweist, daß bereits im 14. Jahrhundert das Verständnis für den klaren Aufbau der älteren Bilderzyklen schwindet. Die Entwicklung der Armenbibel zeigt eine ganz entsprechende Dekadenz. Der Höhepunkt typologischer Darstellung, wie ihn der Klosterneuburger Altar verkörpert, ist in mancher Hinsicht selbst vom Urexemplar der Biblia pauperum nicht ganz erreicht worden. Schon die Ausdehnung des Bildprogramms auf den doppelten Umfang schloß eine Gefahr in sich. Denn kann man für 15 Szenen aus dem Erlöserleben noch jeweils zwei echte Typen beibringen, so wird das bei 34 Bildgruppen tatsächlich schon so schwierig, daß der häufige Rückgriff auf schwache Situationsreime verzeihlich erscheint. In anderer Hinsicht allerdings bedeutet die Entwicklung vom Verduner Altar zu unserm Buchtyp doch noch eine weitere Reifung und systematische Durchdringung der typologischen Idee. Die Vorbilder werden zwar unterschiedslos aus dem ganzen Alten Testament gewählt, ohne die Perioden vor und nach der Gesetzgebung gesondert zu berück- <18:> sichtigen. Aber in sich erhält das ganze Werk durch die Bildung von acht kapitelartigen Themenkreisen eine Gliederung und durch die beigegebenen Lektionen eine nützliche Erläuterung. »Damit war nun ein Kompendium geschaffen, das wegen seiner Vollständigkeit zum Exemplum im mittelalterlichen Sinne werden konnte.«/14/

Da die ältesten Handschriften der Armenbibel und damit wohl auch das verschollene Urexemplar in der Bildgestaltung von dem hier vorgestellten Heidelberger Codex stark abweichen, sei auf die Entwicklung des Gruppenschemas kurz eingegangen. Eine Bildeinheit, die sogenannte Gruppe, besteht aus sieben Darstellungen. Den zentralen Platz nimmt das neutestamentliche Hauptbild (Antitypus) ein, das ursprünglich stets in einem Kreis erscheint. In verschiedener Zusammenstellung mit diesem Bildkreis sind vier Prophetenbildnisse, manchmal ebenfalls in Kreisen, als Halbfiguren dicht beigefügt, während zwei szenische Vorbilder aus dem Alten Testament (Typen) rechts und links in offener Form den Antitypus flankieren. Neben das Bild tritt als weiteres Darstellungselement der Text, der ebenfalls in drei verschiedenen Formen zur Aussage des Ganzen beiträgt. Jeder der drei Szenen ist ein sogenannter Titulus beigefügt, der gewöhnlich in Gestalt eines leoninischen Verses das Geschehen deutet. Die Prophetensprüche sind entweder auf Spruchbändern ihren Verfassern in die Hand gegeben oder um deren Bildnisse geschrieben. Ihre Vierzahl mag in der Aussageabsicht begründet sein, daß die Heilsereignisse des Neuen Bundes nicht nur von vier Evangelisten bezeugt sind, sondern auch schon ausdrücklich von jeweils mindestens vier Propheten vorherverkündet worden waren. Allerdings besteht in Wirklichkeit nur bei einem kleinen Bruchteil der Wahrsprüche ein inneres Verhältnis zur neutestamentlichen Szene. Die Lektionen schließlich erläutern noch eigens die Typen als solche, indem sie zunächst das Buch der Heiligen Schrift nennen, dem die Begebenheit entnommen ist, dann den Vorgang kurz schildern und die typologische Beziehung zum Hauptbild darlegen.

Die meisten Armenbibeln des 14. Jahrhunderts weisen auf jeder Seite zwei solcher Bildgruppen übereinander auf; zudem sind die Blätter beiderseits benutzt. Das hat zur Folge, daß der aufgeschlagene Faszikel - von einem Buch kann man bei den neun Blättern kaum sprechen - dem Beschauer gleich vier Bildgruppen präsentiert. Diese Vierheit bildet jeweils eine inhaltlich zusammengehörige Abteilung, gewissermaßen ein Kapitel.

Was hat es nun mit dem schon wiederholt erwähnten Urexemplar der Biblia pauperum auf sich? Die Frühgeschichte der Armenbibel liegt noch weithin im dunkeln. Von den über 80 Exemplaren, die bis heute bekannt sind, stammen <19:> alle älteren Handschriften, soweit man ihre Herkunft ermitteln kann, aus den süddeutschen Landen, und zwar vornehmlich aus Benediktinerabteien Bayerns und Österreichs. Spätere Ausgaben dürften dann auch im alemannischen Raum sowie in Mittel- und Niederdeutschland entstanden sein. Jedenfalls ist auffallend und bemerkenswert, daß der eigenartige Buchtyp nur im deutschen Sprachgebiet Verbreitung fand.

Die frühesten uns erhaltenen Manuskripte aus der Zeit um 1310 weisen schon Anzeichen einer längeren Entwicklung auf. So scheint die Annahme berechtigt, daß der gelehrte Theologe, dem die Komposition dieses Werkes zu verdanken ist, ein Mönch eines süddeutschen Klosters war, der sein Meisterwerk noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts geschaffen hat.

Die Aufgliederung des Exemplarbestandes in verschiedene Handschriftenfamilien soll hier nicht erörtert werden. Den neuesten Stand der Forschung hat G. Schmidt in seinen Veröffentlichungen dargelegt, nachdem schon 1925 von H. Cornell in seinem Standardwerk »Biblia pauperum« eine brauchbare Klassifizierung ausgearbeitet worden war./15/ Hingewiesen sei aber auf die rasche Lockerung des inneren Systems durch Aufgabe des ursprünglichen Seitenschemas und damit der Gruppenvierheiten, ja selbst durch Abänderung der Gruppenfolge (daher lassen sich aus dem Verzeichnis der Bildgruppen S. 23 die ehemaligen »Kapitel« der Biblia pauperum nicht ohne weiteres ablesen). Dieser gewiß als dekadent zu bezeichnende Strukturwandel setzte bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein. Trotz dieses Auflösungsprozesses schwindet aber vorerst keineswegs die Liebe und Sorgfalt, mit der die weitere Ausgestaltung der Armenbibel gepflegt wird. Gleichzeitig ist vielmehr eine Vermehrung der Bildgruppen festzustellen, die in den Blockbüchern schließlich die Zahl 50 erreichen. Außerdem war es gewiß gut gemeint, wenn durch Einstellung der Figuren in einen (Architektur-) Rahmen ein mehr demonstrativer Charakter des Werkes angestrebt wurde. Diese Maßnahme gereichte dem typologischen Anliegen allerdings nicht zum Vorteil. Denn die Einzelrahmung der Bilder »verwandelte das Buch aus einem Gesamtkunstwerk sui generis in eine Art von Pinakothek kleinsten Formates«/16/, wodurch die Szenen nunmehr stark isoliert und als selbständige Kompositionen erscheinen, die Analogie zwischen den Darstellungen also nicht mehr ohne weiteres ins Auge fällt, sondern intellektuell wahrgenommen werden muß.

In einem Überlieferungszweig, aus dem später die Heidelberger Handschrift hervorgeht, erfährt um die Mitte des 14. Jahrhunderts auch der erläuternde Text wesentliche Veränderungen. Die Tituli fallen gänzlich fort, dafür erhält <20:> das Hauptbild eine einfache Überschrift in ungebundener Form. Die Lektionen und alle anderen Texte werden ins Deutsche übertragen und obendrein so stark erweitert, daß man fortan bei dieser Redaktion von einem »deutschen erzählenden Typ« sprechen kann. Aus dem typologischen Bilderzyklus mit seiner systematisch-spekulativen Tendenz ist jetzt - vermutlich unter dem Einfluß des »Heilsspiegels« - ein Lesebuch geworden, dessen Erzählungen von einer mehr moralisierend-didaktischen Grundhaltung geprägt sind und somit ihre Nähe zur spätmittelalterlichen Erbauungsliteratur nicht verleugnen.

Die zuletzt genannten Abänderungen an der Grundkonzeption der Armenbibel entsprachen dem Zeitgeist und hätten nicht unbedingt das Ende dieses zwar niemals populären, aber doch geschätzten und inzwischen weitverbreiteten Erbauungsbuches herbeiführen müssen. Die Ursache für den späteren Verfall lag vielmehr in der vordem schon erwähnten Verwässerung des typologischen Gedankens, der je länger desto mehr auf einem Prokrustesbett gestreckt wurde und dadurch an Glaubwürdigkeit immer mehr verlor. Kein Wunder, daß die überzogene Typologie in den nüchternen Zeitläuften des Humanismus, des Rationalismus und der Aufklärung nicht bestehen konnte. Die Übertreibung der Methode hatte eine Verarmung zur Folge: die Vernachlässigung einer Tiefendimension des Gotteswortes und die Geringschätzung auch der typologischen Meisterwerke als spitzfindige Konstruktionen.

Bis auf wenige Ausnahmen, z. B. zwei Gewölbe im Kreuzgang des Domes von Brixen, geben auch die oft als »Armenbibeln« bezeichneten Bilderzyklen in der Wandmalerei nicht das klare typologische System des Verduner Altars oder der Biblia pauperum wieder. Sofern derartige Fresken des Spätmittelalters typologische Gegenüberstellungen enthalten, kann immerhin ein Einfluß der Armenbibel oder des Heilsspiegels vorausgesetzt oder sogar nachgewiesen werden. Das trifft z. B. für den berühmten Kreuzgang des Emausklosters in Prag zu, für die Malereien im Kloster Wienhausen bei Celle, für den Freskenzyklus der St. Veitskirche zu Mühlhausen am Neckar, für die Wandgemälde in der Kirche von Lichtenhain bei Jena usw.

1.4.        Die Heidelberger Handschrift cod. pal. germ. 148

Die Herkunft der Heidelberger Armenbibel/17/ läßt sich nur annähernd bestimmen. Maltechnik und Stil weisen auf die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert, doch werden die Anhaltspunkte noch leicht korrigiert durch ikonologische <21:> Eigentümlichkeiten, die es wahrscheinlich machen, daß das Bildwerk nicht vor den zwanziger oder dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts entstanden ist. Die Handschrift gehört zu dem sogenannten »deutschen erzählenden Typ« und gleicht mit ihren 41 Bildgruppen sowie in der Ausführung am meisten dem Münchener Exemplar Cgm 20 (Mitte 14. Jh.), das in seiner Grundkomposition wiederum stark von einer Armenbibel aus der Abtei Tegernsee (Clm 19414) beeinflußt ist. Der Text dagegen stimmt weitgehend mit dem eines Grazer Manuskriptes (Landesarchiv, Cod. 3) überein.

Der Codex palatinus germanicus 148 in seiner heutigen Gestalt enthält außer den 41 Blätternder Armenbibel ein nach der Ordnung des römischen Breviers angelegtes Psalterium von 134 Blatt. Beide Werke sind ineinandergebunden, und zwar so, daß nach mehreren Seiten des Psalteriums immer wieder ein Blatt der Armenbibel folgt. Dabei läßt sich jedoch erkennen, daß der Biblia pauperum das Brevier erst nachträglich beigefügt worden ist. Denn nur in wenigen Fällen, wo die eingeschalteten Pergamentlagen nicht ausreichten, also vor allem gegen Ende des Codex, sind die gewöhnlich nur einseitig benutzten Blätter der Armenbibel rückwärts mit dem Text der Psalmen oder Cantica beschrieben. Dem umfangreichen Band vorangestellt ist ein sechsblättriges Kalendarium, aus dem das Ursprungsland des Werkes erschlossen werden kann. Der Kalender mit den Festen des Kirchenjahres und der Heiligen enthält nämlich vier Eintragungen, die eindeutig auf die Diözese Eichstätt weisen. Es sind die Feste der hl. Walburga am 25. Januar, des hl. Willibald am 7. Juli, des sonst in Deutschland kaum verehrten angelsächsischen Mönches Sola am 5. Dezember und des hl. Wunibald am 18. Dezember. Diese vier Heiligen, deren Gedächtnistage zudem mit roter Schrift, also als Feste notiert sind, gelten seit frühester Zeit als Diözesanpatrone des Bistums Eichstätt.

Damit ist die Herkunft des Codex einigermaßen gesichert. Absolute Gewißheit besteht freilich nur für das Kalendarium und das dazugehörige Psalterium. Denn für die zeitiger hergestellte und auch eine andere Pergamentqualität aufweisende Armenbibel muß die Möglichkeit offenbleiben, daß sie aus einem anderen Raum Süddeutschlands stammt. Falls das prächtige Bildwerk noch in einem Kloster hergestellt worden ist, so ging es durch Kauf oder Schenkung jedenfalls an einen vermögenden Bibliophilen des Bistums Eichstätt über, der das dünne Buch durch Einfügung des römischen (nicht monastischen !) Psalteriums in deutscher Sprache - daher wahrscheinlich für ein Laienpublikum bestimmt - zu einem stattlichen Codex erweitern ließ. Betrachtet man heute die Bilder dieser Handschrift, sollte einem bisweilen auch das halbe Jahrtausend <22:> wechselvoller Geschichte vor Augen stehen, das nahezu spurlos an dieser Kostbarkeit vorübergegangen ist.

Cpg 148 hat die Ausmaße 39x 26 cm, während die Bildgruppen nur 23 x 15 cm betragen. Sämtliche Miniaturen erhalten durch den üppigen Blattgoldgrund, in den mit einem Rädchen Punktreihen und Muster eingedrückt sind, eine prunkvolle Note. Diesem Aufwand und wirkungsvollen Effekt in den Bildern entsprechen auch die sorgfältig ausgeführte Schrift, die mit Gold gezierten Initialen und Rankenornamente des Psalteriums wie überhaupt die ganze innere Ausstattung des Mischcodex. Der abgenutzte Pergamenteinband läßt als rauhe Schale einen so kostbaren Kern kaum vermuten. Auch scheint der noch schwach wahrnehmbare Goldschnitt des Buchblocks ehemals einen anderen, dem Wert des Werkes entsprechenderen, etwa kunstvoll bearbeiteten Ledereinband gekannt zu haben. Vielleicht wurde der Codex, wie viele andere Folianten, vor der großen Reise nach Rom zur Erleichterung der Fracht seines ursprünglichen Gewandes beraubt, um dann in der Tiberstadt im Massenverfahren wieder neu, nun aber billiger eingekleidet zu werden.

Denn mag auch der Weg, den das Prunkstück aus der Diözese Eichstätt nach Heidelberg in die Bibliotheca Palatina genommen hat, nicht mehr genau zu verfolgen sein, so steht doch fest, daß es später das Los der anderen 3 541 handschriftlichen Codices und etwa 5ooo Bände Druckschriften teilte, die Herzog Maximilian von Bayern nach dem Sieg der kaiserlichen Armee unter Tilly am Weißen Berge dem Papst zum Geschenk machte. Unter der Leitung des vatikanischen Bibliothekars Leone Alacci setzte sich am 14. Februar 1623 eine Kolonne von 50 Planwagen, beladen mit 196 schweren Bücherkisten und bewacht von bayerischen Musketieren, neckaraufwärts Richtung München in Bewegung, überquerte die Alpen und langte Anfang August desselben Jahres unversehrt in Roman. Wahrhaftig ein beispielloses Unternehmen in der Bibliotheksgeschichte! Unsere Armenbibel befände sich mit dem größten Teil der damals entführten Bücher (darunter eine weitere Biblia pauperum, Cod. pal. lat. 871) noch heute in der Vatikanischen Bibliothek, Abteilung »Palatina«, wenn wir es nicht mit einer deutschen Ausgabe zu tun hätten. Zum Dank dafür, daß die deutschen Fürsten auf dem Wiener Kongreß 1814 sich für die Wiederherstellung des von Napoleon aufgehobenen Kirchenstaates einsetzten, erklärte sich nämlich der Papst bereit, sämtliche deutschsprachigen Werke nach Heidelberg zurückzugeben. Es war Pius VII., wiederum ein Benediktiner, der diese entscheidende Verfügung traf und damit dem süddeutschen Ursprungsland der Biblia pauperum ein kostbares Erbstück aus alter Zeit zurückgeschenkt hat.

1.5.        <23:> Die Bildgruppen

Die dem ursprünglichen Programm der Armenbibel noch nicht zugehörenden, sondern erst später hinzugekommenen Gruppen sind durch kursiven Druck kenntlich gemacht.

1. Verkündigung           Verfluchung der Schlange, Gn 3. Das Vlies Gedeons, Ri 6.

2. Christi Geburt           Der brennende Dornbusch, Ex 3. Der grünende Stab Aarons, Nm 17.

3. Beschneidung           Beschneidung Isaaks, Gn z z. Einführung der Beschneidung, Gn r7

4. Anbetung der Könige            Abner vor David, 2 Sm 3.

Die Königin von Saba vor Salomon, 3 Kg i o.

5. Darstellung im Tempel           Das Reinigungsopfer nach dem Gesetz, Lv 12.

Anna bringt Samuel zu Heli, 1 Sm 1.

6. Flucht nach Ägypten Jakobs Flucht vor Esau, Gn 27. David flieht vor Saul, i Sm 19.

7. Götzensturz  Moses zerschlägt das goldene Kalb, Ex 32. Sturz des Götzen Dagon, i Sm 5.

8. Kindermord  Saul läßt die Priester töten, 1 Sm 22. Athalia läßt die Prinzen umbringen, 2 Kg 11.

9. Rückkehr aus Ägypten          Jakobs Rückkehr, Gn 32. Davids Rückkehr, 2 Sm 2.

10. Taufe Christi           Die Kundschafter mit der Traube, Nm 13. Durchzug durch das Rote Meer, Ex 14.

11. Versuchung Jesu     Versuchung im Paradies, Gn 3.

Jakob und Esau mit dem Linsenmus, Gn 2 5.

12. Speisung der Fünftausend   Elias und die Witwe von Sarepta, ß Kg z7. Die Speisewunder des Elisäus, ¢ Kg 4

13. Die Sünderin beim Gastmahl Mirjams Reue und Heilung, Nm 12. Davids Schuldbekenntnis vor Nathan, 2 Sm 12.

14. Auferweckung des Lazarus Elisäus erweckt den Sohn der Sunamitin, 4Kg4.

Elias erweckt den Sohn der Witwe, 3 Kg 17. <24:>

15. Verklärung des Herrn         Abraham und die drei Engel, Gn 18. Die drei Jünglinge im Feuerofen, Dan 3

16. Tempelreinigung      Darius läßt den Tempel wiederaufbauen, i Esr 6.

Judas Makkabäus reinigt den Tempel, z Mkk i o.

17. Einzug in Jerusalem Empfang des siegreichen David, 1 Sm 18. Huldigung vor Elisäus, 4 Kg z.

18. Abendmahl Abraham und Melchisedech, Gn 14. Mannalese, Ex 16.

19. Fußwaschung         Abraham wäscht die Füße der Engel, Gn 18. Moses betet und sühnt für das Volk, Ex 32.

20. Christus in Gethsemane       Susanna betet in Todesangst, Dn 13. EZechias betet um sein Leben, Is 37.

21. Verschwörung der Juden    Der Verrat an Joseph, Gn 37. Absalom der Rebell, z Sm 15.

22. Judas verkauft Jesus           Josephwirdandielsmaelitenverkauft,Gn37. Joseph wird an Putiphar verkauft, Gn 39

23. Der Judaskuß         Joab tötet Abner, z Sm 3 ; (Amasa, 2 SM 20). Tryphon überlistet Jonathan, i Mkk iz.

24. Judas erhängt sich   Achitofel erhängt sich, 2 Sm z7. Absalom hängt an der Eiche, 2 Sm 18.

25 . Christus vor Pilatus            Jezabel sucht Elias zu töten, 3 Kg i g. Die Babylonier fordern den Tod Daniels, Dn 6.

26. Dornenkrönung       Schändung Noahs, Gn 9. Verspottung des Elisäus, 4 Kg z.

27. Geißelung   Androhung von Geißelstrafen, Dt 2,f. Jeremias wird gegeißelt, Jer 2 0.

28. Kreuztragung          Isaak trägt das Holz zu seiner Opferung, Gn zz.

Die Witwe von Sarepta mit zwei Hölzern, 3Kg17.

29. Kreuzigung     Isaaks Opferung, Gn zz. Erhöhung der ehernen Schlange, Nm 21 .

30. Öffnung der Seite Jesu        Erschaffung Evas, Gn z. Wasser aus dem Felsen, Ex 17.<25:>

31. Grablegung Joseph wird in den Brunnen geworfen, Gn 37.

Jonas wird in das Meer geworfen, Jon 2.

32. Der Sieg über den Hades    Samson zerreißt den Löwen, Ri 14. David tötet Goliath, i Sm 17

33. Auferstehung          Samsons Ausbruch aus Gaza, Ri 16. Jonas wird vom Fisch ausgespien, Jon 2.

34. Die Frauen am Grabe         Ruben sucht Joseph, Gn 37.

Die Braut sucht den Geliebten, HL 3

35. Erscheinung vor Magdalena Die Braut findet den Geliebten, HL 3. Daniel in der Löwengrube, Dn 14.

36. Der österliche Friedensgruß            Joseph verzeiht seinen Brüdern, Gn 45. Dem heimgekehrten Sohn wird verziehen, Lk 15

37. Der ungläubige Thomas       Jakob ringt mit dem Engel, Gn 32. Gedeon und der Engel, Ri 6.

38. Himmelfahrt            Henoch wird in den Himmel entrückt, Gn 5 . Himmelfahrt des Elias, 4 Kg z.

39. Pfingsten     Bundesschluß am Sinai, Ex 24 und 3i. Opfer des Elias auf dem Karmel, 3 Kg 18.

40. Jüngstes Gericht      David überträgt Salomon das Gericht, 3 Kg r. Urteil Salomons über Joab, 3 Kg 2.

41. Krönung Marias     Salomon und Bethsabe, 3 Kg z. Ahasverus und Esther, Esth 2.