Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Wirth, Heike ( 2003-05-19), Rezension von

Theißen, Gerd (1943-): Der Schatten des Galiläers. Historische Jesusforschung in erzählender Form. Chr. Kaiser Verlag, München 1986, 9. Auflage 1990, Taschenbuch, 268 Seiten, ISBN 3-459-01656-6.

1.      Inhalt

In diesem Buch erzählt Gerd Theißen die Geschichte von Andreas, einem Juden, der als Kaufmann in Sepphoris lebt. Er wird bei einer Demonstration gegen Pilatus von Soldaten festgenommen. Pilatus, ein römischer Präfekt, erpresst Andreas und lässt ihn nur wieder auf freien Fuß, wenn er für ihn Material über neue religiöse Bewegungen in Palästina sammelt. Dabei trifft Andreas auf die Essener, die zurückgezogen in den Höhlen von Qumran leben. Er lernt einen verstoßenen Essener namens Baruch kennen:

„Du bist Essener! Sie haben dich ausgestoßen? In die Wüste getrieben?
„Ja!“
„Aber warum irrst du dann durch diese Totenlandschaft, anstatt nach Jericho oder Jerusalem zu gehen?“
„Wer von der Gemeinde ausgestoßen wurde, darf keinen Kontakt mit anderen aufnehmen. Er darf keine Speisen von ihnen annehmen! Er darf keinen Becher Wasser von ihnen trinken. Sonst hat er keine Chance mehr, wieder aufgenommen zu werden!“
„Aber das ist doch unmenschlich!“ rief ich. „Was hast du denn verbrochen, daß sie dich so behandeln?“
(Zitat Seite 59)

Bei seinen weiteren Nachforschungen über religiöse Gruppierungen trifft Andreas auch auf Johannes den Täufer und erfährt einiges über sein Handeln.

Von den Zeloten, neben den Essenern, Sadduzäern und Pharisäern eine weitere jüdische Glaubensgemeinschaft, die man auf „Neudeutsch“ als Terroristen bezeichnen würde,  wird Andreas gefangen genommen und Barabbas, den er aus früheren Zeiten aus der Wüste kennt, hilft ihm wieder frei zu kommen.

Danach lernt Andreas einige Menschen kennen, die Jesus erlebt haben und erfährt viel über Jesu Handeln. So erlebt er zum Beispiel einen Konflikt über das Thema Sabbat: Darf man am Sabbat Kranke heilen oder nicht? Was heißt Reinheit? Jesu Gedanken zum jüdischen Reinheitsgebot. An vielen Stellen sind im Text Bibelstellen „eingeflochten“, z.B.:

“Nicht was von außen in den Menschen hereinkommt, kann den Menschen verunreinigen. Sondern was aus dem Menschen herauskommt, das verunreinigt den Menschen.“ (Markus 7, 15)

Diese Stellen werden von den handelnden Personen diskutiert:

„Ich (Andreas) fragte: “Sagt er damit, daß es keinen Unterschied zwischen rein und unrein gibt?“
„Das ist es ja! Wenn er recht hätte, gäbe es keine unreinen Speisen mehr, keine unreinen Menschen, keine unreinen Orte. Alles wäre rein. Man könnte alles von Heiden kaufen und alles an Heiden verkaufen.“ (Seite 145) Über Jesus Heilungen erfährt Andreas viele Details, da er Menschen trifft, die geheilt wurden oder dabei waren. Hier spielt der Glaube eine große Rolle. Andreas hat Jesus bisher noch nie getroffen, aber er fühlt sich zu ihm hingezogen und sympathisiert mit ihm. Andreas spricht auch mit Barabbas über Jesus: „Dann sagte Barabbas: „Vor kurzem ist jemand von uns (Anm.: Zeloten) abgehauen. Er redet wie du. Ich war mit ihm befreundet.“
„Was macht er jetzt?“
„Er zieht hinter einem merkwürdigen Propheten her, den er einmal kennengelernt hat, als er für uns im galiläischen See Fische gefangen hat.“
„Sag mal, heißt der Prophet Jesus?“
„Du kennst ihn?“
„Ich habe ihn nie gesehen. Aber ich habe von ihm gehört! Ich dachte, er sei selbst ein Zelot. Was er über die Reichen sagt, klingt fast, als hättest du es formuliert.“ (Seite 125)

Andreas interessiert sich für Jesu Leben, seine Worte und Taten, aber er hat immer im Hinterkopf, dass er einen „Spionagebericht“ über Jesus für die Römer schreiben muss. Und er weiß, dass in diesem Bericht nichts „antirömisches“ erwähnt werden darf, sonst wird man Jesus verhaften und bestrafen.

„Mein (Anm.: Andreas Auftrag) Auftrag war herauszufinden, ob Jesus ein Sicherheitsrisiko war. Hier gab es keinen Zweifel: Er war ein Risiko. Jeder, der eher seinem Gewissen folgt als Vorschriften und Gesetzen, jeder, der die bestehende Verteilung von Macht und Besitz nicht für endgültig hält, jeder, der kleinen Leuten das Selbstbewußtsein von Fürsten verleiht, ist ein Sicherheitsrisiko.“ (Seite 181)

Andreas ist im Zwiespalt und weiß nicht so recht, wie er den Bericht verfassen soll. Er beschreibt Jesus in seinem Bericht an die Römer als Philosoph, Dichter und Wanderprediger, womit er die Wahrheit formuliert, aber „Jesus auch tarnt“ (Kapitel 14 Bericht über Jesus- oder: Jesus wird getarnt). An Andreas schwärzestem Tag erfährt er, dass man Barabbas und Jesus unabhängig voneinander verhaftet hat. Andreas kennt Barabbas und sympathisiert mit Jesus. Er versucht beide aus der Inhaftierung frei zu bekommen und spricht mit Pilatus. Andreas erreicht, dass das Volk entscheiden darf, ob Barabbas, der Zelot, oder Jesus frei gelassen werden soll.

„Es vergingen bange Stunden. Endlich kam Malchos (Anm.: Andreas Freund) mit der Nachricht: Barabbas wurde auf Verlangen des Volkes freigelassen und ist sofort untergetaucht. Den Jesus haben sie vor der Stadt gekreuzigt. [...] Die Entscheidung war gefallen. Ich (Anm.: Andreas) wurde etwas ruhiger. Ich fühlte mich stark genug, um zum Stadtrand zu gehen. Ich wollte Jesus wenigstens von ferne sehen. Immer war ich in Galiläa auf seinen Spuren gewesen. Nie hatte ich ihn getroffen. Jetzt erst sollte ich ihm begegnen:“ (Seite 224)

2.      Was außer dem Inhalt wichtig ist

Jesu Leben aus der Sicht eines Zeitgenossen. Andreas erzählt aus seiner Perspektive und das macht das Buch sehr interessant, spannend und lesenswert.

„Gerd Theißen wählt diese Form, um Erkenntnisse und Argumente auch Lesern nahezubringen, die keinen Zugang zu historischen Studien haben. Die Erzählung ist so gestaltet, daß nicht nur Ergebnisse, sondern auch der Prozeß des Forschens dargestellt werden.“ (Umschlagtext)

Theißen unterstreicht, dass die Erzählung „dem Stand der Forschung entspricht“ (Umschlagtext), in dem er schreibt:

“Ich habe große Scheu, etwas über Jesus zu schreiben, was nicht auf Quellen basiert. In meinem Buch steht nichts über Jesus, was ich nicht auch an der Uni gelehrt habe.“ (Anstatt eines Vorwortes, Seite 9)

Gerd Theißen ist Professor für Neues Testament an der Universität Heidelberg. Dieses Buch enthält viele wichtige Informationen, die mit Zitaten historisch belegt sind, das macht es in meinen Augen besonders lesenswert. Es ist nicht trocken, wie das häufig bei Geschichtsbüchern der Fall ist, sondern durch die besondere Perspektive bekommt der Leser einen sehr guten Zugang. Im Anhang des Buches folgen ausführliche Literaturhinweise zu Jesus und seiner Zeit. Der Leser bekommt zudem Informationen über die Literatur der Zeit Jesu. So erfährt man hier zum Beispiel die Entstehungszeit der Evangelien, erhält Informationen zur Logienquelle und zu den Qumranschriften.

3.      Stellungnahme

Zum Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem Neuen Testament ist es ein sehr gutes, empfehlenswertes Buch. Es schildert Jesu Leben aus der Sicht eines Zeitgenossen, der kritisch ist und Jesu Handeln und Reden hinterfragt. Aufgrund der Perspektive ist das Leben zur Zeit Jesu für den Leser viel besser vorstellbar. Es werden viele Probleme (zum Beispiel Heilungen, Sabbat, Verwandtschaft, Glaube) in Gesprächen mit Pro- und Contra- Argumenten diskutiert, was das Buch sehr lebendig macht. Es ist an manchen Stellen richtig spannend.  Es enthält viele Informationen, die historisch belegt werden, aber den Leser nicht erdrücken. Das Buch ist sehr gut zu lesen, spannend, sehr informativ und lebendig. Man kann es wie einen Roman lesen, wenn man die Fußnoten nicht so intensiv studiert. Mit den Fußnoten ist es in meinen Augen eine Mischung aus Roman und historischer Erzählung. Ich kann zum Schluss nur noch einmal betonen, dass es ein tolles, empfehlenswertes Buch ist.

Viel Freude beim Lesen wünscht Heike Wirth!