Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Wirth, Heike: (2003-04-15) Rezension von

Wolff, Hanna (1910-): Jesus als Psychotherapeut. Jesu Menschenbehandlung als Modell moderner Psychotherapie. Radius Verlag, Stuttgart, 1. Aufl. 1978, 10. Auflage 2001.
ISBN 3-87173-531-0; UB Essen 11 IOH 2782 (5)

Wer sich für Jesus Heilungsgeschichten interessiert.
Wer sich für Psychologie interessiert.
Wer
sich für den Zusammenhang von Jesus Heilungsgeschichten und moderner Psychotherapie interessiert.
Wer
mehr über Jesus Heilungsgeschichten erfahren möchte.
Wer
in einem therapeutischen Beruf arbeitet.
Wer
sich für den Zusammenhang von Jesus Heilungsgeschichten, Gleichnissen und heutiger Therapie interessiert.
Wer
selber krank ist.
Wer
mit kranken Menschen zusammen lebt.
Wer
sich für Jesus Menschenbehandlungen und den Zusammenhang zu unserer heutigen Gesellschaft interessiert.
Wer Ohren hat, zu hören, der höre.“ (Mk. 4, 9)
Ich empfehle jedem das Buch -Jesus als Psychotherapeut, Jesus Menschenbehandlung als Modell moderner Psychotherapie von Hanna Wolff.

Hanna Wolff (geb.1910 in Essen) studierte Rechts- und Staatswissenschaften in München, Heidelberg und Berlin, Theologie in Tübingen und Tiefenpsychologie in Zürich. Sie lebte über 20 Jahre in Indien und arbeitet seit 1969 als Psychotherapeutin in der Nähe von Karlsruhe.

„Dieses Buch ist aus der Erfahrung der psychotherapeutischen Praxis entstanden. Im Fortgang der Behandlungen fiel es der Autorin auf, daß sie manchmal ungewollt zu einem Bibelwort griff, um einen psychischen Tatbestand oder eine erarbeitete Einsicht pointiert zusammenzufassen.“ (Umschlagtext) Die Autorin stellte fest: „Da muß doch allerlei psychotherapeutische Einsicht im Reden, Tun und Leben Jesu sich vollziehen.“ (Umschlagtext)

„Wie ergiebig in der Tat diese neue Sichtweise sein kann, haben mir jedoch Hunderte von Briefen gezeigt, [...] „Sie haben uns Jesus näher gebracht. Sie haben ihn interessanter und für den Alltag relevanter gemacht. Wir fangen wieder an, die Evangelien zu lesen.“ Die so sprachen oder schrieben, waren vielfach die „Mühseligen und Beladenen“. Es waren die mit dem sogenannten „Leidensdruck“, der für die psychotherapeutische Behandlung unumgänglich ist. Es waren also in gewisser Weise Menschen, wie sie auch Jesus wollte. Nie wurden sie nach einer bestimmten Dogmatik gefragt, sondern ganz allein nach der Bereitschaft, sich wandeln zu wollen. Von dieser Wandlungsbereitschaft handelt das vorliegende Buch.“ (Nachwort zur sechsten Auflage, Hanna Wolff)

Ob Therapie erfolgreich sein kann, hängt von verschiedenen wichtigen Faktoren ab, aber was heißt erfolgreiche Therapie? „Nur so wird Psychotherapie zu dem, was sie eigentlich sein will, nämlich eine gemeinsame Bemühung von Psychotherapeut und Patient um das gemeinsame Hochziel humaner Menschlichkeit.“ (Seite 174) Was ist aber nun entscheidend für eine erfolgreiche Therapie, die das Ziel humane Menschlichkeit verfolgt?

Auf alle Punkte geht Hanna Wolff in ihrem Buch ein. Ich möchte im folgenden Text alle Aspekte näher beleuchten. „Man kann nicht „im Außen“ lösen, was man als eigenes Problem „Innen“ erkennen und bewältigen muß, so hat Jesus das Problem [...] richtig beschrieben, [...].“ (Seite 139) Es hilft nichts, Medikamente zu schlucken, man muss das Problem erst erkennen, eine Diagnosestellung zulassen und dann kann man aktiv daran arbeiten und gesund werden. Aber was heißt gesund?

„Vielleicht muß unsere Umwelt uns noch mehr in der Nase stinken, bis wir uns endlich gezwungen sehen, unsere eigene psychische Krüppelhaftigkeit zu überwinden und angemessenere, allerdings nicht nur auf Gewinn bedachte, psychische Fähigkeiten zu entwickeln. Nur dann werden wir wirklich humane Menschen werden. „Ändert Euer Leben!“ (MT. 4, 17) und „Wandelt Euch“ (Seite 151) mahnt Jesus.

1.      Der Wille entscheidet:

In diesem Kapitel erwähnt Hanna Wolff verschiedene Aspekte. Anhand der Heilung eine Kranken am Teich von Bethesda (Joh. 5,1-10 ) möchte ich sie deutlich machen:

(Joh. 5,3-10) „Dort stehen fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme und Ausgezehrte. Unter ihnen lag aber ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus den liegen sah und vernahm, daß er schon so lange krank war, sagte er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr ich habe niemand, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; bis ich aber hinkomme, ist ein anderer vor mir hineingestiegen. Jesus sagte zu ihm: Steh auf, nimm deine Schlafmatte und geh! Und sogleich wurde der Mann gesund und nahm seine Matte und ging weg.“

Hier wird deutlich, dass Jesus die Kranken fragt, ob sie gesund werden wollen. Für gesunde, junge Leser scheint das selbstverständlich, aber Krankheit ist nicht nur schlecht, sondern durch die Krankheit gewinnt man auch (sog. Krankheitsgewinn). Kranke bekommen mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuneigung und müssen unangenehme Aufgaben nicht mehr übernehmen. „Nun aber, plötzlich muß unser Geheilter arbeiten, Verantwortung schultern, sich völlig umstellen. Ob er darüber so ausnehmend glücklich war?“ (Seite 30) „Willst du gesund werden? In dieser Frage könnte man alles zusammenfassen, was Jesus gesagt und getan hat, vorausgesetzt, man versteht sie in ihrem Tiefenbezug. Auf jeden Fall ist sie eine aufrührerische Frage. Denn sie fordert kompromißlos eine innere und äußere Umstrukturierung, ein Neuwerden, das einer psychischen Revolution gleichen kann. Auf jeden Fall, eine „Arbeitsleistung“ muß vollbracht, ein „Kampf“ soll ausgetragen werden.“ (Seite32) Ein zweiter Aspekt, der an der Heilung eines Kranken am Teich von Bethesda deutlich wird, ist, dass viele Kranke nicht zuerst von sich reden, sondern von anderen und „die anderen“ dafür verantwortlich machen, dass sie nicht gesund werden können. Der Kranke sagt, dass er niemanden hat, der ihn zum Teich bringt. „Gefragt, ob er gesund werden will, antwortet er keineswegs: Aber natürlich, gewiß doch! Vielmehr beginnt er einen Leidensbericht, der wesentlich Anklage gegen „die anderen“ ist. Immer reden die Patienten zuerst von „den anderen“, und nur schwer sind sie dazu zu bringen, von sich zu reden.“ (Seite 29) Die Kranken machen andere verantwortlich und wollen auch gerne von anderen gesund gemacht werden, ohne selber aktiv zu werden. „Er will nicht gesund werden, er will gesund gemacht werden.“ (Seite 18) Das gibt es bei Jesus nicht, „Ihr wollt eine kleine Weile fröhlich sein in seinem Licht“ (Joh. 5,35), erinnert das Johannesevangelium, das heißt, ihr wollt eine sympathische, ermunternde Symptombehandlung. Nein, das gibt es hier nicht. Hier wird der Mensch in Bewegung gesetzt.“ (Seite 31) Jesus möchte, dass die Kranken Verantwortung übernehmen und an ihre „Heilung“ glauben: „Hab Mitleid mit uns und hilf uns, wenn du kannst.“ Jesus antwortet: „Das hängt vor allem von dir ab – wer glaubt, kann alles.“ (Mk. 9,23)  Jesus stellt genaue Diagnosen, er „sieht nicht auf das Symptom, er erstrebt die Wandlung, die das Symptom sowieso beseitigt.“ (Seite 36) 

Zusammenfassend kann man hier feststellen, dass Jesus den Patienten fragt, ob er gesund werden will, der Patient muss selber Verantwortung für seine Erkrankung übernehmen und an seine Genesung glauben und aktiv daran mitarbeiten, sonst kann er nicht gesund werden. An der Erzählung vom „Hauptmann zu Kapernaum“ wird deutlich, wie wichtig der Glaube ist. „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden.“ (Mt. 8,10)

Ohne den Glauben an die Genesung kann kein Kranker gesund werden.

Hanna Wolff gelingt es in ihrem Buch Jesu Heilungen und zum Teil auch Gleichnisse mit heutiger Psychotherapie zu verbinden. Sie geht so vor, dass sie zuerst von Jesus und seinen Heilungen berichtet und diese interpretiert, dazu nennt sie auch immer passende Bibelstellen. Im weiteren Verlauf berichtet sie von ihren Patienten und beschreibt Krankheitsverläufe. Dadurch gelingt es ihr in meinen Augen ganz hervorragend Gemeinsamkeiten zwischen Jesu Heilungen und heutiger Therapie herzustellen.

 

2.      Der Mut zur Selbstbegegnung entscheidet

In diesem Kapitel nutzt Hanna Wolff das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, um deutlich zu machen, was mit dem Mut zur Selbstbegegnung gemeint ist. Ich möchte hier an dieser Stelle das Gleichnis zitieren:

(Lk. 18,10-14) „Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich alleine hin und betete so: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder aber auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Doch der Zöllner blieb hinten stehen und wollte auch nicht die Augen zum Himmel aufheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, nicht aber jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“

Zur Interpretation: Der Pharisäer „ist ein Musterfrommer.“ (Seite 57) Er ist die negative Figur, er blendet, betet nicht, sondern hält nur „eine wohlgesetzte Ansprache in Form einer Berichterstattung.“ (Seite 57) Der Pharisäer reflektiert und hinterfragt sich nicht. Er zeigt seine Fassade, es ist nur äußerer Schein. Der Zöllner ist die positive Figur, der ehrlich und direkt ist und sich reflektiert und hinterfragt. „Des Pharisäers Gebet ist ebenso lang wie substanzlos, des Zöllners Gebet ist umgekehrt ebenso kurz wie gehaltvoll.“ (Seite 66) Aber vorsichtig, nicht vorschnell urteilen! „Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet.“ (MT.7, 1) „Jesus verleiht dem Pharisäer, obwohl er schließlich die negative Figur symbolisiert, direkt keinerlei herabsetzende Züge, etwa die der Prahlerei, der Angabe oder des Aufschneidens. [...] Und auf der anderen Seite ist ebenso zu beachten, daß Jesus dem Zöllner, der doch die positive Figur symbolisiert, keinerlei auszeichnende Qualitäten beilegt.“ (Seite 57)

Wichtig ist, dass man sich hinterfragt, sich reflektiert und den Mut hat nach innen zu schauen, sich selbst zu begegnen. „Der Mut zur Selbstbegegnung, den Jesus als Therapeut fordert, ist dem Kern nach die spontane innere Zustimmung zu dem Spiegel seiner selbst, den das Unbewußte einem vorhält.“ (Seite 69)

In diesem Abschnitt habe ich nun im Gegensatz zu Hanna Wolff das Gleichnis zitiert. Das macht sie in ihrem Buch nicht, sondern sie nennt häufig nur einen Satz und gibt dann in einer Fußnote die Bibelstellen an. So muss der Leser neben dem Buch von Hanna Wolff parallel immer in der Bibel die Stellen lesen, was in manchen Fällen stört, da es den Lesefluss unterbricht.

 

3.      Die Voraussetzungen entscheiden

In diesem Kapitel möchte ich näher auf die Voraussetzungen, die die Menschen mitbringen eingehen. Jesus hat von der unvoraussehbaren Empfänglichkeit des Menschen gewußt. (Seite 74) Er wußte, wie wichtig die Voraussetzungen der Menschen sind, um sich positiv zu entwickeln, gesund zu werden und, um das „Hochziel humaner Menschlichkeit“ (Seite 174) zu erreichen. Deswegen erzählt er das Gleichnis vom Säman:

(Mk. 4, 1-8) „[...] Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus, zu säen. Und beim Säen fiel ein Teil auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen`s auf. Ein Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als nun die Sonne hochstieg, verwelkte es, und weil es keine Wurzeln hatte, verdorrte es. Und ein Teil fiel unter Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten`s, und es brachte keine Frucht. Und ein Teil fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs, brachte Frucht und trug dreißigfach und sechzigfach und hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“

Die Böden sind wie Menschen verschieden. „Menschen sind für Jesus verschieden. Verschiedenheit, Mannigfaltigkeit, Unterschiedlichkeit rundherum, in der einen wie der anderen Beziehung. Jesus ist kein Gleichmacher.“ (Seite 75)

Anhand des Gleichnisses beschreibt Hanna Wolff unterschiedliche Menschentypen:

Erster Menschentyp:

Der Samen fällt auf den Weg und die Vögel fressen ihn auf. Dieser Menschentyp ist verhärtet und hat ein verengtes Bewußtsein. Jede schöpferische Kreativität, die diesen Menschentyp anspricht, „verwelkt“, da er nichts an sich herankommen läßt. Jeder Versuch eines auflockernden, neu orientierenden und ausweitenden Schöpfertums erstirbt an ihnen. Diese Menschen wollen und können nichts auf- bzw. annehmen. Hanna Wolff spricht hier von erloschener Rezeptivität.

„Es gibt Menschen, deren Inneres einem steinhart getretenen Pfad gleicht, sagt Jesus.“ (Seite 76)

Das Symbol des Vogels ist hier in diesem Gleichnis offensichtlich negativ. „Sie rauben, was zu Wachstum bestimmt war.“ (Seite 77)

Zweiter Menschentyp:

Der Samen fällt auf felsigen Boden, geht schnell auf und verdorrt aber schnell in der Sonne wieder, weil die Wurzeln nicht tief genug liegen. Auf den Menschentyp übertragen, bedeutet es, dass der Mensch aufnimmt, aber alles an der Oberfläche bleibt und hier „verdorrt“. „Dieser Menschentyp verspricht vieles und hält nichts.“ (Seite 82) Zuerst scheint er interessiert, nimmt auf, aber läßt keine tieferen Gedanken zu und verändert nichts an sich und seinem Leben.

Dritter Menschentyp:

„Jesus macht sich keine Illusion, viel geht verloren, das weiß er. Auch aus dem dritten Typ, den er schildert wird nichts rechtes. Einige Körner (Samen) fielen in Dornengestrüpp, das bald das Getreide überwucherte und erstickte.“ (Seite 85) Hier interpretiert Hanna Wolff den Menschentyp so, dass es die sind, die nach außen „scheinen“, aber in Wirklichkeit sich negativ verhalten. Sie vergleicht es mit dem Menschentyp der Pharisäer in der Bibel, die nach außen streng gläubig waren, aber sich häufig nicht human verhalten haben. „Jesus hat die geltende Tora- Frömmigkeit als Heuchelei kritisiert.“ (Seite 87) Und dieser dritte Menschentyp verhält sich so. Er hält die Gesetze ein, aber redet trotzdem „schlecht“. Dieser Menschentyp führt bei Hanna Wolff zu Gesellschaftskritik. Sie kritisiert zum Beispiel, die äußeren Statussymbole, die ungehemmte Konsumgier und die „autoritäre Parteidiktatur“. (Seite 88)

„Mit dem Bild unseres Gleichnisses geredet, wir sind am Ersticken.“ (Seite 90)

Hier möchte ich nun, wie Hanna Wolff es in allen Kapitel macht, ein Beispiel aus ihrer Praxis zitieren:

“Ein leitender Direktor kommt wegen Depressionen und Schlaflosigkeit in die Sprechstunde. Er bringt folgenden Traum mit: Er ist auf einer Geschäftsreise, wie gewöhnlich steigt er im vornehmsten Hotel der Stadt ab. Der Geschäftsführer des Hotels bringt ihn persönlich in sein Appartement. Zuvorkommend zeigt er ihm auch das zugehörige Bad. Der Träumer sieht zu seinem Erstaunen, daß in der Badewanne bereits eine nackte Frau liegt, die ihn einladend ansieht. Sie gehört einfach zum Kundendienst im Luxusappartement. Der Träumer berichtet, die Frau habe ihm eigentlich nicht besonders gefallen, aber dann stieg er doch zu ihr in die Wanne.- Der Traum kritisiert drastisch die kollektive Parole der Konsumgesellschaft: Mitnehmen, was man kriegen kann.“ (Seite 91) Gibt es einen Ausweg?

Vierter Menschentyp:

„Aber etliches fiel auf gutes Land und brachte Frucht, die da zunahm und wuchs; und etliches trug dreißigfältig, und etliches sechzigfältig, und etliches hundertfältig.“ (Mk.4, 8-9)

Das Gleichnis beschreibt drei negative Menschentypen und nun drei positive (trug dreißigfach, sechzigfach und hundertfach). Diese Menschen können aufnehmen, wie der Boden im Gleichnis. „Rezeptivität (Aufnahmefähigkeit) ist alles! Man muß aufnehmen können, oder es lernen, ansonsten bleibt der leere Topf eben leer.“ (Seite 93) „Empfänglichkeit, bewußte Geöffnetheit oder schöpferische Rezeptivität kennt in der Tat keine Grenzen. Jesus hat recht mit seinen Worten: „Wenn euer Vertrauen auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann könnt ihr zu dem Berg sagen: Geh von hier nach dort- und er wird es tun. Dann könnt ihr alles tun.“ (Mt. 17,20) ( Seite 94)

Dieser Menschentyp „trägt Frucht“, er kann an- und aufnehmen und läßt Veränderungen zu.

Ich denke, dass spätestens in diesem Kapitel deutlich wird, dass Hanna Wolffs Buch sich an allen Menschen richtet und nicht nur an die „Kranken“.

 

4.      Das Tun entscheidet

Im folgenden Kapitel geht es darum, dass der Patient aktiv werden muss, er sollte beginnen, etwas zu „tun“. Hier bezieht sich Hanna Wolff auf das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden.

Sie nennt es das Gleichnis vom Kapital, das gewinnbringend angelegt werden soll.

(Lk. 19, 13-27): [...] Der ließ zehn von seinen Knechten rufen und gab ihnen zehn Pfund und sagte zu ihnen: Treibt damit Handel, bis ich zurückkomme! Seine Bürger aber waren ihm feind und schickten Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, daß dieser unser König wird. Nachdem er das Königtum empfangen hatte, kam er zurück und ließ die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was jeder von ihnen gewonnen hätte. Da trat der erste heran und sagte: Herr, dein Pfund hat zehn eingebracht. Und er sagte zu ihm: Recht so, du tüchtiger Knecht, weil du im Kleinsten treu gewesen bist, sollst du Herr über zehn Städte sein. Der zweite kam auch und sagte: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erbracht. Zu dem sagte er auch: und du sollst über fünf Städte herrschen. Und der dritte kam und sagte: Herr, siehe, da ist dein Pfund, das ich in einem Tuch verwahrt habe; denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst dir, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Er sagte zu ihm: Mit deinen eigenen Worten will ich dich richten, du böser Knecht. Hast du gewußt, daß ich ein harter Mann bin, der sich nimmt, was er nicht angelegt hat, und erntet, was er nicht gesät hat? Warum hast du dann mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Und wenn ich zurückgekommen wäre, hätte ich`s mit Zinsen einfordert können. Und er sagte zu denen, die dabeistanden: Nehmt ihm das Pfund ab und gebt´s dem, der zehn Pfund hat. Und sie sagten zu ihm: Herr, der hat doch schon zehn Pfund. Ich sage euch aber: Jedem, der etwas hat, dem wird noch mehr gegeben werden; wer aber nichts hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat. [...]

Dieses Gleichnis zeigt, dass durch unterschiedliches Verhalten, die Menschen an ihrem Schicksal beteiligt sind. Man kann hier drei unterschiedliche Figuren unterscheiden: Beginnen möchte ich mit der dritten Figur, die das Kapital (Pfunde) nicht gewinnbringend angelegt hat. Sie hat nichts daraus gemacht. Sie meint, mit ihrem einen Pfund (Talent, Kapital) nichts tun zu können. Damit stellt sie ihre ganze Existenz in Frage. (Seite 102) Diese Figur bemitleidet sich selber und ist inaktiv: „Ich kann doch nichts mit mir selber anfangen, wer bin ich schon?, bei mir lohnt es sich ja doch nicht! Der angeblich lässige Verwalter hat nicht mehr oder weniger getan als sich selber aufgegeben.“ (Seite 102) Aber: „Niemand hat das Recht, sich selber aufzugeben. Er soll sich vielmehr annehmen, oder soll es lernen.“ (Seite 103) Die beiden anderen Figuren setzen ihre Pfunde (Talente, Kapital) gewinnbringend ein. Sie werden dafür belohnt. Wichtig ist mir an dieser Stelle, dass das Gleichnis nicht vermitteln soll: Wer nichts besitzt, soll auch noch das Letzte verlieren, sondern: wer nichts hat, der soll auch noch das Letzte verlieren. (Seite 101) Mit „nichts haben“ ist gemeint: wer nichts fassen, festhalten, gewinnen, verwalten kann, wer keine Verantwortung tragen kann. „Das Kapital (Pfunde, Talente) wird angeboten oder sogar geschenkt, aber man muß sich anstrengen, es zu fassen und anzulegen.“ (Seite 101) Es „kommt also auf „das Tun“ an! [...] Ein In- Ruhestellung- gehen gibt es bei Jesus nicht.“ (Seite 105) „Für das Tun, das Jesus fordert, verlangt er ein Höchstmaß von Entschlossenheit, Beharrlichkeit und gerichteter Zielstrebigkeit [...].“ (Seite 106) „Im Gleichnis, so macht es Jesus deutlich, handeln die Verwalter wohl auf Vertrauensbasis, aber zugleich auch unter dem Druck der Verantwortung. Beides ist notwendig, damit ein Mensch zu einem schöpferischen Tun in Bewegung gesetzt wird.“ (Seite 108) Handeln ist elementar wichtig und nur dadurch kann der Mensch positive Veränderungen erreichen.

 

5.      Das humane Menschenbild

Das Ziel jeder Therapie ist der humane Mensch, aber ist es nicht das Ziel für jeden Menschen?

„Die erstrebte radikale Veränderung der Welt, die Jesus einleitet, hat diese Stichwort: „Humanisierung des Menschen.“  Das ist auch das Leitziel der analytischen Psychotherapie, wenn sie psychisch verkrümmte, neurotische Krüppel zu möglichst vollgültigen, normalen Menschen zu machen strebt. Soll dieser Humanisierungsprozeß legitim sein, so haben wir von der Konzeption Mensch, wir sie sich bei Jesus findet, immer neu zu lernen.“ (Seite 124)

Hier wird noch einmal ganz deutlich, wie eng heutige Psychotherapie und Jesus Menschenbehandlung verknüpft sind. Sie verfolgen ein Ziel. Hanna Wolff macht sehr deutlich, dass die Bibel ein aktuelles Buch ist, obwohl sie fast 2000 Jahre alt ist. Hanna Wolffs Interpretationen beziehen sich nicht nur auf Jesu Heilungen, sondern auf seine „Menschenbehandlungen“, wie hat Jesus die Menschen behandelt und was war sein Ziel?! Immer wieder landet man bei der Humanisierung des Menschen.

Geht endlich human miteinander um!

„Jesus ruft einmal ungehalten aus: „Was seid ihr für verkehrte Leute, ohne alles Vertrauen, wie lange soll ich es noch bei euch aushalten?“ (Mt. 17,17)“ (Seite 125)

Und, wenn wir uns unsere Gesellschaft anschauen, gehen wir human miteinander um, würde es Jesus bei uns aushalten??

 

6.      Abschlussbeurteilung

Zusammenfassend kann man sagen: Um gesund zu werden, ist der Wille wichtig. Ferner sind der Mut zur Selbstbegegnung, die Voraussetzungen und die Aufnahmebereitschaft (Rezeptivität) elementar. Danach muss „das Tun“ kommen, das Praktizieren, das Training des Erkannten und Erfahrenen. Stellt sich hier noch einmal die Frage, wer ist gesund und wer ist krank? Die Übergänge sind fließend, aber der Leidensdruck des Betroffenen muss groß genug sein, denn sonst gibt es keinen Anlass zur Veränderung der Situation. Das Hochziel ist die „humane Menschlichkeit“.

Nur zwei Aspekte im Buch von Hanna Wolff sind in meinen Augen negativ anzumerken:

Im Kapitel 2. habe ich bereits erwähnt, dass ich es in vielen Fällen nicht gut fand, dass die Bibelstellen von Hanna Wolff nicht zitiert wurden, und der Leser selber die Textstelle in der Bibel suchen und lesen muss. Es stört in meinen Augen häufig den Lesefluss. Ein weiterer Kritikpunkt sind die vielen psychologischen Fachbegriffe, die sie, wie selbstverständlich benutzt, ohne zu erklären, was sie bedeuten (z.B. Selbstevidenzerlebnis, Schattenprojektion, Spannungspolarität, tiefenpsychologisches Hauptparadigma). Zu Beginn habe ich sie nachgeschlagen, aber gegen Ende habe ich einige einfach überlesen. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen.

Das Buch kann man sehr gut lesen. Ich finde es sehr empfehlenswert.

Es lohnt sich, es ist klasse und stellt eine sehr gute Verbindung zwischen Jesu Heilungen und Gleichnissen und menschlicher Psyche her. Und nicht nur das, es sind alle Menschen angesprochen, nicht nur die psychisch Kranken, an sich zu arbeiten, denn das Ziel ist Humanität. An vielen Stellen übt Hanna Wolff Gesellschaftskritik. Unsere Gesellschaft ist nicht human, aber sie fordert auf, daran zu arbeiten. Hanna Wolff macht mit Nachdruck deutlich, dass die Bibel und Jesus Forderungen an die Menschen aktuell sind.

Das Buch spricht alle Menschen an, die genug Rezeptivität besitzen!!

„Wer Ohren hat zu hören, der höre.“ (Mk. 4, 9)

Viele Aha- Erlebnisse und neue Erkenntnisse bei der Lektüre von Hanna Wolffs Buch Jesus als Psychotherapeut, Jesus Menschenbehandlung als Modell moderner Psychotherapie wünscht

Heike Wirth.