Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Babylonische Theodizee - ein Streitgespräch über die Gerechtigkeit einer Gottheit

Beyerlin, Religionsgeschichtliches Textbuch, 157-160

Wie die alttestamentliche so steht auch die sumero-babylonische Weisheitsliteratur /360/ in der Mitte zwischen Theologie und Philosophie. Unter ihren zahlreichen Traktaten, Fabeln, Sprüchen, Dialogen und sonstigen Werken kommen für einen religionsgeschichtlichen Vergleich mit dem AT nur die Klage- und Theodizee-Dichtungen in Frage, die Parallelen zu Hiob, Prediger und den Bußpsalmen (besonders zu Ps. 6; 31; 38; 102 und 142) aufweisen /361/. Der hier zunächst vorgelegte Dialog zwischen einem Dulder und seinem Freund, kunstvoll in 27 Abschnitte zu je 11 Zeilen (mit je 4 Hebungen; die Zeilen gern zu Doppelversen zusammengefaßt) gegliedert und wie Ps. 119 ein Akrostich bietend /362/, beklagt das Leiden des Unschuldigen in einer ungerechten Welt. Die nicht lückenlosen Textbelege /363/ stammen vorwiegend aus

359) Auch unter dem Titel "Akrostichischer Dialog", "Babylonische Theodizee" und Babylonischer Kohelet" bekannt.
360) Zur sum.-bab. Weisheitsliteratur allgemein vgl. die oben genannte Untersuchung von W.G.Lambert sowie J.J.vanDijk, La sagesse sumero-accadienne, 1953; ferner E. j. Gordon, Sumerian Proverbs, 1960; ders., BiOr 17, 1960, S. 122 ff.; S. N. Kramer, Sumerians, S. 217 ff.
361) Auch Anklänge zu den Sprüchen Salomos und zum Hohenlied begegnen.
362) Die 27 Anfangssilben der Abschnitte ergeben das akkadische Akrostich: a-na-ku sha-ag-gi-il-ki-i-na-am ub-bi-ib ma-ag-ma-gu ka-ri-bu ga i-li u gar-ri-ma, das heißt: Ich, Schaggil-kinam-ubbib, Beschwörer, bin ein Verehrer von Gott und König" - womit sich gewiß der Autor des Werkes vorstellt.
363) Vgl. Lambert, Wisdom Literature, S. 69.

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neuassyrischer und spätbabylonischer Zeit; die Entstehung des im einzelnen - gewiß auch als Folge des Akrostichzwanges - oft schwer verständlichen Werkes glaubt W. von Soden /364/ auf die Zeit um 800 v. Chr. datieren zu können.

Z. 1.4-11.27-33 Dulder

1 Ach, du Weiser /366/, [ ... ] laß mich zu dir sprechen.

4 [dann will ich,] der Leidende, nicht ablassen, dich zu verehren!

5 (Denn) wo ist ein weiser Mann deinesgleichen,

Wo ein Gelehrter, der es mit dir aufnehmen könnte,

Wo ein Ratgeber, dem ich meine Pein zu eröffnen vermöchte?

Ich bin vernichtet, bin in tiefster Not.

Als ich noch ein Kind war, nahm mir das Schicksal den Vater,

10 Die Mutter, die mich gebar, ging ins "Land ohne Wiederkehr",

Mein Vater und meine Mutter ließen mich unbehütet zurück.

27 Mein Körper ist erschöpft, schwach vor Auszehrung,

Mein Glück ist vergangen, meine Sicherheit (?) dahin.

Meine Kraft schwand, mein Reichtum ist zerronnen,

30 Leid und Not haben meine Züge verdunkelt,

Das Korn meines Feldes (?) reicht nicht aus, mich zu sättigen,

Würzwein, Lebenswecker der Menschen, ist nicht zur Genüge da.

Wartet meiner (noch) ein glückliches Leben? Ich möchte wissen wie!

Z. 56-66 Freund

O du Palmbaum, Baum der Fülle /367/, mein verehrter Bruder,

Mit aller Weisheit begabt, goldenes (?) Juwel /368/,

Du bist so standfest wie die Erde - doch der Götter Plan ist verborgen /369/.

Sieh den stolzen Wildesel im [Gefild]:

60 Ihn, der die Felder niedertrat, wird der Pfeil treffen!

Sieh auf den Löwen, den du nanntest, der Feind des Viehs:

Für den Frevel, den der Löwe beging /370/, erwartet ihn die Fallgrube.

Den mit Reichtum Begabten, den Emporkömmling, der die Gewinne aufhäuft,

Wird der König vor der ihm bestimmten Zeit im Feuer verbrennen.

65 Möchtest du den Pfad wandeln, den jene gingen?

Suche lieber (deines) Gottes bleibende Gnade /371/!

364) AaO S. 52.
365) Die Dialogform ist entsprechend in der Hiobdichtung angewandt.
366) Fast übertrieben wirkende höfliche Anreden.
367) Zu diesem Bild vgl. u. a. Jer. 11, 16; 17,8; Ps. 1, 3; 52, 10.
368) Vgl. Anm. 366.
369) Vgl. etwa jes. 55,8-9; Pred. 8,16f.; 11,5.
370) Auch im AT wird vom Frevler im Bild des Löwen gesprochen: vgl. besonders Hi. 4,8-11, beispielshalber auch Ps. 35,16f.; 58,7.
371) Vgl. mit diesem Abschnitt auch Ps. 37.

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Z. 70-77.133-141 Dulder

Die, die (ihren) Gott nicht suchen, gedeihen wohl,

jene (aber), die zu (ihrer) Göttin beten, verarmen und verkümmern /372/!

Als ich jung war, forschte ich nach dem Willen (meines) Gottes,

Suchte meine Göttin mit Demut und Andacht,

Und doch mußte ich gewinnlosen Frondienst leisten,

71 Statt Reichtums bestimmt mir (mein) Gott Armseligkeit.

Der Krüppel ist obenan, der Tölpel gewinnt,

Der Schelm ward erhöht, ich aber erniedrigt.

133 So will ich denn mein Haus verlassen

Mir keinen Besitz (mehr) wünschen [ ],

135 Ich will die Gebote (meines) Gottes mißachten und (seine) Ordnungen mit Füßen treten.

Ich will ein Kalb schlachten und Speisen [...]

(Dann) mich davonmachen (und) in die Ferne ziehn,

Den Quell öffnen, der Welle freien Lauf lassen

Will wie ein Dieb eine Meile über das Feld laufen!

140 lch will von Haus zu Haus gehen, um meinem Hunger zu wehren,

Hungernd herumsuchen, umherwandern straßauf, straßab.

Z. 237-257 Freund

Den gottlosen Betrüger, der Reichtum gewann,

Verfolgt der Mörder mit seiner Waffe /373/.

Suchst du den Rat des Gottes nicht - wie könntest du dann gedeihen?

(Doch) wer das Joch seines Gottes trägt, hat sein Auskommen, sei es auch knapp.

Suche der Götter gnädigen Hauch

So wirst du, was in einem Jahr verloren ging, alsbald wiedergewinnen /374/.

Dulder

Ich schaute mich um unter den Menschen der Welt, aber die Zeichen waren voller Widerspruch /375/.

Der Gott legt dem bösen Dämon /376/ nichts in den Weg.

245 Der Vater schleppt das Boot den Kanal entlang,

Während sein erstgeborener Sohn /377/ (faul) im Bett liegt.

Der älteste Bruder stolziert seines Weges wie ein Löwe,

Der zweite Sohn darf glücklich sein, die Maultiere zu treiben.

372) Vgl. Jer. 12,1 und vor allem Hi. 21,6ff; Ps. 10,3 fL; 73,3fL; Pred. 8,9ff.
373) Vgl. etwa Hi. 18,5-21.
374) Vgl. etwa Hi. 8,5 f.
375) Vgl. Pred. 3,16.
376) Text: scharrabu-Dämon, offenbar ein böser Geist.
377) Die Vorrechte des Erstgeborenen in der altorientalischen Kultur erscheinen dem Dulder als besonders ungerecht.

<160 Mesopotamische Texte>

Der Erbsohn schreitet die Straße entlang als ein Tagedieb (?)

250 Der jüngere muß Brot zu den Armen bringen /378/.

Was kann ich, der ich mich vor dem Vordermann (?) demütigen muß, noch gewinnen?

Selbst vor einem Niedrigen muß ich mich beugen,

Und meines, (gleich) eines Kindes, spottet der Reiche und Üppige!

Freund

O Weiser, Wissender, reich an Kenntnissen -

255 Dein Herz ist böse, und du schmähst Gott /379/.

Das Herz des Gottes ist wie die Mitte des Himmels unergründlich /380/,

Was er vermag, ist schwer zu begreifen, unverständlich den Menschen!

265 Gib acht, mein Freund, erfahre meine Meinung,

Höre das erlesene Wort meiner Rede:

Sie preisen laut, was der Berühmte, der zu morden versteht, ausspricht,

Den Niedrigen (aber) drücken sie nieder.

Sie stimmen dem Übeltäter zu, dem [Gerechtigkeit] ein Greuel ist,

270 Den Redlichen aber, der auf des Gottes Wort achtet, treiben sie davon!

Z. 287-297 Dulder

Du bist gütig, mein Freund, sieh (mein) Leid an.

Hilf mir, schau auf (meine) Not, begreife sie!

Ein furchtsamer, demütig bittender Sklave bin ich,

290 Noch keinen Augenblick habe ich Hilfe und Beistand erblicken können.

Bescheiden schreite ich über die Plätze meiner Stadt,

(Meine) Stimme wurde nicht laut, meine Rede war leise.

Ich gehe nicht erhobenen Hauptes, sondern blicke zu Boden,

Einem Sklaven gleich preise ich nicht (meinen Gott) in der Versammlung meiner Genossen.

295 Möge der Gott, der mich verließ, mir aufhelfen,

Möge die Göttin, die [mich verriet], mir Gnade bezeigen,

Der Hirt, die Sonne des Menschen /381/, [möge mir] einem Gott gleich [gnädig sein]!

378) D. h. eine untergeordnete Arbeit verrichten.
379) Vgl. etwa Hi. 34,35-37.
380) Vgl. Hi. 11, 7-9.
381) Der König. - Vgl. z.B. 2.Sam. 5,2 (1.Chr. 11,2); jer. 23,1f.; Ez. 34,1-10; Ps. 78,71 f.