Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron: Einführung in die historisch-kritische Methode, last edited: 2007-04-05

Die Formkritik, Teil 1

An jedem Text lassen sich Inhalts- und Formseite unterscheiden. Ein Inhalt (Aussage, Botschaft) wird immer in einer bestimmten Form (sprachlichen Gestalt) ausgesagt. Die Form entscheidet darüber mit, wie der Inhalt aufgefaßt werden soll. Die Formkritik analysiert einerseits die Form des individuellen Textes, andererseits vergleicht sie die gefundene Form mit der Form (möglichst vieler) anderer Texte. Nur wer die Standards kennt, kann auch erkennen, wo etwas Besonderes, ein spezielles Anliegen vorliegt.

1. Struktur, Gliederung

Der erste Schritt ist die Erarbeitung der Struktur des Textes. Wo sind Sinnabschnitte? Wie sind die einzelnen Abschnitte miteinander verknüpft (Kohäsion)? Besonders ist auf leicht objektivierbare Marker zu achten, wie z.B. Wechsel von Erzählung zu direkter Rede; Ortswechsel; Zeitsprünge; Einführung neuer Personen; adversativer Subjektswechsel ("du …, ich aber ..."), Ersetzen der Eigennamen durch Pronomina; Eröffnungssignale wie "Am Anfang  ..." (Gen 1,1), summierende Reflexionen des Erzählers (Dtn 34,10-12) u.a.

2. Textvergleich, Textsorte (=Gattung)

Jede Sprache beinhaltet nicht nur Regeln für die Form von Sätzen (Wortfolge, grammatische Kongruenz von aufeinander bezogenen Satzkonstituenten, z.B. Subjekt und Prädikat), sondern auch Regeln für die Form von Texten, die freilich oft einen geringeren Verbindlichkeitsgrad haben. Sehr strenge Formpflichten haben juristisch relevante Texte; poetischen Texten billigt man in der Regel einen stark experimentellen, individuellen Charakter zu. Jede Sprache verfügt über ein Inventar von Textsorten, die in verschiedenen Kontexten funktionieren (zB. Todesanzeige, Witz, Reklame, Telefonverzeichnis, Seminararbeit, Gebet). Die angemessene Interpretation eines Textes setzt die Kenntnis der Textsortenzugehörigkeit voraus, da die Textsorte auch einen bestimmten "Wirklichkeits"-anspruch impliziert. Wer etwa die Versprechen einer Reklame zu ernst nimmt, wird Enttäuschungen erleiden. In einem Märchen kann ohne Probleme ein Einhorn auftreten, in einem Polizeibericht dagegen nicht.

Das Textsorteninventar einer Sprache läßt sich nur auf der Basis von (möglichst umfangreichen) Textvergleichen erheben. Findet man Texte, die dem gleichen Muster folgen, ohne von einander direkt abhängig zu sein, so ist anzunehmen, daß sich ihre Ähnlichkeit daher erklärt, daß es verschiedene Exemplare der gleichen Textsorte sind.

Die Bibel bietet häufig zu wenig und zu stark ausgewähltes Textmaterial, um ein klares Bild zu gewinnen, so daß man auch die Textbestände der anderen antiken Literatur berücksichtigen muß. So erlauben etwa die Funde von Briefen aus Mari, die vom Auftreten von Prophetinnen und Propheten berichten, einen besseren Rückgriff auf die ursprüngliche mündliche Verkündigungssituation als die biblischen Prophetentexte.


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Last modified: April 05, 2007