Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Traditionskritik / oder: Semantik

1. Das Lexem

Die Traditionskritik (in der Sprachwissenschaft meistens: Semantik) befaßt sich mit der Inhaltsseite, der Bedeutung eines Textes.

1.1. Grundbegriffe

Die kleinste bedeutungstragende Einheit eines Textes ist das Lexem. Ein Lexem hat eine sprachlich festgelegte, überindividuelle Bedeutung. Diese läßt sich noch weiter differenzieren: Es gibt einen systemverankerten Bedeutungskern, der in allen möglichen Kontexten vorliegt (= Denotat), einen überindividuell mitgesetzten Ring von Begleitvorstellungen (= Konnotationen) und eine Fülle, die subjektive Erfahrung widerspiegelnde Assoziationen.

Beispiel:

Lexem Denotat Konnotationen
"Krebs/1" Krankheit mit bestimmten Symptomen unheilbares, qualvolles Sterben,

1.2. Methode: Austauschprobe (Substitution)

Der wichtigste Arbeitsschritt ist die (möglichst flächendeckende) Analyse aller Vorkommen des Lexems. Der Bedeutungskern, der an allen Stellen den besten Sinn macht, also gegen das Lexem ausgetauscht werden kann, ist als das Denotat des betreffenden Lexems zu betrachten.

Häufig ist die Bedeutungsbestimmung dadurch verkompliziert, daß ein Lexem in verschiedenen Verwendungszusammenhängen verschiedene, aber miteinander zusammenhängende Bedeutungen annehmen kann (=Polysemie). Gelegentlich kommt es auch vor, daß das gleiche Lexem völlig verschiedene Bedeutungen haben kann (=Homonymie; Krebs/1 = Krankheit, Krebs/2 = Schalentier).

1.3. Referent

Für die Bedeutungsbestimmung hilft oft auch die Kenntnis der außersprachlichen Referenten, auf die verwiesen wird. Zum Teil ist es der Archäologie gelungen, Gegenstände aus biblischer Zeit auszugraben oder wenigstens Darstellungen von Dingen und Vorgängen (z.B. Musikinstrumente; Vorgang des Schlachtens; Kriegsdarstellungen; Göttinnen).

1.4. Metonymie, Metapher

Besonders in der Poesie sind übertragene Verwendungsweisen zu beachten: Die Metonymie ersetzt den "eigentlichen" durch einen Ausdruck, der zu ihm in einer realen Beziehung steht: das Stadion (=die Zuschauer) tobte. Die Metapher ersetzt den "eigentlichen" durch einen ähnlichen Ausdruck, wobei die reale Beziehung zwischen Eigentlichem und Uneigentlichem, die die Metonymie kennzeichnet, aufgegeben wird (Achill ist ein Löwe).

1.5. Bedeutungswandel

Der Bedeutungsgehalt des Lexembestands einer Sprache unterliegt einem allmählichen, aber ständigen Wandel. Da die biblischen Texte aus verschiedenen Zeiten stammen, können mitunter beträchtliche Bedeutungsverschiebungen vorkommen.

 

2. Die Lexem-übersteigende Bedeutung

2.1. Wortfeld, Synonyme, Antonyme

Gemäß der Einsicht des Strukturalismus ist die Bedeutung eines Lexems erst vollständig bestimmt, wenn man seinen spezifischen Ort im Sprachsystem als Ganzem bestimmt hat. Ein Lexem ist Element eines Wortfeldes, überschneidet sich in seinem Bedeutungsgehalt mehr oder weniger mit Synonymen (= Lexeme mit sehr ähnlicher Bedeutung; völlige Identität gibt es nicht) und bedeutet das Gegenteil von Antonymen.

2.2. Vorstellungskomplex, Konzeption, Tradition

Eine Vorstellung ist eine feste thematische Verbindung von Aussagen, Beispiel: "Der Messias repräsentiert die kommende Gottes Herrschaft". Gehören verschiedene Vorstellungen standardmäßig zusammen, so kann man von einem Vorstellungskomplex sprechen, Beispiel: Der Messias befreit Israel von seinen Feinden, stellt Israels innere Ordnung wieder her, stiftet eine neues Gottesverhältnis. Erhält ein solcher Komplex eine bestimmte Zuspitzung, kann man von einer Konzeption sprechen, Beispiel: Jesus ist der Messias. Hat eine solche Konzeption durch die Zeit hindurch eine markante Konstanz, kann man das als Tradition bezeichnen, z.B. christliche Tradition.

 

3. Die Bedeutung im Text

3.1. Bedeutung und Sinn

Die Bedeutung eines Lexems wird durch seine Einbindung in einen Kontext in bestimmter Weise festgelegt. Die lexikalische Bedeutung erhält im Kontext einen spezifischen Sinn. Dies gilt analog auch für größere Bedeutungseinheiten, z.B. Vorstellungskomplexe.

3.2. Kohärenz, Gedankengang

Lexeme müssen innerhalb eines Textes in einer sinnvollen Weise miteinander in Relation stehen (Kohärenz). In der Regel ergibt die Verknüpfung eines Objekts (Hans) mit einer Handlung (hinfallen) eine Aussage (Hans fiel hin). Aussagen ihrerseits sind z.B. durch die Relation "Ursache-Wirkung" verknüpft (Hans fiel hin und brach sein Bein), oder durch assoziative Aufzählung von Merkmalen einer gegebenen Situation (Hans stand am Fenster. Er sah die Sterne. Er hörte das Rauschen), o.a. Der Gedankengang des Textes ist die Struktur, die alle Aussagen eines Textes sinnvoll miteinander verknüpft.

4. Wichtige Lexika, die wenig Kenntnis der Ursprachen voraussetzen