Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Proseminar NT, Stand: 2007-04-05

Arbeitsblatt zur Bestimmung des Historischen Ortes

Jeder Text entsteht in einer bestimmten Kommunikationssituation. Sosehr es die AutorInnen und/oder die Überlieferer, Redaktoren oder KanonisiererInnen auch beabsichtigt haben mögen, zeitüberdauernde Wahrheiten zu formulieren und den Geltungsanspruch der Texte zu entgrenzen, sie bleiben an die historische Situation gebunden, in der sie formulierten, redigierten oder kanonisierten. Für ein angemessenes Verständnis der biblischen Texte ist es deshalb unerläßlich, auch ihren historischen Ort zu analysieren. Das ist das Grundaxiom der historisch-kritischen Forschung!

Immer wieder ist zu konstatieren, dass die Evangelien ein Bild von Jesus zeichnen, das historisch wenig wahrscheinlich ist. Das liegt zum einen an den überwältigenden Ostererfahrungen, die Jesu Auftreten in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen. Zum anderen muss man berücksichtigen, dass eine exakte historische Berichterstattung, wie sie heute die Geschichtswissenschaft beherrscht, dem damaligen Kulturraum generell fern lag. Die Trennung von historischen und fiktiven Inhalten erfordert also ein Zurückfragen hinter die Tendenz, die Aussageabsicht der Texte.

1. Datierung

Der wichtigste Arbeitsschritt ist die Datierung des Textes, weil es ein Datum ermöglicht, den gegebenen Text mit anderen Texten und Sachverhalten in Beziehung zu setzen, die wir auch datieren können. Eine genaue Jahreszahl wird man selten angeben können. Deshalb versucht man den Entstehungszeitraum so gut es geht einzugrenzen: frühestens (terminus a quo) kann der Text dann und dann verfaßt sein, spätestens (terminus ad quem) muss er dann und dann vorgelegen haben.

Zum Zwecke der Datierung sucht man im Text z. B.

Dabei darf man nie aus dem Auge verlieren, welche Ebene der Textentwicklung man datieren will. Will man auf die mündliche Verkündigungssituation Jesu zugreifen? Oder auf die Situation der urchristlichen Gemeinde? Oder fragt man nach dem, der das Evangelium verfaßt hat?

2. Sozialgeschichtlicher Ort

Die nähere Analyse des Zeithintergrunds umfaßt auch die sozio-kulturelle Verortung des Textes. In manchen Fällen ist der typische kommunikative Vollzug noch an der Textsorte (siehe Formkritik) ablesbar: Bedient sich der Text einer Redeform, die einem bestimmten „Sitz im Leben" (Hermann Gunkel, 1862-1932) zugewiesen werden kann? Redet Jesus z.B. wie ein Rabbi, der Schüler unterweist, oder wie ein Gesetzeslehrer, der Rechtsnormen abwägt?

In welchen religiösen und politischen Konfliktlagen wird für wen Partei ergriffen? Welche anderen Positionen wurden in dieser historischen Situation außerdem vertreten?

3. Archäologie, Analogien aus besser bekannten Kulturen

Zu einem Großteil leben diese Arbeitsschritte von dem Material, das die Archäologie ausgraben und die vergleichende Kulturwissenschaft und historische Soziologie in die Geschichtswissenschaft einbringen konnten (z.B. Bildmaterial, Textfunde, Ausstattungsstücke von Heiligtümern, Vergleichsmaterial über das Auftreten von Lehrern und Philosophen in anderen Kulturen u.a.).