Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Einführung in die historisch-kritische Methode, Stand: 2007-04-05

Arbeitsblatt zur Literarkritik (+ Redaktionsgeschichte)

Das NT stellt das Endprodukt einer komplexen Literargeschichte dar. Texte wurden verfasst, ausgewählt, bearbeitet, ergänzt und in größere Zusammenhänge eingefügt, ehe sie schließlich kanonisiert wurden. Dann unterlagen sie keiner produktiven Weiterentwicklung mehr, sondern wurden nur noch ausgelegt, abgeschrieben und übersetzt. Ein Begleitphänomen dieser literargeschichtlichen Dimension der Texte ist, dass der Endtext in vielen Fällen in seiner Kohärenz gestört erscheint. Es ist die Aufgabe der Literarkritik (abgekürzt LK), den literarischen Entstehungsprozess der Texte zu rekonstruieren. Dabei sind sinnvoller Weise die folgenden Arbeitsschritte einzuhalten.

1. Feststellung von literarkritischen Brüchen (Segmentierung)

Zuerst wird der Text in die Einheiten zerlegt, die in sich eine literarische Einheit bilden. Dabei sind grundsätzlich 2 Verfahren denkbar:

Verfahren 1: Vergleich zweier Texte (Spezialfall: synoptischer Vergleich)

Innerhalb der Evangelien ist es die Regel, dass Texte so starke Übereinstimmungen aufweisen, dass sie in einer literarischen Weise voneinander abhängen müssen. Dabei sind grundsätzlich zwei Modelle denkbar (, die im Einzelfall noch komplexer sein können):

Verfahren 2: Kohärenzstörungen (literarkritische Brüche)

Dabei werden die in der Form- und Traditionskritik beobachteten Kohärenzstörungen unter dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit sie quantitativ und qualitativ geeignet sind, die literarischen Vorlagen des Textes zu rekonstruieren.

2. Schichtzuweisung (Zuordnung der Textsegmente)

Die gefundenen kleinen Einheiten werden einander zugeordnet. Gehören manche der ermittelten literarischen Einheiten zur selben Schicht?

3. Relative Chronologie

Besonders wichtig ist die relative Chronologie, d.h. die Bestimmung, wie die Schichten zeitlich nach einander einzuordnen sind. Oft ist erkennbar, dass eine Schicht eine andere voraussetzt, z. B. weil sie ohne die vorausgesetzte Schicht keinen Sinn ergibt.

4. Rekonstruktion der Absichten der Redaktoren

Nachdem die analytische Arbeit geleistet ist, geht es an die Rekonstruktion der Redaktionsgeschichte. Warum hat welche Schicht welche andere Schicht wie überarbeitet? Welche religiösen Erfahrungen spiegelt dieser literarische Prozeß wieder? Und wie ist der entstandene Endtext auf dem Hintergrund dieser Literargeschichte zu verstehen?

Die Kenntnis der Vorgeschichte des Textes ist nicht nur aus Gründen der Rekonstruktion der Literaturgeschichte des frühen Christentums (z. B. Texte der Urgemeinde in Jerusalem), sondern auch deshalb so aufschlussreich, weil man erkennen kann, wo im Text lediglich vorformuliertes Material übernommen wird, und wo Änderungen vorgenommen wurden. Gerade die Aussagen, die die Vorlage signifikant verändern, erlauben einen Rückschluß auf die eigentliche Problemstellung und die Intention des Textes.