Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Proseminar NT, WS 1999/2000, Stand: 2007-04-05

Arbeitsblatt zur Überlieferungskritik

Viele der biblischen Texte hatten eine komplexe mündliche Vorgeschichte. Insbesondere im Fall der Evangelien ist der Anspruch der Texte unmißverständlich zu erkennen, auf Taten, Ereignisse und ursprünglich mündlich geäußerte Sprüche, Reden oder Diskussionen Jesu zurückzugehen. Die Behauptung apostolischer Verfasserschaft impliziert den Anspruch auf Augenzeugenschaft. Häufig erwecken die Evangelien sogar den Eindruck, als würden sie Jesu Reden wortwörtlich zitieren. Zwischen den originalen Jesusworten und den ersten schriftlichen Vorlagen, die die Evangelisten verarbeitet haben, liegen aber ungefähr zwei Jahrzehnte mündlicher Erzähltradition der ersten Christengemeinden. Die Überlieferungskritik versucht, die mündliche Vorgeschichte der Texte zu rekonstruieren. Im Prinzip sind dabei die gleichen Arbeitsschritte anzuwenden, wie in der Literarkritik. Die Kriterien, die zur Anwendung kommen, müssen sich aber in quantitativer und qualitativer Hinsicht an dem ausrichten, was wir über die mündliche Weitergabe von mündlich geäußerten Texten von besser bekannten Analogien her wissen. Grundlegend gilt, daß der Wortlaut der Texte im mündlichen Stadium in erheblich geringerem Maße festliegt als im literarischen Bearbeitungsprozeß. Vorlagen der Evangelien kann man deshalb oft nur grob paraphrasieren.

1. Feststellung von überlieferungskritischen Brüchen (Segmentierung)

Zuerst wird der Text in die Einheiten aufgeteilt, die in sich geschlossene, mündliche Äußerungssegmente repräsentieren. Dabei sind grundsätzlich 2 Verfahren denkbar:

Verfahren 1: Vergleich zweier Texte

Zwei Texte können so starke Übereinstimmungen aufweisen, daß sie die Rekonstruktion der beiden Texten gemeinsamen mündlichen Vorlage erlauben.

Verfahren 2: Kohärenzstörungen

Dabei werden die in der Form- und Traditionskritik beobachteten Kohärenzstörungen unter dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit sie quantitativ und qualitativ geeignet sind, die mündliche Vorgeschichte des Textes zu rekonstruieren. Z.B:

2. Schichtzuweisung (Zuordnung der Segmente)

Dann werden die gefundenen kleinen Einheiten einander zugeordnet. Gehören manche der ermittelten Einheiten zu einer Schicht?

3. Relative Chronologie

Schließlich fragt man, wie die Schichten sich zueinander verhalten. Besonders wichtig ist die relative Chronologie, d.h. die Bestimmung dessen, wie die Schichten zeitlich nach einander einzuordnen sind. Oft ist erkennbar, daß eine Schicht eine andere voraussetzt.

4. Rekonstruktion der Absichten der Veränderungen

Endlich geht es an die Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte. Warum hat welche Schicht welche andere Schicht wie überarbeitet. Welche religiösen Erfahrungen spiegelt dieser Prozeß wieder? Und wie ist der entstandene schriftliche Text auf dem Hintergrund dieser Überlieferungsgeschichte zu verstehen?