Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Proseminar NT, WS 1999/2000, Stand: 2007-04-05

Arbeitsblatt zur theologischen Stellungnahme

Die Bibel-Exegese versteht sich als eine Teildisziplin der theologischen Wissenschaft. Wo liegt nun der spezifisch theologische Beitrag der Exegese?

a) Zunächst einmal ist festzuhalten: der spezifisch theologische Beitrag liegt nicht in der Methodik! Die historisch-kritische Interpretationsmethode ist weder eine theologische Methode, noch ist ihr Geltungsbereich auf die biblischen Texte beschränkt. Sie ist vielmehr unter den Verstehensbedingungen neuzeitlicher Rationalität die wissenschaftlich anerkannte Methode und gilt für alle Texte. Über die angewandte Methode definiert sich auch die Wissenschaftlichkeit der Exegese.

b) Das besondere Anliegen der theologischen Exegese kommt dagegen darin zum Ausdruck, daß sie von einem besonderen Interesse geleitet ist. Ihr spezielles Interesse gilt dem - in christlicher Tradition - kanonischen Schriftenbestand. Alle anderen möglichen Untersuchungsgegenstände finden in davon abgeleiteter Weise Interesse. Insofern der Sinn der kanonischen Texte nur in ihrer ursprünglichen Kommunikationssituation adäquat erfaßt werden kann, brauchen wir z.B. auch Kenntnisse über die Verhältnisse im historischen Land Israel, woraus etwa die Bedeutung der biblischen Archäologie für die biblische Exegese folgt.

c) Das zweite Interesse der theologischen Exegese ist die Herausarbeitung der Relevanz der biblischen Texte für die heutige theologische Urteilsbildung. Deshalb kann die biblische Exegese nicht bei einer rein historischen Sinnbestimmung des Textes stehen bleiben (was/wie haben die biblischen AutorInnen damals geglaubt?), so notwendig dies als Voraussetzung für weitergehendes theologisches Fragen ist. Sie muß sich darüber hinaus der Frage widmen, welche Impulse, die den Text prägen, auch für heutige theologische Urteilsbildung noch maßgeblich sein können. Dies zu klären, ist das Ziel der theologischen Stellungnahme. (Angemerkt sei, daß die ExegetInnen sich bei diesem Arbeitsschritt, wenn sie ihn überhaupt als einen eigenständigen Arbeitsschritt der methodischen Interpretation begreifen, am unklarsten darüber sind, in welcher Weise vorzugehen ist und welche Begriffsapparate in diesem Zusammenhang zum Einsatz kommen sollen.) Folgende Arbeitsschritte halte ich für sinnvoll:

1. Herausarbeitung der theologischen Impulse des Textes

1.1. Ent-Historisierung, Hermeneutik

In einem ersten Schritt sollen die im Arbeitsschritt "Textintention" herausgearbeiteten Textintentionen für heutige Lebens- und Gotteserfahrung "aufgeschlossen", sie müssen "verstanden" (vgl. "Hermeneutik" = Lehre vom Verstehen) werden. Man kann sich das so vorstellen (dabei verwende ich eine typisch aufklärerische Metaphorik, die heute nicht mehr gebräuchlich ist): die ewigen Wahrheiten, die im Text enthalten sind, müssen von ihren historischen, zeitbedingten Beimengungen gelöst/gereinigt werden. Man kann das vielleicht "Ent-Historisierung" (vgl. R. Bultmann „Entmythologisierung") nennen.

Am deutlichsten kann man die historische Differenz zwischen der biblischen und unserer heutigen Zeit am technischen Entwicklungsstand exemplifizieren: moderne Kopier- und Drucktechniken ersetzen die handschriftliche Abschrift, das Telefon ersetzt die Botensendung, moderne Getreide- und Tierzüchtungen liefern ein vielfaches des Ertrages, den die antiken Getreidesorten erbrachten. Auch in sozio-kultureller Hinsicht hat sich viel verändert: Konzentration familiärer Bindungen auf die Kleinstfamilie, Institutionalisierung sämtlicher Lebensvollzüge (Erziehung, Arbeit, öffentliche Meinung), Gleichberechtigung aller Rassen, Religionen, der Geschlechter. Schließlich sind auch die geistesgeschichtlichen Wandlungen enorm: Erklärung der Menschenrechte, Säkularisierung der Gesellschaft, methodischer A-theismus in der Wissenschaft. Es ist evident, daß die biblischen Texte, die unter ganz anderen Bedingungen entstanden sind, nicht unmittelbar in die heutige Zeit hinein sprechen. Aus heutiger Sicht, sind die biblischen Texte wissenschaftlich-technisch rückständig, in fundamentalen Fragen hoffnungslos naiv (z.B. nur in minimaler Weise berührt durch so etwas wie "Atheismus"; Bibeltexte rechnen mit einem unmittelbaren Eingreifen Gottes in den "natürlichen" Geschehenszusammenhang). Ihre Relevanz für die heutige Lebenswelt muß erst herausgearbeitet werden. (Einführung in den Problemzusammenhang z.B. bei Preuss, Horst-Dietrich: Das AT in christlicher Predigt, (1984).)

1.2. Existentiale Interpretation (Rudolf Bultmann):

Ein mögliches Verfahren der Ent-Historizierung ist, daß die Texte auf ihre Aussagen über existentielle Grundprobleme befragt werden, die der geschichtlichen Veränderung nicht, oder allenfalls in einer zu vernachlässigender Weise unterliegen (Existentialien). Was sagt der Text über das Verhältnis des Menschen zu seiner Endlichkeit (Tod, Krankheit, Unvollkommenheit) aus, o.ä.?

Der Nachteil dieser Interpretationsweise ist, daß wesentliche Aspekte des Textes von vorneherein ausgeblendet bleiben, z.B. seine Form und seine Stellungnahme in zeitgebundenen Problemkonstellationen (etwa Kritik am Königtum durch Propheten). Es empfiehlt sich deshalb nach der möglichen Relevanz aller Intentionen des Textes zu fragen.

1.3. Feministische Hermeneutik

Eine in heutiger Zeit von der feministischen Forschung besonders vehement herausgestelltes Teilgebiet der Ent-Historisierung ist die Ent-Patriarchalisierung. Zu den sozio-kulturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer die biblischen Texte verfaßt wurden, gehört auch das sogenannte "Patriarchat", d.h. die selbstverständliche Herrschaft des "pater familias" (männliches Haupt der Großfamilie) über die restlichen Familienmitglieder (Männer und Frauen). Damit ist verbunden, daß formale, öffentliche Machtpositionen fast ausschließlich mit Familienvätern besetzt werden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Gestützt wird diese Machtverteilung von einer Ideologie, die die Geschlechter so aufeinander bezieht, daß dem Mann der aktive und öffentlich relevante, der Frau der passive und häusliche Teil zufällt. Viele feministische ForscherInnen haben den Verdacht (Schüssler-Fiorenza, Elisabeth: "Hermenutik des Verdachts"), daß auch der Glaube an YHWH in vielfältiger Weise dazu beigetragen, oder sogar dazu gedient hat, die Frauen in dieser passiven, abhängigen Rolle zu halten. Die Einschränkung der formalen Wirkungsmöglichkeiten von Frauen auf Familie und hausnahe Tätigkeiten (z.B. Mithilfe in der Landwirtschaft) wird als eine Form von Unterdrückung begriffen, von der heutige Theologie mit aller Entschiedenheit Abstand nehmen soll. Patriarchale Elemente der biblischen Texte müssen daher aufgedeckt und kritisiert werden.

 

2. Bewertung der theologischen Impulse des Textes

Hat man die theologischen Impulse herausgearbeitet, so ist immer noch die Frage offen, ob und in welcher Weise diese Impulse auch heute noch vertreten werden sollen (bzw. ob sie "wahr" sind). Diese Frage kann die Exegese auch nicht alleine beantworten, sie braucht dazu die Mithilfe der anderen theologischen Disziplinen. Sie kann aber versuchen, ihre vorläufigen Überlegungen in einer Form darzubieten, die für die anderen Disziplinen anschlußfähig ist. Folgende Fragen wären zu berücksichtigen:

a) Widerspruchslosigkeit. Ist die im Text enthaltene Gotteserfahrung in sich stimmig? Wo liegen innere Probleme?

b) Adäquanz von Inhalt und Form. Ist die Form, in der der Text Gotteserfahrungen aussagt, heutigem Verständnis nach angemessen?

c) Adäquanz von Ergebnis und Methode. Ist die Art und Weise, wie der Text die Probleme bearbeitet, heute noch nachvollziehbar?

d) Adäquanz von Aussage und Sache. Stimmen die im Text enthaltenen Aussagen zusammen mit den epochalen Gottes- und Selbsterfahrungen der Menschheit, einschließlich des heutigen Wahrheitsbewußtseins?

e) Relevanz. Lassen sich aus dem Text Impulse ableiten, die dazu beitragen können, die Herausforderungen der Menschheit (Christenheit, Kirche) in Gegenwart und Zukunft zu bestehen?

Diese Art der Befragung soll weder dazu dienen, alle Aussagen des Textes auf ein heute noch vertretbares Mindestmaß zurückzuschneiden, denn dann könnte man das Unternehmen der Exegese gleich bleiben lassen (aktualistische Engführung), noch dazu, alle Impulse der Bibeltexte ohne Rücksicht auf veränderte Problemkonstellationen für normativ zu erklären (biblizistische Engführung).

Die biblischen Autoren haben formuliert, wie sie Gott in bestimmten geschichtlichen Herausforderungen erfahren haben. Dem Christentum gelten diese Erfahrungen als epochale und unverlierbare Durchbrüche zur tieferen Erfassung des Wesens Gottes. Innerhalb der christlichen Auslegungsgeschichte hat sich diese Einschätzung wieder und wieder bewährt. Eine Theologie, die sich nur auf die Gotteserfahrungen ihrer eigenen Zeit stützen würde, würde sowohl den Reichtum der göttlichen Wirklichkeit als auch das Geschichtsbewußtsein, das zum Menschsein gehört, entscheidend verkürzen.