Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

Den Islam mit allen Sinnen erleben - Bericht von der Exkursion nach Istanbul 2002

von Heike Wirth, 2003-03-10

„Ohne Frieden zwischen den Nationen ist kein Überleben möglich, ohne Frieden zwischen den Religionen gibt es keinen Frieden zwischen den Nationen. Um Frieden zu erreichen ist Dialog notwendig, Dialog zwischen den Kulturen und Religionen.“
(Prof. Hans Küng, Spurensuche, Die Weltreligionen auf dem Weg, Folge 6: Christentum, Video, Südwestfunk.)

Vom 30.Mai bis zum 2. Juni 2002 verbrachten wir interessante Tage in Istanbul. Die Studienfahrt fand unter der Leitung von Herrn PD Dr. Rainer Neu im Rahmen des Seminars „Der Islam: Religion- Kultur- Politik“ an der Universität Essen FB1- Evangelische Theologie statt. Wir starteten am Donnerstag, den 30. Mai 2002, mit einer gemischten Gruppe, die aus Teilnehmern des Seminars, sowie einigen Lebenspartnern und der Familie Neu bestand. Nach einem dreistündigen Flug landeten wir in Istanbul. Es war schon dunkel, als die 15 Millionen Stadt zu unseren Füßen lag. Keiner weiß genau, wie viele Menschen hier leben, da jedes Jahr ungefähr 250000 Zuwanderer aus den ländlichen Regionen nach Istanbul kommen, weil sie in dieser Stadt auf ein besseres Leben hoffen.

Nach dem Einchecken im Hotel machten wir uns in kleinen Gruppen auf den Weg, um die ersten Eindrücke dieser spannenden Stadt zu sammeln. Unser Hotel lag sehr günstig in der Altstadt. Istanbul kann man in drei Bereiche teilen: In die Altstadt, in der wir wohnten und in der sich viele der berühmten Sehenswürdigkeiten befinden, in die Neustadt und in den asiatischen Teil.

Am nächsten Tag wurden wir morgens von unserem Reiseführer mit dem Bus abgeholt. Er sprach sehr gut Deutsch, da er einige Jahre in Deutschland verbracht hatte. Wir besuchten zuerst das Hippodrom von Konstantinopel (früherer Name Istanbuls) und danach die Blaue Moschee (Sultan Ahmet Moschee), die sehr beeindruckend ist. Um in eine Moschee zu kommen, müssen die Frauen ein Kopftuch überziehen, und natürlich müssen die Beine und Schultern bedeckt sein. Am Eingang werden alle Besucher aufgefordert, ihre Schuhe auszuziehen. Ein Teilnehmer bemerkte ganz treffend: „Wo ziehe ich sonst die Schuhe aus, das mache ich nur zu Hause.“ Und ich finde, dass er Recht hat: Obwohl die Moschee sehr groß ist, fühlt man sich wohl. Sie ist ein Ort, an dem man gerne ist und zur Ruhe kommen kann. Nachteil dieser Blauen Moschee ist allerdings, dass sie von vielen Menschen besucht wird. Für kleinere Moscheen, die wir besucht haben, trifft das beschriebene Phänomen noch mehr zu. Im Anschluss an den Moschee- Besuch gingen wir weiter zur Hagia Sophia, welches wahrscheinlich die berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Sie wurde 532-537 als Kirche errichtet. „916 Jahre lang war die Hagia Sophia das religiöse Zentrum des Byzantinischen Reiches, weitere 481 Jahre wurde sie als Moschee genutzt. Seit 1934 ist die „Megale Ekklesia“ (Große Kirche) des Kaisers Justinian ein Museum.“ (Reiseführer) Ein beeindruckendes Bauwerk. Als man die Kirche zu einer Moschee „umfunktioniert“ hat, übermalte man die Wandmalereien einfach mit Farbe, da der Islam keine Bilder zulässt. Nun hat man diese beeindruckenden Wandmalereien wieder freigelegt. Danach besuchten wir die byzantinischen Untergrundzisternen mit ihren 336 Säulen. Zur Mittagspause brachte uns der Reiseführer zum Großen Basar, der in Basarhallen untergebracht ist. Auf dem Markt kann man alles kaufen, was man sich vorstellen kann, angefangen von Lebensmitteln, Gewürzen über Kleidung, Porzellan, Schmuck usw. Spannend ist es, die unterschiedlichen Menschen zu erleben, es sind nicht nur Touristen hier, sondern viele Istanbuler, die Geschäfte machen oder auch nur einen Tee (cay) trinken und eine Art Backgammon spielen. Istanbul mit allen Sinnen erleben, hier kann man es ganz bestimmt. „Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen.“ Das ist die versgewordene Liebeserklärung an eine große Stadt vom türkischen Lyriker Orhan Veli Kanik. Man hört es, man fühlt es, man schmeckt es und...man liebt es.“ (Reiseführer) Zum Abschluss des Tages besuchten wir die Universität in Istanbul, was sehr spannend war, weil wir Hörsäle sahen und auf das Gelände durften, was sonst für Touristen eher schwierig ist. Den Abend verbrachten wir in kleinen Gruppen. Einige besuchten dir Neue Moschee (Yeni Valide Camii) am Ufer des Goldenen Horns in der Nähe der Galatabrücke. Andere überquerten die Galatabrücke und gingen am Hafen entlang in die Neustadt. Hier erlebt man so richtig die Menschen dieser Stadt, Fischer, Marktfrauen, Kinder, alte Menschen, verliebte Paare, pubertierende Mädchen, Männer, die Zeitung lesen oder sich mit Freunden unterhalten etc. Das Leben findet viel mehr als bei uns auf der Straße statt.

Am nächsten Tag besuchten wir den Ägyptischen Basar, auf dem es Dinge des täglichen Lebens zu kaufen gibt, Obst, Gemüse, Tiere, Stoffe u.v.m. Anschließend starteten wir zu einer Bootsfahrt auf dem Bosporus. Entlang des Bosporus wohnen die reicheren Bewohner Istanbuls, man sieht tolle Villen. Nach zwei Stunden Bootsfahrt holte uns der Bus wieder ab. Auf dem Rückweg besuchten wir die Burg Rumeli und fuhren über die Brücke (es gibt seit 1988 zwei Brücken, die den Bosporus überqueren) in den asiatischen Teil Istanbuls. Hier verbrachten wir unsere Mittagspause mit Döner und Ayran an einem Ausflugsziel, wo auch viele Einheimische ihr Wochenende verbringen. Wir genossen einen tollen Blick über die Stadt. Außerdem erlebten wir hier die Menschen: Familien mit mindestens drei Generationen vergnügten sich beim Picknick, Liebespaare saßen händchenhaltend auf Bänken, pubertierende Mädchen mit Kopftüchern kicherten und schauten Jungen hinterher. Das Leben - Istanbul live. Am Nachmittag fuhren wir zur Pilgerstätte Eyüp, hier waren wenige Touristen, aber viele Einheimische. „Hierher strömen Jahr für Jahr Hunderttausende von Muslimen, da sie das Grab von Abu Eyub al Ansari, dem Weggefährten und Fahnenträger Mohammeds besuchen wollen“ (Reiseführer). An diesem Ort haben mich zwei Dinge besonders beeindruckt: Erstens liefen viele kleine Jungen mit schicken Uniformen umher, sie werden in den nächsten Tagen beschnitten und vorher feiert die Familie. Die Jungen wissen nicht, was auf sie zu kommt. Zweitens die Stimmung in dieser Moschee: In dem Bereich für Frauen saßen sehr viele betende, lesende oder sich unterhaltende Muslima. Diesen Ort empfand man als Ort der Ruhe, der Kommunikation, der Besinnung, der Gemeinschaft. Von hier aus gingen wir am Friedhof entlang bis zum Cafe Pierre Loti, das seinen Namen von einem französischer Dichter hat, der sich unglücklich in eine Türkin verliebte und hierher zurückzog (Ende des 19 Jhd.). Der Bus brachte uns dann wieder in die Altstadt, wir verabschiedeten uns von dem Reiseführer und Herr Neu übernahm ab hier die Leitung. Wir besuchten die Mehmet Fatih Moschee, die in einem sehr traditionellen Stadtteil steht. Die Frauen in diesem Bereich Istanbuls gehen alle verschleiert auf die Straße, zum Teil sieht man nur noch die Augen. Hier war uns zum Teil nicht mehr wohl, wir fühlten uns mit kritischen Blicken beobachtet. Zum Abschluss dieses Tage gingen wir zum Pantokrator- Kloster und danach gemeinsam zum Essen. Auf dem Rückweg besuchten wir die Sultan Süleyman- Moschee, die größte Moschee Istanbuls. Die Moscheen sind den ganzen Tag geöffnet und, wenn man sich an die Regeln hält, kann man sie jederzeit besuchen.

Am letzten Tag brachte uns der Bus zum Generalkonsulat der deutschen Botschaft und wir besuchten hier einen Open-air-Gottesdienst der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Istanbul. Sie ist sehr klein und am Gottesdienst, bei dem ein Kind getauft wurde, nahmen etwa 35 Menschen teil. Hier sprachen wir mit dem Pfarrer der Gemeinde, der uns über Probleme berichtete, z.B. dass hier in Istanbul kaum Kommunikation zwischen den Religionen statt findet. Außerdem sagte er, dass es in der Türkei nicht möglich ist, eine andere Religion als den Islam zu studieren. Ferner bekommt er als evangelischer Theologe keine Arbeitserlaubnis und darf in Istanbul nur arbeiten, weil er als Botschaftangestellter eingereist ist. Es werden in der Türkei keine Genehmigungen erteilt, um neue Kirchen zu bauen. Er vermittelte ganz klar den Eindruck, dass die Türkei keine anderen Religionen toleriert. Ein kritischer Blick. Am Nachmittag gingen wir in die Neustadt und besuchten den sehr westeuropäisch wirkenden Stadtteil Beyoglu. Hier gibt es eine Fußgängerzone mit sehr westlichem Flair. Einige von uns stiegen auf den Galatturm von dem man eine faszinierende Aussicht über die ganze Stadt genießen kann. Leider mußten wir dann Istanbul wieder verlassen.

Wir haben viel gesehen, erlebt und häufig sind es nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die eine Studienfahrt ausmachen, sondern die kleinen Dinge, die man erlebt. Den Islam mit allen Sinnen erleben. Ich denke, dass es für Lehramtsstudenten wichtig ist, sich mit der Religion und der Kultur des Islams auseinanderzusetzen. Wir leben im Ruhrgebiet und der Ausländeranteil (insbesondere, der der Türken) in unseren Schulen ist hoch. Ich denke, dass wir das Verhalten der Schüler und Eltern besser verstehen können, wenn wir mehr über die Hintergründe der Religion und der Kultur wissen, in der sie aufwachsen.

Literaturempfehlungen zum Thema Türkei, Islam: