Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

Sichtblenden für die Geschlechtertrennung
Bericht von der Exkursion nach Istanbul 2002

von Dr. Rainer Neu

Vom 30. Mai bis 2. Juni 2002 besuchte eine Studiengruppe des Fachgebiets Ev. Theologie der Universität Essen im Rahmen eines Seminars über die Religion, Kultur und Politik des Islam unter der Leitung von Herrn PD Dr. Rainer Neu die türkische Metropole Istanbul, um die islamische Religion in einem gelebten Kontext kennen zu lernen.

Eine vielsagende Veränderung haben einige der großen Istanbuler Moscheen in den letzten ein oder zwei Jahren erfahren: auf den Balustraden, die den Frauen- vom Männerbereich in den islamischen Gotteshäusern trennen, sind Sichtblenden angebracht worden. Selbst in der von Touristen frequentierten Eminönü-Moschee inmitten des pulsierenden Altstadtlebens in der Nähe der Galata-Brücke erlaubt ein hölzerner Paravent den betenden islamischen Frauen kaum einen Blick auf das Gesamtgeschehen des Gottesdienstes. Flüchtige Besucher nehmen diesen Wandel kaum wahr, doch ist er symptomatisch. Konservative islamische Kräfte treten für eine klare Trennung der Geschlechter im öffentlichen Leben ein. Seit der Gründung der modernen Türkei im Jahre 1923 sind ihnen die seitdem entstandenen Parks, Boulevards und großen Plätze der Städte ein Dorn im Auge. Die muslimische Frau soll sie nicht allein betreten. Für die Moral einer patriarchalen Gesellschaft birgt das Betreten solcher urbanen Räume durch Frauen die Gefahr in sich, das störungsfreie Zusammenleben von Männern zu gefährden und Zwietracht und Ärger, gar Gewalttätigkeit auszulösen. Die Konservativen betrachten öffentliche Räume als eine Quelle der Sittenlosigkeit und möchten sie bei der Stadtplanung außer Acht gelassen wissen.

Was den islamistischen Kräften in der Öffentlichkeit nicht gelingt, soll nun zumindest in Moscheen Wirklichkeit werden: die Trennung von Mann und Frau. "Die Frauen sollen die Möglichkeit haben, geschützt vor neugierigen Blicken ungestört beten zu können", erklärte ein frommer Besucher der Fatih-Moschee in einem der traditionsbewusstesten Stadtteile Istanbuls. "Auch sollen die Männer durch die Gegenwart von Frauen nicht vom Gebet abgelenkt werden. Sollte ein Beter von unsittlichen Gedanken überkommen werden, muss er sein Gebet sofort abbrechen, die rituellen Waschungen wiederholen und noch einmal von vorne beginnen."

Die oberste islamische Religionsbehörde - von der Regierung kontrolliert - hat zu diesen Fragen lange geschwiegen. Inzwischen hat sie ein theologisches Gutachten erstellen lassen, aus dem hervorgeht, dass die Verhüllung als Pflicht jeder Muslima zu betrachten sei. Die indirekte Kritik an staatlichen Verordnungen ist unüberhörbar. Denn das Tragen von Schleiern und Kopftüchern an Schulen, Universitäten und in öffentlichen Ämtern ist in der Türkei untersagt. Nicht nur die männliche islamistische Szene, auch konservative Studentinnen protestieren gegen diese Bestimmung. Sie kritisieren die Unterdrückung der Gläubigen durch die "gottlosen Verwestlicher". Die "Kopftuchstudentinnen" wollen sich bewusst der Disziplin der Religion unterstellen und auch die Autorität der Männer akzeptieren. Allerdings praktizieren sie selbstverständlich das Recht der freien Studienwahl, sind im Studium zum Teil recht erfolgreich und streben eine außerhäusliche Erwerbstätigkeit an. Sie wollen als konservative Frauen den öffentlichen Raum betreten und ihm doch fernbleiben. Das Kopftuch scheint für sie die Funktion einer symbolischen Geschlechtertrennung zu übernehmen. Mit seiner Hilfe dehnen sie ihr Aktionsfeld - im Vergleich zu ihren Müttern - erheblich aus und gestalten es qualitativ um.

Der kritische westliche Beobachter sollte nicht übersehen, dass auch die konservative Rolle ein Mittel des Rollenwandels ist, die den Frauen Zugang zu neuen gesellschaftlichen Funktionen verschafft - selbst innerhalb der politischen Parteien und mancher religiösen Organisationen. Noch freut sich der konservative Teil der türkischen Männerwelt über die bedeckten Frauen und Mädchen. Doch schon mehren sich mahnende Stimmen, denen das neue weibliche Selbstbewusstsein und Karrierestreben unter dem Kopftuch verdächtig vorkommt, weil sie erkannt haben, dass solche jungen Frauen in öffentliche Positionen und Ämter aufsteigen wollen. So könnte sich in konservativen Kreisen ein Emanzipationsprozess abzeichnen, der sich in westlich orientierten Bevölkerungsgruppen der Türkei schon in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat: Frauen entdecken ihren gesellschaftlichen und religiösen Eigenwert und treten öffentlich für ihre Belange ein.

So könnte es geschehen, dass auch die Balustraden und Sichtblenden in den Moscheen irgendwann umgangen werden, wie es schon heute in der Moschee von Eyüp geschieht, einem vielbesuchten Wallfahrtsort am Goldenen Horn, der vornehmlich von Frauen besucht wird. Der Frauenbereich ist den Frauen vorbehalten und den Männern der Zutritt verboten. Doch der übrige Teil der Moschee wird von beiden Geschlechtern benutzt, also auch von den Frauen, die sich durch die Anwesenheit von Männern nicht stören lassen und das ganze Gotteshaus als ihre Welt betrachten.