Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

INTERKULTURELLLER UND  INTERRELIGIÖSER  DIALOG

„Pluralismus innerhalb vorgegebener Einheit“

Eine von EAWRE und ARPM organisierte Tagung antwortet aktuellen Herausforderungen

 

Ein Tagungsbericht von Gabriele Tscherpel, Ulf Gutowski, Herbert Schultze und Wim Westerman

 Zuweilen fallen dunkle Schatten eines tragischen und gefährlichen Dilemmas  auf einzelne Menschen oder gar die gesamte Menschheit. Dann ist eine zweifache Antwort geboten. Das kann am Beispiel des 11. Septembers und der politischen Reaktionen auf jenes Desaster erläutert werden. Die eine Reaktion war das, was zuerst der Präsident der Vereinigten Staaten und später viele Menschen in der Welt Krieg gegen den Terror nannten. Aber dies konnte und kann nur eine kurzfristige Antwort sein. Sie ist gerechtfertigt, wenn es z.B. gilt, den Opfern jenes Überfalls zu helfen oder gefährdete Gebiete gegen weitere Aggressionen zu schützen.

Doch zusätzlich zu solcher kurzfristigen Antwort, besteht die dringendere Notwendigkeit einer langfristigen Antwort. Eine friedliche Zukunft und ein kreatives Zusammenleben von Bürgern und Zuwanderern, die jede und jeder verschiedene Kulturen und Religionen vertreten, können Ziele einer langfristigen Antwort sein. Obwohl möglicherweise manchmal Krieg und Gewalt, wegen der Gegebenheiten, angewendet werden müssen, dienen diese immer nur kurzfristigen Zwecken, z.B. um mörderischen Aktionen Einhalt zu gebieten.      

Politikerinnen und Politiker, die ihre Länder im Europarat (CE) vertreten, haben kürzlich mit einem Beschluss ein eindrucksvolles Beispiel für eine langfristige Antwort auf die Herausforderungen durch verschiedene Kulturen und Religionen gegeben. JAMES WIMBERLEY, designierter Direktor der Europarat-Abteilung für Bildungspolitik und europäische Dimension, stellte faszinierende Einzelheiten eines Zweijahres-Projekts des Europarates vor. In diesem Projekt werden vielversprechende didaktische Ansätze aufgenommen, u.a. die Struktur der Citizenship Education in Großbritannien, der offene Unterrichtsansatz über Religionen und Weltanschauungen in Norwegen. Zugleich werden in dem Projekt des Europarates Programme zur Entwicklung der Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen für den interreligiösen Dialog im Rahmen interkultureller Bildung entwickelt.  

Herr WIMBERLEY erläuterte dies in seinem Eröffnungsvortrag zu der Tagung „Interkultureller und interreligiöser Dialog“, die vom 7.-11. Oktober in Goslar stattfand. Während der Schlusssitzung dieser Tagung wurde die Differenzierung zwischen kurzfristigen und langfristigen Reaktionen von Professor RAVINDRA DAVE eingebracht, der lange Jahre für Projekte der UNO und der UNESCO verantwortlich war und heute Curriculumberater der indischen Unionsregierung ist. Professor DAVE bezog sich mit diesem Vorschlag auf die Arbeit einer Woche mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops. Die Erfahrung der European Association for World Religions in Education (EAWRE) als einer Nichtregierungs-organisation (NGO) und die Beobachtung täglicher Unterrichtspraxis durch das Amt für Religionspädagogik und Medienarbeit in Wolfenbüttel wirkten bei der genannten Tagung zusammen. So konnten Lehrerinnen und Lehrer von verschiedenen Schulformen die Bedingungen, Chancen und Hindernisse für den interkulturellen Dialog und pädagogische Hilfen für die Vorbereitung dieses Dialogs  erkunden.

 

In den Workshops der Tagung prüften Teilnehmerinnen und Teilnehmer Unterrichtsansätze, die Kindern und Jugendlichen helfen sollen, die Begegnung und den Dialog zwischen unterschiedlichen Menschen und Gruppen Wirklichkeit werden zu lassen. Pädagogen aus den Niederlanden, Schweden, der Türkei und Großbritannien beschrieben die Situation innerhalb und zwischen religiösen (und nicht-religiösen) Gruppen in ihren Ländern. Sie stellten Dokumente der Konfrontation und des Dialogs vor. Die Teilnehmenden arbeiteten an diesen Vorlagen. Der Hintergrund der dokumentierten Vorgänge kann so vielfältig und verschieden sein wie die Gesellschaften in den genannten Ländern. Die allgemeine Struktur schulischer Bildung in diesen Ländern wurde ebenso diskutiert wie die Stellung des Religionsunterrichts in der Schule.

 

Wie eine Reise wurde der Wechsel von dem Workshop über ein Land zu einem über ein  anderes Land empfunden. Mit dem Wechsel wurden neue politische Verhältnisse wahrgenommen und andere Wege des Lehrens und Lernens erkannt. Der Vergleich mit der eigenen Unterrichtspaxis der Teilnehmenden warf ein neues Licht auf das, was Kollegen von anderswo mitteilten. Die Arbeitsweise in den Workshops differenzierte die Wahrnehmung jener Länder noch einmal. Einer der Workshopleiter erläuterte Strukturelles mit Hilfe des Overheadprojektors. Ein anderer gab mit einem Video Einblick in die Praxis in der Schulklasse. Ein dritter brachte die spielerische Gestaltung einer bestimmten Tradition als Beispiel. Wieder einer interpretierte ein interreligiöses Dokument, das eine eindrucksvolle Zahl religiöser Führer unterzeichnet hatte. Alle zogen aus ihren verschiedenen Erkundungsmethoden die jeweiligen Folgerungen für den Schulunterricht.

 

Die Workshops waren, wie bereits bemerkt, ein Teil der Tagung. Den anderen bildeten Vorträge über grundsätzliche Aspekte des interreligiösen Dialogs. Die Vortragenden kamen aus verschiedenen Fachbereichen und Forschungseinheiten von – meistens deutschen – Universitäten. Indische, niederländische, schwedische und türkische Universitäten waren ebenfalls vertreten. Die erwähnten Vorträge untersuchten die Dimensionen des Dialogs von vielfältigen Disziplinen und Sichtweisen aus: Philosophie, Religionswissenschaft, Theologie, Ethnologie, Hinduismus, Islam, (Evangelischem) Christentum. Man konnte allgemein von zwei alternativen Richtungen dieser Beiträge sprechen. Das tat HANS-GEORG BABKE, wenn er das Konzept der Einheit, illustriert am Philosophieprofessor WOLFGANG KLUXEN, Bonn, dem Konzept des Pluralismus, illustriert am Privatdozent der Philosophie DIETER MERSCH, Kiel, gegenüberstellte. Er lehnte das Einheitskonzept ab, weil es alles ‚über einen Kamm scheert‘. Deshalb wird es den jeweiligen Überzeugungen einer bestimmten Wissenschaft, oder einer religiösen Gemeinschaft oder gesellschaftlichen Gruppe nicht gerecht. Doch zugleich stellte BABKE die Frage, ob das Pluralismus-Konzept nicht eher zu einem ‚anything goes‘, einer willkürlichen Perspektive führen müsste.

 

Dies war der Augenblick für RAVINDRA DAVE, eine Übereinkunft vorzuschlagen. Er begann mit einer typischen Hindu-Überzeugung, nämlich der Einheit der gesamten Menschheit mit universalen Verbindungen zu jedem Bereich des Kosmos. Er antwortete auf die gegebene Herausforderung mit der Ablehnung jeder der beiden Perspektiven: nicht einfach Einheit; und schon gar nicht bloß Pluralismus; doch Pluralismus innerhalb vorgegebener Einheit. Die Verschiedenheit ist eines der Merkmale der menschlichen Rasse. Keine Menschheit ohne Verschiedenheit. Jedes menschliche Wesen unterscheidet sich von ihrem oder seinem Mitmenschen. Das bedeutet, dass das Einheitskonzept den Pluralismus der Verschiedenartigkeit nicht nur beinhalten kann, sondern sogar muss. Und jede denkbare Variante des Pluralismuskonzepts muss mit der grundsätzlichen Einheit des Menschengeschlechts rechnen. Bei diesem Aspekt trat auch die Bedeutung der ethnologischen Dimension des Themas ins Licht, die Professor CHRISTIANA LÜTKES, Osnabrück, an einem Forschungsprojekt eingebracht hatte.

 

Die von DAVE vorgeschlagene Übereinkunft wurde von den meisten, wenn nicht allen, Teilnehmerinnen und Teilnehmern akzeptiert. Diese Zustimmung wurde in sich selbst eine Übung und ein Modell des interkulturellen und/oder interreligiösen Dialogs. Die Tatsache, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer  aus verschiedenen Ländern sowie aus unterschiedlichen Religionen zu diesen Ergebnissen beigetragen hatten, verhütete abstrakte und blutleere Formeln, die oft das Bild am Ende internationaler Tagungen zu beherrschen pflegen. Nicht eine der realen Spannungen zwischen verschiedenen Überzeugungen und Lebensstilen wurde in Goslar geleugnet. Sie wurden eher offensichtlich, setzten jedoch anspornende und inspirierende Potenziale frei. Sie wurden auch nicht zu jenem, meistens sinnleeren, Synkretismus vermengt, welcher nicht selten von Idealisten interreligiöser Begegnung propagiert wird.

 

Von der Fachgruppe Evangelische Theologie der Universität Essen haben GABRIELE TSCHERPEL, ULF GUTOWSKI und HERBERT SCHULTZE an der Tagung in Goslar teilgenommen. Sie haben u.a. das Vorbereitungsmaterial erarbeitet, die Vorgänge in den Workshops begleitet und ausgewertet und den Leitfaden für die Veröffentlichung vorbereitet. Dr. WIM WESTERMAN von der Freien Universität Amsterdam, verschiedentlich Gastdozent in Essen, hat die Arbeit am Leitfaden beraten.  

 

Eine Reihe interessanter, nationaler Situationen des interreligiösen Dialogs wurden für einen vorbereitenden Leitfaden ausgewertet. Die Workshopleiter aus verschiedenen Ländern haben diese Auswertungen um weitere Daten und Beispiele ergänzt. So stand am Ende der Goslarer Tagung ein auf den neuen Stand gebrachter Überblick. Eine revidierte Fassung des Leitfadens, unter dem Titel „Verschiedene Religionen in einer Gesellschaft. Die Antwort: Dialog“  sowie eine Sammlung der Vorträge von Goslar werden bald zugänglich sein. Letztere wird unter Federführung des ARPM in deutscher Sprache veröffentlicht werden. Einige der Vorträge werden in den nächsten EAWRE-Publikationen in Englisch enthalten sein. Der Leitfaden wird im Herbst 2002 in zwei Fassungen erhältlich sein, einer englischen und einer deutschen. So werden die theoretischen und praktischen Ergebnisse der Goslarer Tagung von EAWRE und ARPM zugänglich sein.

 

Gruppenbild einiger Referenten