Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

DAS  PROJEKT  „MELINA – BILDUNG UND KULTUR“ UND DER EUROPÄISCHE UNTERRICHT ÜBER WELTRELIGIONEN 

Melina – Griechenlands Grundschulen vor einem neuen Aufbruch

Landesweit wurde in den vergangenen Jahren für die griechischen Grundchulen, also für die sechs bis elf/zwölf Jahre alten Kinder, ein neues Programm entwickelt. In allen Schulfächern aller Schulstufen werden Angebote für selbstorganisiertes Lernen gemacht. Oberstes Ziel: „Das Lernen soll Spaß machen“, so der Koordinator des Projekts im Athener Ministerium, Nikos Paizis. Pädagoginnen und Pädagogen, Religionswissenschaftler und Historiker aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich, Schweden und Ungarn haben die begeisterten Lehrerinnen und Lehrer der 8. Volksschule der westkretischen Stadt Chania mehrfach getroffen und das MELINA-Projekt kennengelernt. Ob in Geschichte, Mathematik oder dem Sprachunterricht, die Kinder dieser Schule erkunden die Wirkung von Farben, z.B. beim Malen oder Übermalen selbstgewählter oder kopierter Motive, die Kraft der Töne, z.B. in der menschlichen Stimme durch Rekorderaufnahmen in Kleingruppen, die Ausstrahlung von Bewegungen, zum Beispiel im Tanz und die Begegnung von Einzelnen in der Gemeinschaft beim Singen.

Mehr als zehn Lehrkräfte des Projektes besuchten ihre Kolleginnen und Kollegen von nord-, west- und mitteleuropäischen Hochschulen und Universitäten in der etwa 50 Kilometer von Chania entfernten Orthodoxen Akademie von Kreta. Ein Funke sprang über in der Begegnung und beim Studium des Programms. Beim anschließenden Essen sang man gemeinsam griechische Lieder, auch das Lied „Ein Schiff wird kommen“, mit dem die Schauspielerin Melina Merkouri weltberühmt geworden war. Später hat sie ihrem Land als Kultusministerin und Botschafterin in aller Welt gedient. In dem nach ihr benannten Projekt werden Bildung und Erziehung so organisiert, wie die früh verstorbene Melina sich diese erträumt hatte.

Zwei Tage später besuchten die Tagungsteilnehmer jene Schule in der Bezirkshauptstadt. Sie nahmen an einem Fortbildungstag teil, verteilten sich je zu zweit auf verschiedene Arbeitsgruppen. Nur was jemand selbst erprobt hat, kann sie oder er auch Kindern weitergeben. Also waren Schauspieler, Künstler und andere Fachkräfte die Dozentinnen und Dozenten des Kollegiums. Dieses lud die Besucher als Gäste zum Mittagessen ein, eine gute Gelegenheit zum Gedankenaustausch über die Erfahrungen in den Gruppen.

Alle diese Damen und Herren waren zur Tagung der EUROPEAN ASSOCIATION FOR WORLD RELIGIONS IN EDUCATION (EAWRE) nach Kreta gekommen. Der Vorstand der Association hatte zusammen mit Dr. Hans-Georg Babke vom Amt für Religionspädagogik und Medienarbeit (ARP&M) und seinem Vorgänger Professor Manfred Kwiran, zugleich stellvertretender Vorsitzender der EAWRE, das Programm vorbereitet.

 

Feldstudien, Grundlagenarbeit und europäische Perspektiven

EAWRE veranstaltet jedes Jahr eine solche Tagung, jeweils in einem anderen Mitgliedsland. Dazu gehören Feldstudien vor Ort. Vom 26. Februar bis 3. März 2002 in Griechenland waren Feldstudien u.a. dem Melina-Projekt, einer Ikonenwerkstatt, einem europäischen Jugend-zentrum und der jüdischen und türkischen Geschichte auf Kreta gewidmet. Grundlagenarbeit wurde z.B. in dem psychologischen Studium religiöser Riten, der Untersuchung von Schulbüchern auf die Darstellung religiöser Minderheiten, z.B. in der Türkei und in Griechenland oder der Bestimmung pädagogischer Folgerungen aus den Attentaten in New York und Washington durchgeführt. Die verschiedenen Religionen entwickeln bis heute immer wieder eigene didaktische Ansätze, um Kinder und Jugendliche zu einem gedeihlichen Zusammenleben mit Menschen anderer Überzeugungen anzuleiten. Das muslimische Institut für Internationale Pädagogik und Didaktik (IPD) in Köln ist ein interessantes Beispiel für solche Bemühungen. Die Orthodoxe Akademie auf Kreta (OAK), wo die hier beschriebene Tagung stattfand, ist beim Entwickeln didaktischer Ideen besonders kreativ. Die Schulsysteme der europäischen Länder beinhalten sehr verschiedene rechtliche Bestimmungen für den Unterricht über Religionen – übrigens nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch in Geschichte, Geographie oder Kunst. Bei der Tagung auf Kreta standen die Beispiele von Berlin-Brandenburg mit der Auseinandersetzung zwischen Religionsunterricht und LER, Frankreich, wo es seit einem Jahrhundert keine Religion in der Schule gibt, Großbritannien mit einem Unterricht für Schülerinnen und Schüler jedes und sogar keines Bekenntnisses sowie aus dem offenen Unterricht in Schweden im Vordergrund, in dem die sozial- und humanorientierenden Fächer miteinander integriert sind..

Schließlich stand Europa in Kreta auf der Tagesordnung. Die EAWRE hat seit langen Jahren Arbeitskontakte mit dem Europarat in Strasbourg, in dem fast 50 europäische Länder zusammenarbeiten. Die website der Organisation hat dort einen guten Ruf, nicht zuletzt durch ihren Kalender der religiösen Feste von acht Religionen, der allen zugänglich ist – e-mail: www.eawre.org. Von da aus können weitere Informationen, Literaturhinweise, Listen von Unterrichtsmaterial, u.a. ‚angeklickt‘ werden. Faszinierende Weiterentwicklungen dieser website wurden in Kreta vorgestellt und beschlossen. Seit kurzem hat der Europarat eine spezielle Abteilung für Fragen der Religion in der Erziehung eingerichtet. Diese und EAWRE sind gleichsam für einander geschaffen. Das französische EAWRE-Mitglied, Dr. Roger Foehrlé, hat mit Besuchen bei dem Abteilungsleiter, Mr. James Wimberley, ein engeres Zusammenwirken vorbereitet. Der Vorsitzende von EAWRE, Dr. Herbert Schultze, wurde nach ausführlicher Beratung eines Grundsatzpapiers von Herrn Wimberley beauftragt, beim Europarat die Jahrestagung 2003 in Strasbourg vorzubereiten. Schon lange wandern Lebensmittel, Schreibwaren und Kleidung ständig über die Grenzen der Länder Europas hinweg. Die EURO-Staaten haben nun eine gemeinsame Währung. Andere werden sich anschließen. Es ist Zeit, dass Religion in der Erziehung nicht länger in nationalem Provinzialismus stecken bleibt.

 

Rechtgläubigkeit, Bildungsarbeit und gesellschaftliche Entwicklung

Die Tagung auf Kreta hatte mit einem eindrucksvollen Ereignis begonnen. Seine Eminenz Irenäus, Metropolit von Kissamos und Selinon, Präsident der Orthodoxen Akademie, hatte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer empfangen. Dieser außerordentlich rüstige und einfallsreiche Bischof, mit 91 Jahren voll im Amt, hat die Arbeit der Akademie immer wieder inspiriert. Die Orthodoxe Kirche ist vor allem eine Kirche der feierlichen Liturgie. Die Schriften der Kirchenväter aus dem ersten Jahrtausend sind bis heute für die Lehre maßgebend. Die Akademie dieser Kirche aber versammelt die Weltelite des Sports und der Olympischen Bewegung in ihren Räumen, die Spitzen von Naturwissenschaft und Medizin aus der ganzen Welt, aber auch junge und erwachsene Menschen von der Insel und vom griechischen Festland zu beruflicher Fortbildung. Der Generaldirektor der Akademie, Dr. Alexandros Papaderos, ist ein profund gebildeter, realistisch denkender und zupackend handelnder genialer Kommunikator. Dr. Alex Spengler, der ihm zusammen mit einem engagierten Team zur Seite steht, ist ebenso gründlich informiert wie zu jedem Gespräch bereit und humorvoll offen. Bischof Irenäus war ein Vorbild des Widerstandes gegen die Militärjunta in der jüngeren griechischen Geschichte. Er hat für 10 Jahre als der Seelsorger griechischer Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet. Zahlreiche landwirtschaftliche Reformprojekte, z.B. die Züchtung einer neuen Olive, die Verwandlung eines wüsten Küstenabschnitts in eine fruchtbare Pflanzstätte für Früchte mit guter Handelsqualität, auf Kreta gehen auf seine Anregung zurück. Die fünf großen Schiffe der ANEK-Reederei, die täglich die Insel und das Festland verbinden, werden professionell im ‚top‘-Stil von einer Genossenschaft von Anteilseignern von der Insel betrieben. Als vor Jahren ein schäbiges Schiff eines profitgierigen Eigners unterging, was etliche Menschenleben kostete, empfahl Bischof Irenäus der Inselbevölkerung die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Mit gutem Erfolg.

Dieser Mann, diese Kirche, diese freundlichen, für andere Religionen offenen Menschen der Insel Kreta, die im Zweiten Weltkrieg – nicht zuletzt von Deutschen – entsetzliche Leiden erfahren haben, um daraus Gastlichkeit und Offenheit für andere zu entwickeln, überraschen den Besucher ständig von Neuem. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der EAWRE Jahrestagung 2002 nahmen deshalb ein Angebot des Generaldirektors der Akademie gern an. Sie haben als erste Tagung der Akademie einen Appell unterstützt, der für die Dauer der kommenden Olympischen Spiele in Griechenland jeden Krieg bannen will.

Wim Westerman, Amsterdam/Niederlande                                            Herbert Schultze, Hamburg