Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-05-07

Weltreligionen im einundzwanzigsten Jahrhundert

 

Erkundungen und Begegnungen in Großbritannien

während einer Exkursion der Fachgruppe Evangelische Theologie

der Universität Duisburg-Essen, Campus Essen,

15.-19.DEZ.2005

Bericht der Excursionsgruppe

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Excursionsgruppe treffen im Dezember 2005 - in alphabetischer Reihenfolge - Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime, gewinnen neue Einsichten über deren Religionen und lernen bei Besuchen etwas von der gottesdienstlichen und religiösen Praxis dieser Gemeinschaften kennen. Zugleich teilen die Gläubigen uns etwas von den Erfahrungen in ihrer Umwelt mit.

 

Mit der - nach ihrem Gründer Alfred Wiener genannten - Wiener Library im Londoner Westen besuchen wir die älteste Forschungsstätte zur Verfolgung der Juden in Deutschland und Europa in den Jahren 1933-1945. Nach einem Einführungsvortrag der Chefbibliothekarin mit Diskussion sehen wir bei einem Rundgang durch drei Etagen des Hauses Beispiele der schon seit 1927 gesammelten und nach 1945 bis zu Neonazi-Aktivitäten der Gegenwart weitergeführten Sammlung antijüdischer Zeugnisse. Wir studieren dokumentarische Bilder, Gegenstände, z.B. ein antisemitisches Würfelspiel, die Schulbücher "Rassenfibel", "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid" und "Der Gilftpilz", eine Sammlung zahlreicher Interviews mit Verfolgten und persönliche Dokumente, z.B. Reisepass mit aufgedrucktem großen "J" für Jude, Einberufungsbefehl zur Deportation, Liste persönlicher Wertgegenstände wie Uhr, Schmuck usw., und als Hobbybroschüren getarnte nazikritische Heftchen.

Die Mit Hilfe der Bibliothek, der Zeitschriften und der Sammlung von Presseausschnitten können Ereignisse und Prozesse der Verfolgung studiert und erforscht werden. Die Sammlung der Wiener Library ist inzwischen so umfangreich, dass sie das derzeitigen Gebäude auf Dauer nicht fassen kann.

 

Nach dem Besuch in der Library gehen wir in unser Quartier, das Wynfrid House der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in London. Wenige Schritte vom U-Bahnhof Aldgate East, passieren wir den Altab Ali Park. Die jetzige Mehrheitsbevölkerung aus Pakistan und Bangladesh hat die kleine Ruhe-Oase gestaltet. In den Weg sind Metallbuchstaben eingelassen: "The shades of my trees offered to those who are coming and going." Der Park war ursprünglich Kirchplatz und Friedhof der anglikanischen Gemeinde dieses Stadtteils. Die Kirche wurde wie vieles in dieser Gegend von deutschen Bombenangriffen total zerstört.

 

Vom nahen Hafen kamen über Jahrhunderte Flüchtlinge ins Land, siedelten sich dort an und nahmen Arbeit am Hafen an: im 17.Jahrhundert die in Frankreich verfolgten Hugenotten - ihre Häuser mit den Eingängen über Stufen stehen noch heute ein paar Minuten vom Wynfrid House. Im 19. Jahrhundert folgten in Russland bedrohte Juden - ihre  Great Fieldgate Synagoge sehen wir auf unserem Weg zum Supermarkt. Dicht dabei auf einst synagogalem Boden eine große Moschee. Im Einklang mit dem jüdischen Gebot darf Heiliges sich auf der gleichen Stufe ändern, Synagoge also zu Moschee werden. Höherentwicklung ist erlaubt, z.B. Synagoge in ein Krankenhaus, aber niemals Abwärtsentwicklung, z.B. Synagoge in ein Spielkasino. Gegenüber von der Moschee passieren wir das Booth-House, Hauptquartier der Heilsarmee - genannt nach dem Gründer dieser Freikirche William Booth. Es ist mit einem Wohnheim für Obdachlose verbunden. Booth's Wahlspruch lautete "Soup Soap and Salvation" (Suppe, Seife und geistliche Rettung - in dieser Reihenfolge!)

 

Im Buddhist Centre of London, zwei U-Bahnstationen nach Osten, empfangen uns Deborah Weston, Fachberaterin und Collegedozentin, und Srivati, Lehrerin und ordinierte Buddhistin, dazu Komilitoninnen und Komilitonen von einem College nahebei. Srivati legt einen weißen, farbig geschmückten Schal um. Dann führt sie uns alle in ihre Religion ein. Auf jede Seite ihres Schals ist eine Komposition aus drei Edelsteinen gestickt. Ein roter Kristall verweist auf den Siddharta Buddha, ein blauer bedeutet die Lehre des Buddha, und ein weißer, die sanga, die geistliche Gemeinschaft mit anderen Buddhistinnen und Buddhisten. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass es im Buddhismus verschiedene Richtungen gibt. Eine davon wird im Centre vertreten. Den Buddhismus betrachtet Srivati eher als Lebensweisheit und Lebensweise denn als Religion.

 

Muslimische Studierende aus der englischen Gruppe wollen gern Genaues über die Pflichten von buddhistischen Gläubigen erfahren. Srivati erzählt stattdessen von der großen Vielfalt des gelehrten und gelebten Buddhismus. Sie nennt die auf den Buddha zurückgehenden "Vier edlen Wahrheiten" - erstens Krankheit und Sterben als Teil menschlicher Existenz, zweitens das Leiden der Menschen unter Krankheit und Sterben, drittens der Wunsch, vom Leiden frei zu werden , viertens das Erlangen der Freiheit vom Leiden. Im Gespräch über buddhistische Riten werden Räucherstäbchen genannt. Unsere Gastgeberin führt uns in den Gottesdienstraum mit einer großen, goldenen Buddhastatue an der Stirnwand, umgeben von Blumen in Vasen, Leuchtern mit Kerzen und Öllampen. Unter Anleitung Srivatis machen wir eine kurze Meditationsübung - ein praktisches Beispiel der im Mittelpunkt der verschiedenen buddhistischen Lebensformen stehenden "Aufklärung" (enlightenment). Als Unterschiede werden uns u.a. genannt: Leben als Nonne bzw. Mönch oder in Ehe, Partnerschaft oder Familie, alle möglichen Berufe oder Klostergemeinschaft, theoretische, praktische, z.B. soziale oder künstlerische Betätigungen. In allen Lebensweisen, sagt Srivati, gilt es, auf dem Weg zu sein, offen für Neues und respektvoll gegenüber anderen Orientierungen - in  allem "Aufklärung", Offenheit für andere und anderes. Einige der muslimischen Komilitoninnen haben damit Schwierigkeiten.

 

Vielfältige Eindrücke beschert uns eine Synagoge am Vorabend des Shabbat. Die West London Synagogue of British Jews ist für die verschiedenen Richtungen des Judentums von orthodox bis liberal offen. Frauen und Männer sitzen zusammen. Einzelne begrüßen uns freundlich. Chor und Orgel begleiten den Gottesdienst. Biblische Psalmen und Texte vom Exodus Israels stehen im Vordergrund. Dann wenden sich Gemeinde, Rabbiner und Rabbinerin zum Schrein mit den Torarollen. Mit einem kurzen frohen Loblied wird der Shabbat begrüßt. Es wird der Verstorbenen und ihrer Angehörigen, der Kranken und Schwachen gedacht.

Während des Gottesdienstes werden diejenigen Kinder nach vorn gebeten, die noch nicht ihre bat-mizwa oder bar mizwa (Mündigerklärung in der Gemeinde) haben. Nach einem Segenswort erhalten sie Traubensaft und Sabbatbrot aus Hefeteig. Letzteres verteilen sie auch in der Gemeinde. Später werden alle Kinder (auch die längst erwachsenen) gegrüßt. Der Rabbiner heißt uns als Studierende der Universität Essen von der Kanzel willkommen. Beim Abschied gibt er uns ebenso wie die Rabbinerin, eine Dame und ein Herr des Gemeindevorstands gute Wünsche auf den Weg.

 

An einem Morgen besuchen wir - dicht bei der durch Sherlock Holms bekannten Bakerstreet - die Große Moschee am Regent Park. Wir teilen uns, wie in einer Moschee üblich. Eine junge Muslima zeigt den Komilitoninnen den Weg zur Frauenempore. Die Schönheit des Kuppelbaus mit dem kalligraphischen, arabischen Text der ersten Sure können sie von dort ebenso bewundern wie die Männer aus dem Rund im Erdgeschoss. Die junge Frau berichtet engagiert davon, was ihr der Islam bedeutet. Sie fragt die Gäste, ob sie auch an ihre Zukunft denken, z.B. wie sie selbst

durch gutes Verhalten "Punkte" für ein Leben im Paradies "sammeln". Die Antwort: "Ich verstehe; aber das ist nicht meine Religion", nimmt sie freundlich zur Kenntnis.

 

Vom Hinduismus lernten wir mit dem Shri Swaminarayan Mandir einen Hindutempel in Neasden, nördlich von London, eine der schönsten, kostbarsten, ganz und gar von freiwilligen Handwerkern erbauten religiösen Stätten kennen. Eine anschauliche Ausstellung führte in die Religion ein. Das hohe Alter dieser Religion, ihre kosmische Naturverbundenheit und der hohe Stellenwert von Bildung und Wissenschaft werden deutlich. Das Gespräch mit einem leitenden Vertreter des Hauses klärt einige unserer Fragen. Wichtig ist ihm, dass es ich im Hinduismus um eine monotheistische Religion handelt.

 

Die Gestalten von z.B. Shiva, Vishnu, Ganesh oder Holi sind "avatars", = Herabkünfte des einen Gottes. Uns fallen Spielzeugautos, Teddybären usw. vor den Bildern dieser avatars auf. Sie sind Symbole dafür, dass Menschen lernen und Gott die Lernwege der Menschen beobachtet. Kann es wirklich sein, so eine andere Frage, dass Shri Ramanujasharya, ein indischer Philosoph, 120 Jahre alt wurde? Ja, meint unser Gesprächspartner, durch regelmäßige Jogaübungen können Menschen sogar noch älter werden. In der Eingangshalle und der großen Gebetshalle sowie dem eigentlichen Feierraum des Tempels begegnen uns kunstvoll gestaltete Pflanzenornamente und Plastiken der Gestalten aus den großen Epen der Hindutradition, z.B. dem Ramayana. Dies Lehrgedicht von Ram (oder Rama) und der von ihm geliebten Frau, der schönen Sita wird am Lichtfest der Hindus, Diwali, überall aufgeführt. Lakshmi, eine weibliche avatar, gilt an diesem Fest als Gewähr für Glück und Erfolg.

 

Uns wird die Teilnahme an einem Tempelgottesdienst, einer Puja erlaubt. Mehr als tausend Frauen und Männer nehmen teil - eine fröhliche, feierliche Gemeinschaft. Inbrünstig singen sie die Lieder vom Sieg des Guten über das Böse im Leben der Menschen. Brennende Kerzen sind ein Bild dieses Reinwerdens. Männer und Frauen bringen die Lichter auf blinkenden Metalltellern aus dem Inneren des Tempels. Sie gehen damit durch die Reihen der Gläubigen. Diese umfangen die Flammen mit ihren Händen und berühren mit der Wärme ihre Stirn und Wangen.

Zu der Feuerzeremonie (ib Sanskrit: yagya) Dwerden wohl klingende Lieder gesungen. Eines lautet, ins Deutsche übersetzt:
 

Möge über alle Gutes kommen,

Mögen alle zur Vollkommenheit bereit sein.

 

Mögen alle glücklich sein.

Mögen alle erfahren, was gut ist.

 

Möge es für alle Frieden geben,

Mögen alle erfahren, was Zukunft hat.

 

Mögen alle gesund sein.

Und lass niemanden leiden.

 

Die vielen Menschen im Gottesdienstraum, aber auch vorher und hinterher in der großen Eingangshalle wirken nicht wie eine Masse, sondern wie eine große Familie. Herzlichkeit, Aufmerksamkeit für einander und Fröhlichkeit sind offensichtlich Eine Hindufrau lädt nach dem Gottesdienst unsere Komilitoninnen zur Teilnahme am Abendessen ein. Das Mahl empfanden alle als recht scharf gewürzt.

 

Am Nachmittag und Abend des vierten Advents sind wir in St. Albans, einer Bischofsstadt nördlich von London. Vom Bahnhof kommen wir bald in die mittelalterlichen Gassen der Stadt, die sich zu einer mächtigen Kirche hin öffnen. Früher war diese Mittelpunkt eines Klosters, heute ist sie Kathedrale des Bischofs und der Diözese St. Albans. Wir besichtigen die romanischen Ursprünge des dortigen Christentums im riesigen, quadratischen Mittelturm, dann die mehrere Fußballfelder großen Gottesdiensträume in den gotischen Hallenschiffen, die Kapelle mit dem Reliquienschrein des Heiligen Alban, eines Christen und Märtyrers aus römischer Zeit - St. Albans ist eine alte Römerstadt - und moderne Einrichtungen z.B. einen handgearbeiteten Schmuckteppich auf einem Seitenaltar und eine Kapelle zum Gedenken an Verfolgte in unserer Zeit.

 

Nach individuellem Bummel durch die zum Einkauf geöffneten Geschäfte der Innenstadt von St. Albans und Stärkung an den gastronomischen Angeboten des Ortes, kommen wir zum Evensong, einem in allen Kathedralen der Kirche von England gefeierten Abendgottesdienstes wieder in die Kirche. Die Feier wird diesmal von dem Mädchenchor und dem Männerchor verschönt. Psalmen und die Texte des Lobgesangs der Maria und der Begegnung der schwangeren Maria mit der ebenfalls ein Baby erwartenden Elisabeth aus dem Lukasevangelium werden vom Chor gesungen bzw. vom Dekan der Kathedrale gelesen. Das Thema wird von dem Prediger humorvoll mit der Hektik von Weihnachtsvorbereitungen kontrastiert. Auch hier - wie bei früheren Stationen der Excursion - wird unser Besuch aus einem Essener Fachbereich freundlich wahrgenommen.

 

Aus einem früheren Projekt der Fachgruppe Evangelische Theologie ist eine Arbeitshilfe "Viele Religionen leben in einer Gesellschaft - Die Antwort: Dialog" entstanden. Dieser Titel hat sich in der Excursion Dezember 2005 bestätigt. Er kann auch als ein Hinweis auf die Zukunft der religiösen Gemeinschaften in Europa verstanden werden.