Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-05-07

Tradition und aktuelle Herausforderungen in der Mitte Europas
 

Bericht von der Exkursion der Fachgruppe Evangelische Theologie nach Prag und Terezín/Theresienstadt
25. Februar - 1. März 2006

von Herbert Schultze  [1]

Leiter der Exkursion:  Prof. Herbert Schultze, Tangstedter Landstr. 32B, 22415 Hamburg
 

Ein Besuch in Tschechien ist ein Besuch in der Mitte Europas. Höhen und Tiefen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens, in Politik, Gesellschaft, Religion und Kunst werden von den Menschen allezeit erfahren. Besucher spüren das. Tschechien und Deutschland, die Menschen beider Länder haben bis heute viele Berührungspunkte untereinander. Die Schwerpunkte unserer Exkursion lagen in der Religion, der Kunst und Kultur, der Politik und der Geschichte.

 

 

SCHLAGLICHTER DER GESCHICHTE - PRAGs ALTSTADT, KARLSBRÜCKE UND BURG

 

Unser Quartier fanden wir beim Tschechischen Ökumenischen Rat der Kirchen: in der Donstraße, Tramhaltestelle Krimstraße, in einem früheren Mietshaus einer älteren Prager Vorstadt. Mit Tram und Metro fuhren wir in die Innenstadt und atmeten die Spuren der gleichen Geschichte wie daheim, doch aus einer anderen Richtung.

 

Die Metro hat die Sowjetunion den Tschechen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach der Befreiung des Volkes von deutscher Besetzung, geschenkt. Die Haltestellen am Wenzelsplatz entlassen die Passagiere zu vielen prächtigen Jugendstilhäusern aus der Zeit des österreichisch-ungarischen  (k. u. k. = kaiserlichen und königlichen) Vielvölkerstaates. Große, mit blinkendem Messing verzierte Kaffeehäuser laden die flanierenden Touristen ein, mit geometrischen und Blumenmustern geschmückte Ladengeschäfte locken mit einem reichen Angebot. Sie bieten alles, was aus dem berühmten böhmischen Kristall gemacht wird, nicht weniger berühmte Lederwaren, Bücher in vielen Sprachen und manches andere.

 

Auf diesem Platz sind immer viele Menschen. Für Bürgerinnen und Bürger des Landes ist er so etwas wie eine gute Stube. In den 1950er bis 1980er Jahren demonstrieren hier Menschen gegen die stalinistische Diktatur. Seit 1977 bildeten Angehörige der Bewegung "Charta 77" die Spitze des Widerstandes. Ihr Protest war eine Antwort auf die Panzer, die 1968 aus den Armeen von fünf "sozialistischen Bruderstaaten", so nannte es die Propaganda, jede freie Meinungsäußerung niederwalzten. Wieder waren Deutsche unter den feindlichen Brüdern.

 

Auf dem Wenzelsplatz bangten im Herbst 1989 Tausende von Menschen, ob wieder Panzer ihre Kanonen auf Zivilisten richten würden. Im Garten der bundesdeutschen Botschaft warteten Scharen von Flüchtlingen aus der ostdeutschen DDR, bis der damalige Außenminister HANS DIETRICH GENSCHER von dem Balkon der Botschaft verkündete, dass die Ausreise dieser Familien genehmigt sei.

 

ONDREJ SOBELAVSKY, einer unserer Gesprächspartner, erzählt uns über das Gemeinschaftsbewusstsein der Menschen in diesem Land. Sie mögen und mochten es niemals, von staatlicher Gewalt "gleichgeschaltet" zu werden. Das macht die gemütlichen Tschechen ungemütlich. Der SS-General REINHARD HEYDRICH bezog mit seiner Familie in einem Schloss bei Prag Wohnung. Noch vor Beginn des Krieges führte er in dem Land alle Unterdrückungsmaßnahmen des Nazireiches ein. Einige Tschechen beschlossen, den mächtigen Mann zu ermorden. Das Attentat in der Innenstadt am Nordufer der Moldau misslang aber. Das Opfer wurde nur verwundet, trotzdem erlitt er eine Blutvergiftung und starb daran.- Eine typisch tschechische Geschichte.

 

In ihrer Eigenwilligkeit suchten die Landesbewohner eine freiere Form des Kircheseins, lange bevor die Reformatoren LUTHER, ZWINGLI und CALVIN in ihren Ländern evangelische Kirchen gründeten. Die Böhmen wollen, wie andere Protestanten, dass die Laien, die gewöhnlichen Gemeindeglieder, das Sagen haben. Die aus dem Katholizismus gewohnten höheren geistlichen Ämter schafften die Hussiten, wie sie sich nach ihrem freiheitsliebenden, geistlichen Anführer JAN HUS (1370-1413) nennen, ab. Viel Mitbestimmung gibt es in der neuen Kirche. Sie nennen sich weltweit die "Böhmischen Brüder". Immer mehr von ihnen gründen besondere Gemeinschaften - auch das ein Zeichen tschechischer Eigenständigkeit.

 

Wir erkunden den Altstädter Ring, den Platz am gotischen Rathaus. Dort sind drei weitere steinerne Zeugen der tschechischen Selbständigkeit: Die gotische Theynkirche trug zwischen ihren Türmen ursprünglich ein Standbild der Jungfrau Maria. Stattdessen beherrscht nun ein Kelch aus Stein das Bild. Die Böhmischen Brüder  demonstrieren mit diesem Symbol seit Jahrhunderten, dass in ihrem Abendmahl der Wein nicht für den Priester reserviert ist, sondern allen zusteht.

 

Gegenüber von der Theynkirche liegt an dem Platz die bunte barocke Fassade einer anderen Kirche. Wir möchten wissen, was es mit dieser Pracht auf sich hat. "Das ist eine eigene Geschichte," meint Herr SOBELAVSKY. "Das ist die 'Tschechoslowakische Kirche'. Der Nationalstolz einiger Bürgerinnen und Bürger der Vergangenheit war nicht damit zufrieden, dass die Kirchen des Landes "evangelisch", "katholisch" usw. heißen. Es sollte auch eine Kirche geben, die das Land repräsentiert, eben die "tschechoslowakische", und zwar mit einem eigenen Gotteshaus. Tatsächlich wurde nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 ein tschechoslowakischer Vielvölkerstaat geschaffen. In dem wurden offiziell fünf verschiedene Sprachen gesprochen. Heute gibt es seit Jahren keine Tschechoslowakei mehr. Die Tschechische Republik und die Slowakische Republik sind zwei getrennte Staaten. Jene Kirche mit ihrem Gotteshaus am Altstädter Ring gibt es immer noch - doch ist sie heute unbedeutend.

 

Auf der Mitte des großen Platzes zwischen den beiden Kirchen stellt das mächtige HUS-Denkmal eine Volkserhebung dar. Die Gestalt des JAN HUS ragt hoch hinaus. Er wird zu allen Zeiten und von allen Parteien als Nationalheld für ihre jeweilige Sache in Anspruch genommen. Die ihn umjubelnde Menge weiß sich von ihm in die Freiheit und Unabhängigkeit geführt.

 

Mit wenigen Schritten gelangten wir zu der jüdischen Altstadt (siehe unten). Wir wanderten am Moldau-Ufer entlang, überquerten den Fluss über die Karlsbrücke. Diese schmücken neben dem heiligen Nepomuk viele andere Steinplastiken. "Kleinseite" ist der traditionelle Name des schönen Stadtviertels auf dem anderen Ufer. Wir kamen an manchem schönen Palais vergangener Generationen und auch vielen Geschäften vorbei. Die Straßen und Wege sind steiler.

 

Schließlich sind wir auf der Höhe des Hradschin, des Prager Burgberges. Das Staatsoberhaupt des Landes hat hier seinen Sitz, z.B. der erste Präsident der Tschechoslovakei, THOMAS MAZARYK. Unter der siebenjährigen deutschen Besatzung residierte hier der Reichsprotektor über Böhmen und Mähren. Nach dem Ende des Kommunismus war auf dem Hradschin der erste demokratische Präsident, der Schriftsteller und Dissident (= Widerständler gegen das stalinistische Regime) VACLAV HAVEL zu Hause. Die Burg beherbergt eine kleine Stadt. In einer der Gassen hat Franz Kafka gelebt. Am größten der Plätze auf der Burg sind u.a. zwei wichtige Gebäude, der Palast des Staatspräsidenten und der gotische St. Veitsdom.

 

 

BEGEGNUNG MIT DEN RELIGIONEN DES LANDES
 

Die Welt der Religionen in Tschechien ist bunt und abwechslungsreich. Der Hang der Menschen zur Selbständigkeit trägt dazu bei. ONDREJ SOBELAVSKY, ist Senior der Kirche der Böhmischen Brüder für Südböhmen. Er lebt in Tabor, vor Jahrhunderten Hauptstadt des hussitischen Reiches. Senior entspricht dem Amt des Superindendenten in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Herr SOBELAVSKY zeigte und erläuterte uns weitere Beispiele kirchlichen Lebens. Wir trafen ihn an der Bethlehemskapelle mitten in Prag. Hier hatte der Reformator der Böhmischen Brüder, JAN HUS, gepredigt.

 

Für die Böhmischen Brüder typisch ist, dass die ehemalige Wirkungsstätte von HUS keine schön geschmückte Kirche ist wie jene tschechoslowakische Kirche am Altstädter Ring oder der Veitsdom auf dem Burgberg, sondern vielmehr ein schlichter Zweckbau mit großen hellen Fenstern. In den Wirren der Geschichte wurde diese Bethlehemskapelle zerstört. Der tschechoslowakische Staat hat sie wieder aufgebaut. Dem kommunistischen Regime der Jahre 1945 - 1989 war das christliche Wirken des Reformators nicht wichtig. Es erklärte HUS zu einem nationalen Freiheitshelden des Landes. Auch nach dieser Zeit hat die Kirche der Böhmischen Brüder diese Kapelle in der Hand des Staates belassen. Sie dient heute als Stätte für öffentliche Veranstaltungen. Für die wenigen Gelegenheiten, bei denen ein kirchliches Ereignis dort begangen werden soll, mietet die Kirche der Böhmischen Brüder das Gebäude vom Staat.

 

Es gibt in Prag und Tschechien weitere christliche Kirchen. Die an Mitgliederzahl größte ist die römisch-katholische Kirche. Eine Reihe von Freikirchen hat noch weniger Mitglieder als die Böhmischen Brüder. Kirchen und Freikirchen sind in dem Tschechischen Ökumenischen Rat der Kirchen zusammengeschlossen. Andere Religionen sind oft auch nicht groß, meistens allerdings recht aktiv. An manchen Tagen können Besucher Gruppen von kahlgeschorenen Menschen um den Wenzelsplatz herum ziehen sehen, die ihr "Hare, Hare, Krishna, Krishna" singen, dazu mit Glöckchen und kleinen Trommeln den Rhythmus schlagen. Diese Menschen gehören einer neuhinduistischen Sekte an. Am Hauptbahnhof Ankommende werden immer wieder von Angehörigen der aus Korea kommenden Moon-Sekte empfangen. Diese versuchen sie in ein Gespräch über Glaubensfragen und ihre Botschaft zu verwickeln.

 

Zu den schon seit Jahrhunderten im Land ansässigen Religionen gehört die jüdische Gemeinschaft. In der Zeit des deutschen Protektorats, 1938-1945, wurde die Mehrheit der Juden deportiert, viele nach Terezín, so der tschechische Name, das auf Deutsch Theresienstadt (siehe unten) heißt. Es handelte sich um eine der ältesten und damals größten jüdischen Gemeinden in Europa. Sie besaß eine Synagoge, die "Altneuschul" genannt, die noch heute steht. Der Name des bescheidenen, außen und innen schön gestalteten Gebäudes bezeichnet dessen Ursprung in der Geschichte und die Erinnerung an die damalige Neugründung. In dieser Gemeinde wird seit dem Mittelalter jiddisch gesprochen, eine Sprache, die sich aus der Gottesdienstsprache Hebräisch, dem in der Umwelt vieler europäischer Juden gesprochenen Mittelhochdeutschen und dem von osteuropäischen Juden gesprochenen Russischen und anderen slawischen Sprachen gebildet hat. "Schul" ist ebenso wie "Bet ha-Midrash" (= "Lehrhaus) ein in der ganzen Welt bekannter Name für den Raum für Gottesdienste, der mit einer nichtjüdischen Bezeichnung, griechischen Ursprungs, Synagoge genannt wird. Gegenüber vom Ausgang aus der Altneuschul ist das alte Rathaus des jüdischen Viertels. Auf dem Dach trägt es ein Türmchen mit einer Glocke, um bei guten und unguten wichtigen Gelegenheiten die jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu rufen.

 

Die dicht gedrängten Häuser und Straßen des alten jüdischen Viertels von Prag überstanden die Verfolgung unversehrt, weil der Organisator und Bürokrat der Vernichtung der Juden Europas, ADOLF EICHMANN, plante, dort ein Museum der "ausgestorbenen jüdischen Religion" zu errichten. Der Mann hat sich verrechnet. So können wir 2006 in die Altneuschul hineingehen, ihre gotischen Gewölbe, die "Arche", den Schrein zur Aufbewahrung der Torarollen, und die von kunstvoll geschmiedeten Eisengittern umgebene "Bima", den Tisch, auf dem die Tora zur Lesung niedergelegt wird, bewundern.

 

Der zwischen den Häusern gelegene jüdische Friedhof ist dicht an dicht mit kostbar bearbeiteten Grabsteinen bedeckt - zusammen sind es ca 12.000. Die in Stein gehauenen Symbole auf den Grabsteinen, z.B. segnende Hände, weisen auf die Berufe der Verstorbenen hin. Über allem wölbt sich wie ein Dach das Laub alter Bäume. Nach jüdischer Religion gehört der Grund und Boden mit den Gräbern den Verstorbenen für die Ewigkeit. Besucher legen auf den Grabsteinen Kiesel nieder.

 

Neben dem Friedhof führen wenige Stufen in das Haus der "Chewra". Chewra wird traditionell die Begräbnisbruderschaft einer jüdischen Gemeinde genannt. Seit Jahrhunderten bis zum Einmarsch deutscher Truppen im Jahr 1938 hatte die Chewra in dem Haus am Friedhof. ihre Räume In dem heute dort eingerichteten Museum werden u.a. Vorrichtungen für die Waschung der Verstorbenen, Bilder von den rituellen Handlungen, z.B. Gebetssitzungen in einem Trauerhaus, sowie die Kleider und Geräte für die Mitglieder der Chewra bei ihrem Dienst gezeigt. Nach der Tradition bereiten sie verstorbene Menschen für die Beerdigung vor und stehen den trauernden Angehörigen bei. Sie kennen die Texte, die am Sterbebett gesprochen, die Handlungen, die in den letzten Stunden der Menschen vollzogen werden, und das, was zu tun ist, nachdem sie eingeschlafen sind.

 

Vom Haus der Chewra gingen wir auf der anderen Seite des Friedhofseingangs in die Pinchassynagoge, die heute ein weiteres Museum beherbergt. U.a. sind dort Geräte für Gottesdienste in den Familien und in den Synagogen ausgestellt: Gebetbücher aus verschiedenen Epochen, Sabbatleuchter und Sabbatlampen, mit symbolischen Bildern und biblischen Zitaten in hebräischer Schrift geschmückte Sederteller, für das Familienessen am ersten Abend des Pesachfestes, von Silberschmieden gefertigte Gewürzbüchsen, Kleider und Schmeckschilde für Torarollen für die Lesungen am Shabbat und bei Festen in der Synagoge, von Juwelieren gearbeitete kleine Zeigestöcke, mit einer winzigen Hand an der Spitze. Mit ihnen gehen Gemeindeglieder die Zeilen des hebräischen Toratextes beim Lesen entlang, damit ihnen kein Fehler unterläuft. Die Stöckchen heißen "Yad" (= "Hand").

 

 

KULTUREN, ZIVILISATIONEN UND RELIGIONEN IN TCHECHIEN

 

Immer schon war Tschechien mit seiner Lage - mitten in Europa - ein Treffpunkt von Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Sie trafen sich z.B. in der Universität. Die Karlsuniversität ist eine der ältesten in Europa - eine, in der stets über die brennenden Themen der jeweiligen Gegenwart gestritten wurde. Darin spiegelt sich das Verhältnis vieler Tschechen zur Meinungsvielfalt. Allezeit sind die hier Lebenden offen für Neues und auf freundliche Weise eigensinnig.

 

Auch im 21.Jahrhundert kommen viele Menschen aus anderen Kulturen und Religionen, entweder als Besucher oder, um länger zu bleiben. In westlichen Gesellschaften befürchten manche Unruhen zwischen den verschiedenen Traditionen. Der Amerikaner SAMUEL HUNTINGTON spricht von einem "Zusammenstoß der Kulturen" ("Clash of Civilisations")[2]. Seit 1989 versucht Tschechien einen eigenen Weg für das Miteinander der Verschiedenen zu finden. Professor JAROSLAV KREJCI[3] von der Philosophischen Fakultät der Universität untersucht mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Wissenschaften die Möglichkeiten hierfür. Er ist dafür besonders geeignet. Jahre zuvor gehörte er zu den so genannten Dissidenten. Diese protestierten gegen die brutale Gleichmacherei der kommunistischen Regierung und für geistige Freiheit. Nicht wenige, auch JAROSLAV KREJCI, kamen dafür in den "Gulag". So wurde zu jener Zeit die Haft im Straflager genannt.

 

Zum Gespräch mit dem tschechischen Gelehrten, der auch als Gastprofessor in Lancaster/England lehrt, gingen wir in die Philosophische Fakultät mitten in  der Prager Altstadt. Dort wurden wir willkommen geheißen und freundlich bewirtet. Herr KREJCI erzählte seine Sicht über die Rolle verschiedener "Zivilisationen" in der Geschichte und in unserer Zeit. Über die vertrauten Bereiche von Religion und Theologie hinaus bezog er Politik, Gesellschaft, Ökonomie und Technik ein.

 

Die verschiedenen Deutungen von Welt und Leben in den Zivilisationen können zwei Gruppen zugeordnet werden. Die Vertreter der einen Gruppe nehmen, vereinfacht gesagt, an, dass die Ideen der Menschen ihre äußeren Lebensumstände formen, während die Angehörigen der anderen Gruppe meinen, die Gedanken und Vorstellungen der Menschen seien von den äußeren Gegebenheiten abhängig. Allerdings werden die Begriffe Zivilisation und Kultur verschieden gebraucht, wobei Kultur eher die inhaltliche Seite eines allgemeinen Bewusstseins meint, Zivilisation mehr die äußerlichen Aspekte. In England und Frankreich werden Zivilisation und Kultur eng beieinander gesehen. Im Deutschen wird die Kultur höher geschätzt. Mit ihr werden Grundsätze, Werte und Ideale verbunden, während mit dem Begriff Zivilisation von der praktischen Verwirklichung solcher Ideale gesprochen wird.

 

Unser Gastgeber folgte einem beides übergreifenden Sprachgebrauch. In "Zivilisation" sieht er die Wirkung von sozialen Kräften bzw. Prozessen, aber auch von kulturellen Vorstellungen. In diesem Sinn können im Lauf der Geschichte und in verschiedenen Gegenden der Erde mehrere Zivilisationen unterschieden werden. Dazu gab Herr KREJCI Beispiele, z.B. die Levante (=die Länder östlich des Mittelmeeres bzw. Naher/Mittlerer Osten), wo zwei der ältesten Zivilisationen der Menschheit zuhause waren: die mesopotamische, eher multikulturelle Zivilisation und die ägyptische, mehr monokulturelle Zivilisation. Die jüdische Tradition unterscheidet sich von beiden. Vor dem Ende des Altertums entstand in der Levante das Christentum. Es nahm die Gehalte verschiedener, antiker Kulturen auf, bildete aber keine eigene sozio-kulturelle Einheit, sondern deren vier:

  1. das Römisch-Katholische Christentum

  2. das Orthodoxe Christentum

  3. das Monophysitische Christentum (mit dem Glauben an eine göttliche Natur  =  Koptisches Christentum in Ägypten, später Nubien u. Äthiopien,  - das Jakibitische in Syrien u. das Gregorianische in Armenien) und

  4. das Dyophysitische (Nestorianische) Christentum (=mit dem Glauben an zwei göttliche Naturen in West- und Zentralasien)

 

An diese Entwicklung schloss sich die Ausbreitung der islamischen Zivilisation an. Verschiedene Richtungen des Islam sind durch zwei grundlegende Glaubensinhalte   untereinander eng verbunden, und zwar durch erstens die Gottesvorstellung, einen eindeutigen Monotheismus und zweitens das Gemeinschaftsbild, die umma, die Idee einer weltweiten Gemeinschaft aller Muslime. Unterhalb der beiden Ideen des Monotheismus und der umma ist eine Vielfalt individueller, gesellschaftlicher und politischer Lebensformen möglich. Die sehr früh, nämlich nach der Auswanderung Muhammads und seiner Getreuen aus Mekka nach Medina im Jahr 622 der Zeitrechnung (d.Z.), geformte Idee der einheitlichen Gemeinschaft, blieb in allen folgenden Begegnungen mit anderen Zivilisationen unverwässert erhalten. Von der ersten Ausbreitung der Muslime von Arabien über Nordafrika nach Europa im 7. und 8. Jahrhundert d.Z bis zu den weltweiten Migrationen des 20. und 21. Jahrhunderts wurde und wird die islamische Zivilisation von den Aufnahmeländern und ihren Bewohnern gelegentlich als Herausforderung empfunden.

 

Auf diese Herausforderung antwortete die Türkei mit der Geburt eines modernen Nationalstaates aus dem Osmanischen Vielvölkerreich. Der Offizier KEMAL ATATÜRK hoffte zusammen mit anderen, durch die Europäisierung des Landes dessen politische Möglichkeiten zu erweitern. Andere Länder aus dem niedergegangenen Reich wurden von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, England und Frankreich, in Mandate und Protektorate verwandelt (z.B. Irak, Syrien, Transjordanien. und Palästina. Auf der weiten arabischen Halbinsel gründete in der konservativen, strenggläubigen, muslimischen Gruppe der Wahabiten der Stamm ibn Saud das Königreich Saudiarabien. Seine Herrscher haben das Ehrenamt der "Hüter der Heiligen Stätten". Im Libanon dagegen schaffen die Franzosen ein nach französischem Gesetz strukturiertes Land, in dem die christlichen Maroniten, die muslimischen Sunniten und die ebenfalls muslimischen Schiiten sich die Macht teilen.

 

Das libanesische Modell der Gewaltenteilung fand nach dem Zweiten Weltkrieg eine Entsprechung in dem nach dem englischen Commonwealth strukturierten Unionsstaat Indien. In Asien wurden aus Jahrtausende alten Zivilisationen nach der Begegnung mit europäischen Kolonialmächten, oft unter Leid und Gewalt, neue politische und gesellschaftliche Zusammenschlüsse geschaffen. In diesen werden zum Teil sehr alte Religionen zu mächtigen Zivilisationen geformt, Professor KREJCI spricht für Indien von der um die Seele kreisenden Zivilisation. Denn es geht um die Befreiung der Seele jedes einzelnen Menschen und ihre Vereinigung mit der Weltseele - die Vereinigung von atman mit Brahman. Davon leiten sich auf dem riesigen Subkontinent vielfältige Vorstellungen ab. Einige sprechen von religiösen Werten, andere von philosophischen Werten. Die im nördlichen Asien, in China, beheimatete geistige Tradition nennt Herr KREJCI die um die Kontinuität (=die Zeiten und Welten umspannende Dauer) kreisende Zivilisation.

 

In Afrika grenzen unterschiedliche, oft unvergleichbare Zivilisationen (z.B. von Ost und West, oder von  Nord und Süd, vom Nil und vom Kap stammende) aneinander. Wie in den anderen Regionen der Welt wirken Kräfte der Geschichte, neue Herausforderungen und die Tradition einer bestimmten Weltgegend aufeinander ein. An einigen Stationen dieses Ganges durch den "Lauf der Geschichte" möchte Herr KREICI die Meinung der Essener Studentinnen wissen. Bemerkungen aus unserer Gruppe nimmt er auf, indem er allgemein Verschiedenheiten innerhalb aller Zivilisationen, benennt, vor allem drei Variationen:

            erstens aufgrund existenzieller Erfahrungen der Menschen,

            zweitens aufgrund der sozialen Verhältnisse und

            drittens aufgrund des Geschlechtes.

 

Als wir Prags Philosophische Fakultät und Professor KREJCI verlassen, nehmen wir viele Informationen und eine Reihe von neuen Fragen mit. In irgendeiner Weise treffen sich die ganz verschiedenen Eindrücke von den Stationen unserer Exkursion - auch mit unserer letzten Erfahrung, dem Besuch in Terezín/Theresienstadt.

 

 

TEREZÍN/THERESIENSTAT "BAHNHOF AUF DER REISE IN DEN TOD"

 

An einem Morgen bereiteten wir unser Frühstück nicht selbst in der Donstraße, sondern gingen zum Café Europa am Wenzelsplatz. Mitten in der Schönheit des Jugendstils saßen wir, als befänden wir uns im vorigen Jahrhundert. Der Gegensatz zu dem, was vor uns lag, konnte kaum größer sein.

Terezín, so der tschechische Name, ist vieles in einem: Zuerst ist es eine alte Festung aus der Zeit der Kaiserin MARIA THERESIA. Ihr Sohn, JOSEPH II gab dem Ort den Namen. Zweitens ist es bis 1938 eine verschlafene Kleinstadt. Drittens wurde Theresienstadt, dies der österreichische Name, 1938 schnell und brutal in ein Konzentrationslager für Juden verwandelt. Der tschechische Dramaturg JIRI WEIL spricht von einer "Haltestelle auf dem Weg in den Tod", ein überlebender Häftling von einer "Zwangsgemeinschaft". Viertens ist dort heute eine Gedenkstätte und ein Museum. Das besuchen wir.

 

Die Bahnfahrt von Prag zum Bahnhof Bohusevice dauert im Jahr 2006 weniger als zwei Stunden. Die ersten Häftlinge brauchten länger. Von Bohusevice bis Theresienstadt wurden diese Häftlinge zwischen den Häusern entlang geführt. Einmal in der Festung angekommen, wurden sie von den Wachmannschaften zur Zwangsarbeit eingeteilt. Von Bohusevice bis in die Festung mussten sie ein Gleis legen. Die Menschen der weiteren Transporte wurden dann bis ins Lager mit der Bahn gebracht.

 

Wir liefen gut zwanzig Minuten durch die winterliche Landschaft bis zu dem früheren Häftlingslager - teilweise an dem alten Gleis entlang. Auf dem werden nun Gemüse und Obst von der Ernte in eine Saft- und Konservenfabrik gebracht. So wie vor mehr als sechzig Jahren die Bewohner von Terezín aus ihren Häusern gedrängt wurden, so haben sich nach Auflösung des Konzentrationslagers zögernd, aber stetig wieder Bürger dort angesiedelt. Es gibt dort Wohnungen, kleine Ladengeschäfte, Werkstätten. Mit den Jahren wurde der ganze Ort als Gedenkstätte gestaltet, das Museum mit Sorgfalt nach den Zeugnissen und Hinterlassenschaften überwiegend verstorbener Häftlinge, nicht zuletzt vieler Kinder, aufgebaut.

 

Bevor wir zu den Kasernen der Alten Festung und des späteren Konzentrationslagers kamen, liefen wir an dem riesigen Lagerfriedhof entlang zu dem Krematoriumsbau. Wir gingen hinein, sahen die Räume mit steinernen Tischen, auf denen Häftlinge ihre toten Kameradinnen und Kameraden für die Einäscherung vorbereiteten, und in dem großen Hauptraum vier Verbrennungsöfen mit Stahlwagen zum Hineinfahren der Leichen auf der einen Seite und zum Herausfahren der Asche auf der anderen Seite.

 

Auf dem Weg vom Krematorium zum eigentlichen Lagerkomplex schauten wir in Festungsgewölbe, in Trauerräume, in denen die Häftlinge die Asche der Verbrannten in einfachen Pappurnen versuchten würdig aufzubewahren. Die SS-Wachen haben sie später gezwungen, alle diese Urnen in den Fluss Eger (Ori) auszuschütten.

 

In der Gedenkstätte Theresienstadt ist alles so gelassen wie zur Zeit des KZ: die Strassen, Häuser, Wallanlagen, das Krematorium und die von Häftlingen in den alten Festungsgewölben eingerichteten Trauerräume. Heute gibt es Übersichtspläne, Beschriftungen an Häusern, z.B. "Haus des Kommandanten", "Mädchenhaus", Knabenhaus usw. Nur die Schranken, die damals überall auf den Straßen dieser winzigen Stadt aufgestellt waren und  nur mit Genehmigung passiert werden durften, sind gleich nach der Befreiung beseitigt worden.

 

Aus der früheren Bestimmung der einzelnen Häuser erkennen wir die grausame Ordnung, die zu jener Zeit herrscht. Sie schafft eine den Häftlingen aufgezwungene Enge inmitten verbotener Wege und Räume. Für die Propaganda, z.B. den Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt", gegenüber dem Ausland, vor allem dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz wird diese erzwungene Enge in eine vorgetäuschte Scheinwelt verfälscht. Ein paar Häuser am Marktplatz z.B. werden farbig angemalt und mit Ladenschildern versehen, als könnten Häftlinge dort einkaufen. Diese Schweinwelt zeigt, dass den Häftlingen nur sehr wenig erlaubt, aber vieles verboten war. Von einem in Auschwitz umgebrachten Häftling, Philipp Manes, ist ein Tagebuch erhalten. Als er eingeliefert wurde, war er voll Optimismus. Nach wenigen Jahren schrieb er aber: "Es stirbt sich leicht in Theresienstadt." Das ist die eine Seite. Die andere ist die Aufführung der Kinderoper "Brundibár", deren Schlusslied "Freundschaft besiegt das Böse" zur heimlichen Hymne wird, obgleich hinter den Rücken der Spielenden die Wächter mit geladenen Gewehren drohen.

 

In einigen Häusern von Terezín ist das Museum eingerichtet. Gleich nach Ankunft der Deportationszüge auf dem extra verlegten Gleis wurden Familien auseinander gerissen. Männer durften nicht mit ihren Frauen zusammen sein, Kinder nicht mit ihren Eltern. In einigen Zimmern stehen - wie damals - viele dreistöckige Holzbetten, wenige bescheidene Gegenstände, einfaches Essgeschirr schlichte Kleider.

 

In einer anderen Kaserne werden viele Beispiele der von Häftlingen ausgeübten Künste gezeigt. Zeichnungen und Gemälde vom Lageralltag, Kleinskulpturen aus Abfällen, Kompositionen von vor ihrer Verhaftung bekannten Musikern. THOMAS RAHE, früher pädagogischer Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, hält die Kunst der Häftlinge für deren Weg, die ständig erfahrene Todesdrohung abzuwehren. Manche von uns wollten länger verweilen. Eine Aufsicht führende Frau trieb uns aber von einem Raum in den nächsten. Draußen vor dem Gebäude war das Gefühl, ausatmen zu müssen, allgemein.

 

Nahe dem Ortsausgang fanden wir ein Restaurant. Es war geschlossen. Ein Mann, der unsere Gruppe sieht, winkte uns hinein. Die Frau des Hauses öffnete willig ihre Küche. Wir nahmen etwas zu uns und wanderten nach dieser Pause zurück zum Bahnhof Buhosevice. In Prag hatten wir noch etwas Zeit, bis uns der Nachtzug zurück nach Essen brachte. Eine Exkursion in die Mitte Europas mit vielfältigen Eindrücken fand ihr Ende.


 

[1]  Weitere Informationen zu allen Themen dieses Berichtes in: Herbert Schultze, Jüdische Erfahrungen - Jüdische Antworten, Weiße Reihe der Braunschweiger Beiträge, herausgegeben von Manfred Kwiran und Michael Künne, ARPM, 38300 Wolfenbüttel

[2]  Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York, Simon Schuster, 1996

[3]  Siehe: Jaroslav Kreici, The Paths of Civilization, Understanding the Currents of History. Bsingstock/New York, Palgrave McmMillan, 2004