Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

WIEN ALS SPIEGEL DES GEDENKENS AN DIE SHOA

 

Exkursion der Projektgruppe „Shoa im Unterricht“ im Januar 2003

 

Bericht von Gabriele Tscherpel

 

Wie in den letzten Jahren haben Mitglieder der Projektgruppe „Shoa im Unterricht“ der Fachgruppe Evangelische Theologie der Universität Essen auch den Anfang dieses Jahres genutzt, um eine kurze, aber konzentrierte Exkursion an einen Ort zu unternehmen, der für die Erforschung der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden im Nationalsozialismus von besonderer Bedeutung ist. Vom 3.-5. Januar 2003 war dieses Mal Wien das Ziel. Die Stadt ist aus verschiedenen Gründen von Interesse. Die jüdische Gemeinschaft in Wien war bis zum Einmarsch deutscher Truppen nach Österreich im Jahr 1938 eine der größten in Europa. Vom März bis zum November jenes Jahres hatte sie so viele Verfolgungsmaßnahmen zu erleiden wie die deutschen Juden innerhalb von fünf Jahren. In Wien hatte Adolf Eichmann, der leitende Bürokrat der nationalsozialistischen Judenpolitik, für Jahre sein Hauptquartier.

 

Die Projektgruppe kam mit dem Nachtzug am 3. Januar 2003 in Wien an und reiste am 5. Januar mit dem Zug um 12.30 wieder ab. In den erfüllten Tagen fanden folgende zeitgeschichtliche Erkundungen Platz:

Einige Male besuchten wir den Judenplatz mit dem einzigartigen Mahnmal von Rachel Whiteread und den ausgegrabenen Fundamenten der 1421 zerstörten ersten Synagoge Wiens. Der Quader der unwiederbringlich geschlossenen Bibliothek des Volkes des Buches der englischen Bildhauerin erschloss uns den Zugang zu der jüngeren Geschichte der Juden in der Donaumetropole. Unterhalb dieses Denkmals gingen wir auf dem Fußboden jener alten Synagoge, begleitet von historisch zuverlässigen, technisch modern gestalteten Darstellungen des einmal hier pulsierenden Lebens.

 

Bild:  Mahnmal am Judenplatz

 

Unter den verschiedenen Relikten, die die Toleranz der Aufklärungszeit gegenüber Juden und anderen nicht römisch-katholischen Bürgern bezeugen, findet sich jenes Palais in der Dorotheergasse, in dem die zahlreichen Sammlungen des Jüdischen Museums der Stadt Wien untergebracht sind. Die Halle dieses „Schatzhauses“ reicht durch alle drei Stockwerke, präsentiert in würdiger Weise kostbare Ritualgeräte und ist von einer künstlerischen Installation von Nancy Spiro bestimmt. Fragmente und Collagen dieser Installation verbinden die verschiedenen Abteilungen, Historisches, Aktuelles, Künstlerisches, untereinander. Die verschiedenen Ausstellungen vermittelten uns die historischen Kontexte der jüdischen Bürgerinnen und Bürger vor der Shoa. Eine nachdenklich stimmende Sonderschau „Eine Nacht und ein Tag“ war den Ereignissen in den 24 Stunden des Tages des Pogroms im November 1938 gewidmet.

 

Mit vielen Eindrücken und Fragen besuchten wir das Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde, wo uns Herr Moshkowits empfing. Eine nachdrückliche Beschreibung der orthodoxen Orientierung dieser Hauptsynagoge und ihrer Gemeinde stellte eine geeignete Einführung in den Erev Shabbat-Gottesdienst dar. Aktuelle Fragen, wie die Repräsentanz der verschiedenen Richtungen innerhalb der Jüdischen Gemeinschaft, die Zuwanderung aus Russland, aber auch die Stellung der Frau in der Gemeinschaft, ihre Möglichkeiten in Theologie und Gottesdienst, wurden ebenfalls berührt.

 

In der Prinz Eugen Straße war von 1938 bis 1942 das „Büro für Jüdische Auswanderung“ untergebracht. In diesem Haus haben sich viele beschwerliche Szenen für die jüdischen Menschen des Landes abgespielt. Hier hat aber auch die Niederländerin Getruida Wijsmuller-Mejer Adolf Eichmann aufgesucht und ihm die Erlaubnis zum rettenden Abtransport jüdischer Kinder abgehandelt. Dafür musste der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Desider Friedmann seine Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Eichmann redete ihn nur verächtlich mit „Jude Friedmann“ an. Auch den Spuren von Rosa Rachel Schwarz, der Sozialarbeiterin der Jüdischen Gemeinde, und denen anderer Personen gingen wir nach. Das Gebäude des damaligen Gemeindehauses ist erhalten geblieben, aber die Shoa hat überall schmerzhafte Narben hinterlassen.

 

Erkundungen in den verzweigten Flügeln und Höfen der Hofburg, in den Kirchen im Zentrum des Erzbistums Wien, aber auch im Café Central, und schließlich in den verschiedenen jüdischen Abteilungen des Zentralfriedhofes machten uns auf ständig neue Facetten jener Zeit der Shoa aufmerksam, in welcher die gute Tradition der Aufklärung in kürzester Zeit zunichte wurde, Unmenschlichkeit als Maß aller Dinge funktionierte und der einzelne Mensch nichts galt.

 

Bild: Jüdische Abteilung des Zentralfriedhofes

 

Eine Begegnung am Rande mit dem früheren Lehrstuhlvertreter für Systematische Theologie, nun Professor seines Faches an der Wiener Evangelischen Fakultät, Herrn Danz, war uns allen eine sympathische Abwechslung.

 

Die vielen Eindrücke vor Ort ließen die Frage immer dringlicher werden, wie dies im Unterricht zu vermitteln sei.