Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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RELIGION UND ZEITGESCHICHTE

Excursion des Faches Evangelische Theologie an der Universität GH Essen nach Großbritannien,
22.-31. Juli 1998

von Direktor Dr. Herbert Schultze

ALLGEMEINES

Die Excursion wurde, abgesehen von kleineren Modifizierungen (z.B. Austausch einzelner Daten) entsprechend der Planung durchgeführt. Dank der Bereitschaft der qualifizierten Gesprächspartnerinnen und -partner sowie der engagierten und gründlichen Mitarbeit von Teil-nehmerinnen und Teilnehmern konnten sinnvolle Arbeitsergebnisse zum Excursionsthema und Fragestellungen zur anschließenden Arbeit daran erzielt werden.

Die Ergebnisse des Studientages im Institute of Contemporary History/Wiener Library über Clara Grunwald werden - in Zusammenarbeit mit weiteren Komilitoninnen und Komilitonen - mit der Erstellung einer Arbeitshilfe fortgesetzt werden. Als Gemeinschaftsprojekt zwischen unserem Fach an der Universität Essen und dem Londoner Institut ist eine weitere Arbeitshilfe zu den Transporten jüdischer Kinder aus Deutschland 1933-1939 geplant. (Fertigstellung zum Herbst 1999)

 

MITTWOCH, 22.Juli 1998: Das Londoner East End als exemplarischer Ort der Zeitgeschichte - Greenwich und Themseufer als Orte von Deutungen

In der ‘Battle in the Cable Street’ mußte die antisemitische Demonstration der ca 3000 britischen Faschisten unter Sir Oswald Mosley im Oktober 1936 vor 10.000 jüdischen Bewohnerinnen, Bewohnern und ihren Freunden kapitulieren. Wir studierten Spuren von der Zeit der Hugenottischen Einwanderer über diejenigen der jüdischen Bevölkerungen bis in der jüngste Zeit und nun der starken Population aus fernöstlichen, muslimischen Ländern, besonders Pakistan und Bangladesh. Erkundungen, zeitgeschichtliche Überlegungen und photographische Aufnahmen u.a. von architektonischen Charakteristika, Hausbau, Kirchen, Synagogen und Moscheen und der Lage des Viertels zu den Docks - früher Landeplatz von Einwanderern und zugleich Arbeitsplatz für die Neubürger.

Greenwich mit seinem Meridian und der Sternwarte, einst Orientierungspunkt für die Schiff-fahrt, als ehemaliger Sitz der Admiralität politisch und kulturell (Wrens Architektur) einfluß-reich; wirtschaftlich die Privilegien der Lage nutzend, z.B. der Markt und seine (s. Inschrift) religiös begründete (abgesicherte?) Moral. Vergleich der Märkte im Eastend und in Greenwich bezüglich sozialer Schichten und ihrer Abhängigkeit bzw. Unabhängigkeit-sowie dessen, was die ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen daraus machten. Der ‘Milliennium Dome’ an der Themse - ein Versuch das zuende gehende Jahrhundert und die Wende von diesem in ein neues Jahrtausend umfassend zu deuten; das WIE ist noch offen.

 

DONNERSTAG, 23.Juli 1998: Birmingham - Westhill RE Centre - Eine Initiative fast aller Freikirchen zu qualifizierter Lehrerbildung im Land der Established Church, fortgesetzt über Phasen von Ökumene und Dialog in einer zeitgemäßen Didaktik der Kulturen und Religionen - Besuch in einem Gurdwara, Tempel der Sikh-Religion. Gesprächspartner: Mr Geoff Teece, Direktor des Centre.

Die durch Industrie und Handel (Messeplatz) geprägte Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben stark zerstört. Um wenige erhaltene Gebäude herum, nämlich die Kathedrale im palladianischen Renaissencestil, das einem (riesigen) griechischen Tempel nachempfundene Empire-Rathaus und wenige Gründerzeithäuser, wurde die Innenstadt in massigem Beton wieder aufgebaut. Die Einwandererwellen aus dem gesamten Commonwealth seit den 60er Jahren waren hier stärker als irgendwo sonst im Vereinigten Königreich. Widerspruch gegen die Warnungen des Konservativen Enoch Powell (durch die Fremden drohten „Ströme von Blut") kam vor allem aus Brimingham und seinen Vorstädten.

Die frommen Weißen realisierten zu spät, daß es sich bei den Gruppen aus der Karibik un andern um christliche Schwestern und Brüder handelte. Doch schnell begann die ‘multikulturelle Gesellschaft’ hier gut zu funktionieren. Wichtigstes treibendes Moment war der Agreed Syllabuses von 1975 und sein Handbuch „Living together", in welchem erstmals in der Geschichte europäischer Schulpädagogik und Religionspädagogik von den reception classes (3.-5.Lebensjahr) bis zu den Schulabschlußjahrgängen (16+) durchgängig Menschen anderer Kulturen, ihre Lehren und Lebensweisen in den Unterricht einbezogen wurden.

Im Gurdwara, dem - wie uns gesagt wurde - „schönsten außerhalb des Punjab" wurden wir gastlich empfangen, besuchten eine Zeit lang die immerwährende Anbetung und Lesung aus dem Granth Sahib, der Heiligen Schrift und Hymnensammlung der Sikh-Religion, empfingen jede und jeder etwas prasad und diskutierten anschließend mit einem Vertreter dieser Gemeinschaft. Die Lehre von der göttlich gewollten Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Geschlecht, Rasse und Religion wird von den Anhängern täglich in den Gesellschaften, in denen sie leben, herausgefordert.

Das Nachgespräch mit Geoff Teece war u.a. der Frage gewidmet, wie Offenheit gegenüber anderen mit dem Erwerben einer eigenen Überzeugung didaktisch zu vermitteln sei. Die Frage einer Zukunft religiöser Bildung scheint zunehmend in Spannung zu den Intentionen der Politikerinnen und Politiker zu stehen, eine ruhige Gesellschaft per Staatsbürgerkunde-Unterricht zu gewährleisten. Die Wechselbeziehung zwischen Religion und politisch-gesellschaftlichen Kontexten wurde deutlich.

 

FREITAG, 24.Juli 1998: The National Society’s RE Centre am Londoner Südufer der Themse, Gesprächspartnerin: Mrs Alison Seaman, stellv. Direktorin des Centre - Studium der reichhaltigen Sammlung von Curricula, Lern- und Lernmitteln: kind- und jugendgemäße Zugänge zur Thematik als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen.

Auch unter veränderten Gegebenheiten bleiben die in der englischen Aufklärung entwickelte Vorstellung von der „offenen Gesellschaft" und der im 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts aufgekommene phänomenologische Ansatz in Religionswissenschaft und Religionspädagogik weiterhin wirksam. Nähe zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler und Flexibilität von Lehr- und Lernmitteln für unterschiedliche Praxissituationen scheinen es zu erleichtern, positive Ansätze aus der Gesellschaft aufzunehmen, problematischen kritisch zu begegnen.

Durch Kensington Gardens und Hydepark und entlang der Bayswater Road (über den niederländischen Offiziersclub des 2.Weltkrieges und einen römisch-katholischen Konvent, der dem Andenken von mehr als 100 Märtyrern der anglikanischen Vorherrschaft gewidmet ist, sowie den imperialen Marble Arch) zur West London Synagogue of British Jews; Besuch des Sabbat-Eingangsgottesdienstes: Senior Rabbi Winer.

Die reformorientierte, jedoch für alle jüdischen Richtungen explizit offene Synagogengemeinde ist seit ihrer Gründung führend an der Antwort auf politische und gesellschaftliche Herausforderungen engagiert. Das gilt besonders für die Wachsamkeit gegenüber faschistischen Strömungen, die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Europa der 30er Jahre sowie Kontakte nach Ost- und Westeuropa nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Im Gottesdienst vom Oberrabbiner Winer herzlich begrüßt, folgten wir der von der Freude an dem beginnenden Sabbat in Text und Musik (Gemeinde, Chor und Orgel) deutlich geprägten Liturgie. (Siehe auch unten, 27.Juli)

 

SAMSTAG, 25.Juli 1998: Canterbury, wo gerade die Bischöfe und Erzbischöfe zu der alle zehn Jahre stattfindenden Lambeth-Conference versammelt waren - das Herz der anglikanischen Weltkirche mit seiner Chapel of the Saints and Martyrs of Our Own Time.

Individuelle Erkundungen in der Kathedrale und der Stadt und gemeinsamer Besuch des Evensongs, zugleich Einführungsgottesdienst für den höchsten Finanz- und Verwaltungs-beamten dieser wichtigen Diözese, belegten in vielen Einzelheiten, daß geschichtliche Tradition und aktuelle Treue zum Glauben in der heutigen Welt für diese Kirche von gleicher Bedeutung sind. Hinter dem Hochaltar, wo die meisten christliche Kathedralen der Welt ihre Marien-kapelle haben, wurde in Canterbury diese Kapelle Glaubenszeugen unserer Zeit gewidmet. In dem Gedenkbuch begegnen wir u.a. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Erzbischof Romero (in historischer Reihenfolge).

 

SONNTAG, 26.Juli 1998: Denkmal für Raoul Wallenberg, Retter des Lebens zahlreicher jüdischer Kinder, Frauen und Männer vor dem Holocaust in Ungarn.

Die Gestaltung dieses Denkmals schien uns dem Werk des couragierten Schweden angemessen zu sein. Beim Studium der in einem Kasten zum Mitnehmen bereitgestellten, erklärenden Flugblätter beschlich uns die Frage, ob der für die dabei verwendete Photographie gewählte Blickwinkel nicht unangemessen heroisiert, ja wenigstens zum Teil an die ideologisierende Weise des Photographierens bei Leni Riefenstahl erinnert, der Schöpferin der Propagandafilme „Triumpf des Willens" u.a. aus der Nazi-Ära.

Rituelle Tradition der anglikanischen Hauptkirche von London (nördlich derThemse) in der prächtigsten Kirche Sir Christopher Wrens: Eucharistie-Gottesdienst in der St Paul’s Cathedral.

Ebenso würdig wie routiniert steuerten die Mitarbeiter (durchweg Männer) die vielen Menschen, an die Plätze, während der Sakramentfeier zum Altar und zurück und schließlich zum Ausgang. In den Melodien macht sich die historische Entwicklung bis hin zu modernen Prägungen bemerkbar. In den Texten dieser Liturgie wurden ältere Formulierungen beibe-halten, die modernem Denken und Vorstellungsvermögen Schwierigkeiten bereiten. Guter Chorgesang und virtuoses Orgelspiel hindern einzelne Menschen nicht daran, die Versammlung Unruhe verbreitend vorzeitig zu verlassen.

Begegnung mit dem Hinduismus: Besuch des Swami Narayan Mandir in Neasden; Gesprächspartner: Mr Natuhal Patel.

Ein großes, von der Hindu-Gemeinschaft unterhaltenes Schulsystem passierend gelangen wir zu dem ausgedehnten, prächtigen Tempelbezirk. Inmitten eines geschäftigen Kommens und Gehens - viele treffen Freunde und Bekannte - begegnen wir Herrn Patel, der uns während der kommenden ca 2 Stunden ebenso aufmerksam wie freundlich und humorvoll betreut. Die unter vielfältiger Mitarbeit von Freiwilligen geschaffene Anlage enthält eine ausgedehnte, visualisierte Darstellung von Geschichte, Lehre und Riten der Hindu-Religion. Im ersten Stockwerk besuchen wir den eigentlichen Tempel mit den Schreinen der Göttinnen- und Götterbilder und begegnen zahlreichen, ihre Andacht verrichtenden Menschen, Einzelnen und Familien mit Kindern.

Herr Patel, das Urbild eines gebildeten lieben Opas auf indisch, gewinnt zunehmend Nähe zu unseren Fragen und Bemerkungen; wir wissen zunehmend seine Anleitung und Beratung zu schätzen. Wir lernen so - über geschichtliche, philosophische, kulturelle und religiöse Themen - etwas über die Relationen zwischen Religion und politischen Kontexten, in Indien, in Großbritannien und weltweit.

Unter uns sprechen wir darüber, wieweit unsere verschiedenen Partnerinnen und Partner uns - unter Hintanstellung von problematischen Einstellungen und Taten - ‘nur die Schokoladen-seite’ ihrer jeweiligen Kultur und Religion zeigen.

 

MONTAG, 27.Juli 1998: Die Große Moschee am Regent’s Park und das Islamisch Kulturelle Zentrum: Vom wahren Gottesglauben, dessen Welt und Menschen so sehr bedürfen, Frieden und Unfrieden, der Schwierigkeit, einander zu verstehen, und der entwaffnenden Kraft nachsichtiger Freundlichkeit; Gesprächspartner:  Mr M. Al.Tayib, Bildungsreferent des Zentrums

In einer Ausstellung großer Farbposter und Schaubilder wird die positive Sicht des Koran und des Islam auf alles Leben in der Natur, unter den Menschen, ihrem Tun und Lassen thematisiert. Unser Gesprächspartner bezeugt uns mit leiser Stimme und schnell sprechend sein tiefes Vertrauen zu dieser Religion. Seine Warnungen vor folgenreichen, menschlichen Irrwegen illustriert er immer wieder an Mißbrauch und unwürdiger Behandlung der Sexualität, z.B. in Werbung, dem Fernsehen usw. Haß und Unfrieden sind für ihn klar in menschlicher Taubheit gegenüber Gottes Botschaft begründet. Kritik an seiner Art der Darbietung empfindet er als streng. Das weitere Gespräch scheint ihn von unserer Offenheit zu überzeugen. Wir verlassen, jede und jeder mit dem Geschenk eines Schmuck-Korans die Moschee.

Erneuter Besuch in der West London Synagogue: Glaube und Leben in jüdischen Kontexten; Niederschlag dieser Religion in der Vermittlung von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung. Gesprächspartnerin: Ms.Angela Wood, Schulaufsichtsbeamtin, Lehrerfortbildnerin und Mitarbeiterin in dieser Synagoge.

Unter kundiger und egagierter Führung sehen wir alle Orte und Einrichtungen in Synagoge und diskutieren deren Bedeutung. Schwierigkeiten und Chancen der Vermittlung dieser Religion stehen dabei im Mittelpunkt. Unsere Erfahrungen im jüdischen Gottesdienst (s.o.) finden hier alltägliche Unterfütterung.

 

DIENSTAG, 28.Juli 1998: Zeitgeschichte und heutige Zeitfragen im Kontext rabbinischer Theologie. Gesprächspartner: Rabbiner Ernst M Stein und seine Ehefrau in Hove.

In einem tour d’horizon werden viele Fragen aspektreich angesprochen. Hinsichtlich der jüngeren Geschichte kommt am Beispiel des schwierigen Exils in Shanghai das Phänomen in den Blick, daß einige der Verfolgten diese Zeit nachträglich viel positiver schildern, als sie diese erlebten. Die Aufgabe der Schulen erscheint nicht ganz einfach, wenn wir die Erwartungen von religiösen Institutionen neben gesellschaftliche Realitäten und die komplexen menschlichen Strebungen halten.

Diskursiv wird das Jefferson-Amendments besprochen. Ist es gut, wenn entsprechend diesem Zusatz zu der Verfassung der USA dezidierte Lehren einer bestimmten Religion nicht in die Schule hineingetragen werden? Soll nicht - auf welche Weise auch immer - Kindern und Jugendlichen zu einer Orientierung geholfen werdLiegt hier nicht deshalb eine Aufgabe der Schule(n), weil Eltern und Religionsgemeinschaften damit oft überfordert sind? Bleibt dennoch eine Gefahr, daß Institutionen der Religion einen evtl. schulischen Auftrag für ihre eigenen Interessen mißbrauchen?

Es geht weder um Privilegien der Religionen in der Schule noch um das Weitergeben schulischer Aufgaben an die Religionen. Die Religionen haben im jeweils eigenen Raum hinreichend zu tun. Doch bleibt die Frage offen: Haben die Religionen früher und heute verstanden, was ihre Aufgabe in der Gesellschaft ist?

Lewes: East Sussex County Hall, Education Department: Die Aufgabe öffentlicher Schulen in der Vermittlung religiöser Inhalte; Vorbereitung dieser Aufgabe in Lehrplanentwicklung und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Gesprächspartner: Mr Roger B Howarth, Schulaufsichtsbeamter, Mitglied von OFSTED, der Einrichtung, die in nationalem Rahmen die Qualifikation der Schulen zu prüfen hat.

Lehrpläne und Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern unterliegen einem ständigen Prozeß. Die gesetzliche Vorgabe (nach dem Bildungsreformgesetz von 1988) schließt die Förderung der spirituellen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern ein. Was zunächst ähnlich wie in den meisten Bundesländern klingt, sieht im Licht der Tatsache, daß konfessionelle Prägung des Unterrichts ausgeschlossen ist, völlig anders aus Erfahrungen der vergangenen fünf Jahre in den Schulen East Sussex’ deuten darauf hin, daß die geltenden Lehrpläne den Bezug auf kindliche und jugendliche Lebenswelt beibehalten sollten, in einige Begriffen und Vollzügen der Religionen (Plural!) ist mehr Präzision und Konkretion erforderlich.

 

MITTWOCH, 29.Juli 1998: Studientag in der Wiener Library/Institute of Contemporary History: Die Geschichte und gegenwärtige Situation der Einrichtung belegt, daß vieles noch aufzuarbeiten ist. Die Erfahrungen der Bildungsarbeit mit Studentinnen und Studenten,Schülerinnen und Schülern belegt, daß Unterricht über den Holocaust um so besser aufgenommen wird, wenn er die Lebenskontexte mit vermittelt. Ein Gang durch die Archive und unser - nur begrenzt erfolgreicher - Versuch mit den Schätzen dieses Hauses zu arbeiten, belegt, daß unser Vorhaben zu Calara Grunwald (und später zu den Kindertransporten) nur ein kleiner Beitrag zu einer großen Aufgabe sein kann; daß es aber a) vieler solcher Beiträge bedarf und b) alle Forschung vor ihrem Ziel Halt macht, wenn nicht auch die Aufgabe der Umsetzung und Vermittlung angegangen wird. Das ist bei einer Arbeitshilfe für den Unterricht der Fall. Gesprächspartnerin: Dr Jo Reilly, Bildunsreferentin der Wiener Library und Dozentin an der Universität Porthmouth.

Das Referat von Dr Reilly und das Gespräch mit ihr haben Erfahrungen und Perspektiven zu zeitgeschichtlicher Arbeit vermittelt. Eigene Recherche-Ansätze unserer Excursionsgruppe zu Clare Grunwald haben geleistete Vorarbeiten und Vorüberlegungen als sinnvoll erwiesen, für die Weiterarbeit die Präzisierungen bezüglich Orten, Zeiten, Handlungen und Reaktionen deutlich gemacht.

 

DONNERSTAG, 30.Juli 1998: Chichester: In dieser Stadt und Diözese hatte Dietrich Bonhoeffer in Lordbischof George Bell einen Freund und Gesprächspartner über die Ökumene der Christen und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus gefunden. Die fortgesetzte ökumenische Tradition ist auch im Evensong mit einem Männerchor aus Texas dokumentiert.

Neuere englische Forschungsarbeiten über George Bell (eine umfassende Biographie; eine Monographie über sein Verhältnis zu den deutschen Kirchen) belegen das wache Interesse an der Zeitgeschichte. Zwei große Wandteppiche aus den letzten Jahrzehnten und ein Glasfenster Chagalls über die Botschaft des 150.Psalms (und anderer Psalmen) in der Kathedrale deuten Glaubensbewährung und Gotteslob mitten in der heutigen Welt. Die Tradition der Bischöfe von Chichester, in das politische Geschäft einzugreifen, hat noch kein Ende gefunden. Die letzten Inhaber der Amtes des Dean an der Kathedrale wurden in den Sandsteinverzierungen am Bau getreu dargestellt. Keine Kluft trennt das Sakrale und das Weltliche.

 

FREITAG, 31.Juli 1998: Royal Academy of Arts: Gemälde Marc Chagalls aus den russischen Jahren (1914-1922): „Love and the Stage"

Die frühen Bilder seiner Liebe zu der Kinderfreundin Bella, die Chagall heiratete, sind zärtlich und visionär zugleich, aber auch verflochten mit der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Rußland nach der Oktoberrevolution. Die großen Wandbilder für das Jüdische Theater sind für die Wiedereröffnung und die ersten Aufführungen geschaffen worden, nachdem der Bann durch die Zarenherrschaft neuer Freiheit gewichen war. Die vielfältigen malerischen Deutungen von jüdischen Hochzeiten und anderen Festen dokumentieren das Licht nach dem Schatten des politischen Antisemitismus.

In einem der ersten Sowjets war Marc Chagall Kommissar für die Kultur. Von ihm gemalte Propaganda-Poster finden sich in dieser Ausstellung, darunter jenes über „Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Als der Umschlag des Pendels nach der anderen Seite kam, war Chagall längst nach Frankreich zurückgekehrt. In den Bildern dieser Epoche bedient sich der Künstler in großer Freiheit recht verschiedener Stile. Diese Bilder sind außerordentliche Zeugnisse zum Thema Religion und Zeitgeschichte.


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Last modified: Mai 07, 2007