Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-04-05

EIN  ZELT  UND  DIE  INKULTURALISIERUNG

Die beiden Preisträgerinnen des INTR°A Projektpreises 2005 für Komplementarität der Religionen

 

"Abrahamszelt" in Ramle/Israel

und

"Multikulturelle Spirituelle Betreuung" in den Niederlanden

 

Laudatio

von Herbert Schultze, Professor an der Universität Duisburg-Essen

18. September 2005

 

1.Manches ist getan - vieles bleibt zu tun.

Die Verleihung des INTR°A Projektpreis für Komplementarität der Religionen 2005 ist Anlass zur Freude. Die Wahrheit, dass die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen einander komplementär sind, wird durch den Verein "Abrahams-zelt" und die Initiative "Multikulturelle Spirituelle Betreuung" in Praxis und Theorie verwirklicht. Ein Anlass zur Freude, kein Anlass, auf dem Erreichten auszuruhen. Das Abrahamszelt in Ramle in Israel und die Multikulturelle Spirituelle Betreuung in den Niederlanden fördern die Komplementarität der Religionen statt sich auszuruhen. Mitglieder, Vorstand und Sponsoren der Interreligiösen Arbeitsstelle INTR°A werden auch in Zukunft Einrichtungen und Menschen entdecken, die diesen Projektpreis verdienen.

Die Preisträgerinnen dieses Jahres hatten ebenso wie ihre Vorgänger die Wahl. Die Wahl, die eigene Religion durchzusetzen oder für Menschen mit anderen Überzeugungen offen zu sein. Von beiden Preisträgerinnen hat die Jury vernommen, dass ihre Offenheit auch Menschen gilt, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung mit Religion nichts am Hut haben. Alle bisherigen Preisträgerinnen lehnen rechthaberisches, aggressives und menschenverachtendes Beharren auf Mythen des Eigenen ab. Das ist der Jury wichtig.

 

2. Verschwörungen am 11. September 2001, 11. März 2003, 7.Juli 2005 - oder New York, Madrid, London - oder 9/11 - 3/11 - 7/7

Eine Verschwörung gegen den Rest der Welt tritt in Jahrhunderten unterschiedlich auf. Die Köpfe hinter Renaissance und Humanismus, LEONARDO DA VINCI und ERASMUS, verkünden die Freiheit der Menschen. Die Männer und Frauen der Französischen Revolution und des Mayflower-Paktes verbinden ihr Freiheitsideal mit dem Traum von einer neuen - menschlicheren - Menschheit. KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS greifen zu diesem Ziel die ökonomischen Strukturen an. JOSEF STALIN beerbt den humanistisch gesinnten LENIN, wählt die Inhumanität. Er will die Entwicklung zum Besseren beschleunigen und verbreiten. Er ahnt nicht, dass ein Mann aus dem niederösterreichischen Inntal, ADOLF HITLER, mit Gesinnungsgenossen und "willigen Helfern" (JONAH DANIEL GOLDHAGEN) ihn längst übertrifft, im Ersinnen von Verfolgungen, Torturen, industriellen Tötungen.

 

Das weltweite "Nie wieder" von 1945 ist nicht stark genug, um weitere Exzesse der Unmenschlichkeit zu verhindern. Ein neuer Typ von Verschwörung gegen den Rest der Welt wird ersonnen und mit dem verklärenden Mantel der Religion verhüllt. Die 19 Männer in den vier Flugzeugen des 11. September berufen sich auf den Islam. Die Verbrecher des 11. März in den Zügen von Madrid und diejenigen vom 7. Juli 2005 in London folgen der einmal gelegten Spur. Sie nähren das Missverständnis, der Islam sei ein gewaltbereites System. Der Philosoph JÜRGEN HABERMAS fügt seiner Botschaft von der alle menschliche Kommunikation entscheidenden Vernunft die Forderung nach Offenheit für Religion hinzu. Kirchenvertreter und andere religiöse Repräsentanten jubeln. Freuen sie sich mit Recht? Oder huldigen sie einem Mythos, wie es die Kinder Israel in der Wüste mit ihrem Tanz um das goldene Kalb taten?

 

3.Positives Denken macht offen für andere. Die Wiedergeborenen in allen Religionen sind gefährlich.

JALIL SCHWARZ aus Ramle leidet unter der Entwicklung, die Israel und Palästina eine unüberwindliche Trennung beschert, von den einen "Zaun", von den anderen "Mauer" genannt. Er entscheidet sich gegen die Verzweiflung, die anderen und sich selbst mit einer Bombe das Lebenslicht ausbläst. Er wählt den Bau eines Kindergartens, eines Gymnasiums, eines gemeinsamen Zentrums für Menschen aus drei Kulturen und Religionen.

 

ARI VAN BUUREN, seine Kolleginnen und Kollegen in zentralen Kliniken in Utrecht, Amsterdam, Den Haag und anderen Orten haben Furcht. Sie fürchten unter anderem die Islamophobia, die Angst vor dem Islam. Sie fürchten Fremdheit zwischen Hindus und anderen Religionen und Weltanschauungen. Zusammen mit seinem keiner Religion verbundenen, humanistischen Kollegen ALPHONS VAN DIJK schreibt ARI eine Charta für die Multikulturelle Spirituelle Betreuung von Patienten. Die letzten Tage eines sterbenden Kindes, die Gedanken und Gefühle seiner leidenden Eltern sind für die spirituellen Betreuer der Patienten wichtiger als Beharren auf der eigenen Tradition. Sie treffen eine Wahl für die Menschen, gegen diskriminierendes Pochen auf das Eigene.

 

Kein Mensch in den preisgekrönten Aktivitäten will den eigenen Glauben verstecken. Die Option für die anderen ist keine gefühliges "Seid umschlungen". Es ist einfacher, auf die Richtigkeit der eigenen Religion zu pochen. Es ist auch leichter, die Überzeugungen der anderen und die eigene in einen Pott zu werfen, und so alles zu entwerten. Für das Abrahamszelt und die Multikulturelle Spirituelle Betreuung kommt das nicht in Frage. Anders einige Protagonisten im Kampf gegen den Terror.

 

Der "wiedergeborene" amerikanische Präsident steht mit seinem "Krieg gegen den Terror" dem jungen, "wiedergeborenen" Muslim aus Pakistan gegenüber, der mit seiner Bombe andere und sich selbst in einer Londoner U-Bahn umbringt. Es gibt Leute, die diese beiden für kongenial, einander ebenbürtig halten. Jedenfalls ist ihre Wahl anders ausgefallen als die Wahl der Menschen, die nun den Preis für Komplementarität der Religionen 2005 erhalten. So fromm wie der amerikanische Präsident als Christ leben möchte, so fromm wie jener junge Pakistani on London Underground muslimische Existenz verwirklichen will, so fromm dünkt sich der aus Amerika eingewanderte Jude BARUCH GOLDSTEIN, als er zu den Klängen des Shir ha-Shalom, des Friedensliedes in Israel den Premierminister JIZCHAK RABIN umbringt.

 

Die Juden, die in Utrecht und in Ramle mitarbeiten, treffen eine andere Wahl. Auch die Buddhisten, die in der Multikulturellen Spirituellen Betreuung mitwirken. Ihre Wahl geschieht für die Menschen. Die Buddhisten, die in Myanmar die tapfere AUNG SAN SUU KYI in Arrest halten und das Land mit harter Hand regieren, haben sich für das Rechthaben und gegen die Menschen entschieden. Jene Buddhisten, die in Sri Lankas Norden die für die Tamilen schlechteste, politische Lösung erzwingen, sind für abstrakte Mythen und gegen das freie Atmen der Betroffenen.

 

4. Alle Religionen stellen vor die Wahl für oder gegen die Menschen.

Die Falle des menschenverachtenden Tuns droht nicht nur Anhängern des Islam. Die Preisträgerinnen 2005 der INTR°A und die für sie tätigen Personen zeigen, dass diese Falle die Angehörigen aller Religionen bedroht. JALIL SCHWARZ ist Arabisch sprechender orthodoxer Christ. Er gehört zu den vielen, vielen Menschen auf diesem Erdball, deren Leben in jungen Jahren gerettet, sie aber zugleich ihrem ursprünglichen Glauben entfremdet wurden. Ohne Gram und Grimm gegen irgendjemanden hat der Friedenskoch JALIL die Treue zur alten Religion  u n d  Offenheit für die anderen gewählt. Er will, dass jüdische, christliche und muslimische Mütter bestimmen, wie es in dem Abrahamszelt in Ramle zugehen soll.

 

Ein anderer orthodoxer Christ, RADOVAN KARAZIC, hatte sich entschlossen, mit Helfern seiner serbischen Truppen, vor den Augen der UNO-Soldaten aus den Niederlanden, in Srebrenica Tausende muslimischer Männer und Knaben umzubringen. Vorher und nachher hat er sich in öffentlichem Gottesdienst von dem Patriarch Pavle die Eucharistie reichen lassen. Auch der hochwürdige Pavle hatte seine Wahl getroffen. - gegen die Menschen, für den Mythos des eigenen Volks- und Kirchentums.

 

Die Preisträgerinnen 2005 des INTR°A Projektpreises für Komplementarität der Religionen haben die Realität der Menschen gewählt und den fernen Mythos der eigenen Tradition abgelehnt. Sie sind der eigenen Religion treu.

 

5. Treue zum Eigenen macht frei zur Offenheit gegen andere.

Der Philosoph JEAN PAUL SARTRE wäre im Juni 2005 hundert Jahre alt geworden. Auf den Streit um den Mann, der über Grundfragen nachdenkt, sich in Tagespolitik einmischt und in Theater und Film versucht, gehen wir hier nicht ein. Dieser Mann deutet die Schicksale der Menschen im zweiten Weltkrieg und danach. Alle sind verurteilt, die eigene Freiheit selbst zu schaffen. Viele sagen, dass Not und Zwang von außen ihr Verhalten zu anderen bestimmt. "Ausreden!", meint SARTRE. In seinem Drama "Die Fliegen" ruft Orest aus: "Ich bin meine Freiheit!" Die Menschen des Abrahamszeltes und der Multikulturellen Spirituellen Betreuung nehmen ihre Freiheit in die eigene Hand. Die Freiheit macht sie offen für die Menschen mit anderen Überzeugungen.

Die Spirituellen Betreuerinnen und Betreuer der Patienten in den Niederlanden begegnen einem kranken oder sterbenden Menschen. Sie vernehmen die Überzeugung der Menschen anderer Religion. Sie stellen ihre eigene religiöse Sicht auf die Probe. Das ist kein einfaches Unternehmen. Sie wählen die Freiheit. Sie machen es sich und den anderen nicht leicht. Sie schlagen einander nicht mit Worten. Die Verschiedenen ringen gemeinsam um den einen Patienten, das Kind, die alte Frau, den Mann in seiner Blüte, sie alle an der Grenze des Lebens. Aus verschiedenen Religionen und nicht religiösen Anschauungen treffen sie auf die Bemühungen der Medizin um diese Menschen.

 

 

6.Von multikultureller Arbeit zur Inkulturalisierung.

Sie wählen für sich selbst die Freiheit. Sie gestehen denen, die anders denken und glauben, ihre Freiheit zu. ARI VAN BUUREN und ANPHONS VAN DIJK nennen dies Zusammenwirken von Menschen verschiedener Kultur und Religion "Inkulturalisierung". "Multikulturell" ist ein Zustand, etwas Gegebenes, und "multikulturelles Arbeiten" ein Ja zu dem Gegebenen. Allerhand! "Inkulturalisierung" geht über das Gegebene hinaus, ist zielgerichtetes Tun, die Verwirklichung eines Planes in der Gegenwart für die Zukunft. Das bringt jene Initiative in die Professionalisierung von Imamen des Islam, Pandits der Hindu Religion, Rabbis des Judentums, christlichen Theologen und säkularen Humanisten ein.

 

Die Preisträgerinnen des Jahres 2005 erscheinen im Spiegel der Preisträgerinnen der früheren Jahre. MILE PRERAD, der Bildhauer, legt Hand an, oder die Motorsäge. Geht mit seinem Entschluss zur Versöhnung der Verschiedenen - gefragt und ungefragt - zu den Vertretern der Religionen und zu den jungen Menschen, die er mittun lässt. Das Institut für Interreligiöse Pädagogik riskiert mit Kindern und Jugendlichen, die noch auf dem Weg sind, fröhliches Fragen und Erproben im Alltag. RABEYA MÜLLER und das Team in Köln geben Frauen den Weg frei, die auch im 21. Jahrhundert oft genug auf Barrieren stoßen. Das Team um GNANA ROBINSON übt mit Menschen in den meisten Staaten der Indischen Union Frieden zwischen den Religionen. Die Berliner Initiative der Religionen und Weltanschauungen um RUTHILD HOCKENJOS und BARBARA BECKER spannt einen weiten Bogen, der Vertreterinnen und Vertreter des säkularen Humanismus einschließt. Das österreichische "Pilgrim" Projekt von JOHANN HISCH und Vertretern der wichtigen Kulturen im Lande fügt das Ziel der Nachhaltigkeit in den interreligiösen Kontext zahlreicher Schulen ein. JACOB SCHONEVELDs Lernprogramm für jüdische, christliche und muslimische Kinder und Jugendliche "Living in the Holy Land" bringt dies brennende Problem jungen Menschen aus den in Israel/Palästina beheimateten Kulturen nahe.

 

Die niederländischen Pioniere der Inkulturalisierung entwickeln die Theorie ihrer Aufgabe weiter als dies bisher vorliegt. In der Praxis wird diese Theorie von Patientinnen und Patienten, Betreuerinnen und Betreuern erfahren und so existenziell erprobt. Theorie und Praxis bringen die Komplementarität der Religionen der Wirklichkeit näher. Die Inkulturalisierung geschieht nicht in der behüteten Sonderwelt einer oder mehrerer religiöser oder weltanschaulicher Gemeinschaften. Die Spirituelle Betreuung antwortet der Herausforderung durch Krankheit und Sterben - mitten in der Gesellschaft, in den zum Teil hoch spezialisierten Kliniken, mit ihren vielfältig qualifizierten Ärztinnen und Ärzten, Schwestern und Pflegern, Laborantinnen und Laboranten, Technikerinnen und Technikern. Deshalb "Inkulturalisierung" - ein Weg, die Komplementarität der Religionen in der Öffentlichkeit zu verwirklichen. Um JOHN RAWLS und den ihm folgenden, von gutmeinenden Frommen so missverstandenen JÜRGEN HABERMAS, zu zitieren: Religiöse und weltanschauliche Prozesse müssen zu diesem Ziel in den öffentlichen Raum aller Bürgerinnen und Bürger "übersetzt" werden. Die Menschen des Abrahamszeltes und der Interkulturalisierung leisten diese Übersetzung in die Lebenswirklichkeit ihrer Gesellschaften. Ein Anlass zur Freude.