Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2008-03-12

INDIEN, SEINE MENSCHEN UND TRADITIONEN

Intensiv-Blockseminar im Institut für Evang. Theologie

der Universität Duisburg-Essen, FB Geisteswissenschaften

19.-20. Oktober 2007

Special Guests:

Professor Marc Katz, Karlstad/Schweden u. Benares/Indien

und Primarstufenlehrerin Susanne Theußen, Alpen

 

 

Bericht der Arbeitsgruppe "Indien, seine Menschen und Traditionen"

(Debora Ehritt, Robert Flühr, Katharina Karp, Denise Peukert, Daniel Rippkens, Jessica Rodemann, Kathrin Spalink, Evelyn Wagner, Christian Wiezorrek, Linda Wohlbrecht mit Prof. Dr. Herbert Schultze)

Photos: Kathrin Spalink

 

 

1. Friede als gemeinsames Ziel - Der einzelne Mensch bewahrt im kosmischen Universum

Die Botschaft der Schiiten vom Frieden, gefeiert mit allen Gruppen und religiösen Gemeinschaften der Gesellschaft von Benares.

 

Am 15. August 2007 feierte Indien die 60.Wiederkehr des Tages seiner Unabhängigkeit. Aus diesem Anlass haben die Präsidentin Indiens und der Premierministers des Landes, Mr. Singh, über die politischen und gesellschaftlichen Ziele des Landes und seiner Menschen gesprochen. Am Beginn unseres Seminars hörten wir Zitate aus den beiden Reden. Sie handeln von den Idealen der indischen Demokratie.

 

Wir hören diese Zeugnisse in einem nicht länger auf Beton-Glas-Improvisation begrenzten Raum der Hochschule. Katharina Karp und Linda Wohlbrecht aus unserer Arbeitsgruppe, assistiert von Kathrin Spalink, haben den Raum indisch gestaltet. Unter Baldachinen großer, farbiger Stoffbahnen hängen farbenprächtige Tücher aus Indien. Auf den Tischen wiegen sich Blütenköpfe zusammen mit Schwimmkerzen im klaren Wasser in gläsernen Schalen. Schokolade, andere Leckereien und duftende Räucherstäbchen auf den Tischen machen das indische Flair komplett.

 

      

Stellwand von Susanne Theußen            indisches Schmucktuch

 

In diesem Umfeld zitieren wir das Selbstverständnis indischer Politik. "Wir haben viel erreicht," stellt Mr. Singh in seiner Rede an das indische Parlament fest, "aber wir haben noch eine gute Wegstrecke vor uns, bis wir sagen können, wir haben den Traum des Mahatma Gandhi erfüllt und  die letzte Träne vom Antlitz des Ärmsten der Armen abgewischt."

 

Der erste Film, den Marc Katz uns zeigt, heißt "Benares Muharram". Er erzählt die Geschichte vom Matyrium Imam Alis und seiner Getreuen, Männer, Frauen und Kinder. Die Geschichte wird in Prozessionen junger Männer der schiitischen Gemeinschaft von Benares - bis heute - Jahr für Jahr wiederholt und verkündet. Die jungen Männer geißeln ihre bloßen Oberkörper. Das ist auch im Dokufilm nicht einfach anzusehen. Der Sprecher erklärt den Brauch: Nie wieder sollen Menschen einer Religion Menschen anderer Gruppen Leid zufügen. Dieser Entschluss beseelt die Männer mit ihren Freunden, Jahrhunderte später mitten in Indien.

 

Mit den Schiiten feiern Sunniten, aber auch Hindus den 10.Tag des Monats Muharram. Sie alle vollziehen Riten, die in den ersten Tagen des islamischen Jahres auf das Fest hinführen. Wer eine der Prozessionen von welchem Haus oder Grundstück aus leitet, das wird wie alle anderen Rollen der Muharram-Feiern einvernehmlich bestimmt. Oft ist ein und dieselbe Familie seit Generationen für eine Aufgabe zuständig. Die Schornsteinfegerinnung die Töpfer und andere Gilden übernehmen die Verantwortung für das kunstvolle Erbauen des Modells einer Kuppel - einer Taziya - und für das festliche Geleit dieser Taziya durch die Straßen der Stadt.

 

Jedes Jahr legen Familien Ehre ein mit der kostbaren Gestaltung ihrer Taziya. Sie ist ein Symbol des Friedens. Sie steht für das Ziel der Gemeinschaft, dass die Gewalt für immer ein Ende haben soll. Die Menschen aus allen anderen Gemeinschaften der Stadt bilden ein Spalier am Weg des kostbaren Symbols. Aus verschiedenen Religionen treten sie für den Frieden ein, den die schiitischen Muslime verkünden - einen Frieden, der den Sunniten und den Hindus der Stadt genauso gilt - und von ihnen in gleicher Weise bejaht und getragen wird.

 

Wir sehen all dies mit den Augen des Autors Marc Katz, und mit den Gedanken seiner indischen Berater und Zeugen. Er lässt sich auf unsere aus europäischer Sicht kommenden Fragen ein.

 

   

Im Gespräch: Katharina Karp, Sandesh Singh und Marc Katz

 

Nach dem Gespräch über den Muharram-Film vereint uns ein von Jessica Rodemann, assistiert von Evelyn Wagner, ayurvedisch zubereitetes Abendessen mit zahlreichen, leckeren Gängen.    

 

Der Tag klingt mit einer Kleingruppenarbeit an Tischen und ihrer Auswertung im Plenum über eine im indischen Leben sehr beliebte Praxis aus. Unter der Leitung von Katharina Karp studieren wir ein original indisches Horoskop, das für den männlichen Nachkommen einer Familie aufgrund der Lage der Gestirne zur Zeit seiner Geburt erstellt wurde. Bei durchaus unterschiedlichen Meinungen zu Horoskopen fällt uns allen auf, dass der ausführliche, indische Text recht sorgfältig gestaltet ist. Eine Kleingruppe, vergleicht das indische Horoskop mit einem von Linda Wohlbrecht ausgewählten Jahreshoroskop aus einer deutschen Illustrierte. Alle anderen Gruppen bekommen den Text auch.

 

Wir werden uns schnell darin einig, dass das Horoskop aus Indien dem betroffenen jungen Menschen und seinen Eltern immer wieder verschiedene Möglichkeiten des Handelns offen lässt. Der deutsche Text ist demgegenüber weniger flexibel, entweder droht Gefahr oder es gilt, eine Chance wahrzunehmen. Wir gewinnen den Eindruck, dass die auf alte Traditionen aufbauende Praxis aus Indien der Wirklichkeit des Lebens - auch nach unserem westlichen Verständnis - besser gerecht wird.

 

In unseren Überlieferungen hilft uns Marc Katz immer wieder mit seiner profunden Kenntnis indischen Denkens und Fühlens. Und nicht nur er - denn auf Empfehlung von Katz haben wir einen indischen Kommilitonen, Sandesh Singh, genannt Santu, für das ganze Seminar bei uns gehabt. Von beiden lernen wir, wie es kommt, dass uns die politischen und gesellschaftlichen Überlegungen von Präsidentin und Premierminister Indiens auch für unser Leben interessant erscheinen. Dass Santus kurz vor dem Abschluss des Studiums Biotechnologie steht, macht den Gedankenaustausch mit diesem Kommilitonen von weit her ergiebig.

 

Nach einer kurzen Einführung von Denise Peukert, in die von ihr zusammen mit Debora Ehritt gestaltete Ausstellung zu unserem Seminar, werden die darin zusammengestellten Daten und Fakten über das Land von ca. einer Milliarde Menschen in 30 Staaten mit 19 verschiedenen Sprachen durch die gesehenen Filmszenen, das Gespräch mit unseren Gästen und die Beschäftigung mit jenem Horoskop, Anlass zu einem Ausflug, den wir in Gedanken dorthin unternehmen.

 

In den abschließenden Gesprächen des ersten Seminartages sagt unser Gastreferent aus Schweden und Indien uns einige Wahrheiten zum ersten Mal, die wir nicht nur von ihm, sondern auch von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder vernehmen. Viele kommen deshalb auf die Hinweise von Professor Katz aus Indien zurück, weil sie uns überzeugen und die Wirklichkeit der uns vertrauten, westeuropäischen Welt durchaus treffen. Zum ersten Mal hören wir das Wort "RIT(A)", welches aus der alten, heiligen Sprache Sanskrit stammt. (Das "A", lernen wir, wird nicht gesprochen - so wie im Sanskrit auch "Buddh", nicht Buddha , und "Mandel", nicht Mandala, gesprochen wird.)

 

Leute, die meinen, Sanskrit ist eine tote Sprache, lebt nicht mehr, haben keine Ahnung. "RIT", das alte Wort lebt in den Riten, z.B. der jungen Männer, die sich um des Friedens willen schlagen. In den Prozessionen, mit denen die kunstvollen Taziyas durch Benares getragen werden. "RIT" lebt in den Melodien, die die Menschen singen, und in den Rhythmen, nach denen sie tanzen.

 

Die Vorurteile sind eine Welt - die Wirklichkeit ist eine andere. Das Vorurteil erklärt, dass die religiösen Gemeinschaften in Indien ständig miteinander kämpfen. In Wirklichkeit erleben wir, dass die Menschen aus Schia, Sunna und Hindu Dharma miteinander feiern. Das jeweils andere macht die gemeinsame Welt bunter und schöner. Das sind rites of communal inclusion = Riten, mit denen die anderen Menschen und ihre Gemeinschaften willkommen geheißen werden.

 

 

 

2. Eine uralte Geschichte, im dritten Jahrtausend lebendig wie eh und je

Die Feuerzeremonie handelt von Treue zwischen Menschen - Grundschulkinder vom Niederrhein erleben mit ihrer Lehrerin spannende Hindugeschichten und die Schönheit des Lichtfestes Diwali.

 

Am Morgen des zweiten Seminartages führt Professor Katz uns erst einmal weit weg - allerdings auf wohltuende Weise. Wenige Akkorde  indischer Melodien leiten zu einem alten Lied über, das der beliebte Sänger Ravi Shanka zusammen mit dem Beatle George Harrison neu arrangiert hat. Der Inhalt: Allen Menschen soll es gut gehen. Sie sollen möglichst wenig leiden. Diese Worte sind die Grundmelodie der vedischen Feuerzeremonie. Vedisch heißt sie, weil ihre erste Fassung in den alten heiligen Schriften Indiens, den Veden, überliefert ist. Dabei ist in Indien ähnliches geschehen, wie wir es von Europa und Deutschland kennen: Die alter Tradition hat sich in verschiedenen Generationen, z.B. in der Reformation, verändert. Dabei ist die alte Geschichte wieder jung geworden

 

Eines Tages hat jemand die indische Geschichte von den miteinander verbundenen Menschen neu geschrieben. Der als heilig verehrte Dichter Tulsidas begeistert mit seinem Werk viele Inderinnen und Inder bis heute. Er hat die Geschichte von Ram und Sita, die einander lieben, mit all ihren Höhen und Tiefen, neu erzählt. In Benares, der Stadt, in der Herr Katz an einem Studienzentrum als Professor lehrt, und in der unser indischer Kommilitone Santu seine Familie und sein Zuhause hat, hat Tulsidas vor Jahrhunderten einen Tempel gegründet. In diesem Tempel wird jedes Jahr die Feuerzeremonie gefeiert. Die Feier erinnert an die schöne Geschichte von Ram und Sita - so wie in den christlichen Kirchen zu Weihnachten an die Geburtsgeschichte Jesu erinnert wird.

 

Die Verantwortung für den Tulsidas-Tempel in Benares hat Ver Badhra Mishra. Er ist in der Stadt, an einer der fünf größten Universitäten seines Landes, Professor für Hydrologie (Wasserwissenschaft). Er amtiert als Mohant (=Leiter) des Tempels. Jeden Morgen nimmt er ein rituelles Bad im heiligen Fluss Ganges. Er betreut die Vorbereitung der Feuerzeremonie im Tempel. Schritt für Schritt wird sie nach den Schriften des Tulsidas gestaltet. Das Haus für die Zeremonie wird aus Bäumen errichtet, die Grube für das Feuer ausgehoben. Nach den alten Worten wird in der Grube das Feuer vorbereitet und schließlich unter Gesang entzündet.

 

Das alles zeigt uns der zweite Film unseres Referenten. Zusammen mit Christian Wiezorrek unterbricht er ab und zu den Film für Erklärungen. So handelt z.B. die Geschichte von Ram und Sita von einer Reise der beiden. Auf diesem Weg wird Sita entführt. Verzweiflung ergreift die Liebenden. Nach manchem Auf und Ab kann Sita auf abenteuerliche Weise befreit werden. Die beiden können ihr wieder erlangtes Glück genießen. Die Neuerzählung dieser Geschichte ist in Indien beliebt. Nahezu alle Bürger des Landes kennen sie. Sie erleben die Geschehnisse immer wieder neu.

 

Eine weitere Stufe, diese Geschichte zu erleben, bietet die Gestaltung im darstellenden Spiel. Die verschiedenen Erlebnisse, einmal in der Feuerzeremonie und im Gesang, dann wieder im Spiel auf der Bühne, im Widerstreit der guten und bösen Rollen führt uns Marc Katz' Film "Tulsidas und das Feuer der Veda" vor. Wir sehen, wie das Publikum vor der Bühne in der indischen Metropole verwandelt wird. Aus Zuschauern  werden aktive Täterinnen und Täter im Geschehen. Ein Mensch auf der Bühne leidet, schon ist eine Zuschauerin bei ihm, um Trost zu spenden. Tiergestalten begleiten die Befreiung der Entführten, Zuschauende eilen auf die Bühne und bejubeln das gute Ende.

 

Die Rollen auf der Bühne und die Zuschauer gestalten beide miteinander eine einzige Wirklichkeit. In dieser Wirklichkeit ist die damalige Geschichte von Ram und Sita enthalten. Doch genauso spiegelt sich in ihr das Leben der Menschen heute mit seinem Auf und Ab. Wir sehen im Film, dass Menschen aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften der Stadt miteinander feiern, und dabei ihre Lebenserfahrungen miteinander teilen. Sie leben den Ton, den das alte, neu gestaltete Lied am Anfang des Films uns vermittelte: Alle Menschen sollen in Frieden leben, alle sollen es gut haben. Sie sollen, wenn irgend möglich, nicht leiden.

 

An dieser Stelle half die Primarstufenlehrerin Susanne Theußen uns weiter. Sie berichtete davon, dass sie nach den geltenden Richtlinien Kinder des 4.Schuljahres in andere Religionen einführt. In diesem Zusammenhang arbeitet sie mit ihnen zum Hinduismus. Informationen zu dieser Religion veranschaulicht sie auf einigen Stellwänden und mit Artefakten (religiösen Gegenständen) auf einem Tisch.

 

Nun bekommen die Kinder Aufgaben, die ihre Erkundungs- und Gestaltungslust ansprechen. In einem Kreuzworträtsel sind z.B. Grundbegriffe zu der indischen Religion auszufüllen. Zusammen bilden sie dann das Lösungswort: "Hinduismus". In einer anderen Aufgabe steht das Lichtfest Diwali im Mittelpunkt. In diesem Ritus geht es - wie in der Feuerzeremonie - darum, dass die Menschen gut sein und es gut haben sollen. Die aus Ton geformten Öllämpchen, die "Diwas", sind Symbole für das erfahrene Glück und das Tun des Guten. An dieser Stelle bekommen die Kinder von ihrer Lehrerin Knetmasse und den Auftrag, ihre eigenen Diwas zu formen. Frau Theußen vermittelt uns dies, indem sie uns die Blätter mit den Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler austeilt und uns einlädt, die genannten Arbeiten selbst auszuführen.

 

         

„Schülerarbeiten“: Mandala                                                         Aum

 

Beim Lösen der Aufgaben treffen sich erneut die Inhalte aus dem fernen, südöstlichen Asien mit den uns vertrauten Gegebenheiten unserer Welt in Essen und dem Ruhrgebiet. Gerade wo die eigene handwerkliche Gestaltung gefordert ist, begegnen die Gedanken über Leben und Glauben anderer Menschen dem, was uns selbst in Bezug auf Leben und Glauben beschäftigt -  das, was uns wichtig ist, und das, woran wir unsere Fragen oder Zweifel haben. Auf einem Blatt z.B. ist das traditionelle Bild des tanzenden Shiwa als unvollendet skizziert. Die Aufgabe besteht darin, das im Bild Fehlende zu ergänzen. Das ist learning by doing. Beim Ergänzen des flammenden Haares des Shiwa wird die Frage wach, was an dieser Gestalt aufrichtend und was zerstörend wirken mag. Auch ohne tiefere Differenzierung hängt solche Frage mit der persönlichen Frage zusammen, was ich - als Schülerin oder Schüler - als aufbauend, und was ich als bedrohend empfinde. Wieder ist ein Zusammenklang gestiftet zwischen dem was meine eigene, christlich bestimmte Sicht von Welt und Leben ausmacht, und jenem, was Angehörige der Hindureligion von Welt und Leben halten.

 

Nach der zweiten Erkundung unseres Seminars in der vedischen Feuerzeremonie und ihren vielfältigen Facetten und der dritten Erfahrung, dem eigenen, unmittelbaren Erfahren der Schüleraufgaben, haben die dafür verantwortlichen Kommilitoninnen uns erneut mit einer ayurvedischen zubereiteten und servierten Mahlzeit Gelegenheit gegeben, das, was unsere Gedanken und Gefühle beschäftigt, physisch zu verorten.           

 

In der Pause

 

3. Alle sind eins beim Fest der Farbe, der Liebe und des Lebens

Die Offenheit der Generationen, der Jungen und der Älteren, derer, die sich gut kennen, mit jenen, die neu hinzukommen, macht das Zusammensein aller Religionsgemeinschaften erfolgreich.

 

Das Frühlingsfest der Hindus "Holi" ist Thema des dritten Films, den Marc Katz in unser Seminar mitgebracht hat. Menschen in Benares bemalen sich verschwenderisch mit roten und anderen leuchtenden Farben. Junge begegnen Älteren mit selbstverständlicher Offenheit. Neuankömmlinge in der Stadt werden ganz selbstverständlich willkommen geheißen. Die uns bereits vertraute Offenheit der Kulturen und Religionsgemeinschaften für einander wird nahezu übermütig - doch immer mit Achtung vor einander - gelebt.

 

Die dahinter stehende, alles bewegende Überzeugung wird hier noch deutlicher als in den vorangegangenen Beispielen. Alle Menschen aus den unterschiedlichen Traditionen sind in der einen umfassenden Welt zuhause. Deshalb haben sie im gemeinsamen Erleben noch lange keinen Grund, ihre aus dem Elternhaus mitgebrachte Überlieferung zu verleugnen oder gar zu verlassen. Die Bürgerinnen und Bürger in Benares, die jungen und die alten, bleiben Schiiten, Sunniten, Hindus und anderes. Sie feiern den Frühling deshalb gemeinsam, weil er in all ihren Religionen willkommen geheißen wird.

 

Sie feiern ein Fest der Farbe, zeigen einander fröhlich die leuchtend bemalten Arme. Sie sehen in dem Farbrausch ein Zeichen dafür, dass die Verschiedenen einander zugewandt sind. "Wir sind alle eins in Brahman", zitiert Professor Katz einen der Feiernden, der  offensichtlich für alle spricht. Die alte indische Weisheit, dass das Menschliche - Atman - und das Göttliche -Brahman - für einander bestimmt sind, klingt hier an. Alle stimmen zu. Sie sind einander zugeneigt. Holi ist ein Fest der Liebe. Sie sind und bleiben guter Dinge. Holi ist ein Fest des Lebens. Der Segenswunsch des alten, immer wieder neuen Liedes ist Wahrheit: alle haben es gut, alle sollen, wo möglich, nicht leiden. Die Geschichten und Erfahrungen, die uns in den zwei Seminartagen beschäftigt haben, handeln von der Wirklichkeit, die die Präsidentin und der Premierminister des Landes in ihren Reden benannt haben.

 

Die zitierten Worte können wir nach unserer Beschäftigung mit den Menschen dort ein wenig umformulieren: „Wir haben viel erreicht, aber wir haben noch eine gute  Wegstrecke vor uns. Unser Ziel ist es, den Traum des Mahatma Gandhi zu erfüllen: dass wir die letzte Träne vom Gesicht des Ärmsten der Armen abgewischt haben werden.“

 

                                            Artefakte

                                              

4. Die Ernte unseres langen Indien-Seminars in einer kurzen Notiz

 

 

Unser Indien-Seminar ist, wie geplant, eine "intensive" Veranstaltung geworden. Alle sind sich darin einig, dass uns inhaltlich und methodisch vieles beschäftigt hat. Wir haben in die Kulturen und Religionen eines großen Landes mit seinen vielen Menschen geblickt. Was die Milliarde Menschen dort angeht, was die Gedanken und Gefühle der etwa 150 Tausend Inder in Deutschland erfüllt, hat sich für uns von etwas Fremdem zu etwas Interessantem gewandelt.

 

Außer den Arbeitstexten, dem von Wolfgang Sonn edierten indischen Horoskop und dem von Mark Katz im Film mitgebrachten Chant, hat unsere Arbeitsgruppe in einem Reader Informationen und Interpretationen zusammengestellt. Auf 194 Seiten sind auch manche der Themen, die wir im Seminar nicht oder nur kurz berühren konnten, berücksichtigt. Wir haben u. a. Beiträge der Professoren Ravindra Dave und Kjell Härenstam aus früheren Veranstaltungen aufgenommen. Annika Jenssen und Jessica Rodemann haben diese Texte für uns bearbeitet. Daniel Rippkens hat alle Arbeitstexte während des Seminars hilfreich verwaltet und zugänglich gemacht.

 

Wer nach Lektüre dieses Berichts Lust hat, sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen, mag vielleicht eins der noch verfügbaren Exemplare des Readers erwerben. Sie sind im Sekretariat des Instituts für Evangelische Theologie für € 10.-- (statt Kostenpreis 12.--) zu erhalten.

 

Stand: November 2007