Universität Duisburg-Essen, Fachgebiet Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2006-04-01

Proseminar: Einführung in das Neue Testament
Dozent: Aaron Schart

Hermeneutik des NT - Der Entwurf von Peter Stuhlmacher

Stuhlmacher, Peter (1932-): Vom Verstehen des Neuen Testaments. Eine Hermeneutik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2., neubearb. u. erweiterte Aufl. 1986. ISBN 3-525-51366-6 kart, 3-525-51355-6.

vorgelegt von Miriam Einwaller und Kristina Schultz


5. Der hermeneutische Zirkel

Der Begriff hermeneutischer Zirkel leitet sich aus dem Griechischen ab. Hermeneuein bedeutet „deuten“ oder „interpretieren“,  kirkos bedeutet „der Kreis“.

Unter einem hermeneutischen Zirkel versteht man grundlegend, dass das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen heraus  verstanden werden muss. Somit enthält der hermeneutische Zirkel ein Paradox: das, was verstanden werden soll, muss schon vorher irgendwie verstanden worden sein.

Man muss den Text und seine Gedankenwelt zunächst verstehen, bevor man ihn richtig übersetzen kann - aber um ihn verstehen zu können, muss man ihn zuerst übersetzen. Man nennt dies einen "hermeneutischen Zirkel", und es gibt keine Möglichkeit, ihn zu vermeiden.

Wenn man also an einen Text herangeht hat man ein bestimmtes Vorverständnis. Damit ist der Horizont eines Lesers gemeint, sein Wissen und seine Erfahrungen. Liest er dann den Text entwickelt sich ein erstes Textverständnis. Dadurch erweitert er seinen Horizont und somit auch sein Vorverständnis (V1). Von diesem neuen Vorverständnis ergibt sich bei der weiteren Auseinandersetzung mit dem Text ein (erweitertes, korrigiertes) neues Textverständnis (T1). Wird dieser Prozess weiter fortgeführt, findet ein fortlaufender Erkenntnisfortschritt statt, der prinzipiell unabgeschlossen ist. Damit ist der hermeneutische Zirkel gemeint.

Durch die Form der Zirkelbewegung, die immer wieder zur Vertiefung, Erweiterung und Neukonstruktion dieses ersten Textverständnisses zurückführt, wächst auch das Textverständnis fortwährend. Bedingt durch diese hermeneutische Zirkelbewegung wird auch zusehends die hermeneutische Differenz (Distanz) zwischen den Horizonten des Interpreten und des Autors (bzw. des Texthorizontes)  mit der Tendenz zur so genannten Horizontverschmelzung immer kleiner.