Bosshard-Nepustil (1997) Rezeptionen von Jesaja

Bearbeitungsstand: 2000-12-07


Inhaltsverzeichnis


Vorwort V

Einleitung .... 1

TEIL A: Zum ERSTEN JESAJA ... 17

Einleitung 17

I. Beobachtungen zu Babel-Texten im Ersten Jesaja 23

  1. "Spruch Wüste des Meeres" Jes 21,1-10 - nur gegen Babel oder auch gegen Jerusalem? . 23
    1. Zur literarischen Einheitlichkeit von Jes 21,1-10 ... 24
    2. Schichtung, Aufbau und Sachablauf in Jes 21,1-10 . . 28
    3. Jes21,1-10 in seinem literarischen Kontext 33
    4. Fazit . 41
  2. "Spruch Schautal" Jes 22,1-14 - nur gegen Jerusalem oder auch gegen Babel? . - . 42
    1. Aufbau und Sachablauf in Jes 22,1-14 43
    2. Zur literarischen Einheitlichkeit und zur Schichtung von Jes 22,1-14 ... 53
    3. Jes 22,1-14 in seinem literarischen Kontext . 56
    4. Fazit 66
  3. "Spruch Babel Jes 13(f.) - Gericht nur gegen oder auch durch Babel? 67
    1. Zur literarischen Einheitlichkeit von Jes 13 . ... 68
    2. Aufbau und Sachablauf in Jes 13 ... 73
    3. Jes 13 in seinem literarischen Kontext . 76
    4. Fazit 91
  4. Vorläufiges Ergebnis zu zwei in Jes13; 21,1-10 und 22,1-14 greifbaren literarischen Schichten im Ersten Jesaja .... 92

II. Die Assur/Babel-Schicht bzw. -Redaktion: unterschiedliches Verhalten und Ergehen im Gottesvolk und assyrische bzw. babylonische Bedrängnis ... 93

1. WeitereTexte der Assur/Babel-Schicht . 93

  1. Jes 36-39; 22,15-25 . - 93
    Jes 22, 15-25 und Jes 36-39 . 94
    Jes 22,15-25 im weiteren literarischen Kontext 96
    Jes 22,15-25 und 22,1-5.7-14 . . . 100
    Jes 36-39 und die Assur/Babel-Schicht 105
  2. Jes 14,28-32 . 111
  3. Jes 20 . 119

2. Das Gesamtprofil der Assur/Babel-Schicht bzw. -Redaktion 126

  1. Der historisierende Rahmen der Assur/Babel-Schicht . 128
  2. Aufbau und Sachintention der Assur/Babel-Schicht bzw. -Redaktion im Kontext des Ersten Jesaja 132
    Aufbau der Assur/Babel-Schicht . 132
    Sachintention der Assur/Babel-Schicht . 138
    Fazit zu Aufbau und Sachintention der Assur/Babel-Schicht bzw. -Redaktion im Kontext des Ersten Jesaja ... 156
  3. Die Assur/Babel-Redaktion in ihrem Verhältnis zum Deuteronomistischen Geschichtswerk und zum Jeremia-Buch 160
    Zum Deuteronomistischen Geschichtswerk . 160
    Zum Jeremia-Buch . . 167
  4. Fazit zum Gesamtprofil der Assur/Babel-Redaktion 178

III. Die Babel-Schicht bzw. -Redaktion: Bedrängnis des Gottesvolkes, heilvolle Zeit danach und Ende Babels 183

  1. Weitere Texte der Babel-Schicht 183
    1. a) Jes 33 ...184
    2. b) Jes 28,23-29 ... 190
      Aufbau von Jes 28,23-29 ... 190
      Jes 28,23-29 in seinem literarischen Kontext 193
  2. Das Gesamtprofil der Babel-Schicht bzw. -Redaktion 197
    1. Aufbau und Sachintention der Babel-Schicht bzw. -Redaktion im Kontext des Ersten Jesaja . 198
      Aufbau der Babel-Schicht 198
      Sachintention der Babel-Schicht bzw. -Redaktion 199
    2. Die Babel-Redaktion in ihrem Verhältnis zum Deuteronomistischen Geschichtswerk und zum Jeremia-Buch . 223
      Zum Deuteronomistischen Geschichtswerk 223
      Zum Jeremia-Buch . . 224
    3. Fazit zum Gesamtprofil der Babel-Redaktion 229

IV. Überlegungen zur redaktionsgeschichtlichen Lokalisierung der Assur/Babel und der Babel-Redaktion im literarischen Werdegang des Ersten Jesaja 234

  1. Zum literarischen Werdegang des Ersten Jesaja vor der Assur/Babel-Redaktion 235
    1. a) Die Assur-Redaktion in der Josia-Zeit . 235
    2. b) Erweiterungen in der Manasse-Zeit 237
    3. c) Die Erweiterung nach 701 v.Chr ........................ 239
    4. d) Die Erweiterung nach 712/11 v. Chr. ... 242
    5. e) Die Erweiterung zwischen 722 und 712/11 v.Chr.  ... 246
    6. f) Die Erweiterung nach 722 v.Chr ... 249
    7. g) Der Grundbestand aus der Zeit des syrisch-ephraimitischen Kriegs 251
  2. Zum literarischen Werdegang des Ersten Jesaja nach der Babel-Redaktion. 253
    1. a) Die Völker-Redaktion (bzw. Völker-Ergänzungen) in der Perser-Zeit .. 253
      Jes 2,2-4 .... 253
      Jes 11,10 .... 258
      Jes 34,1.5-15(.16f.) ... 259
      Der Zusammenhang zwischen Jes 2,2-4, 11, 10 und 34,1.5-15 ... 262
    2. b) Ergänzungen in der späten Perserzeit und in der Zeit Alexanders ... 264

 

TEIL B: ZUM ZWÖLFPROPHETENBUCH ... 269

Einleitung . 269

I . Parallelerscheinungen im Zwölfprophetenbuch - Differenzierung im Gottesvolk und assyrische bzw. babylonische Bedrängnis 277

  1. Parallelerscheinungen zur Assur/Babel-Redaktion des Ersten Jesaja im Zwölfprophetenbuch 277
    1. Joel 277
      Das Problem der Einheitlichkeit des Joel-Buchs 277
      Joel 1, 1-2, 11 im Nahkontext des Zwölfprophetenbuchs 283
      Joel 1, 1-2, 11 im weiteren Kontext 292
    2. Habakuk 297
      Das Problem der Einheitlichkeit des Habakuk-Buchs 298
      Hab * 1, 1-2,16 im Nahkontext des Zwölfprophetenbuchs 307
      Hab *J, 1-2,16 im weiteren Kontext 310
    3. Zephanja 317
      Das Problem der Einheitlichkeit des Zephanja-Buchs 317
      Zeph 1,4-16 sowie *2,4-15; 3,8a im Nahkontext des Zwölfprophetenbuchs 322
      Zeph 1,4-16.17aa; *2,4-12; 3,8a im weiteren Kontext 326
  2. Eine Schicht bzw. Redaktion im Zwölfprophetenbuch mit Joel * 1, 1 -2,11, Hab * 1, 1-2,4 und Zeph * 1, 1 -3,8a 337
    1. Literarische Kohärenz von Joel * 1, 1 -2,11, Hab * 1, 1 -2,4 und Zeph *1,1-3,8a 337
    2. Die Joel * 1, 1 -2,11, Hab * 1, 1 -2,4 und Zeph * 1, 1 -3,8a enthaltende Schicht im Zwölfprophetenbuch 342
    3. Die Joel * 1, 1 -2,11, Hab * 1, 1 -2,4 und Zeph * 1, 1 -3,8a enthaltende Redaktion im Zwölfprophetenbuch und die Assur/Babel-Redaktion im Ersten Jesaja (und in Jeremia) 352

Il. Weitgehende Parallelerscheinungen im Zwölfprophetenbuch - Bedrängnis des Gottesvolkes mit heilvoller Zeit danach und ersehntes Ende Babels sowie jetzt Heimkehrer aus dem Exil 360

1. Eine auf die Babel-Redaktion im Ersten Jesaja bezogene Schicht bzw. Redaktion im Zwölfprophetenbuch 361

  1. Die Frage einer gemeinsamen literarischen Ebene der Bezugstexte der Babel-Redaktion des Ersten Jesaja und möglicher weiterer Texte im Zwölfprophetenbuch 361
    Exkurs: Die Nachtgesichte in Sacharja 377
  2. Eine Joel 2,12-27; Mi *4,9-7,10; Nah *1,1b-2,1; Hab *1,12-3,19a; Zeph 2,13-15; Sach *2,10-14; 8,1-6 enthaltende Schicht im Zwölfprophetenbuch 393
  3. Eine Joel 2,12-27; Mi *4,9-7,10; Nah *I,lb-2,1, Hab *1,12-3,19a; Zeph 2,13-15; Sach *2,10-14; 8,1-6 enthaltende Redaktion im Zwölfprophetenbuch und die Babel-Redaktion im Ersten Jesaja (und in Jeremia) sowie weitere Textbereiche 398

2. Verfasserschaft und Datierung der Babel-Redaktion des Zwölfprophetenbuchs 405

III. Fazit zur Assur/Babel- und zur Babel-Redaktion des Zwölfprophetenbuchs ... 408

IV. Überlegungen zur redaktionsgeschichtlichen Lokalisierung der Assur/Babel und der Babel-Redaktion des Zwölfprophetenbuchs in dessen literarischem Werdegang . . 409

1. Zum literarischen Werdegang des Zwölfprophetenbuchs vor dessen Assur/Babel-Redaktion 410

2. Zum literarischen Werdegang des Zwölfprophetenbuchs nach dessen Babel-Redaktion 415

 

TEIL C: ZUSAMMENFASSUNG UND FOLGERUNGEN . 433

I. Zum Werdegang des Prophetenbücherkorpus 434

1. Ein chronologischer Durchgang ... 434

2. Kennzeichnende Sachverhalte des betrachteten Ausschnitts aus der Entstehung des Prophetenbücherkorpus ... 445

II. Die Reihenfolge der Bücher Jesaja bis Ezechiel 450

1. Die Entstehung einer ursprünglichen Reihenfolge 450

2. Die nachträgliche Umstellung des Zweiten Jesaja im Anschluß an Jeremia + Threni hinter den ersten Jesaja

Ill. Abschluß und Ausblick 465

Anhang . 467

1. Tabellen 467

2. Literatur 477

3. Stellenregister 508


Ausgewählte Textpassagen


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III. Fazit zur Assur/Babel- und zur Babel-Redaktion des Zwölfprophetenbuchs

Die voranstehenden Überlegungen haben versucht, zwei Redaktionen im Zwölfprophetenbuch freizulegen: die Assur/Babel-RedXII und die jüngere Babel-RedXII. Die Eigenformulierungen der Assur/Babel-RedXII umfassen Hos 1,2a? (5,9??; 8,14; * 12, 1 ff.?); Joel 1, 1 -2,11; Am (*2,16b) 5,18-20(?) (8,[*13.9f.13f.?); Mi 5,9-13?; 7,4b; Nah 2,*4.11; Hab 1,1.511.12b.14-17; 2,14; Zeph 1,1.4-16.17aa; *2,4-12; 3,8a, die Eigenformulierungen der Babel-RedXII (jedenfalls) Joel 2,12-27; Mi 4,9f.14; 5,2; 7,7-10, Nah 1,1b.2-8.9f.12a.b.13; 2,1; Hab *1,12a; *2,5-17(/20??); *3,2-19a; Zeph 2,13-15, Sach 2,10a.11.14; 8,1-6, mit Einbezug von Sach 1,8-15; 2,1-4; 2,5-9; 4,1-6aa.10b-14; 5,1-4; 5,5-11; 6,1-8. Die vor allem durch diese Einschreibungen vorgenommenen Redaktionen (vgl. aber die Vorgaben vermutlich in Joel und Zeph für die Assur/Babel-RedXII, vielleicht in Hab 3 für die Babel-RedXII) sind literarisch, strukturell und konzeptionell köhärent und weisen jeweils auf einen besonderen Redaktionsakt. Die Redaktionen besitzen verschiedene Bezugshorizonte, auf die sie literarisch ausgreifen: insbesondere das damalige Zwölfprophetenbuch, das sie redigieren, aber auch das durch die herausgearbeiteten Redaktionen geprägte Jes-Buch bzw. eine feste Folge von Büchern von Großen Propheten. Im einzelnen bezieht sich die Assur/Babel-RedXII auf ein ihr vorliegendes Korpus *Hos, *Am; *Mi+Nah, das sie um *Joel, *Hab und *Zeph erweitert. Sie orientiert sich dabei an der etwas älteren Assur/Babel-Red.Jes(+Jer) und läßt erkennen, daß sie sich bzw. das von ihr bearbeitete Zwölfprophetenbuch in gewisser Entsprechung (gleichsam parallel) zu einer Bücherfolge *lJes - *Jer versteht. Die Babel-RedXII dann bezieht sich auf das vorliegende Korpus *Hos; *Joel; *Am; *Mi+Nah; *Hab; *Zeph, wie es die Assur/Babel-RedXII erstellt hat, und erweitert es sogar um das Buch *Sach; außerdem gestaltet sie *Nah neu als eigenes Buch. Sie orientiert sich an der älteren Babel-Red.Jes(+Jer) und weiß sich in gewisser Entsprechung zu einer Bücherfolge *IJes - *Jer - *Thr - *IIJes. Einen Anhalt dafür, daß auch Ez zu dieser Folge gehört hätte, gibt es nicht. Zeitlich gesehen ergibt sich folgendes Bild: Assur/Babel-Red.Jes etwas nach 562 v.Chr. - Assur/BabelRedXII bald danach - Babel-Red.Jes kurz vor 539 v.Chr. - Babel-RedXII um 520 v.Chr.

 


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I. Zum Werdegang des Prophetenbücherkorpus

1. EIN CHRONOLOGISCHER DURCHGANG

Wenn wir unter dem Prophetenbücherkorpus, dem Corpus propheticum einen bis zur gegebenen Gestalt von Jes - Mal anwachsenden, durch übergreifende Strukturen und Sachlinien zusammengehaltenen Bestand von Prophetenbüchern verstehen (s. o. 13 Anm. 2), dann hat es in der zweiten Hälfte des 8. Jh. v.Chr. im wesentlichen noch kein Corpus propheticum gegeben. Vielmehr hat man mit einer weitgehend getrennten Entwicklung der je auf eine Prophetengestalt zurückgehenden Schriften Jes, Hos, Am und Mi zu rechnen. Dafür spricht der literarische Befund ([fast] keine Verbindungen, die übergreifende Zusammenhänge nahelegen) und nicht zuletzt auch die Tatsache, daß Amos und Hosea im Nordreich auftreten, Jesaja mit Jerusalem verbunden ist und Micha aus Landjuda stammt. Eine mögliche Ausnahme bilden Hos und Am, bei denen alte, gewichtige literarische Verbindungen festzustellen sind /1/. Trotz getrennter Entwicklung dürfte die Entstehung der einzelnen Schriften/Bücher in der zweiten Hälfte des 8. Jh. v.Chr. aber jeweils ähnlich verlaufen, indem mündliche Prophetenlogien verschriftet, dabei entsprechend verändert und auf indirektem oder direktem Weg zu einer Schrift komponiert bzw. in die werdende Schrift integriert werden, wo sie hinter der schriftlichen, mit redaktionellen Partien durchsetzten Ebene als ursprünglich mündliche Logien in der Regel noch erschließbar, aber schwerlich noch voll rekonstruierbar sind /2/. Im einzelnen zu eruieren versucht haben wir für den Zeitraum der zweiten Hälfte des 8 Jh. v.Chr. allerdings nur die Entstehung von IJes. Von einem Grundbestand aus der Zeit des syrisch-ephraimitischen Kriegs (Jes *6,1-8,18 + 17,1b.3) scheint IJes über mehrere Erweiterungen - nach 722 v.Chr. (Jes 5,1-7; *9,7-20-, 17,4aß-6), zwischen 722 und 712/11 v.Chr. (Jes *1,21-26; *5,8-24; 10,1-3[.4a]; 10,33a+II,1-5) und nach 712/11 v.Chr. (Jes 1,2f.; 1,10-15; 5,25-29; 8,19f.; 10,27b-32; [15,1b-8?] *28,130,17) - auf *1,2-30,17 angewachsen zu sein. Schon die Abfassung des Grundbestands dürfte durch eine geschichtliche Konstellation (bedrohlicher Auftritt der assyrischen Großmacht, Gefährdung Jerusalems im syrisch-ephraimitischen Krieg) mitverursacht sein, und auch die nachfolgenden Erweiterungen sind maßgeblich als Reaktionen auf/Auseinandersetzungen mit prägenden geschichtlichen Ereignissen zu erklären - eine

/1/ Vgl. Jeremias, Die Anfänge des Dodekapropheton: Hosea und Amos.

/2/ Vgl. dazu für Hos und Am besonders die Arbeiten von Jeremias: Hosea 4-7, in: FS Würthwein, 1979, 47-58; "Ich bin wie ein Löwe für Ephraim ..." (Hos 5,14), in: "Ich will euer Gott werden", SBS 100, 1981, 75-95; ATD 24/1; Amos 3-6, ZAW 100 Supplement, 123-138; Amos 3-6: From the Oral Word to the Text, in: FS Childs, 1988, 217-229; Völkersprüche und Visionsberichte im Amosbuch, in: FS Kaiser, 1989, 8297; s. grundsätzlicher auch etwa Kaiser, Einleitung, 306ff.; ders., Grundriß, 2, 21ff.; Kratz, Kyros, 157ff. und bereits Zimmerli, Vom Prophetenwort zum Prophetenbuch, ThLZ 104 (1979), 481-496; auch Steck, Exegese des Alten Testaments, 81ff.


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Verknüpfung, die für die von uns betrachteten Fortschreibungen in Jes und im Zwölfprophetenbuch grundsätzlich in Anschlag zu bringen ist. So ruft beispielsweise das Ende des Bruderreichs im Norden 722 v.Chr. gerade auch bei Jesaja offensichtlich die Frage nach dem Grund für diesen Zusammenbruch hervor, eine Frage, die in den bereits vorliegenden Passagen Jes *6,1-8,18 + 17,1b.3 kaum schon explizit genug beantwortet ist. Also kommt es zu einer Erweiterung des Vorliegenden, indem Jesaja - oder ein Schüler - in Anknüpfung daran (mit geoffenbartem Jahwewort) auf die selbstverantwortete Verschuldung des Nordreichs abhebt. Indes ist nicht nur die Erweiterung nach 722 v.Chr., sondern überhaupt Iles in der zweiten Hälfte des 8. Jh. v.Chr. hauptsächlich mit Schuld und Gericht befaßt, auf das Ganze gesehen natürlich mehrheitlich in bezug auf das Südreich. Dabei läßt sich eine von einer zionstheologischen Position aus formulierte (Stichwort "verpaßte Chance") zunehmende Verschärfung des Gerichts feststellen, in das nach 712/11 v.Chr. sogar Jerusalem einbezogen ist (vgl. allerdings den Neuanfang, 28,16.17a).

Ist für die zweite Hälfte des 8. Jh. v.Chr. also im wesentlichen eine getrennte literarische Entwicklung der einzelnen prophetischen Schriften anzunehmen, so ändert sich dies nach unserem Dafürhalten im Übergang vom 8. zum 7. Jh. v.Chr. Nach 701 v.Chr. scheint sich eine Ausrichtung einer Bücherreihe Hos, Am, Mi an IJes zu zeigen, womit ein Phänomen erstmals greifbar wird (abgesehen vielleicht von Hos - Am), das sich dann bis zu den letzten Redaktionen in den Prophetenbüchern mehr oder weniger ausgeprägt durchhält: das Phänomen, daß (die) Prophetenbücher nicht nur Einzelbücher sind, sondern auch Teile von bzw. eingebunden in übergeordnete(n) literarische(n) Zusammenhänge(n). Diese sind bestimmt durch feste Bücherfolgen /1/ und durch breiter angelegte literarische Orientierungen, so daß man im entsprechenden Fall einen Textkomplex, ein Buch etwa, letztlich nur versteht, wenn man ihn im Rahmen einer Bücherfolge oder unter Berücksichtigung einer Orientierung an einem anderen Textkomplex liest. Der Beginn dieser Zusammenhänge und also auch des Corpus propheticum liegt in der Bücherfolge Hos, Am, Mi mit Ausrichtung auf IJes, womit eine Konstellation gegeben ist, die sich für den Werdegang des Corpus prophetieum als prägend erweist, zieht sich doch die Ausrichtung des Zwölfprophetenbuchs an (I)Jes wie ein roter Faden durch seine Entwicklung. Daß dann auch die übrigen Großen Propheten einbezogen werden, daß es andere Tendenzen gibt, haben wir gesehen oder erwähnt, und wir werden hier noch darauf zu sprechen kommen. Zurück zum Zeitbereich nach 701 v.Chr. Nachdem IJes auf das Ereignis 701 v.Chr. mit weiterer Verschärfung des (noch ausstehenden) Gerichts gegen das Gottesvolk (Involvierung auch Zions, vgl. 31,4; aber auch gewisse Ausblicke in die Zeit nach dem Gericht) und auch mit Gerichtsansage gegen das hybride Assur reagiert hat (Jes 1,4-8; 3,16f.24; *10,5-15; *14,4b20a; 31,1.3f.8a; 32,9-14), werden Hos, Am, Mi in Entsprechung zum nunmehr Jes *1,2-32,14 umfassenden IJes formiert. Verschiedenes dürfte bei dieser Ausrichtung eine Rolle spielen: Die - vermutete - Versammlung der Prophetenbücher an einem Ort, in Jerusalem, dem angestammten Einflußbereich Jesajas bzw. seiner Tradenten, der große assyrische Druck von außen, die der Schärfe des Gerichts (gegen Zion, Jes 31,4; Mi 3,12) angemessene, wohl besonders durch die Jesaja-Tradenten angestrebte Einstimmigkeit der prophetischen Botschaft und nicht zuletzt auch die Tatsache, daß ver-

/1/ Zu konkreten Möglichkeiten der Fixierung einer bestimmten Bücherreihenfolge (bei einem Buch pro Rolle) aus dem mesopotamischen und hellenistischen Bibliothekswesen vgl. Sarna, The Order of the Books, in: FS Kiev, 1971, 407-413.


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mutlich um 701 v.Chr. die Phase der fürje eigene Prägung besorgten Prophetengestalten des 8. Jh. v.Chr. hinter den Prophetenschriften/-büchem insgesamt zu Ende geht /1/.

Konzentriert man sich mehr auf die großen Entwicklungslinien im Corpus propheticum, so sind es in der Manasse-Zeit weniger die Erweiterungen in IJes, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: etwa die Reflexe auf die Unterwerfung Ägyptens durch Asarhaddon und Assurbanipal, aber auch hinsichtlich des Gottesvolkes die Nennung von bestimmten Freveln und Gericht (Jes 2,6-8a.9[?1; *3,1-5[?]; 10,10.*11; 16,7-11?; 18,1-6; 19,1-4.5-10) /2/. Zu beachten sind vielmehr die wahrscheinlich in dieser Zeit verfaßten Jesaja-Erzählungen, genauer: eine hinter 2Kön *18f. stehende Fassung, die außerhalb von lJes und in Kontrast dazu, aber mit Bezug darauf entstanden ist. Wenn diese durch verschiedene Indizien gestützte These zu den Jesaja-Erzählungen zutrifft, dann wäre in der Manasse-Zeit im Umkreis/Bereich der Schriftprophetie zum ersten Mal eine wirklich positive Fassung der Zionstheologie zu greifen: 701 v.Chr. erscheint als prototypische Situation für künftige Bewahrung bei uneingeschränktem Vertrauen auf den Jahwe von Zion. Entscheidend ist, daß diese Position im nachfolgenden Werdegang von lJes und darüber hinaus eine zentrale Rolle spielt.

Dies trifft schon für den nächsten hier zu betrachtenden Zeitabschnitt zu, erscheint in der Josia-Zeit doch gerade etwa die Position der Jesaja-Erzählungen nun in lJes selbst. Es ist im wesentlichen die von Barth herausgearbeitete Assur-Red., die angesichts des sich vollziehenden Endes Assurs und der Königsherrschaft Josias - wiederum mit sachlichem Kristallisationspunkt 701 v.Chr. - in lJes eine stark positiv zionstheologisch geprägte, national bestimmte Konzeption einträgt, die nun die heilvolle Zeit für (Gesamt-) Israel bereits angebrochen sieht (Jes 8,9f.; 8,23*-9,6ba; 10,4b; 10,16-19; 14,5.20b-21; *14,24-27; 17,12-14; 29,8; 30,27-33; 31,5.8b-9; 32,1-5; 32,15-20). Wie angedeutet, ist damit in IJes aber kein zeitlich begrenzter Akzent gesetzt, sondern eine Sachlinie begonnen, die sich bis zu den jüngsten Texten fortsetzt: Hinter diese mit Zion verbundenen Heilsaussagen für das Gottesvolk führt künftig kein Weg mehr (ganz) zurück, pauschale Gerichtsaussagen, wie sie IJes bis in die Manasse-Zeit bestimmen, werden danach in IJes nicht mehr geäußert. Allerdings wird in der Josia-Zeit nicht nur der jetzt Jes *1,2-32,20 umfassende IJes im genannten Sinn bearbeitet, sondern kurz nach ihm auch das Zwölfprophetenbuch, in literarischer Orientierung an IJes. Mit Erweiterungen jedenfalls in Mi und unter Anfügung eines Teils von "Nah" als neuem Schlußteil von Mi (Mi 4,8; 5,1.3a.5b; Nah 1, 1 a. 11. 14; 2,2.*4ff.; [*]3), wird das Zwölfprophetenbuch -jetzt also Hos, Am, Mi+Nah - gleichsam auf den Stand von IJes (Assur-Red.Jes) gebracht (Heil für das Gottesvolk; mit starker Betonung des Endes Ninives). Es sieht ganz so aus, daß lJes (zwischen 621 und 616/14 v.Chr.) und das Zwölfprophetenbuch (um 612 v.Chr.) überhaupt die gewichtigen neueren zeitgeschichtlichen Ereignisse (und Erwartungen), mit denen auch noch weitere literarische Produktionen in Zusammenhang stehen (wohl *Dtn, vielleicht Jehowistisches Geschichtswerk und einige Psalmen /3/), im

1 Vgl. zur Frage auch Jeremias, Die Anfänge des Dodekapropheton: Hosea und Amos.

2 Ob auch das Zwölfprophetenbuch in der Manasse-Zeit erweitert wird, wäre zu prüfen.

3 Zum Dtn vgl. jüngst etwa Albertz, Religionsgeschichte Israels, 1, 307ff., bes. 312, unter Rückgriff auf Wellhausen, Prolegomena zur Geschichte Israels, 19056, 9.13f.; Kaiser, Grundriß der Einleitung, 1, 92.96f.; zu Jehowistischem Geschichtswerk und Psalmen vgl. Steck, Israel und Zion, 191f. (Aufweis der theologiegeschichtlichen Konstellation, an die dann später die Grundschicht von Dtjes anknüpft, vgl. auch Kratz, Kyros, 148ff.162f.172ff.).


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Rahmen von Fortschreibungen verarbeiten; und es ist nach der älteren Ausrichtung von Hos, Am, Mi an IJes naheliegend, daß dies auch im Zwölfprophetenbuch in (wohl etwas lockerer) Orientierung an IJes geschieht. Nicht sofort deutlich ist aber, warum die Fortschreibungen Assur-Red-Jes und Assur-Red-XII in der genannten Sachprägung und mit so auffälliger Neuausrichtung von lJes und Zwölfprophetenbuch geschehen. Die Konstellation, daß die Assur-Red-Jes eine sachliche Verlängerung der Jesaja-Erzählungen bildet, die wiederum in Kontrast zum lJes der Manasse-Zeit stehen, läßt vermuten, die Tradenten hinter der Assur-Red-Jes seien mit denjenigen hinter lJes bis in die Manasse-Zeit (Jesaja bzw./und eng mit ihm verbundene Schüler, Tradenten) nicht (genau) identisch. Ist IJes in der Zeit Josias neu (vgl. allerdings: Jesaja als ursprünglicher Heilsprophet?) in den kaum geringen Einflußbereich von Mwl#-Propheten (Kultpropheten) gelangt, die unter die Träger der josianischen Reform zu rechnen sind und denen die Zeitgeschichte recht gegeben hat /1/? Gilt dies gleichermaßen für das Zwölfprophetenbuch (andere Prophetenbücher existierten z. Z. Josias noch kaum /2/), das dabei wiederum am "Zion-Buch" IJes ausgerichtet wird? Allerdings - über Fragen ist hier bislang kaum hinauszukommen, und es bleibt grundsätzlich ein Problem, wann inhaltliche Verschiebungen im Werdegang einer Schrift nur auf zeitgeschichtliche Zäsuren und wann auch auf Änderungen in der Tradentenschaft zurückzuführen sind.

Nicht lange nach Josia wandelt sich die geschichtliche Lage von Grund auf, was entsprechende andere literarische Reaktionen hervorruft. Das Auftreten der Babylonier gipfelt in der Eroberung und Zerstörung Jerusalems, worauf nach 587/6 v.Chr. in den Prophetenbüchern insbesondere in breiten dtr beeinflußten Bearbeitungen eingegangen wird, deren Botschaft - das gegenwärtige umfassende Gericht als Resultat einer ebenso umfassenden Verschuldung - letztlich ohne die (ältere) Gerichtsverkündigung der Propheten kaum denkbar ist und diese bestätigt. Welche Prophetenbücher aber werden nun dtr beeinflußt erweitert? Von der einen Ausnahme lJes (und wohl vom Grundbestand von Hab) abgesehen alle damals vorliegenden: Jer - mittlerweile dazugekommen -, Hos, Am, Mi+Nah! Offensichtlich erweist sich nur der zionstheologische lJes bzw. seine Tradentenschaft als "resistent"; diese kann aber der dtr Position, so wie die Dinge stehen, nichts entgegenhalten. Die Tradenten der übrigen Bücher nähern sich entweder der dtr Position an, weil sie die triste gegenwärtige Situation durch sie adäquat gedeutet sehen, oder sie geraten (nolens volens) unter ihren maßgeblichen Einfluß. Werden dabei die dtr beeinflußt bearbeiteten Hos, Am, Mi+Nah, Jer vielleicht sogar als eine (Sach-) Abfolge gelesen?

Mit diesem Befund scheint nun ein anderer, schon öfter festgestellter Sachverhalt zu korrespondieren, der Sachverhalt nämlich, daß im DtrG von der einen Ausnahme Jesaja (2Kön 18-20) abgesehen die klassischen Propheten nicht genannt sind. Daß hier ein Zusammenhang besteht, ist anzunehmen. Das Problem des "Profetenschweigens des deuteronomistischen Geschichtswerks" /3/ ist damit indes nicht zu klären; es kann höchstens

1 Vgl. dazu Barth, Jesaja-Worte, 227ff., bes. 231f., Albertz, Religionsgeschichte Israels, 1,313ff.

2 Auch Jer dürfte erst nach Josia entstanden sein, vgl. Kaiser, Einleitung, 252f.; ders., Grundriß, 2, 73f.79 (Lit.); zu Zeph s. o. 317ff.

3 So der Titel eines Aufsatzes von Koch (Das Profetenschweigen des deuteronomistischen Geschichtswerks), in: FS Wolff, 1981, 115-128; vgl. zur Frage auch etwa Crüsemann, Kritik an Amos im deuteronomistischen Geschichtswerk, in: FS von Rad, 1971, 57-63; Pohlmann, Erwägungen zum Schlußkapitel des deuteronomistischen Geschichtswerkes, in: FS Würthwein, 1979, 94-109; Begg, The Non-mention of Amos, Hosea and Micah in the Deuteronomistic History, BN 32 (1986), 41-53.


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vermutet werden, daß die dtr beeinflußten Bearbeitungen von Hos, Am, Mi+Nah und Jer dieses Schweigen auf ihre Art dann gleichsam kompensieren. Ergiebiger ist das genannte Korrespondenzverhältnis im Fall der alleinigen Nennung Jesajas im DtrG. Da es bei der Aufnahme der Jesaja-Erzählungen in das DtrG kaum einzig um Hiskia zu tun war, so daß Jesaja neben ihm mehr unfreiwillig auch noch übernommen worden wäre, legt es sich nahe, daß mit der Aufnahme der Erzählungen auch gezielt versucht wurde, IJes als einziges "resistentes" Prophetenbuch wenigstens indirekt in einen dtr Einflußbereich zu holen. Immerhin werden die zionstheologisch ausgerichteten Erzählungen im Rahmen des DtrG (vgl. schon 2Kön 20) nicht wenig relativiert!

Jedenfalls belegen die dtr beeinflußten Überarbeitungen in den Prophetenbüchern, die sich wohl im Zeitbereich bald nach 587/6 v.Chr. ballen, aber schwerlich ausschließlich darauf einzugrenzen sind, übergreifende literarische Tendenzen, die nicht von IJes geprägt sind, und auch eine Art Aufteilung in den Prophetenbüchern, indem sich ein Bearbeitungsschub nur auf einen Teil von ihnen erstreckt.

Lange haben die Deuteronomisten bzw. die von ihnen beeinflußten Tradenten allerdings nicht das letzte Wort in den Propheten. Wohl bald nach 562 v.Chr. kann sich schon die "Heil im Gericht"-Schicht in Jer mit der Gegenwart im Land wieder einigermaßen abfinden, und in eine ähnliche Richtung weisen dann auch die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) - Mit Jes *36-39 aus 2Kön 18-20! - /1/ und die Assur/Babel-Red-XII /2/, die das dtr beeinflußte Terrain gleichsam wieder zurückerobern. Allerdings nicht in dem Sinn, daß der dtr (beeinflußten) Konzeption nur kritisch begegnet würde; vielmehr wird sie von der stark differenzierenden Assur/Babel-Red. relativiert und, in bezug auf das DtrG, in gewissen Punkten auch übernommen (vgl. Historisierung; Weissagung - Erfüllung). Auffällig ist dabei, daß die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) und die Assur/Babel-Red-XII ihre Texte weniger in den dtr beeinflußt bearbeiteten Büchern selbst plazieren als eher daneben: in IJes vor Jer, in Joel, Hab und Zeph zwischen und nach Hos, Am, Mi+Nah. Die dtr Position wird so gleichzeitig berücksichtigt und aus einer veränderten Perspektive gelesen. Konkret wird sich die Situation im Land, wo sich sowohl die dtr (beeinflußten) Tradenten als auch die Verfasser der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) und der Assur/Babel-Red-XII befinden, wenigstens soweit beruhigt haben bzw. man wird sich wieder so eingerichtet haben können, daß eine Position, die die Wirklichkeit von Zion/vom Berg Zion mit seiner Heilswirkung aus deutet, überhaupt wieder zu Wort kommen oder sogar Oberwasser gewinnen und einer ganz auf Schuld und Gericht abhebenden

1 Textbestand Jes *1,1?; 2,10-17/18; 3,lb?.6f.8f.12-15.18-23?.25f.; 4,1?; *5,12ff.; 7,*1.15?.(*)18-25; 9,6bß; 10,33b.34, 13,2-8.14-16-, 14,28-32; 16,6.12?; 20,1-5; 21, 1.2aba.3-5.6.8-9a; 22,1-5.7-14.15-25; 30,6a; 32,6-8? Anfügung von (*)36-39~ vgl. Jer 4,9f.; ev. 22,28-30; 25,15-24.*25.26aß; (35; *48) Anfügung von 52.

2 Textbestand Hos 1,2a? (5,9??; 8,14; * 12, 1 ff.?); Joel 1, 1 -2,11; Am (*2,16b) 5,1820(?).(8,[*]3 * 9f. 13f.?); Mi 5,9-13?; 7,4b; Nah 2,*4.11; Hab 1,1. 5-11. 12b. 14-17; 2,1 -4; Zeph 1,1.4-16.17aa; *2,4-12; 3,8a.


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Konzeption ihre relative - aus der neuen Perspektive: eigentliche - Bedeutung zuweisen kann. Speziell könnte die eine dezidierte Landposition vertretende Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) durch die Begnadigung Jojachins (2Kön 25,27-30) - Stärkung der Gola - angestoßen werden.

Die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) ist in Aufbau und Inhalt bestimmt von der Sachfolge "syrisch-ephraimitischer Krieg - 701 v.Chr. (Gericht durch Assur) - 587/6 v.Chr. (Gericht durch Babel)". Da in IJes 701 v.Chr. zwar auf 587/6 v.Chr. transparent ist und vorverweist, auf 587/6 v.Chr. an sich aber erst in Jer eingegangen wird, bilden IJes und Jer eine feste, eine Sachbewegung beschreibende Bücherfolge, für deren Zusammenhalt besonders auch Jes *36-39 am Schluß von IJes, viele literarische Querbezüge und womöglich Einträge der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) in Jer selbst von Bedeutung sind. Ob sich die Jer-Tradenten Jes - jetzt Jes * 1, 1 -39,8 umfassend - angenähert haben oder ob die IJes-Tradenten ihren Einfluß auf Jer ausdehnen konnten - der Prophet Jesaja nimmt Wichtiges der Botschaft Jeremias schon vorweg und sagt, wie man Jeremia eigentlich zu verstehen/beurteilen hat. Dazu scheint die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) diese Bücherfolge kritisch parallel zum DtrG zu sehen, wobei der enge Zusammenhalt der Überlieferung - zum Zwölfprophetenbuch s. im folgenden - sicherlich auch als Schulterschluß im Innern gegenüber dem trotz allem nicht geringen babylonischen Druck von außen zu interpretieren ist. Was die Konzeption der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) betrifft, so ist eine deutliche Anknüpfung an den ihr vorliegenden IJes, insbesondere an die Assur-Red-Jes festzustellen. Vertreten wird eine modifizierte Zionstheologie, in der die neue geschichtliche Situation (587/6 v.Chr. und nachfolgende Zeit) insofern verarbeitet wird, als innerhalb des Gottesvolkes und zwischen (dem Berg) Zion und der Stadt Jerusalem differenziert wird: Das nach wie vor bestehende Heil Zions wirkt sich für die glaubenden Hilfsbedürftigen, die auf Jahwe von Zion Vertrauenden aus, so daß sie im Land bleiben können, wohingegen die FrevIer im Gericht - hwhy Mwy -, in das auch die Erde und die (einzelnen) Völker einbezogen sind (aber: kein allgemeines Weltgericht!), bestraft werden, d. h. umkommen oder exiliert werden, und die Stadt Jerusalem zerstört wird. Auch die Tradentenschaft dürfte gegenüber der Assur-Red-Jes kaum große Veränderungen erfahren haben (im Land verbliebene heilsprophetische Kreise; gerade die genannte Differenzierung im Gottesvolk erinnert deutlich an Kultpropheten).

Etwas nach IJes (und Jer) wird das Zwölfprophetenbuch entsprechend, in Orientierung an der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) überarbeitet, wodurch die Konstellation aus der Zeit nach 701 v.Chr. und der Zeit Josias wieder etabliert wird, jetzt allerdings mit lJes und Jer bei den Großen und mit Hos, Joel, Am, Mi+Nah, Hab und Zeph bei den Kleinen Propheten. Daß diese Orientierung erst kurz nach der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) geschieht, ist nicht einfach zu erklären. Braucht es weitere Eindrücke -


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eine kritischere Wahrnehmung Babels (gegen 547/6 v.Chr. [Lydienfeldzug des Kyrosl hin) -, bis auch das dtr beeinflußt bearbeitete Zwölfprophetenbuch umschwenkt? Jedenfalls bezieht sich die Assur/Babel-Red-XII so auf IJes und Jer, daß sie insgesamt auf IJes als ihren Nährboden ausgerichtet ist, aber auch parallel zur ganzen Sachbewegung der Bücherfolge lJes - Jer steht, letztere bestätigt und schließlich durchgängig auf Jer blickt, das der eigenen "babylonischen" Verfassergegenwart näher steht. Der (literarische) Horizont der Assur/Babel-Red.XII reicht indes noch weiter, wie (mögliche) Bezugnahmen auf Ex, Num, Dtn, 2Kön 22f. belegen. Die Position der Assur/Babel-Red-XII unterscheidet sich von derjenigen der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) nicht wesentlich; immerhin scheint die Zionstheologie gegenüber dem Kultprophetischen etwas zurückzutreten. Für uns von besonderem Interesse ist die eben angedeutete Bezugnahme des unter Josia datierten Zeph auf 2Kön 22f., mit der die Assur/Babel-Red-XII das Gericht 587/6 v.Chr. mit seinem Reinigungscharakter als Vollendung der josianischen Reform bestimmt. Deutlich sichtbar wird hier das Bemühen der Verfasserschaft der Assur/BabelRed-XII, das gegenwärtig Erfahrene in sachlicher Kontinuität zur eigenen prägenden Herkunft zu verstehen bzw. die Konzeption dieser Herkunft auch für die eigene Gegenwart als gültig zu setzen.

Es ist die sich kurz vor 539 v.Chr. immer mehr zuspitzende Situation Babels - ihr Ende ist als unmittelbar bevorstehend zu erwarten -, die die Tradenten hinter IJes erneut zu einer literarischen Verarbeitung herausfordert. Zu einer Verarbeitung, hier Babel-Red-Jes(+Jer) genannt /1/, die in engem Anschluß an die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) diese aber mit deutlich neuen Zielpunkten versieht und ihre harten Sachkonturen etwas verwischt: Die schuldige Babel wird bald fallen, Exilierte werden heimkehren, und eine Heilszeit nach dem Gericht - in Entsprechung zur heilvollen Zeit unter Josia - wird das ganze übriggebliebene Gottesvolk einschließen. Wie die Assur/Babel-Red-Jes(+Jer) nimmt auch die Babel-Red-Jes(+Jer) eine vom Land aus gedachte, (jetzt allerdings entschränktere) zionstheologische Position ein, und auch die Verfasserschaft dürfte etwa die gleiche geblieben sein. Grundsätzlich unverändert ist schließlich auch das Verhältnis zwischen IJes und Jer sowie DtrG zu beurteilen; insbesondere die Bücherfolge IJes - Jer, möglicherweise mit Einträgen der Babel-Red-Jes(+Jer) auch in Jer, bleibt so fest gefügt wie zuvor.

Kyros hat Babel 539 v.Chr. zwar genommen, aber nicht zerstört, sondern zuvorkommend behandelt. Die Enttäuschung darüber muß bei den IJes-Tradenten und ihnen nahestehenden Kreisen groß gewesen sein und ihnen auf weiteres den Mund verschlossen haben - so läßt sich jedenfalls

1 Textbestand Jes 1,9 (?); 4,2[?]; 5,30; 8,8b; 11,6-9; 13,1.17-22; 14,(*)4a.22-23; 16,1-5; 21,2bß,/.7.9b-10; 21,11-12.13-15; 22,6; 28,5f.; 28,23-29, 33,1-13.17-24; vgl. Jer 25,(*)12-14.*25.26aab; 27,7b; (30,12ff./16f.; 31,3ff.15ff.) (*)50f.


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am einfachsten erklären, warum auf die Babel-Red-Jes(+Jer) nicht schon bald eine (zu erwartende) Überarbeitung des Zwölfprophetenbuchs folgt. Erst um 520 v.Chr. (Aufstände in Babel und ihre Niederschlagung, Erschütterung des persischen Reichs, Heimkehrer unter Serubbabel), als man erwarten darf, daß es jetzt mit Babel endlich ein Ende hat, wird auch das Zwölfprophetenbuch redigiert, wobei die neue Redaktion hier, die Babel-Red-XII /1/, sich von der Assur/Babel-Red-XII, wie kaum anders zu erwarten, etwas mehr abhebt als die Babel-Red-Jes(+Jer) von der Assur/Babel-Red-Jes(+Jer). Dies hängt teilweise auch mit dem literarischen Bezugshorizont der Babel-Red.-XII zusammen, bezieht sich diese doch nicht mehr nur auf eine Bücherfolge IJes - Jer, sondern auf eine inzwischen erweiterte Folge IJes - Jer (+) Thr (+) IIJes; die überraschende Position von IIJes hinter Jer wird nicht zuletzt durch die Verbindungen zwischen dem nun Hos, Joel, Am, Mi, Nah (als eigenes Buch), Hab, Zeph und Sach umfassenden Zwölfprophetenbuch der Babel-Red.-XII und den Großen Propheten nahegelegt (s. weiter dazu u. 451 ff.). Hinsichtlich der Bezugnahmen ist allerdings weitgehende Kontinuität zu Assur/Babel-Red.XII/Große Propheten festzustellen: Die Babel-Red.-XII bezieht sich (praktisch) durchgehend auf lJes der Babel-Red.-Jes(+Jer), das Zwölfprophetenbuch der Babel-Red.-XII steht parallel zur Folge IJes - Jer (+) Thr (+) IIJes, und die Babel-Red.-XII ist durchgehend auf Jer (+) Thr (+) IIJes ausgerichtet. Wie schon die Assur/Babel-Red.-XII scheint auch die BabelRed.-XII noch einen weiteren (literarischen) Bezugshorizont zu besitzen (Bezüge auf Ex und Dtn), und möglicherweise hat sie bereits eine zusammenhängende Größe (Gen?/)Ex - 2Kön vor Augen. Es stellt sich die Frage, ob mit Assur/Babel-Red.-Jes(+Jer), Babel-Red.-Jes(+Jer), Assur/BabelRed.-XII und Babel-Red.-XII gar umfassende inklusionsmäßige Zusammenhänge anvisiert sind, die schließlich folgende Gestalt haben:

Ex --- Num-Dtn --- 2Kön (14/)15-25 --- IJes - Jer ([+] Thr [+] IIJes) --- Zwölfprophetenbuch

Auch die Konzeption der Babel-Red.-XII läßt sich als Erweiterung derjenigen der Assur/Babel-Red.-XII fassen. Neu hinzugekommen sind Aussagen über das Gericht gegen Babel, über die Restitution von Land und Volk im Land, über den Weg Zions/der (Stadt-)Gola und die Restitution von Jerusalem/Zion und Bewohnern, über einen neuen irdischen Herrscher/König; Differenzen innerhalb des Gottesvolks treten in den Hinter-

1 Textbestand Joel 2,12-27; Mi 4,9f. 14; 5,2; 7,7- 10; Nah 1, 1 b.2-8.9f. 12a.b. 13; 2, 1; Hab *1,12a; *2,5-17(/20??); *3,2-19a; Zeph 2,13-15; Sach 2,10a.11.14; 8,1-6, mit Einbezug von Sach 1,8-15; 2,1-4; 2,5-9; 4,1-6aa. 10b-14; 5,1-4; 5,5-11; 6,1-8.


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grund. Dabei ist die Transparenz auf die Verfassergegenwart bei der Babel-Red.-XII größer als bei der Assur/Babel-Red.-XII. Die Babel-Red.-XII vertritt damit eine Konzeption, die derjenigen der Babel-Red.-Jes, an der sie sich ja auch orientiert, nicht unähnlich ist, die gleichwohl vorliegenden Verschiebungen bestehen insbesondere darin, daß das Ende Babels nun nicht mehr durch Medien, Elam (bzw. die Perser) herbeigeführt wird, sondern ausschließlich durch Jahwe selbst (Enttäuschung über die Perser), und daß die Gola eine viel prominentere Rolle spielt. Hat die Babel-Red.-XII überhaupt noch eine Landposition inne? Grundsätzlich handelt es sich bei der Babel-Red.-Xll zweifellos um eine zionstheologisch orientierte Landposition, doch dürfte der Einfluß von Rückkehrern und von IIJes zur Aufnahme von Elementen einer golaorientierten Position geführt haben, was eine sachlich nicht immer ganz ausgeglichene Vermengung ergibt. Inwiefern damit auch Veränderungen in der Zusammensetzung der Tradentenschaft einhergegangen sind, ist allerdings kaum zu sagen.

Mit "golaorientiert" ist ein Stichwort für Überarbeitungen in den Prophetenbüchern gegeben, die sich ähnlich wie die dtr beeinflußten Überarbeitungen nicht in IJes finden, für den Werdegang des Corpus propheticum aber von großer Bedeutung sind, und die hier wenigstens gestreift werden sollen. Schichten, Redaktionen, die aus der Sicht der (ersten) Gola oder dann der Diaspora formuliert sind, zeigen sich (jedenfalls) in Jer, IlJes und Ez (erst in spätpersischer Zeit ins Corpus propheticum integriert, s. u. 443f. 457ff.) und dürften tendenziell jünger sein als die Babel-Red.-XII. Spiegeln die dtr beeinflußten Überarbeitungen die Position des DtrG, so führen die golaorientierten zumindest teilweise auf das ChrG hin, sind in seinem theologiegeschichtlichen Vorfeld zu lokalisieren. Was uns hier speziell interessiert, ist die Tatsache, daß mit den golaorientiert geprägten Überarbeitungen, wie breit gestreut sie sachlich und zeitlich sein mögen, eine Sachperspektive greifbar ist, die sich mit den/der in IJes vertretenen Konzeption(en) nur bedingt verträgt, womöglich kritisch darauf reagiert, sich in IJes auch nicht niederschlägt /1/, im Zwölfprophetenbuch aber eindringt. Auch in diesem Fall zeigen sich also im selben Großkomplex des Corpus propheticum verschiedene Grundkonzeptionen mit je ihren Einflußbereichen, die sich teilweise überschneiden (Zwölfprophetenbuch). Daß sich darin schwere Konflikte spiegeln, ist allerdings fraglich. Heimkehr-Aussagen aus dem Mund des frühen Propheten Jesaja sind an sich ja noch gar nicht zu erwarten. Man wird damit zu rechnen haben, daß die verschiedenen Propheten auch in Ergänzung zueinander gelesen wurden.

Es ist indes überhaupt auffällig, wie schmal die Erweiterungen in IJes in der Perserzeit, wo grundsätzlich die golaorientiert geprägten Überarbeitungen - und z. T. auch mit der Diaspora befaßte - einzuordnen sind, im Vergleich zu den anderen Prophetenbüchern sind (vgl. etwa die literarische Entwicklung von IIJes nach 539 v.Chr.); wahrscheinlich sind aufs Ganze gesehen dabei ebenfalls konzeptionelle und chronologische Gründe geltend zu machen. Daß die Überarbeitungen, die in IJes - und mehr im Zwölfprophetenbuch - in der Perserzeit gleichwohl dazukommen, aber nicht zu vernachlässigen sind, zeigt sich im folgenden.

1 Die frühesten Heimkehr-Aussagen in Jes 1-39 stammen, von Jes 21,6-9 abgesehen (s. dazu aber o. 3 1 f.), aus der Diadochenzeit, s. u. 444f. Anm. 1.


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Eine erste Überarbeitung von IJes in der Perserzeit ist vor der/um die Mitte des 5. Jh. v.Chr., wohl noch vor Nehemia zu datieren (Jes 2,2-4; 11, 10; 34,1.5-15). Die Erfahrungslage - grundsätzliche Stabilität in der Völkerwelt ohne Gefahr für Jerusalem, aber gleichwohl Aufruhr unter den Völkern (Perserkriege, Inaros- und Megabyzos-Aufstand) - scheint zu einer Relecture von IJes herauszufordern, in der nach dem von IIJes vorgegebenen Modell in einer "perserzeitlichen Variante" der Zionstheologie - Völkerzug nach Zion statt Völkersturm - die Völker ihre Ordnung nur von Zion aus/durch Jahwe auf Zion (nicht durch die Perser) wiedererlangen werden. Edom allerdings wird aus dem Völkerheil ausgeschlossen, wie diese nicht sonderlich eng gefügte VölkerRed.-Jes auch wissen läßt, die sich ansonsten durch markante Vorverweise auf Jer und IIJes (Ez) auszeichnet. In an einer Stelle engem, sonst eher lockerem Anschluß an die Völker-Red.-Jes wird vermutlich kurz später auch das Zwölfprophetenbuch sachlich vergleichbar erweitert (Ob 1-14.15b; Mi 4,1-4; Sach 8,20-22). Noch weniger fest gefügt als die Völker-Red.-Jes, vertreten auch diese Völker-Ergänzungen-XII eine der Perserzeit adaptierte Zionstheologie, ebenfalls mit Ausschluß Edoms aus dem Völkerheil. Daß die Orientierung des nun auch Ob umfassenden Zwölfprophetenbuchs an IJes und an der Reihe der Großen Propheten (wohl noch ohne Ez) nicht sehr eng ausfällt, dürfte nicht zuletzt auf die doch relativ stabile allgemeine Lage zurückzuführen sein, die ein literarisches Zusammengehen nicht sonderlich provoziert.

Nach der Völker-Red.-Jes wird IJes noch zurückhaltender redigiert. Bald nach 343 v.Chr. reagiert IJes zwar auf das Vorgehen des Artaxerxes III. gegen Sidon - qua Gegengröße zu Zion - (Verbindung mit Ez?) und wohl auch auf seinen Rückgewinn Ägyptens (Jes 19,11-15?; 20,6; *23,1b-14). Doch bleibt die eschatologische Perspektive der Völker-Red.-Jes grundsätzlich unangetastet; die neu eingetragenen Akzente sind im Vorfeld dazu, vielleicht als Vorbedingung dafür vorgestellt, ohne daß dadurch der Sachschwerpunkt in die Gegenwart verlegt würde. Anders eine Redaktion im Zwölfprophetenbuch, die gegenüber den ihr vorliegenden Völker-Ergänzungen-XII deutlich neu ausgerichtet ist (Jon 1,1 -2,1/2.11; 3,1-4,11; Zeph 2,11; 3,1-7; Mal 1,2-5; * 1,6-2,9; 3,6-12). Hier wendet sich nun das Interesse klar der Gegenwart zu, den (kultischen) Freveln des Gottesvolkes und dem darum noch ausbleibenden Segen, und der Jahweverehrung der Völker, die sie schon jetzt je an ihrem Ort vollziehen (ohne Edom). Obwohl die eschatologische Perspektive der Völker-Ergänzungen-XII an sich gültig bleibt, wird im Zwölfprophetenbuch eine - die persische Reichskonzeption voraussetzende - theokratische Position eingenommen. Diese Theokratie-Bearbeitung, die das Zwölfprophetenbuch auch um Jon und Mal erweitert, ist ähnlich zu datieren wie die eben genannten spätpersischen Erweiterungen in IJes - die bereits bestehende Ordnung in der Völkerwelt in der Theokratie-Bearbeitung läßt sich am besten vor dem Hintergrund der wieder stabilisierten Lage unter Artaxerxes III. erklären -, doch zeigt sich hier offensichtlich eine andere Wahrnehmung des Vorfindlichen. Stärker von der Gegenwart affiziert und herausgefordert (Frevel und fehlender Segen im Innern, bestehende Völkerordnung und ausbleibendes eschatologisches Völkergeschehen), dürfte sich die Verfasserschaft der Theokratie-Bearbeitung mit derjenigen der spätpersischen Erweiterungen in IJes kaum (ganz) decken; dazu paßt, daß die Texte nur wenige Berührungen aufweisen, womit die mit der Babel-Red.-XII einsetzende (perserzeitliche) Tendenz einer gelockerten Verbindung zwischen IJes und Zwölfprophetenbuch weitergeführt wird. Für eine Näherbestimmung der Verfasserschaft der Theokratie-Bearbeitung wäre insbesondere ihr Verhältnis zum (vermutlich im selben Zeitbereich entstandenen) theokratischen ChrG zu prüfen. Aber auch ihr Verhältnis zu Ez, man vergleiche die sachnahen Ez-Bezüge der Theokratie-Bearbeitung (s. schon die spätpersischen Erweiterungen in IJes), die eine Integration von Ez in die Bücherreihe der Großen Propheten nahelegen (IJes -


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Jer [+] Thr [+] IlJes, Ez). Für eine Näherbestimmung der kritischen Stoßrichtung der (Verfasserschaft der) Theokratie-Bearbeitung wäre ihre Jona-Figur noch genauer zu untersuchen.

Schließlich noch zu den letzten der von uns wenigstens kurz betrachteten Bearbeitungen. In Jes hat sich nach 332 v.Chr. die Eroberung von Tyros durch Alexander literarisch niedergeschlagen (Jes *23,1-12). Wie die spätpersischen Erweiterungen in Jes im Vorfeld der eschatologischen Perspektive angesetzt (auch Verbindung zu Ez?), schließt sich diese Ergänzung eng an das Vorgefundene an, mit ihrem weltweiten (negativen) Horizont scheint sie aber auch durchaus wahrzunehmen, daß sich Neues abzeichnet in der Geschichte. Der Übergangscharakter, den diese Erweiterung der Zeit Alexanders zuzuweisen scheint, kommt nun bei einer wenig jüngeren, mit den Erweiterungen in IJes aus der spätpersischen und der Alexander-Zeit Berührungen aufweisenden Bearbeitung des Zwölfprophetenbuchs deutlicher zur Geltung (Mi 5,3b.?4a; Sach 9,1-10,2). Sie spiegelt den Zug Alexanders entlang der phönikisch-philistäischen Küste, wobei Alexander insgesamt kaum im Sinn einer tieferen geschichtlichen Zäsur, sondern eher in gewisser Kontinuität zum persischen Großkönig gesehen wird. Andererseits ist diese Bearbeitung, nach der Theokratie-Bearbeitung, aber wieder durch einen Umschwung zum eschatologisch Künftigen geprägt, erwartet ein Reich davidischen Ausmaßes mit einem Messias und weltweites Heil. Daß Alexander bzw. seiner Zeit jedenfalls in bezug auf Jerusalem/Juda tatsächlich Übergangscharakter eignet, bestätigt die folgende Epoche der Diadochen, die dann sicherlich zu Recht in einem nicht geringen Kontrast zur Perserzeit verstanden wird. Bleibt noch auf die Bezüge der Erweiterung zur Zeit Alexanders im Zwölfprophetenbuch auf Ez hinzuweisen, die bestätigen, daß Ez mittlerweile wirklich den Abschluß der Bücherfolge der Großen Propheten bildet /1/.

1 Auf die eben erwähnte Epoche der Diadochen gehen wir hier nicht mehr ein. Die Fortschreibungen aus dieser Zeit sollen nur noch genannt werden, um den Fortgang der Entstehung des Corpus propheticurn wenigstens anzudeuten und um nachfolgende Überlegungen vorzubereiten. Nach einer zwischen 320 und 315 v.Chr. verfaßten Erweiterung im Zwölfprophetenbuch (Sach 10,3-11,3), eventuell mit einer Entsprechung in Jer (25,32-38), aber kaum in lJes, folgen drei Redaktionen im nunmehr aus IJes und IIJes vereinigten Groß-Jesaja (s. u. 460ff.), an denen sich je eine Redaktion im Zwölfprophetenbuch wiederum ziemlich eng orientiert, offenbar wird auch hier wieder ein bestimmter Bereich des Corpus propheticum - wiederum Jes und Zwölfprophetenbuch -unter einer, sich den geschichtlichen Gegebenheiten gemäß verändernden, Perspektive bearbeitet, die sich im übrigen Corpus propheticum, wenn nicht alles täuscht, kaum findet. Die Heimkehr-Red. in Jes entsteht um 312/11 v.Chr. (Jes 2,1 ? 10,20-23, 10,2427a?; 11, 11- 16; 13,9-13; 15,9?: 16,13f.; 17,2?; 21,16f.; *24-27, 34,2-4; 35; 38,9-20?, 40,6-8[?1; 51,1-3.*4f.6-8.10b-11; 52,4-6; 54,2f.[?].9f.; 55,10f.[?]; 62,10-12), eventuell mit Einschub in Jer; ?Ez (Jer 25,27-31 [in Ez 7]) und mit einer Entsprechung im Zwölfprophetenbuch etwas danach (Joel [*]2,10?; [*]4; Ob 15a.16-21; Jon 2,2/3-10[?]; Mi 1,2-5a?; 4,6f.?; [5,6-8?] 7,11-13; Zeph 1,2f. 17aßb.18; 2,7.9b.10; 3,8b.14-19), und sie ist mit der Rettung des Zion-zentrierten Israel aus einem umfassenden Weltgericht, mit Sammlung und Heimzug der Diaspora und mit der Ausdehnung des Landes auf davidisches Ausmaß befaßt. Die zwischen 311 und 302/1 v.Chr. verfaßte vorletzte Redaktion in Jes (Jes 1,18-20?; 1,27f[f?].; 2,5[?]; 3,10f.?; 4,3-6; 29,17-24; 33,14-16; 48,22; 51,16; 56,9-58,12.14bß; 59; 60,17-22; *61,2; 62,8f.; 63,1-6), mit einer etwas späteren Entsprechung im Zwölfprophetenbuch (Mi 4,5?; 4,11-13; Zeph 2,1-3; Sach 11,4-13,9), rechnet mit aktueller Schuld und Spannungen im Gottesvolk und einem umfassenden Gericht für die Völker. Die aus der Zeit zwischen 302/1 und 270 v.Chr. stammende Schlußredaktion in Jes (Jes 63,7-64,11; 1,29-31 [?]; 12,1-6; 14,1-3[?1; 54,11-17a?b; 56,1-8; 58,13-14ba; 60,12a; *61,3; 65,1-66,24 - noch jünger sind die [Einzel-]Ergänzungen 18,7; 19,18-25; 25,6-8), mit einer Entsprechung im Zwölfprophetenbuch zwischen 240 und 220 v.Chr. (Zeph 3,9f.11-13.20; Sach 14; Mal 2,17-3,5; 3,13-21), vertritt die Konzeption einer eschatologischen Trennung zwischen Frommen und FrevIern quer durch Gottesvolk und Fremdvölker hindurch. Im Zwölfprophetenbuch findet sich schließlich noch eine weitere, zwischen 220 und 201 v.Chr. oder zwischen 198 und 190 v.Chr. entstandene, mit der Formierung der Nebiim-Sammlung (Jos - Mal) zusammenhängende Fortschreibung (Sach 12,1a; Mal 1,1; 2,10-12; 3,22-24).


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2. KENNZEICHNENDE SACHVERHALTE DES BETRACHTETEN AUSSCHNITTS AUS DER ENTSTEHUNG DES PROPHETENBÜCHERKORPUS

1) Derselbe, durch übergreifende Strukturen und Abfolgen zusammengehaltene - wachsende - Bestand von Prophetenschriften/-büchern wird im Lauf der Zeit durch Bearbeitungen mit teilweise markant unterschiedlichen Konzeptionen erweitert. In der Mehrzahl der Fälle betreffen die Bearbeitungen zwar nicht das ganze entstehende Corpus propheticum, und es bilden sich mehr oder weniger beständige Bearbeitungsbereiche, so daß sich Überschneidungen (etwa im Zwölfprophetenbuch) in Grenzen halten; dazu haben die Prophetenbücher z. T. ein recht ausgeprägtes "Eigenleben", bevor sie in das Corpus propheticum integriert werden (und auch danach). Trotzdem fällt auf, wie sich verschiedene Konzeptionen im selben literarischen Großkomplex sammeln. Zwei Grundtendenzen spielen dabei eine Rolle. Zum einen hat der wachsende Bestand des Corpus propheticum schon relativ früh eine gewisse Verbindlichkeit, die vermutlich durch das alle Bücher verbindende Kriterium des geoffenbarten Jahwewortes hervorgerufen wird, und die bewirkt, daß man im Bereich der prophetischen Literatur den Bestand des Corpus propheticum nicht (über längere Zeit) unberücksichtigt lassen kann. Zum anderen besitzt dieses - letztlich - eine prophetische Jahwewort in seiner Verbindlichkeit auch insofern Anziehungskraft, als diejenige Tradentengruppe, die ihm ihren Stempel aufdrückt und damit deutlich macht, wie die Prophetenbücher eigentlich zu verstehen sind, dies auch wieder mit einer gewissen Verbindlichkeit für andere Kreise tun kann. Jedenfalls spiegelt dieses Ineinander auch unterschiedlicher Konzeptionen eine lebhafte Auseinandersetzung verschiedener prophetischer Tradentenkreise - sicherlich in Jerusalem -, bei der man wohl mit vielerlei Formen der Annäherung, Vereinnahmung (etc.) zu rechnen hat. Daß in diese Diskussionen aber auch weitere Kreise involviert sind, zeigt etwa das ziemlich komplexe Verhältnis zwischen bestimmten Prophetenbüchern und dem DtrG.

2) Im Corpus propheticum ist in diesem Konzert von literarischen Stimmen die zionstheologisch geprägte von IJes als eine besonders deut-


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liche und konstante herauszuhören. Manchmal ist sie wohl auch in Jer zu vernehmen, ab der Diadochen-Zeit dann sicherlich im IJes und IIJes umfassenden Jes; und vor allem hört man sie oder eine nah mit ihr verwandte fast durchgehend auch im Zwölfprophetenbuch, sich in der Regel an IJes orientierend, und später an Jes. Ein Merkmal dieser Stimme in IJes - vgl. auch im Zwölfprophetenbuch - ist das Kreisen um das Vertrauen des Gottesvolkes allein auf den Jahwe des heilswirksamen Zion. Die Zionstheologie erscheint in der langen Zeitspanne vom 8. Jh. v.Chr. bis in die Zeit Alexanders (und darüber hinaus) aber keineswegs uniform, sondern je nach geschichtlicher Konstellation unter verschiedenen Perspektiven. Von den Anfängen aus der Zeit des syrisch-ephraimitischen Kriegs bis in die Zeit Manasses hat sie die Gestalt der "verpaßten Chance" bzw. der "immer theoretischer werdenden Möglichkeit". In der Josia-Zeit vollzieht sich eine grundlegende Änderung. Die Zionstheologie wird (wieder) zur realen Erfahrungswirklichkeit. Dies wird in der Folge nie mehr ganz zurückgenommen: Es gilt in der Exilszeit zunächst für einen Teil des Gottesvolkes, wird dann wieder für das ganze Gottesvolk verheißen und öffnet sich in der Perserzeit und in der Zeit Alexanders auf die Völker hin. Weitere Merkmale dieser literarischen Stimme, die für (I)Jes, das Zwölfprophetenbuch, aber auch darüber hinaus gelten, sind zu nennen: Zum einen das äußerst sensible Reagieren auf zeitgeschichtliche Veränderungen, weil sich in der betrachteten Zeitspanne die Veränderungen streckenweise Schlag auf Schlag folgen, sind entsprechend häufige Fortschreibungen naheliegend. Zum anderen die gleichsam historische Verankerung der Propheten, die besonders von späteren Verfassern nicht als zeitlose Gestalten verstanden werden, sondern als Menschen, die zu einer bestimmten Zeit auftreten und reden /1/. Schließlich die chronologische Anordnung von Texten in Büchern und von Büchern in Bücherreihen.

3) Aus unseren Beobachtungen zu (I)Jes ergibt sich, daß der literarische Werdegang von (I)Jes nicht gleichmäßig, sondern eher in Wellen verläuft. Zu gewissen Zeiten (syr.-ephr. Krieg bis nach 701 v.Chr., Josia-Zeit, Exilszeit, nach 312/11 v.Chr.) wird die Schrift offensichtlich intensiver erweitert als sonst. Zu teilweise denselben Zeiten sind nun aber auch die Verbindungen zwischen (I)Jes und dem Zwölfprophetenbuch besonders eng (nach 701 v.Chr., exilische [und frühnachexilischel Zeit,

1 Daß die Propheten durch ihre Historisierung, durch die Berücksichtigung ihrer (vorgestellten) Auftrittszeit nicht etwa "in der Geschichte begraben" werden, sondern daß diese Berücksichtigung im Gegenteil zum Gewicht ihrer - mittels Weissagung oder Vorabbildung/Transparenz auf die Zukunft zielenden - Botschaft beiträgt, glauben wir hinreichend gezeigt zu haben. Zu einem anderen Befund im ChrG vgl. Kratz, Die Suche nach Identität in der nachexilischen Theologiegeschichte. Zur Hermeneutik des chronistischen Geschichtswerkes und ihrer Bedeutung für das Verständnis des Alten Testaments, in: Pluralismus und Identität, 1995, 292ff.


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ab 312/11 v.Chr.) und scheinen die Fortschreibungen von (I)Jes überhaupt größeren Einfluß im Corpus propheticurn zu besitzen. Es sieht so aus, als folge der literarische Werdegang von (I)Jes (und des Zwölfprophetenbuchs) dabei einem Rhythmus, der maßgeblich durch Krisensituationen für Jerusalem/Juda bestimmt sein dürfte: 701 v.Chr. die Bedrängnis durch Assur, 587/6 v.Chr. und danach das Gericht durch Babel und nach 323 v.Chr. die Bedrängnis durch Diadochen (vgl. dazu auch die durch die Folge "syr.-ephr. Krieg - 701 v.Chr. - 587/6 v.Chr." geprägte Strukturierung der Assur/Babel-Red.-Jes und Assur/Babel-Red.-Xlll). Eine Bestätigung erfährt diese Vermutung durch zwei weitere Sachverhalte, die in dieselbe Richtung weisen.

Zum einen: Wir haben öfter auf verschiedenartige Bezüge zwischen den (Fremd-)Völkerreihen in Jes 13ff. /1/, Jer 46ff., Ez 25ff., Am 1f., Zeph 2 und Sach 9 hingewiesen, die (hauptsächlich) von IJes und dem Zwölfprophetenbuch ausgehen. Diese Bezüge, einmal zusammen in Blick genommen, legen es nahe, daß die Tradenten hinter IJes und Zwölfprophetenbuch - bis in die Zeit Alexanders - die jeweils existierenden (Fremd-)Völkerreihen in einen übergreifenden, wachsenden Zusammenhang - Etappen: nach 701 v.Chr./nach 587 v.Chr./Zeit Alexanders - einbinden, der jedenfalls aus der Perspektive dieser Tradenten das Vorgehen Assurs, Babels und Alexanders gegen Völker spiegelt, und in der Zeit Alexanders folgendes Bild ergibt:

Jes 13ff.
Assur, (Babel), (Alexander)
Jer 46ff.
Babel
Ez 25ff.
Alexander
Am 1f.
Assur, (Babel)
Zeph 2
Babel
Sach 9
Alexander

Speziell ist dabei (auch) auf die markanten Inklusionen Jer 50f./Jes 13(f.; s. o. 225. 228); Ez 32,17ff./Jes 14 zu verweisen, wodurch positionell und zeitlich gestaffelt vom Ende der jeweils letzten Völkerreihe in den Großen Propheten auf den Anfang der ersten (Abfolge Jes 13[f.]; 14!) verwiesen wird, was eine strukturierende Funktion innerhalb der Bücherreihe anzeigt. Zwar sind nur im ersten Fall IJes- oder ihnen nahestehende Tradenten für den Querbezug verantwortlich - im zweiten Fall wird der Bogen sicherlich von Ez aus geschlagen /2/ -, doch ist Ez 32,17ff./Jes 14 eine deutliche Bestätigung des skizzierten Bildes.

1 Zur Frage der (Fremd-)Völkersprüche in Jes 13ff. vgl. Hamborg, Reasons for Judgement in the Oracles Against the Nations of the Prophet Isaiah, VT XXXI (1981), 145-159; Jenkins, The Development of the Isaiah Tradition in Isaiah 13-23, in: The Book of Isaiah. Le livre d'Isaie, 237-251.

2 Vgl. hingegen Gosse, lsaie13,1-14,23, 186ff. - Der von Gosse, oracles contre les nations et structures comparées des livres d'Isaie et d'Ezéchiel, BN 54 (1990), 19-21 vorgeschlagene Strukturvergleich ist zwar zu pauschal ausgefallen, kann aber als Signal dafür gelten, daß sich weitere Prüfung von Ez und IJes in bezug auf Verbindungen zwischen den beiden Büchern (auch über die Völkersprüche hinaus) aller Voraussicht nach lohnen würde.


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Zum anderen: Überblickt man die Fortschreibungen in (I)Jes und im Zwölfprophetenbuch von den Anfängen bis in die Diadochenzeit, so fällt auf, daß ein bestimmtes Sachensemble, das im Zeitbereich vom syrisch-ephraimitischen Krieg bis zur Zeit Josias entsteht - damals aber schwerlich schon als solches wahrgenommen wird -, danach noch zweimal wiederholt wird - jetzt aber mit einiger Wahrscheinlichkeit in einem bewußten Akt. Es handelt sich konkret um das Sachensemble "Gericht gegen/Heil für das ganze Gottesvolk - königlicher Herrscher - (wohl) Reich davidischen Ausmaßes", das in exilisch-frühnachexilischer Zeit -"Differenzierung innerhalb des Gottesvolkes (aus: Gericht gegen/Heil für das ganze Gottesvolk) - Reich davidischen Ausmaßes - königlicher Herrscher" - und dann in der Zeit Alexanders/der Diadochen - "königlicher Herrscher - Reich davidischen Ausmaßes - Spaltung innerhalb des Gottesvolkes" - wieder aufgegriffen wird; daß das Sachensemble dabei je etwas verändert erscheint, dürfte mit den entsprechenden geschichtlichen Konstellationen zusammenhängen.

Der genannte, v. a. durch Krisensituationen für Jerusalem/Juda bestimmte Rhythmus im literarischen Werdegang von (I)Jes (und des Zwölfprophetenbuchs) steht natürlich nicht etwa als Plan (o. ä.) von Anfang an fest, sondern bildet sich erst im Lauf der Zeit heraus, maßgeblich nach 587/6 v.Chr. und dann in der Zeit Alexanders und der Diadochen. Der Sachverhalt, daß sich ein solcher Rhythmus überhaupt herausbildet, setzt indes auch voraus, daß Geschichte auf Analogien hin betrachtet wird. Dies kommt etwa darin zum Ausdruck, daß - wie beobachtet - eine Situation auf eine andere hin transparent gestaltet wird.

4) Wir sind im Lauf unserer Untersuchung in mehreren Fällen auf literarische Inklusionsbezüge vom Ende des Zwölfprophetenbuchs auf den Anfang von lJes gestoßen:

nach 701 v.Chr.:  Mi 3,9-12/Jes *1,4ff.
Josia-Zeit:    Nah 2,10; 3,3.9/Jes 2,7; Nah 3,4/Jes 1,21
Assur/Babel-Red.-XII, nach 562 v.Chr.:    Zeph 1,10.16/Jes 2,14.15
Babel-Red.-XII, um 520 v.Chr.:    Sach 8,3/Jes 1,(21.)26
Theokratie-Bearbeitung, z. Z. Artaxerxes III.:    Mal-Grundschicht/Jes 1,10ff.(?)

Diese Inklusionen werden von Tradenten des Zwölfprophetenbuchs zur Hauptsache im Rahmen von Erweiterungen gebildet, die das Zwölfprophetenbuch überhaupt eng an lJes anschließen, und die Inklusionen gehen nach der frühen Perserzeit stark zurück, wenn die Verknüpfungen


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im Corpus propheticum auch sonst lockerer werden. Jedenfalls verstärken und dokumentieren die Inklusionen, das Corpus propheticum umfassend, dessen Zusammenhalt /1/. Neben diesen, die äußeren Ränder des Corpus propheticum verbindenden Bögen sei hier in einem Fall auf Verbindungen, die über die "innere Fuge" zwischen den Reihen der Großen und der Kleinen Propheten hinweggehen, wenigstens hingewiesen. Es handelt sich um Parallelen zwischen Heilsworten in Ez 34ff. und denen in Hos 1-3 (vgl. Ez 37,15ff., bes. V.22/Hos 2,2; Ez 34,25ff./Hos 2,20; Ez 34,24/Hos 3,5), die auf ihre Weise auch den Konnex zwischen Großen und Kleinen Propheten stützen /2/.

1 Vgl. für eine spätere Zeit auch Steck, Abschluß, 116.

2 Daneben dürften diese Querbezüge zwischen Hos und Ez auch ein Indiz dafür sein, daß eine ältere Positionierung von *Dan zwischen Ez und Hos nicht in Betracht zu ziehen ist.