Schart, Aaron, last edited 2002-06-24

Delitzsch, Franz: "Wann weissagte Obadja?"
Zeitschrift für die gesammte Lutherische Theologie und Kirche 12 (1851) 91-102.

Here are the relevant passages from page 91-93:

page 91:

Wenn wir den literaturgeschichtlichen Ort, welcher der Weissagungsschrift Obadja's zukommt, bestimmen wollen, so müssen wir uns vor allem von dem Vorurtheil frei machen, als ob der Ort, an welchem sie im Zwölfprophetenbuch steht, ein mitentscheidender Fingerzeig sei. Denn obwohl mit Recht behauptet werden kann, dass die Sammlung im Ganzen und Grossen chronologisch geordnet ist, indem Propheten der assyrischen Zeit (Hosea bis Nahum) den beiden Propheten der chaldäischen Zeit (Habakuk und Zefanja) vorausgehen und diesen die drei Propheten der nachexilischen Zeit folgen, so ist doch, dass das Princip der Zeitfolge neben dieser Gruppirung auch im Einzelnen durchgeführt sei, eine Behauptung, für welche nur durch die verlorne Mühe eines gewaltsamen Verfahrens einiger Schein von Wahrheit sich erzwingen lässt. Denn um nur erst von den Weissagungsschriften mit überschriftlichen Zeitangaben zu reden, wäre die Aufeinanderfolge chronologisch, so müsste, genau genommen, Amos vor Hosea stehen, weil Hosea's Wirksamkeit auf die seine folgt und sich weit üher sie hinaus erstreckt. Die

page 92:

Weissagungsschrift Hosea's ist aber offenbar als die umfänglichste an die Spitze der Sammlung gestellt und darauf folgen Amos, Micha, Zefanja allerdings in der durch die Zeitangaben ihrer Ueberschriften nahegelegten Ordnung, aber unterbrochen durch zeitbestimmungslose Weissagungsschriften, bei deren Einfügung einem ganz andern Princip als dem chronologischen gefolgt ist. Oder sollen wir annehmen, dass Joel unter Usia weissagte, weil er zwischen Hosea und Amos steht, dass Obadja und Jona in der ersten Hälfte der Regierung Usia's, in der zweiten Jerobeams II weissagten, weil sie zwischen Amos und Micha stehen, dass Habakuk vor Zefanja weissagte, weil er mit Nahum zwischen Micha und Zefanja steht? Es könnte eins oder das andere zufällig sich wirklich so verhalten, aber der Sammler hat uns keine solche Auskunft geben wollen, sondern das Princip, dem er folgt, ist das von mir in meinen Symbolis ad Psalmos illustrandos isagogicis (1846) für die Anordnung der Psahnen, von Bertheau für die der Sprüche nachgewiesene Princip einer gewissen mehr oder weniger tief liegenden Gleichartigkeit des lnhalts. Weil Hosea am Ende seiner Weissagungsschrift c. 14 einen reichen Kornsegen und ein der Rose, der Olive, der Rebe gleiches frisches Ergrünen und Erblühen des bussfertigen, von göttlicher Gnade bethaueten lsrael weissagt, Joel aber am Anfang seiner Weissagungsschrift c. 1 in einer Zeit, wo die Korn- Wein- und Olivenernte vernichtet ist, zur Busse ruft, deshalb fügt der Sammler beide Propheten zusammen. Und weil Joel gegen Ende seiner Weissagungsschrift IV,16 sagt:

wlwq Nty Ml#wrymw g)#y Nwycm hwhy

und Amos mit diesen hervorstechenden Worten Joels seine eigene Weisagungsschrift beginnt, deshalb lässt der Sammler mit feinsinnigem Takt Amos auf Joel folgen. Ein gleiches hervorstechendes Wort des Amos 9,12

Mwd) tyr)# t) w#ryy N(ml

wiederholt Obadja v. 19 und seine ganze Weissagung ist wie die Entfaltung dieser prophetischen Aussicht- deshalb steht Obadja hinter Amos. Aber warum Jona hinter Obadja? Obadja beginnt

xl# Mywgb rycw hwhy t)m wn(m# h(wm#

und was ist Jona anders als ein solcher xl# Mywgb ryc, ein von Jehova unter die Heiden entsendeter Bote? vergl. Jona 2 mit Obad. v. 1. Jona, Micha und Nahum möchten dann weiter zusammengeordnet sein, weil sie sich in den berühmten Ausspruch der Thora über Gottes Eigenschaften Ex. 34,6 f. theilen: Jona 4,2; Micha 7,18; Nahum 1,2ff. (vergl. jedoch auch Jo. 2,13). Nahum und Habakuk gehören beide zusammen, weil ihre Weissagungen beide M&) überschrieben sind und Habakuk hinter Nahum, weil er in den Chaldäern

page 93:

die Vollstrecker des von Nahum ausgemalten Gerichts über Ninive weissagt. Zefanja blieb schon deshalb, weil seine Schrift die jüngste der mit Zeitangaben versehenen vorexilischen ist, bisher zurück und nimmt nun hinter Habakuk seinen Platz, weil er das hervorstechende Wort

hwhy ynd) ynpm sh

1,7 mit Habakuk 2,20 gemein hat. Die Sache steht also nicht so, wie Caspari meint, dass für die jetzige Stellung der mit Zeitangaben nicht versehenen Weissagungsschriften sich kein andrer Grund als der chronologische erkennen lasse, und wir können dem von ihm ausgesprochenen Satz nicht beipflichten, dass der Sammler dadurch, dass er einen Propheten, dessen Ueberschrift sein Zeitalter nicht angab, zwischen zwei solche, die es angaben, stellte, zeigen wollte, dass er der Zeit nach zwischen beide gehöre (Comment. S. 42).