Metzner, Gabriele (1998)

Metzner, Gabriele (1964-): Kompositionsgeschichte des Michabuches. Eurpaeische Hochschulschriften Reihe 23: Theologie vol. 635. Frankfurt/M. u.a.: Lang, 1998. (p. 177-183)

Text ohne Anmerkungen!


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IV. Das Michabuch als Teil des Prophetenkanons

1. Entwürfe zum Werden des Dodekapropheton mit Blick auf das Mi

In der Regel beschäftigt die Auslegung von biblischen Texten eine einzelne Schrift. In neuerer Zeit jedoch ist das Interesse erwacht, nach Redaktionsvorgän-gen in größeren Textsammlungen wie dem Prophetenkanon und speziell dem Dodekapropheton zu fragen. Waren Untersuchungen dazu bis vor gut zehn Jahren die Ausnahme, /1/ häufen sich in neuerer Zeit Arbeiten zu diesem Thema. Zunächst soll die ältere Forschung zur Sache besprochen werden. Zuerst vermutete Budde eine planmäßige Redaktion des Dodekapropheton. Als die Schriften für den heiligen Kanon vorbereitet wurden, seien entfernte Ge-schichten aus dem Leben der Propheten und Ich - Reden des Propheten gestri-chen worden./2/ rma)owF in Mi 3,1 sei ein Rest, den die Redaktion übriggelassen habe. Als die Anforderungen in dieser Hinsicht nicht mehr so streng waren, sei das Jon in die Sammlung hineingekommen. Buddes Überlegungen sind rein spekulativ und lassen sich auf die Überlieferung der großen Propheten (vgl. nur das Jer) nicht anwenden. Wie verträgt sich diese Deutung allein schon mit Texten wie Mi 1,8 und 7,1, die meist als Prophetenklage gelesen werden? Als nächster entwickelte Wolfe die Hypothese von 13 historischen Schichten bei der Herausgabe der kleinen Propheten./3/ Bis dahin als Glossen erkannte Stücke seien nicht Zusätze zu einzelnen Büchem, sondern Zusätze zu der Sammlung als

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Ganze. Das Corpus sei als Sammlung von zwei (Hos und Am), sechs (mit Mi, Zeph, Nah, Hab), neun (mit Joel, Jon, Ob) und zwölf (mit Hag, Sach, Mal) Schriften überliefert worden. Nach chronologischen Gesichtspunkten sei das Buch der sechs Propheten geordnet worden. Zu einer Sammlung von neun Schriften kam es durch thematische Zusammenstellung, wodurch die drei letzten Schriften angehängt worden seien. Im ganzen arbeitet Wolfe sehr formal. Die Binnenstrukturen und -schichtungen der einzelnen Prophetenbücher werden we-nig beachtet./4/ Ein während oder kurz nach dem Exil zusammengestelltes Fünfprophetenbuch sieht Jepsen in der Aufeinanderfolge des Hos, Am, Mi, Joel und Zeph./5/ Dies sei nicht nur an der Abfolge der LXX (Hos, Am, Mi, Joel), sondern auch an den offensichtlichen Beziehungen zwischen dem Joel und Mi 7 ersichtlich./6/ Diese rich-tigen Beobachtungen führen jedoch zu der falschen Vermutung, "der Micha-schluß (sei) ursprünglich eine Joelrede gewesen."/7/ An schriftübergreifende Redaktionsvorgänge dachte Jepsen nicht, wenn er auch Mi 1,6f als ursprünglich bei Hos 13 stehendes Stück beurteilt. Die Diskussion der neuesten Zeit wird durch Beiträge von Bosshard, Steck und Nogalski bestimmt. Bosshard /8/ kommt nach einem Vergleich des Dodekapropheton mit dem Jes zu dem Schluß, "daß wenigstens eine Schicht der Buchbildung von XII analog zu Jes, wahrscheinlich sogar anhand von Jes gestaltet wurde."/9/ Da das Mi insgesamt

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"sicher kein Redaktionstext"/10/ sei, werden buchübergreifende redaktionelle Ein-fügungen zwar nicht ausgeschlossen aber nicht weiter verhandelt. Mit Jes 28ff. verbindet das Mi die sich mehrfach wiederholende Abfolge von Unheil und Heil. Zudem findet sich nach Jes 28 und dem Mi kein Wort mehr gegen Samaria. Mit dem Ob verbindet das Mi Parallelen zu Jes 24 - 27./11/ Zudem stelle sich die Fra-ge, ob der Redaktionstext Ob eine Heilsperspektive für das wiedervereinigte ei-gene Volk anbiete, unter der auch das Mi zu lesen sei. Die Exilierung, die im Mi erwartet wird, ist in Ob 11 - 14 bereits geschehen. Vorbild und Anstoß dieser Sicht des Dodekapropheton als Buch sind die Arbei-ten von Steck, im besonderen die Untersuchung "Der Abschluß der Prophetie im Alten Testament" (1991). Die lange Vorgeschichte des Werdens des Corpus pro-pheticum insgesamt, nicht nur jedes einzelnen Buches, habe zwischen 240 und 220 ihren Abschluß gefunden. Dabei bezieht Steck sich auf die Vorgänge, die ab Alexander das Werden des Corpus bestimmten. In dieser Zeitspanne rechnet er mit zwei Vorstufen und drei Fortschreibungen im Mehrprophetenbuch und drei Fortschreibungen am Jes, wobei Fortschreibung I dem Jes und Mehrpropheten-buch gemeinsam sei./12/ Zu dieser Stufe rechnet Steck die von Bosshard herausge-arbeiteten Parallelbildungen des Mehrprophetenbuches zum Jes. Die vorliegende Arbeit hat am Mi erwiesen, daß dieses Modell in vielen Punkten der vorgeschla-genen Datierung weiter Überarbeitungsteile entspricht. Die nähere Zuordnung soll weiter verfolgt werden. /13/ Zeitlich weiter zurück fragt Nogalski, indem er nach "Literary Precursors to the book of the Twelve" sucht./14/ Er geht von dem Postulat zweier "pre - existing corpora"/15/ aus, die aus einer dtr. Sammlung (Hos, Am, Mi, Zeph) und der Hag -Sach (1 - 8) - Sammlung bestehen. /16/ Aus der Analyse der Nahtstellen dieser

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Schriften und aus Einzeluntersuchungen u.a. zu den Überschriften und zur Reichweite dtr. Darstellung ergibt sich ihm die Gewißheit, daß die Corpora bei der Verbindung miteinander redaktionelle Überarbeitungen an den Nahtstellen erfuhren. /17/ Von der Einarbeitung der übrigen Schriften blieb das Mi weitgehend unberührt. /18/ Am Rande sei die Arbeit von House /19/ gnannt, die ihre Grenzen am Haag zum Formalismus findet. Das Dodekapropheton bestehe aus den drei Teilen Sünde, Gericht und Heil. Am Ende der Kette der Darstellung der Sünden Israels und der Völker (Hos bis Mi) stehe das Mi, das die fünf vorangehenden Propheten (Hos, Joel, Am, Ob, Jon) zusammenfasse./20/

2. Überlegungen zu buchübergreifenden Redaktionen im Anschluß an die Kompositionsgeschichte des Mi

Mit den folgenden Hinweisen sollen aus der Perspektive des Mi die einschlägigen Redaktionsmodelle zum Corpus propheticum geprüft und wenn möglich modifiziert werden.

2.1. Mi 1 - 3 - Teil eines dtr. Prophetencorpus? /21/

Die Komposition von Mi 1 - 3* wurde als eine geplante Redaktionsarbeit aus exilischer Zeit erkannt. Der Blick wandert von den Anklagen gegen das Nord-reich (Hos, Am, Mi 1,6f) zu Schuldaufweis und Gerichtsankündigung gegen Juda bis Jerusalem. In der Untersuchung fielen die z.T. wortgetreuen Aufnahmen be-sonders aus dem Am und die Übernahme hoseanischer Terminologie in Mi 1,7 auf./22/ Mi 1,3f hat einen Bezug zu Am 4,13 und führt Am 9,1-4.5f. weiter. )yhi h(frf t(' yk@i in Mi 2,3 findet sich in Am 5,13, dort auch )yhiha t('b@f wie in Mi 3,4. Die Lektüre von Am 7,16 mit der Verwendung von P+n (Ausweisung Amos aus Bethel) gibt das Verständnis der Rede in Mi 2,6f vor (Personenverteilung). Auch dort geht es um die Abwehr von Unheilsprophetie. Mi 1,7 nimmt Motive aus Hos 1,2; 2,6; 9,1 auf, die sonst im Mi nicht mehr vorkommen.

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Alle genannten Michatexte gehören nach dem Ergebnis dieser Arbeit der ersten Überarbeitungsschicht des Mi an. So lassen sich angesichts der nun festgestellten Beziehungen zum Hos und zum Am eine bewußte Aufnahme und gemeinsame Bearbeitung der Schriften erkennen. Die Nähe zu JerD weist auf die geistige Strömung, in der es zu der Überarbeitung kam. Der Anschluß mit Mi 1,3f an das Ende des bis dahin vorliegenden Am (9,1-6) läßt in der Tat an eine gemeinsame Sammlung denken. Ob das Zeph dazugehört, ist nicht so einfach zu beantworten. Die von Nogalski angeführten "catchwords" /23/ zwischen Mi 6 und Zeph 1 haben keine Beweiskraft, da es sich fast ausschließlich um sehr häufig gebrauchte Wörter handelt./24/ Nach dem Ergebnis dieser Arbeit gehören Mi 6,9-16* in persische Zeit, in der in dtr. Theologie geschulte Kreise das bis dahin vorliegende Mi fortschrieben. So muß die Frage nach der Zugehörigkeit des Zeph zum dtr. Pro-phetencorpus an dieser Stelle offen bleiben.

2.2. Die Rettungszusprüche Mi 4,9 - 5,5*

Ist die Zusammengehörigkeit des Am mit dem Mi erkannt, dann stellt sich die Frage, ob beide auch gemeinsam tradiert wurden. Ein Blick auf den Amosschluß läßt ein solches Vorgehen zumindest vermuten. Am 9,11-15 und Mi 4,9 - 5,5* sind themenverwandt. Im Amosschluß wird die Wiedererrichtung der zerfallenen Hütte Davids erwartet. Dem steht im Mi die Erweckung eines Retters aus Bethlehem gegenüber. Der verheißenen Rückführung aus Babel in Mi 4,10 entspricht die Ankündigung der Wiedereinpflanzung ins Land in Am 9 bei gleichzeitiger Überlegenheit über die Völker. Sicher verfolgen die bis dahin abschließenden Worte der beiden Schriften unterschiedliche Absichten, sie thematisieren aber ein gemeinsames Interesse, nämlich die Wiedererrichtung der davidischen Herrschaft und die Rückkehr ins Land. Offenbar haben verwandte Tradentenkreise beide Schriften überarbeitet./25/

2.3. Heilsprophetie im Mi

Eine nächste Schicht im Mi stammt von der Hand heilsprophetischer Kreise, die wahrscheinlich für die Komposition des Jes, aber auch für Eintragungen im Do-

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dekapropheton verantwortlich waren. Diese Kreise gaben dem Jes eine Gestalt, bei der Gerichts- und Heilsverkündigung aufeinander bezogen wurden. Themen waren der Trost und die göttliche Hilfe für das zerstörte und entvölkerte Jerusa-lem./26/ So wurde zuerst an Mi 3,12 das Wort von der Völkerwallfahrt gezielt an-geschlossen, bevor es in das Jes geriet./27/ Aussagen wie in Zeph 3,19, Hag 2,7-9 und Jes 60 gehören in diesen Traditionsstrom.

2.4. Tradierung des Mi durch jesajanische Kreise

Die Tradenten des Jes kommen besonders in der nächst jüngeren Schicht in 4,5.7b zu Wort. Ihr Interesse gilt der Errichtung der Königsherrschaft Jahwes auf dem Zion (vgl. Dtjes) /28/ Gegenüber der universalen Öffnung für alle Völker, die im Mi bereits vorlag, geht es in diesen liturgischen Zusätzen um Trost und Zu-versicht für die Israeliten unabhängig vom Völkerschicksal. Dieses Gegenüber findet sich auch bei Dtjes.

2.5. Ankündigung des Völkergerichts

Die rahmengebende Schicht des bis dahin vorliegenden Mi teilte das Buch in Kapitel 1 - 5 und 6. Sie gehört aus mehreren Gründen zu der von Steck herausge-arbeiteten Fortschreibung 1 am Jes und Mehrprophetenbuch./29/ Die Berührungen besonders mit Jes 24 - 27 /30/ verdeutlichen, daß die Überarbeiter nahe beieinander standen oder vielleicht sogar identisch waren. Kurze Zeit danach entstand zunächst der Grundbestand von Mi 7 mit seiner ebenfalls grundsätzlich negativen Einschätzung der Völker. Die Schilderung der sozialen Zerrüttung, die als Gericht (7,4b) und Folge des Zorns Gottes (7,9) ver-standen wird, gehört in den geistigen Horizont von Texten aus Jes 56 - 66./31/ As-sur und Ägypten werden wie in Sach 10,10 und Jes 27,13 als Feindgebiete gese-hen, die der Rückkehr der Diaspora im Wege stehen. Angesichts der Parallelen zu Trjes rückt die Textgruppe in die zeitliche Nähe von Fortschreibung II des Jes,/32/ die bei ähnlichen Konstellationen wie in der vorigen Schicht die Heilsver-

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zögerung mit den inneren Zuständen erklärt, und das Mi damit für die Gegenwart brauchbar macht. Auch hier läßt sich die Weitertradierung des Mi in Kreisen vermuten, die das Jes fortschrieben.

2.6. Eine positivere Sicht der Völker

Eine positive Sicht der Völker war durch die Einfügung von Mi 7,11 b. 12b und mit V. 19b vermutlich bei der Einfügung des Jon vor das Mi vorhanden./33/ Auf dieselbe Stufe der Überarbeitung können Texte wie Zeph 3,9f gehören, die nicht mehr mit einem totalen Völkergericht rechnen, sondern sogar mit Überlebenden aus dem äthiopisch - ägyptischen und mesopotamischen Bereich./34/


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