Einführung in die klassische Konditionierung

  1. Einleitung
  2. Das klassische Konditionieren
  3. Kontiguitätsgesetz
  4. Reihenfolge der Reize
  5. Extinktion
  6. Generalisierung
  7. Übertragbarkeit auf den Menschen
  8. Simulation des pawlowschen Hundes
  9. Quellenverzeichnis
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1. Einleitung

Der vorliegende Lerntext erläutert die Grundprinzipien des klassischen Konditionierens. Dabei handelt es sich um den ersten bedeutenden Ansatz zur Erklärung von Lernprozessen, der zuerst von Iwan Pawlow beschrieben wurde. Im Text erklären wir zunächst Pawlows Experimente mit Hunden, arbeiten anschließend Gesetzmäßigkeiten der klassischen Konditionierung heraus und erläutern, inwieweit das Modell auf den Menschen übertragbar ist. Unterstützt wird unser Text durch eine Computersimulation des pawlowschen Hundes; der Nutzer dieses Angebots hat die Möglichkeit, Pawlows Versuche zu wiederholen. Die Simulation bietet außerdem die Möglichkeit der Lernerfolgskontrolle.

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2. Das klassische Konditionieren

Das klassische Konditionieren oder Signallernen gilt als eine grundlegende Lernform, sie wird auch als die "einfachste Lernart" (Nolting und Paulus, 1994, 67)  bezeichnet. Basis für diese Art des Lernens bilden angeborene Reflexe, wie z. B. der Lidschlag, die Speichelabsonderung oder der Fluchtreflex.

Der russische Physiologe und Nobelpreisträger Iwan Pawlow (1849-1936) war der erste, der das Phänomen der klassischen Konditionierung beschrieb. Pawlow studierte den Verdauungsapparat des Hundes. Er wußte, daß Hunde bereits beim Anblick und Geruch von Nahrung mit einer erhöhte Produktion von Speichel im Maul reagieren. Er beobachtete jedoch, daß auch bestimmte andere Reize, wie z. B. der Anblick des Futternapfes, bei einem Hund die gleiche Reaktion hervorriefen. Iwan Pawlow stellte sich dann die Frage, ob sich dieses Phänomen auch experimentell wiederholen ließ, was er in einer Serie von Versuchen an Hunden prüfte.

Situation vor dem Experiment:

Hunde reagieren auf den Anblick von Futter mit einer vermehrten Speichelbildung. Dabei handelt es sich um einen natürlichen, angeborenen Reflex. Der Reiz Nahrung, der auch als unkonditionierter Reiz oder unkonditionierter Stimulus (UKS) bezeichnet wird, löst die Reaktion Speichelfluß aus, die man unkonditionierte Reaktion (UR) nennt.

Nahrung (Unkonditionierter Reiz/ Stimulus, UKS)  --> Reaktion = Speichelfluß (Unkonditionierte Reaktion, UR)

Versuchsablauf:

Pawlow verwendete bei seinen Versuchen ein Klingelzeichen, das für den Hund ein neutraler Reiz war, auf den dieser natürlich nicht mit Speichelbildung reagierte.

Klingelzeichen (Neutraler Reiz)  --> Keine Reaktion = Kein vermehrter Speichelfluß 

Pawlow arrangierte sein Experiment nun so, daß unmittelbar vor der Verabreichung des Futters stets ein Klingelzeichen ertönte. Das Versuchstier reagierte beim Anblick oder Geruch des Futters mit vermehrten Speichelfluß.

Klingelzeichen (Neutraler Reiz) und Futter (Unkonditionierter Reiz, UKS)  --> Speichelfluß (Unkonditionierte Reaktion, UR)

Nachdem Pawlow den Vorgang einige Male wiederholt hatte, kam es auch dann zur erhöhten Speichelproduktion, wenn das Klingelzeichen ohne das Futter dargeboten wurde.

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 ( Pawlows Versuchsanordnung zum Studium des konditionierten Reflexes; aus Lück, 1984, 36 )  

Situation nach dem Experiment:

Was war geschehen? Obwohl das Klingeln ursprünglich ein neutraler Reiz war und mit dem Futter selbst nichts zu tun hatte, führte es nach dem Experiment doch zuverlässig zur erhöhten Absonderung von Speichel. Aus dem neutralen Reiz war ein konditionierter Reiz bzw. Stimulus (KS) geworden, der zur konditionierten Reaktion Speichelfluß führte. 
 
Klingelzeichen (Konditionierter Reiz/ Stimulus, KS)  -->  Reaktion = Speichelfluß (Konditionierte Reaktion, KR) 

Im beschriebenen Versuch hat der Hund gelernt, einen neutralen Reiz an eine unwillkürliche Reaktion anzubinden. Durch die klassische Konditionierung werden also Reaktionen auf bestimmte Reize gelernt, sie wird deshalb auch zu den Reiz-Reaktions Theorien gezählt. Basis für diese Art des Lernens sind angeborene Verhaltensweisen.

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3. Kontiguitätsgesetz

Wir haben gezeigt, daß es zu einer Anbindung von neutralen Reizen an angeborenes Verhalten kommen kann. Aber klappt diese Anbindung auch, wenn bei dem Versuch zwischen dem Klingeln und dem Zeigen des Futters sechs Stunden vergehen? 

In unserem Beispiel ist diese Anbindung nicht möglich, der Hund wird keine Verbindung von Futter und Klingeln erkennen können, da keine Kontiguität der Reize vorliegt. Zu einer Konditionierung kann es nämlich in der Regel nur kommen, wenn neutraler Reiz und unkonditionierter Reiz (UKS) einigermaßen nah beieinander auftreten. Vergeht ein bestimmtes Zeitintervall zwischen UKS und neutralem Reiz (z. B. eine Stunde zwischen Futter und Klingelzeichen), wird die Konditionierung erschwert oder unmöglich gemacht.

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4. Reihenfolge der Reize

Ob es zu einer Konditionierung kommt, hängt aber nicht nur von der zeitlichen Aufeinanderfolge der Reize ab: Der neutrale Reiz muß vor dem UKS auftreten, damit sich eine stabile Konditionierung entwickelt.

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5. Extinktion

Eine gelernte, konditionierte Reaktion muß aber nicht auf Dauer bestehen. Wenn z. B. eine längere Serie des konditionierten Reizes (KS) Glocke ohne Verbindung mit dem unkonditionierten Reiz Nahrung geboten wird, dann wird die konditionierte Reaktion Speichelfluß geschwächt oder ganz gelöscht. Dieser Vorgang wird als Extinktion bezeichnet. Die Menge des abgesonderten Speichels ist dabei abhängig vom Grad der Konditionierung: Je stärker die Konditionierung ist, desto stärker ist der Speichelfluß. Werden nach einer Ruhepause erneut KS und UKS geboten, tritt die konditionierte Reaktion wieder auf (vgl. Lück, 1984, 140-145). 

Auch wenn die Koppelung von konditionierten und unkonditionierten Reiz nicht von Zeit zu Zeit wiederholt wird, kommt es zu einer Schwächung oder Auslöschung der konditionierten Reaktion.

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6. Generalisierung

Die konditionierte Reaktion "Speichelfluß" kann durchaus auch von anderen Reizen hervorgerufen werden, die dem ursprünglich konditionierten Reiz Klingelzeichen ähnlich sind. Ein ähnlich klingender Ton einer anderen Glocke wird dieselbe Reaktion hervorrufen. Dieser Vorgang wird als Reizgeneralisierung bezeichnet, ähnliche Reize werden mit ein und derselben Reaktion verbunden.

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7. Übertragbarkeit des Modells auf den Menschen

Heute herrscht vor allem die Auffassung vor, daß sich mit der Theorie der klassischen Konditionierung nur das Lernen sehr einfacher Verhaltensweisen erklären läßt. Vielfach wird kritisiert, daß sie der Komplexität des menschlichen Verhaltens nicht gerecht werde. Kieffer [u. a.] stellen jedoch fest, daß die klassische Konditionierung "[...] doch nicht ganz für das Zustandekommen komplexer sozialer Verhaltensweisen als inadäquat abgetan werden [kann]" (Kieffer [u. a.], 1980, 206). Der amerikanische Psychologe John B. Watson (1878- 1958) zeigte in einem Experiment, daß man menschliche Angstreaktionen klassisch konditionieren kann:

"[Dem] [...] 11 Monate alten Jungen (‚Albert‘) [wurde] eine weiße Maus gezeigt. Das Kind offenbarte keine Furcht, es kroch zu ihr und wollte mit ihr spielen. Seinem Annäherungsverhalten folgte jedoch ein lauter Knall (unkonditionierter Reiz), der eine Schreckreaktion (unkonditionierte Reaktion) auslöste. Der Junge fing unmittelbar darauf an zu weinen. Weitere Annäherungen waren stets mit der gleichen Folge verbunden. Schließlich genügte es, dem Kind die weiße Maus (als inzwischen konditionierten Reiz) zu zeigen, um Furcht und Schrecken bei ihm hervorzurufen" (Mietzel nach Wawrinowski, 1985, 76). Diese Furcht verallgemeinerte das Kind später auf andere Pelztiere oder Männer mit Bart.

In Fällen von sozialen Verhaltensstörungen, die mit Angstreaktionen einhergehen, ist es also möglich, bei der Behandlung erfolgreich auf das Modell der klassischen Konditionierung zurückzugreifen. Für die Behandlung solcher Störungen hat das die Verhaltenstherapie auch getan.

Wawrinowski gelingt es sogar, aus der klassischen Konditionierung pädagogische Konsequenzen abzuleiten. Er ist der Ansicht, daß man erwünschtes Verhalten mit angenehmen Reaktionen verbinden sollte, Unerwünschtes hingegen sollte dadurch gehemmt werden, daß man keine Bedürfnisbefriedigung zuläßt (Wawrinowski, 1985, 77).

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8. Simulation des pawlowschen Hundes

Mit der Simulation haben Sie die Möglichkeit, Pawlows Versuch zu wiederholen, außerdem bietet das Programm die Möglichkeit der Lernerfolgskontrolle. Für die Nutzung der Simulation muß das Shockwave Plug-in installiert sein.

[ Simulation starten

Pawlow mit Mitarbeitern
( Pawlow mit seinen Mitarbeitern und einem im Versuchsapparat festgeschnallten Hund; aus Stalmann, 1982, 105 )
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9. Quellenverzeichnis:

Berryman, Julia [u. a.]. Psychologie – Eine Einführung. 1. Auflage. Bern; Stuttgart; Toronto: Huber, 1991.
Bourne, Lyel und Bruce Ekstrand. Einführung in die Psychologie. 1. Auflage. Eschborn bei Frankfurt/ Main: Verlag Dietmar Klotz, 1992.
Correll, Werner. Lernen und Verhalten. Frankfurt am Main: Fischer, 1976.
Heil, Klaus D. Programmierte Einführung in die Psychologie – Ein Lernprogramm. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1975.
Kieffer, Gerhard [u. a.]. Einführung in die Psychologie. Bad Homburg vor der Höhe; Berlin; Zürich: Gehlen, 1980.
Lück, Helmut E. [u. a.]. Einführung in die Psychologie. Opladen: Leske und Budrich, 1984.
Nolting, Hans-Peter und Peter Paulus. Psychologie lernen – Eine Einführung und Anleitung. 5., korrigierte Auflage. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 1994.
Stalmann [Hg. ]. Knaurs Handbuch Psychologie. München: Kindler, 1982.
Wawrinowski, Uwe. Grundkurs Psychologie – Eine Einführung für Berufe im Gesundheitswesen. München: Bardtenschlager, 1985.
Wellhöfer, Peter R. Gruppendynamik und soziales Lernen – Theorie und Praxis der Arbeit mit Gruppen. Stuttgart: Enke, 1993.